In George Orwells 1949 erschienenen dystopischen Roman 1984 geht es um einen totalitären Überwachungsstaat und wie das Individuum versucht, trotz seiner kaum vorhandenen Privatsphäre, in dieser Umgebung immer noch Individuum zu bleiben. Im letzten Akt der Handlung wird der Protagonist Winston Smith verhaftet und von dem Spion O'Brien verhört und gefoltert. Auf die Frage, warum die herrschende Partei nach Macht strebt, gibt Smith laut O'Brien eine „dumme Antwort“. O'Brien muss Smith somit aufklären: „Die Partei strebt Macht lediglich in ihrem eigenen Interesse an. Uns ist nichts am Wohl anderer gelegen; uns interessiert einzig und allein die Macht als solche. Nicht Reichtum oder Luxus oder langes Leben oder Glück: nur Macht, reine Macht“ (Orwell 1976, 241-242).
Obwohl O'Briens Antwort relativ extrem ausfällt, hat sie doch einen wahren Kern und wirft ein paar Fragen auf: Warum streben manche Menschen nach Macht und andere nicht? Warum sind nur wenige Menschen bei ihrem Streben erfolgreich? Und stimmt das berühmte Zitat des britischen Politikers Lord Acton: „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“ (Leinemann zitiert nach Wirth 2006a, 9)? In der vorliegenden Abschlussarbeit soll der Forschungsfrage nachgegangen werden: Warum ist der Anteil von narzisstischen Persönlichkeiten in den Bundesregierungen von 1991 bis 2013 überdurchschnittlich hoch?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Narzissmus und Politik
2.1. Narzissmus – ein Überblick
2.2. Die Narzisstische Persönlichkeit
2.3. Narzissmus und Politik
3. Untersuchung der Bundesregierungen von 1991 bis 2013
3.1. Methoden- und Fallauswahl
3.2. Ergebnisse der Untersuchung
4. Theoretische Interpretation der Ergebnisse
4.1. Die narzisstische Gesellschaft
4.2. Politik ist Narzissmus pflichtig
4.3. Führungsperson zentrierte Erklärungen
5. Fazit und Beantwortung der Forschungsfrage
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, warum der Anteil narzisstischer Persönlichkeiten in den deutschen Bundesregierungen zwischen 1991 und 2013 überdurchschnittlich hoch ist, und analysiert den Zusammenhang zwischen narzisstischen Charakterzügen und dem Streben nach politischer Macht.
- Psychologische Grundlagen der narzisstischen Persönlichkeit nach Heinz Kohut
- Empirische Analyse von Regierungsmitgliedern anhand von Korruptionsindikatoren
- Theoretische Verknüpfung von Narzissmus, Machtmissbrauch und politischer Führung
- Interpretation gesellschaftlicher Transformationen ("narzisstische Gesellschaft")
- Rolle des Charismas als psychologische Ressource in der Elite
Auszug aus dem Buch
2.3. NARZISSMUS UND POLITIK
Die narzisstische Persönlichkeit neigt dazu, in der frühen Kindheit erlebte traumatische Ohnmacht, die zu einem Minderwertigkeitskomplex geführt hat, durch eine Überkompensation zu verdrängen. Die Art und Stärke der Kompensation ist je nach Person unterschiedlich, macht sich jedoch in den meisten Fällen durch Machtstreben, Egoismus und Arroganz bemerkbar (Faust 2012, 20-21; Akhtar 2006, 248-249; Hartmann 2006, 19). Eine besondere Bedeutung kommt dem sogenannten Machtstreben zu. Wirth schreibt hierzu: „Die Erfahrung, auf den anderen und sein Wohlwollen in fundamentaler Weise angewiesen zu sein, gehört zu den schmerzlichsten, aber auch beglückendsten Erfahrungen, denen jeder Mensch vom Beginn seines Lebens an immer wieder ausgesetzt ist. Die Ausübung von Macht und der pathologische Narzissmus stellen Strategien dar, um dieser Abhängigkeit zu entgehen“ (Wirth 2006b, 160). Auch Maaz betont, wie wichtig der Zugang zur Macht für die Kompensation des hauptsächlich männlichen Größenselbst-Narzissmus sei. Frauen hingegen neigen dazu häufig ihren Narzissmus im Schönheitskult zu kompensieren (Maaz 2013, 115).
Laut Wirth ist die Politik ein Bereich in dem die „reinste“ Form der Macht ausgeübt werden kann: „In der Wirtschaft geht es in erster Linie um den wirtschaftlichen Erfolg. Um diesen zu erreichen, muss Macht ausgeübt werden. Auch wenn sie reichlich vorhanden ist, hat sie doch nur dienenden Charakter. Der Politiker hingegen kann sich ausschließlich auf die Macht konzentrieren. Ihre Ausübung verknüpft sich ganz mit seiner Person und damit auch mit seinen narzisstischen Problem“ (Wirth 2006a, 54). Der Soziologe Max Weber (1864-1920) hatte in seiner Publikation von 1921 Wirtschaft und Gesellschaft auf die zentrale Rolle der Macht in der Politik hingewiesen (Weber 1921, 28). Für Weber ist Macht: „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber zitiert nach Kaina 2009, 391; Weber zitiert nach Wirth 2006a, 110).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, beleuchtet das Defizit der Politikwissenschaft bezüglich des Faktors Persönlichkeit und skizziert die methodische Vorgehensweise.
2. Narzissmus und Politik: Das Kapitel bietet einen psychoanalytischen Überblick über Narzissmus-Theorien (insb. Kohut) und setzt diese in Bezug zum politischen Machtstreben.
3. Untersuchung der Bundesregierungen von 1991 bis 2013: Es erfolgt eine empirische Analyse der Regierungsmitglieder, bei der Korruptionsfälle als Indikator für eine narzisstische Persönlichkeit herangezogen werden.
4. Theoretische Interpretation der Ergebnisse: Die Untersuchungsergebnisse werden anhand dreier Ansätze – narzisstische Gesellschaft, Politik als narzisstisches Betätigungsfeld und führungszentrierte Erklärungen – interpretiert.
5. Fazit und Beantwortung der Forschungsfrage: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit, psychologische Faktoren in der politischen Elitenforschung stärker zu gewichten.
Schlüsselwörter
Narzissmus, Politik, Macht, narzisstische Persönlichkeit, Korruption, Elitenforschung, Machtstreben, psychologische Abwehrmechanismen, narzisstische Gesellschaft, Charisma, politische Sozialisation, Machtmissbrauch, politische Psychologie, narzisstische Kollusion, Führungspersönlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen narzisstischen Persönlichkeitszügen und politischem Machtstreben anhand der deutschen Bundesregierungen der Jahre 1991 bis 2013.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die psychologischen Grundlagen von Narzissmus, die Rolle von Macht in der Politik sowie die Frage, ob und wie man Narzissmus bei Spitzenpolitikern empirisch feststellen kann.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu verdeutlichen, dass ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Regierungsmitgliedern narzisstische Züge aufwies, und zu analysieren, wie diese Persönlichkeitsstrukturen durch das Bekleiden hoher Ämter beeinflusst werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine empirisch-analytische Methode, bei der Korruptionsskandale und Affären als externe Indikatoren für eine mögliche narzisstische Veranlagung der untersuchten 85 Regierungsmitglieder verwendet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst die psychologische Theoriebildung, die eigentliche Untersuchung der 85 Mitglieder der Bundesregierungen sowie eine anschließende theoretische Interpretation der gefundenen Korruptionsfälle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Narzissmus, Politik, Macht, Korruption und politische Elitenforschung beschreiben.
Warum wird Korruption als Indikator für Narzissmus verwendet?
Der Autor argumentiert, dass Korruption und Machtmissbrauch Ausprägungen von kriminellem Verhalten sind, die eng mit narzisstischen Strukturen und der rücksichtslosen Verdrängung einer "äußeren Gruppe" verknüpft sind.
Wie unterscheidet der Autor die Gruppen der Regierungsmitglieder?
Die Einteilung erfolgt in drei Gruppen: solche ohne auffälliges Verhalten, solche, die bereits vor ihrem Amt auffällig wurden, und solche, bei denen erst die Macht des Amtes korruptes Verhalten und damit narzisstische Züge sichtbar machte.
Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Ergebnissen?
Ja, die Studie stellt fest, dass in den untersuchten Regierungen nahezu ausschließlich Männer durch korruptes Verhalten auffielen, was unter anderem mit der männlich geprägten Machtausübung und der Unterrepräsentanz von Frauen in Eliten erklärt wird.
Was besagt die "narzisstische Kollusion" in diesem Kontext?
Die Kollusion beschreibt das unbewusste Zusammenspiel zwischen "Führern" (dominanten, narzisstischen Politikern) und "Geführten" (einer Bevölkerung, die nach Identifikation mit Größe sucht), was die Toleranz gegenüber korruptem Verhalten in der Politik erklären kann.
- Arbeit zitieren
- Adam Balogh (Autor:in), 2013, Narzissmus und Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229853