Märchenelemente in Roald Dahls Kurzgeschichten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Ort, Zeit und Namen

3. Gut gegen Böse: Typische Figuren

4. Der entscheidende Twist

5. Wiederholung, Nummernsymbolik und fehlende Gleichzeitigkeit

6. Charakterliche Tiefe?

8. Isolation und Allenverbundenheit

9. Grausamkeit

10. Schlussbetrachtung

Bibliografie

1. Einleitung

Die Kurzgeschichte gilt gerade in der heutigen Zeit als sehr experimentelle literarische Gattung mit vielen Einflüssen. Inhaltlich werden immer neue Themen behandelt, die mit dem Fortschritt zusammenhängen, aber auch klassische Elemente finden ihren Weg in die jüngsten Werke dieses weit gefächerten Genres.

In dieser Arbeit möchte ich mich mit den Aspekten des klassischen Grimmschen Märchen auseinander setzen, die sich in den Kurzgeschichten des britischen Schriftstellers Roald Dahl finden. Obwohl er gerade als Autor von Kinderbüchern große Erfolge feierte, zeigen seine Kurzgeschichten eine andere, düstere Seite Dahls, die sich auf Anhieb nicht gleich mit dem Konzept des Märchens vereinbaren lässt. Blickt man jedoch auf die Tradition des Märchens zurück und analysiert diese näher, fällt auf, dass auch hier oftmals ein ernsthafter, fast grausamer unterschwelliger Ton herrscht. Die Überlieferung der Märchen, so wie sie in neu adaptierten Bilderbüchern oder Filmproduktionen auftreten, sind in vielerlei Hinsicht ausgeschmückt und lassen Dinge, wie die verletzten Augen des Prinzen, der von Rapunzels Turm springt, außer Acht.

Doch dies ist nur eine der vielen nennenswerten Parallelen, die sich zwischen Dahls Kurzgeschichten und den traditionellen Volksmärchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm ziehen lassen. So gibt es im Märchen häufig eine Art phantastischen Twist, der z.B. darin besteht, dass ein Pfefferkuchenhaus im Wald oder eine andere Welt am Boden eines Brunnens gefunden wird. Diese Momente geben der Geschichte das phantastische Flair eines Märchens und prägen das weitere Geschehen unwiderruflich. Bei Dahl gibt es meist einen ebenso gravierenden Einschnitt in das bis dahin 'normale' Geschehen, allerdings besteht dieser eher in einem Schockmoment, der besonders beim Leser innerhalb kürzester Zeit eine Erkenntnis auslöst. So wird uns z.B. bewusst, welch grausames Geheimnis die alte Dame in The Landlady hat während der junge Billy immer noch fasziniert und ahnungslos in ihrem Salon steht und die ausgestopften Tiere bewundert (vgl. The Landlady, S.18). Dieser Effekt, den man nicht zuletzt aus Horrorfilmen kennt, bei denen man als Zuschauer den Drang verspürt den Protagonisten zu zurufen, wo sich der Mörder versteckt, unterstreicht den außergewöhnlichen Charakter von Dahls Geschichten.

Das Märchen und die Kurzgeschichte liegen sich in vielerlei Hinsicht näher als man zunächst annimmt und das nicht nur, weil es sich bei beiden meist um recht kurze Texte handelt. Es gibt Motive, Figuren und Formeln, die sowohl bei den Gebrüdern Grimm als auch bei Roald Dahl zu finden sind und eine interessante Verknüpfung zwischen zwei Gattungen herstellen, die man so nicht erwartet hätte.

2. Ort, Zeit und Namen

Märchen funktionieren im Grunde immer nach dem gleichen Schema und weichen nur selten von ihrer traditionellen Handlungsstruktur ab. Ein Aspekt der unter diesen Punkt fällt, ist die Tatsache, dass die Geschichten nie in einer bestimmten Zeit oder an einem bestimmten Ort angesiedelt sind. Es gibt keine historische Verankerung und diese rein organisatorischen Fakten werden außer Acht gelassen. Die Formel „Es war einmal...“, die wir automatisch mit dem Märchen in Verbindung bringen, unterstreicht diesen Punkt und macht gleichzeitig deutlich, dass eine detaillierte Orts- und Zeitangabe gar nicht notwendig ist. Vielmehr markiert dieser Satzanfang für uns die Gattung des Märchens und sorgt dafür, dass wir uns keinerlei Gedanken mehr darum machen, wo und wann die Geschichte spielen soll. Wir sind daran gewöhnt, keinerlei weitere Informationen zu bekommen, Genauigkeit in Bezug auf Zahlen und Zeiträume sind nebensächlich. Versuche, die in den Grimmschen Märchen genannten Zahlenangaben nach bestimmten Mustern zu interpretieren, können zu einem endlos langen Prozess werden, der nicht immer zu eindeutigen Ergebnissen führt

„Altersangaben können wir mit gebotener Vorsicht als realistisch bezeichnen. Fristangaben sind dagegen in der Regel eher symbolisch oder auch topisch. Daneben [...] begegnet die Märchenzeit (oder nochmals besser: Zeitlosigkeit) mit ihrem 'Es war einmal' und ihrem 'so leben sie noch heute' [...]“ Rölleke, S.176.

Dem Märchen selbst gibt dies eine Art universelle Einsatzmöglichkeit. Je weniger Fakten genannt werden, um so mehr Raum bleibt für Interpretation und das ist genau das, was eine phantastische Geschichte ausmacht. Die Eingangs- und Ausgangsformeln unterstreichen nicht nur die zeitliche Ungebundenheit, sondern vermitteln auch ein Gefühl von Utopia, welches im traditionellen Sinne keinen bestimmten Ort kennzeichnet und gleichzeitig selbst ein Ort ist, den niemals jemand gesehen hat (vgl. Zipes, S.10). Diese Verbindung verleiht dem Märchen nicht nur einen besonderen mythischen Zauber, sondern bietet auch gleich den ersten gemeinsamen Verknüpfungspunkt mit der Kurzgeschichte.

Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen aber generell lebt auch die Kurzgeschichte davon, dass sie eben keine große Einleitung mit detaillierten Angaben liefert. Oft werden wir einfach ins Geschehen hineingeworfen und erfahren nur im Laufe der Handlung mehr über unseren Helden oder seine Ausgangssituation. Wie im Märchen, wird hierbei auf überflüssige Informationen verzichtet. Gerade Kurzgeschichten vereinen auf kleinstem Raum eine große Interpretationsfläche und arbeiten mit tief greifendem Symbolismus und ausgeprägter Metaphorik. An dem Punkt, an dem das Märchen also zum Phantasieren anregt, fordert die Kurzgeschichte ebenfalls zum Nachdenken auf und schürt das Vorstellungsvermögen ihres Lesers.

So beginnt das Märchen Rapunzel mit einem einfachen „Es war einmal ein Mann und eine Frau [...]“ (Rapunzel, S.52). Wir erhalten keine Ortsangabe, wir wissen nicht zu welcher Zeit die Handlung spielt und auch die Protagonisten haben keine Namen. Die Zauberin selbst wird erst dann beim Namen genannt, als Rapunzel selbst sie damit anspricht. Wir sehen hier, dass die Hauptfigur des verwunschenen Mädchens mit dem langen Haar klar in den Mittelpunkt gestellt wird. Obwohl wir auch von ihr keinerlei tiefere charakterliche Beschreibung erhalten, wird sie doch zumindest in sofern personalisiert, als dass sie klar mit ihrem Namen bezeichnet wird. Weder ihre Eltern noch der Königssohn werden mit mehr als ihrer Position benannt und rücken so in den Hintergrund während Rapunzels Geschichte erzählt wird. Letztendlich bildet ihr Name sogar den Titel des Märchens und bekommt so ebenfalls einen besonderen Status.

Dahls Kurzgeschichte Genesis and Catastrophe macht sich das Prinzip der Namensgebung ebenfalls effektvoll zunutze. Auch hier erfahren wir nicht viel über die Herkunft der schwangeren Frau, die im Behandlungszimmer des Arztes liegt, der durchweg nur als „doctor“ (Genesis and Catastrophe, S.156) bezeichnet wird. Zwar erfahren wir etwas über ihre Leidensgeschichte in Bezug auf ihre verstorbenen Kinder, allerdings wissen wir zunächst nicht, in welchem Ort sich die Handlung abspielt oder zu welcher Zeit. Erst in der wörtlichen Rede des Ehemannes wird beiläufig erwähnt, dass es sich um den Ort Braunau handelt. Einen Hinweis auf die Zeit gibt es schließlich in dem Moment, als der Name genannt wird, der die ganze Geschichte auf einen Schlag verändert. In dem Augenblick, in dem der Arzt die Frau mit „Hitler“ (Genesis and Catastrophe, S.159) anspricht, erfolgt eine noch intensivere Fokussierung auf ihre Person, als es in Rapunzel der Fall ist. Der komplette Tenor der Geschichte ändert sich und die Aufmerksamkeit konzentriert sich schließlich auf das Baby, dessen Vorname kurz darauf thematisiert wird. Wieder bleibt kurz Zeit für eine Interpretation, oder vielmehr Verarbeitung des Lesers und schließlich fällt der Name, den man schon erahnt hat. Aufgebaut wird das Ganze in einer Art Klimaxstruktur, die sich in der vielfachen namentlichen Benennung der verstorbenen Kinder findet, die nach der Namensgebung des Neugeborenen, schlagartig abebbt. Auf dem Höhepunkt angekommen, liegt nun alle Aufmerksamkeit auf dem Baby und den schrecklichen Dingen, die man mit dem Namen Adolf Hitler verbindet. Auch die Nennung des Ortes, die letztendlich doch erfolgt, dient einzig dazu den Fokus langsam aber sicher enger zu ziehen und gibt einen Hinweis an jene, die den Geburtsort Hitlers kennen. Die Jahreszahl 1889 kann schließlich auch ohne Nennung erahnt werden.

In die Diskussion von Ort und Zeit, kann auch das Motiv der Reise eingearbeitet werden, das wiederum oftmals im Märchen vertreten ist. Der Held begibt sich meist auf eine Art Pfad, um eine Aufgabe zu erfüllen, sich etwaigen Herausforderungen zu stellen oder etwas zu suchen („In traditional tales it is usually [...] journey, rescue, quest, and/or conquest. Often tasks must be performed while on a journey or quest.“Barchers, S.139) . So befinden sich Strohalm, Kohle und Bohne im gleichnamigen Märchen auf einer Reise, von der wir wiederum nicht wissen, wo sie hinführt oder wo sie begonnen hat. Auch die fleißige Tochter in Frau Holle begibt sich auf eine Reise, als sie in den Brunnen steigt und sich schließlich in einer komplett anderen Welt wieder findet. Ebenso verhält es sich mit den Kindern in Hänsel und Grethel, deren Suche sie zunächst zum Pfefferkuchenhaus der Hexe führt und letztendlich auch wieder nach Hause. Das Konzept einer Reise unterstreicht oft den Entwicklungsprozess, den der Held durchmacht und an dem er durch die Bewältigung verschiedener Aufgaben wächst.

Überträgt man dies nun auf die Kurzgeschichten Dahls, wird deutlich, dass das Reisen auch hier oftmals eine Rolle spielt. So reisten die Eheleute in Genesis and Catastrophe zunächst nach Braunau, auch wenn wir erst später in die Geschichte einsteigen. Und auch die Tatsache, dass sich die Ereignisse von Man from the South in einem Hotel abspielen, deutet darauf, dass sich die Figuren auf Reisen befinden. Am deutlichsten jedoch tritt das Motiv in The Landlady hervor, in welcher der junge Billy müde von seiner Anreise ein Zimmer zur Übernachtung sucht. Dies ist allerdings nur ein Verbindungspunkt von vielen, der sich zum Märchen von Hänsel und Grethel ziehen lässt und in Zusammenhang mit den typischen Figuren eines Märchens weiter erläutern lässt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Märchenelemente in Roald Dahls Kurzgeschichten
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Englisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Contemporary British and American Short Stories
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V229833
ISBN (eBook)
9783656460107
ISBN (Buch)
9783656460282
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Roald Dahl, Short Stories, Kurzgeschichten, Märchen
Arbeit zitieren
M.A. Tanja Wittrien (Autor), 2009, Märchenelemente in Roald Dahls Kurzgeschichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229833

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