Intertextualität aus textlinguistischer Sicht bei Krause und Genette


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

24 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung in die Systematik

2. Begriffsgeschichte
2.1. Forschungslage: Begriffsauffassungen und Intertextualitätsforschung im zeitlichen Überblick
2.2. Intertextualitätskonzept Susanne Holthuis`
2.3. Relevante linguistische Ansätze

3. Intertextualität bei Gérard Genette und Wolf-Dieter Krause
3.1. Genettes Intertextualitätsforschung
3.1.1. Intertextualität
3.1.2. Paratextualität
3.1.3. Metatextualität
3.1.4. Hypertextualität
3.1.5. Architextualität
3.2. Intertextualität bei Wolf-Dieter Krause
3.2.1. Allgemeine Intertextualität
3.2.2. Spezielle Intertextualität
3.2.2.1. Deiktische Intertextualität
3.2.2.2. Kooperative Intertextualität
3.2.2.3. Transformierende Intertextualität
3.2.2.4. Inkorporierende Intertextualität

Die Intertextualität aus textlinguistischer Sicht bei Krause und Genette

1. Einführung in die Systematik

Den Begriff der Intertextualität genau darzustellen, erscheint mir in diesem Moment als schier unlösbare Aufgabe. Um es mit den Worten Wolfgang Heinemanns zu sagen:

„Eben darin sehe ich die große Gefahr, dass keiner eigentlich mehr so recht weiß, was gemeint ist, wenn dieser Terminus genannt wird.“[1]

In unserem Referat im Rahmen des Hauptseminars „Textverstehen und Intertextualität“ am 16. Dezember 2004 haben wir versucht, die Problematik näher zu beleuchten und gängige Forschungsansätze zu erläutern.

Dabei wurde eine Position eindeutig: die Intertextualität bietet aus jedem Blickwinkel neue Ansatzmöglichkeiten, deren Diskurs noch lange nicht abgeschlossen ist. Auch existieren neben dem Begriff der Intertextualität weitere synonym verwendete Termini wie Transtextualität, Intersemantizität oder Interdiskursivität.

Im Seminar haben wir uns geeinigt, die Intertextualität als Textbeziehungen im weitesten Sinne zu verstehen. Jegliche Verwendung von bereits existierendem Text in neu produzierten Texten ist also Intertextualität. In ganz engem Sinne ist bereits der genannte Autorenname Intertextualität, da er bereits auf der Geburtsurkunde schriftlich erwähnt ist und somit schon existiert.

Interessant wäre auch, den Intertextualitätsbegriff aus tiefenpsychologischer Sicht zu betrachten. Geschieht Intertextualität in der Textproduktion zum größten Teil bewusst oder unbewusst? Auf diese Frage komme ich nochmals in der Erläuterung des Begriffes bei Krause zurück.

Ziel dieser Arbeit ist es, einen Vergleich zwischen den Intertextualitätskonzepten von Gérard Genette (1982) und Wolf-Dieter Krause (2000) zu ziehen, unter der Berücksichtigung einer von Kirsten Adamzik (2004) erstellten Darstellung.

2. Begriffsgeschichte

Zunächst einmal ein kurzer Abriss im Rahmen der Begriffserläuterung.

Ursprünglich stammt der Begriff Intertextualität aus der Literaturwissenschaft und bildet dort heute noch ein großes Forschungsgebiet.

Aus linguistischer Sicht wird das Wort erstmals von Julia Kristeva benannt. In ihrem Aufsatz „ Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman“ orientiert sich Kristeva am Dialogizitätskonzept von Michael Bachtin. Dort schreibt sie 1967:

"[...] jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes".[2]

Obwohl das Phänomen der Intertextualität schon vor Kristeva bekannt war, gab es lange keinen Terminus dafür. Schon seit der Antike hat es Ansätze gegeben, einzelne Formen von Intertextualität zu unterscheiden. So differenzierte man bereits zwischen Anspielung und Zitat oder in der frühen Neuzeit zwischen Parodie und Travestie. Dabei wird im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft[3] bemerkt, dass sich lediglich der klassisch-klassizistische Begriff der imitatio in seinem Bedeutungsumfang an die heute verstandene Intertextualität annähert. Vor allem Romanisten, Slawisten und Anglisten befassten sich in ihren Schriften mit dem Intertextualitätskonzept. In Deutschland treibt besonders die Slawistin Renate Lachmann die Intertextualitätsforschung voran. In ihrem Buch „Gedächtnis und Literatur“ bietet sie eine umfassende Zusammenfassung gängiger Forschungsansätze und deren Vergleich. Als Anmerkung sei zu sagen, dass auch sie keinen Konsens findet.

2.1. Forschungslage: Begriffsauffassungen und Intertextualitätsforschung im zeitlichen Überblick

Seit der Begriffsprägung existieren zwei oppositionelle Definitionen. Zum einen eine weit gefasste, die besagt, dass

„[…] jeder Text in all seinen Elementen intertextuell ist.“[4]

Diese poststrukturalistische Position geht davon aus, dass der Text nicht mehr vom Subjekt geschaffen wird. Es gibt nur noch einen umfassenden Intertext. Rolands Barthes beschreibt in den 70ern dieses Phänomen als chambre d’ échos, ein Zimmer von Echos, in dem die Echos unzähliger Texte ständig widerhallen. Vertreter dieser Strömung sind Kristeva, Barthes, Foucault und Derrida. Sie gingen vehement von einem dynamischen Verständnis von Textualität aus, in Kritik zum bisherig statischen Textverständnis. Die ‚ tel quel’ -Gruppe profiliert sich vor allem im nordamerikanischen und frankophonen Raum. In Opposition dazu steht der zweite Ansatz, der davon ausgeht, dass nachweisbare Bezüge zwischen den Texten zu erkennen sind. Intertextualität geschieht somit bewusst und ist „einkalkuliert“. Im Gegensatz zur poststrukturalistischen Definition wird hier eine engere Konzeption verwendet. Das drückt sich in der Ansicht aus, dass nur die Relationen als intertextuell angesehen werden, die auch tatsächlich nachweisbar sind.

So stellte bereits 1982 Gérard Genette in Palimpsests unter dem Begriff der Metapher fest:

„Unter einer ‚Schrift’ ist, wenn auch teilweise überdeckt, eine andere ‚Schrift’ erkennbar.“

Auf die Arbeit Genettes gehe ich später genauer ein.

In der deutschen Literaturwissenschaft fühlt man sich eher dem Strukturalismus verbunden. Holthuis[5] beschreibt dies auch als ‚Konservatismus’.

Karlheinz Stierle charakterisiert in seinen Ausführungen im Aufsatz „ Werk und Intertextualität“[6] von 1983 eine wesentliche Funktion der Intertextualität: die Aufmerksamkeitssteigerung. Stierle sagt, dass jedes Werk mit jedem korrelierbar ist. Diese wechselseitige Beziehung ergibt eine konkrete Differenz, in deren Folge ein Reflexionsmedium geschaffen wird. Das heißt in Folge des Unterschiedes zwischen Text 1 und Text 2 wird eine Projektionsfläche für Kommunikation und Austausch geschaffen. Dieses gesteigerte Bewusstsein wird ermöglicht durch intertextuelle Relationen, die jedem Text eigen sind. So dass „ […] das Werk […] sein Eigenes freigeben kann.“[7] Aus psychologischer Sicht erfolgt die Durchbrechung von gewohnten Lesarten und somit eine neue Sicht auf die Dinge. Er nennt dies die ‚eigentliche’ Intertextualität. Auch Stierle beschreibt in seinem Aufsatz bereits die zwei Perspektiven der Intertextualität, die produktionsästhetische und die rezeptionsästhetische.

Manfred Broich geht davon aus, dass sich nicht nur Autor und Leser eines Textes dessen Intertextualität bewusst sind, sondern bereits beide eine Vorkenntnis des anderen implizieren. Das Intertextualitätsbewusstsein ist somit Gegenstand der Kommunikation.

1985 gelangen Broich / Pfister in ihren Untersuchungen zu den Begriffen Einzeltextreferenz und Systemreferenz. Wobei das Vorhandensein des einen den anderen nicht ausschließt. Die Einzeltextreferenz ordnet Manfred Pfister in den Kernbereich der Intertextualität[8] ein. Pfister geht davon aus, dass zum Kernbereich die bewusste, intendierte und markierte Intertextualität zählt. Aus dem Begriff Einzeltextreferenz ergibt sich seine Bedeutung: der Text referiert, bezieht sich also auf einen bereits vorhandenen Text, einen Prätext. Bezieht sich der Text jedoch auf eine literarische Gattung, eine Textsorte, Regeln der Rhetorik, einen Mythos und dergleichen geht man von einer Systemreferenz aus, so Pfister in seinem Aufsatz über Konzepte der Intertextualität [9] .

Grundlegend zu beiden Positionen kann man sagen, dass die erste autorenunabhängig und die zweite produktions- und rezeptionsabhängig ist. Henning Tegtmeyer[10] unterscheidet in das globale und das lokale Intertextualitätskonzept.

Ebenfalls einen wichtigen Orientierungspunkt zur Begriffsgestaltung der Intertextualität gaben Beaugrande / Dressler in ihrem Buch Einführung in die Textlinguistik, 1981. Dort widmeten sie dem Phänomen der Intertextualität ein ganzes Kapitel und machten sie zu einem der sieben Kriterien für Textualität. Viele nachfolgende Publikationen verwenden den Begriff Intertextualität im Sinne von Beaugrande / Dressler:

„[…] um die Abhängigkeiten zwischen Produktion bzw. Rezeption eines gegebenen Textes und dem Wissen der Kommunikationsteilnehmer über andere Texte zu bezeichnen.“[11]

Heinemann[12] schreibt, dass die Autoren selbst ihre Darstellung der Intertextualität als „unscharf“ bezeichneten. Jedoch im Sinne der dargebotenen Möglichkeiten und deren Erfassungsproblem:

„Die Kommunikationsbedingungen sind einfach zu mannigfaltig, um solche rigorose Kategorisierungen zuzulassen.“[13]

Um die Forschungsdebatte zu vervollständigen, seien noch zwei neuere Ansätze aus den 90er Jahren darzustellen. Zeitlich ordnet sich Susanne Holthuis mit ihrer Konzeption „Intertextualität“ im Jahre 1993 sieben Jahre vor der Publikation „Textsorten“ Wolf-Dieter Krauses ein. Jedoch bemerkt Heinemann[14], dass Krause bereits 1985 einen Artikel publizierte, der jedoch nie beachtet wurde. Bereits in diesem Artikel nahm Krause eine Differenzierung der Intertextualität vor, auf die ich im Hauptteil näher eingehen werde.

[...]


[1] vgl. Heinemann in Fix / Klein, 1997, S. 21.

[2] vgl. Kristeva, 1978, S.348.

[3] Bd. 2. H-O, siehe Begriff Intertextualität S. 175-179.

[4] zitiert aus Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft S. 175.

[5] vgl. Holthius, 1993, S. 22.

[6] vgl. Stierle in Stierle / Warning, 1996, S. 139-150 (gekürzt).

[7] vgl. Stierle.

[8] vgl. Pfister, S.27.

[9] vgl. 1.

[10] vgl. Tegtmeyer in Fix / Klein1997, S. 49 – 80.

[11] vgl. Beaugrande / Dressler, S. 188.

[12] vgl. Heinemann in Fix / Klein, S. 25.

[13] vgl. Beaugrande / Dressler, S. 193.

[14] vgl. Heinemann in Fix / Klein, S. 25.

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Details

Titel
Intertextualität aus textlinguistischer Sicht bei Krause und Genette
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Intertextualität
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V229798
ISBN (eBook)
9783656454915
ISBN (Buch)
9783656456254
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intertextualität, Genette, Krause, Deutsche Sprache, Sprachwissenschaft, Roland Barthes
Arbeit zitieren
M.A. A. Hofmann (Autor), 2005, Intertextualität aus textlinguistischer Sicht bei Krause und Genette, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229798

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