Deutungen zu Marieluise Fleißers „Der Apfel“ und „Briefe aus dem gewöhnlichen Leben“

Zwei Referate


Referat (Ausarbeitung), 1999
10 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

Inhalt

„Der Apfel" aus M. Fleißer: Ein Pfund Orangen

Literaturverzeichnis

„Briefe aus dem gewöhnlichen Leben" aus M. Fleißer: Ein Pfund Orangen

Literaturverzeichnis

„Der Apfel" aus M. Fleißer: Ein Pfund Orangen

d i e ä u ß e r e h a n d l u n g

Ein Mädchen, ihr Freund, und zwei Äpfel, die das Mädchen in einer Zeit der wirtschaftlichen Armut geschenkt bekommt. Den einen verzehrt sie, den anderen will sie ihrem Freund bei sei- nem nächsten Besuch schenken. Dieser lehnt jedoch ab, wo- rauf das Mädchen den Apfel einem fremden Jungen auf der Straße gibt.

d i e f i g u r e n

Eine Charakterisierung des Mädchens beginnt schon mit dem ersten Satz auf ganz lapidare Weise: „Da war einmal ein Mäd- chen, dem ging es schlecht.“[1] Diese Befindlichkeit wird haupt- sächlich auf Ihre Verschlossenheit und Schüchternheit zurück- geführt. Sie hat (anfänglich) zwar Freundinnen, die sie besu- chen, allerdings „von der Sorte, daß sie hinterher beim nächs- ten Straßeneck stehenbleiben und einen ausrichten“[2]. Häufiger Gesprächsstoff bei diesen Treffen ist oft der Klatsch über

„merkwürdige Menschen“. Das Mädchen, deren Freund eben- falls als merkwürdig bezeichnet wird, verheimlicht ihren Freun- dinnen den Freund; allerdings nicht, um ihn vor deren Klatsch zu schützen:

Wer ihn einmal kannte, der mochte [...] nicht mehr von ihm weg, so einzigartig war er. Sie dachte, wenn ich anfinge, von ihm zu reden, so wäret ihr alle miteinander ganz krank vor Neid und möchtet ihn mir gerne ausspannen.[3]

Während das Mädchen ihren Freund über alle Maßen bewun- dert, verehrt und sich ihm gegenüber extrem zurücknimmt (einmal unterdrückt sie jede Bewegung, um ihn nicht aus sei- nem Schlaf zu wecken), verhält er sich ihr gegenüber rück- sichtslos und gebieterisch. Er untersagt ihr jeglichen Umgang

mit anderen Männern, wobei sie nicht merkt, daß sie das tiefer in die soziale Isolation drängt.

Ihr Freund sagte [...], eines Tages werde ich von dir gehen, dann ist immer noch Zeit für die anderen. Dann weinte sie. Er sagte es ihr oft vor, denn er dachte, das bin ich meiner genia- len Veranlagung schuldig. Und so weit hatte er sie, daß sie solche Reden von ihm ertrug

und ihn nicht verließ. Denn dies hatte er ihr eingefleischt, daß sie vor allen Dingen Nachsicht haben mußte mit seinen Schwächen.[4]

Ihre zunehmende Verschüchterung (der Begriff schüchtern wird in der zweiten Fassung übrigens durch den Begriff verschreckt ersetzt, was eine vorangehende äußere Ursache heraus- streicht) und die daraus resultierende soziale Verarmung spie- gelt sich im wirtschaftlichen Verfall: „Die Mark war schon wieder weniger wert“[5].

Am Ende verläßt sie nicht mehr ihr Zimmer und läßt sich Aus- reden einfallen, wenn ihr Freund mit ihr spazieren gehen möch- te.

d i e ä p f e l

Der unerwartete Besuch einer früheren Freundin beschert dem Mädchen zwei Äpfel. Überwältigt davon, daß ihr jemand in der herrschenden Armut etwas schenkt, kann sie sich erst nach sehr langem Zögern und Überlegen dazu durchringen, einen Apfel zu essen (sie schaut sich die Äpfel erst lange an, riecht an einem, fragt sich, ob sie ihn wohl essen könne, sagt sich vor, daß sie ihn ganz alleine aufessen könne, bis sie ihn schließlich verzehrt).

Den zweiten Apfel will sie ihrem Freund schenken, und schon während des Essens fürchtet sie um einen Verlust des Apfels: sie beobachtet ihn, pflegt ihn und träumt sogar, er sei ver- schwunden.

Trotz ihrer bedingungslosen Aufopferung ihrem Freund gegen- über hat sie einen ungebrochenen Drang, ihm noch mehr zu bieten, meint sogar „ich habe lange nichts mehr gehabt, das ich dir anbieten konnte“[6].

Die Äpfel, ganz allgemein Symbol für Leben, hier vielleicht Lichtblicke in Bezug auf die herrschende finanzielle und zwi- schenmenschliche Armut (eine frühere Freundin schenkt ihr die Äpfel) – diese Äpfel versucht sie nun, mit ihrem Freund zu tei- len, der ja gerade für ihre zwischenmenschliche Verarmung mitverantwortlich ist. Bezeichnenderweise lehnt der Freund ab. Bevor das Mädchen den Apfel ihrem Freund anbietet, liegt die- ser in ihrem Bett und sieht aus „wie Adam [...] in seinem starken unbekümmerten Schlaf“[7]. Sie selbst bleibt wach, um ihn nicht zu stören.

Gen 3,5: Sobald ihr davon eßt, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.

Das Mädchen, das ja einen Apfel gegessen hat, und sich für ih- ren Freund wachhält, „[riß] immer wieder [...] ihre Augen auf, weil sie ihr blind wurden vor Schlafbedürfnis“[8].

Es scheint, als ob das Mädchen in Anwesenheit, in Anbetracht ihres Freundes von einer lähmenden Blindheit bedroht ist und die Dinge nicht richtig erkennen kann. In der zweiten Fassung heißt es „Immer hatte sie, wenn sie an den Freund dachte, in einen Glanz gesehen“[9], also auch hier ein Motiv der Verblen- dung. Dieser Glanz erscheint auch auf dem Apfel, den sie ihrem Freund schenken will und in übertriebener Vorsicht und Zuwen- dung pflegt: „Sie rieb ihn ab mit zärtlichen Händen, bis er über- all einen gleichmäßigen Glanz annahm“[10]. Hier deutet sich an, daß eine übertriebene Fürsorglichkeit und Schonung dem Apfel bzw. dem Freund gegenüber eine Verblendung hervorruft, die letztendlich für ihre Situation entscheidend verantwortlich ist.

d e r s h o w d o w n

Nachdem ihr Freund den Apfel abgelehnt hat, bezwingt das Mädchen ihre Isolation und entschließt sich, nach draußen zu gehen, und den Apfel einem Kind zu schenken. Sie trifft aber kein Kind, so wie sie es sich vorgestellt hat, lediglich ein Junge geht an ihr vorbei, „mit einem häßlichen Ausdruck in seinem käsigen Gesicht, und obendrein war er voller Ausschlag“[11]. Der Junge kehrt um, geht ein zweites Mal an ihr vorüber und in An- betracht der verronnenen Zeit verspürt sie den Drang, ihm nun den Apfel zu geben.

Jetzt lief sie sogar hinter ihm her in ihrem Unverstand, sie rief ihn an und hielt ihm förmlich bittend den großen Apfel hin, den er ihr mit einer wüsten Gebärde gleich aus der Hand riß, ganz, als ob sie gekommen sei, um ihm was zu nehmen. Sie blieb einen Augenblick neben ihm stehen und wunderte sich über ihn. In eben diesem Augenblick mußte sie mit ansehn,

wie sich der widerwärtige Ausdruck in seinem Gesicht zur gehässigen Bosheit vertiefte.[12]

Sie flüchtet vor ihm, während er ihr nachschreit und die Leute auf ihre beschädigten Schuhe aufmerksam macht.

Der Junge scheint (in dem Augenblick, als er ihre Verwunde- rung wahrnimmt) zu verstehen, in welcher Situation sich das Mädchen befindet. Doch so, wie sich durch die allgemein herr- schende Inflation eine allgemeine Armut an Beziehungsfähig- keit andeutet (es ist ja nicht nur das Mädchen, welches sich in finanzieller Not befindet), so hat auch der Junge nichts besse- res zu tun, als ihre Armut in der Öffentlichkeit zu entlarven und sie abzuwehren.

Am Ende setzt sich das Mädchen völlig verzweifelt in ihr Zim- mer, macht sich Vorwürfe und weint.

[...]


[1] Fleißer: Der Apfel. S. 9. Hier wie im folgenden zitiert nach: Ein Pfund Orangen. Frankfurt 1972.

[2] ebd. S. 9.

[3] ebd. S. 9f.

[4] ebd. S. 10.

[5] ebd. S. 11.

[6] ebd. S. 12.

[7] ebd. S. 13.

[8] ebd. S. 14.

[9] Fleißer: Der Apfel. In: Gesammelte Werke, Bd 3. Frankfurt 1983. S. 24.

[10] ebd. S. 21.

[11] Fleißer: Der Apfel. Frankfurt 1972. S. 15.

[12] ebd. S. 15f.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Deutungen zu Marieluise Fleißers „Der Apfel“ und „Briefe aus dem gewöhnlichen Leben“
Untertitel
Zwei Referate
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Neue Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Hauptseminar: Marieluise Fleißer
Note
2.0
Autor
Jahr
1999
Seiten
10
Katalognummer
V229823
ISBN (eBook)
9783656456605
ISBN (Buch)
9783656457152
Dateigröße
410 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marieluise Fleißer, Frauenbild der 20er Jahre, Zwischen Provinz und Metropole, Weibliche Lebenswelten in der Weimarer Republick, Weibliche Identität, Geschlechterrollen, Liebesbeziehungen in Weimarer Republik, Weibliche Selbständigkeit, Bild der "neuen Frau", Autorinnen in Weimarer Republik, Frau in 20er Jahren, Entfremdung und Einsamkeit, Heimat, Großstadt, Kurzprosa im Kontext von Metropole und Provinz, Heimat und Fremde, Neue Sachlichkeit, Gesellschaft und Anonymität, Darstellung von Männlichkeit, Das Weib ist ein Nichts, Ein Pfund Orangen
Arbeit zitieren
Magistra Artium Alice Männl (Autor), 1999, Deutungen zu Marieluise Fleißers „Der Apfel“ und „Briefe aus dem gewöhnlichen Leben“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229823

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