Symbolik bei Judith Hermann. Ein Vergleich zwischen "Aqua Alta" und "Rote Korallen"


Hausarbeit, 2012
22 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Symbols

3. Symbole in Rote Korallen
3.1 Korallen
3.2 Rot
3.3 Vorhang und Fenster
3.4 Wasser/Meer
3.5 Fisch
3.6 Staub
3.7 Ofen

4. Symbole in Aqua Alta
4.1 Venedig
4.2 Wasser
4.3 Brücke/Balkon
4.4 Räume
4.5 Erdbeeren
4.7 Rauchen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Online-Literatur

1. Einleitung

„Wir haben eine neue Autorin bekommen, eine hervorragende Autorin. Ihr Erfolg wird groß sein",[1] sagte Marcel Reich-Ranicki begeistert, als die Berlinerin Judith Hermann 1998 ihr Erstlingswerk Sommerhaus später veröffentlichte, mit dem sie große Erfolge feierte. Alle neun Erzählungen handeln von jungen Menschen zwischen zwanzig und dreißig Jahren, die in Berlin oder in der näheren Umgebung wohnen und trotz ihres jungen Alters antriebslos und müde wirken, so auch die hier analysierte Erzählung Rote Korallen.

Hermanns Nachfolgewerk Nichts als Gespenster wurde sehnlichst erwartet, bevor es 2003 endlich erschien. Die Kritiken waren jedoch lange nicht so gut wie gedacht. Die sieben Geschichten im zweiten Erzählband handeln von Frauen, die um die dreißig Jahre alt und auf der Suche nach Veränderung im Leben sind. Sie halten sich nicht mehr alle an einem Ort auf, wie es in Sommerhaus später der Fall ist, sondern reisen in der Welt umher, z.B. nach Jamaika, Nevada, Island oder Venedig. Letzteres ist Schauplatz der Erzählung Aqua Alta, mit der sich diese Arbeit ebenfalls näher befasst. Im Unterschied zu Sommerhaus später geht es in den Erzählungen von Nichts als Gespenster um Sexualität, rauchende sowie trinkende Frauen, die alle nach etwas Neuem in ihrem Leben suchen.

Die vorliegende Arbeit beginnt mit einer Analyse des Textes Rote Korallen, wobei zuerst eine kurze Zusammenfassung des Inhalts gegeben wird, bevor auf die wichtigsten Metaphern eingegangen wird. Kapitel 4 widmet sich der Symbolik der Erzählung Aqua Alta. Hier wird der Text ebenfalls zuerst kurz zusammengefasst, ehe bestimmte Sinnbilder genauer untersucht werden.

Am Ende soll die Symbolik beider Erzählungen in Hinblick auf Übereinstimmungen und Unterschiede miteinander verglichen werden. Besonders interessant sind hierbei diejenigen Übereinstimmungen, welche eine differente Symbolik aufweisen.

2. Definition des Symbols

„Symbol" kommt von dem griechischen Wort „symbolon" und bedeutet „das Zusammen-geworfene". In der Antike spielte es im Wortsinn des Zusammenfügens eine praktische Rolle, da man unter einem Symbolon einen in zwei Teile gebrochenen Gegenstand aus Holz, Ton oder Metall verstand, beispielsweise einen Ring oder ein Bild. Erst nachdem die Teile wieder zusammengefügt wurden, erlangte der Gegenstand seine ursprüngliche Bedeutung zurück und diente daneben auch als Erkennungszeichen. Besonders Ehepartner, Familienange-hörige und Freunde nutzten diesen Brauch.[2] So stellt das Symbol noch heute für den Menschen auch immer ein Zeichen der Verknüpfung des Sichtbaren mit dem Unsichtbaren dar.

Symbole treten auch oft als Geheimzeichen, in Form künstlerischer Darstellung oder bei Farben auf. In diesen Fällen steht das Symbol stellvertretend für etwas anderes - ein Zeichen, eine Farbe oder ein Begriff bringen einen speziellen Sachverhalt, eine Sache, Idee oder Emotion, welche größtenteils zu den Abstrakta gehören, zum Ausdruck. Je nach Kulturkreis, in dem die Symbole entstanden sind, haben sie eine andere Bedeutung, da sie mittels unterschiedlicher historischer Einflüsse entstanden sind. So ist der Drache im Abendland ein schreckliches Fabeltier, wird mit Satan und den dunklen Mächten in Verbindung gebracht, in China hingegen ist er durchweg positiv assoziiert. Dort gilt er als Glücksbringer, verkörpert kaiserliche Macht und ist im Feng Shui ein Symbol für Kraft, Weisheit, Zuverlässigkeit sowie Weitblick.[3]

3. Symbole in Rote Korallen

In der Erzählung Rote Korallen von Judith Hermann geht es um eine junge Frau um die zwanzig Jahre, deren Name nicht genannt wird und die durch ihr Korallenarmband, welches sie von ihrer Urgroßmutter geschenkt bekam, eng mit deren Leben und Geschichte verbunden ist. Anfangs wird erzählt, wie die alte Dame zu dem Armband kam: Sie wohnte damals, Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts, ungewollt in Russland, da ihr Mann dort Öfen vertrieb. Sie fühlte sich einsam, da er oft monatelang weg war, weshalb sie sich Geliebte ins Haus holte. Einer davon, Nikolaij Sergejewitsch, schenkte ihr das Korallenarmband und er war es auch, von dem sie schwanger war und Russland verließ, nachdem ihr Mann Nikolaij aus Eifersucht attackiert hatte und von ihm getötet wurde.

Die Ich-Erzählerin lernt auf der Beerdigung des guten Freundes ihrer Urgroßmutter dessen

Enkel kennen und hofft, durch die Beziehung mit ihm etwas mehr über die Vergangenheit der alten Frau herauszufinden. Doch dies gestaltet sich schwieriger als gedacht, da der Geliebte - auch sein Name bleibt unerwähnt - den ganzen Tag schweigsam in seinem Bett liegt. Erst als sie im mitteilt, sie würde gerne zu seinem Therapeuten gehen, um mehr zu erfahren, lebt er einen kurzen Moment auf. Die junge Frau hat keine eigene Geschichte, sie klammert sich an die Vergangenheit ihrer Urgroßmutter und fühlt sich stark mit dieser verbunden. Erst am Ende, als das Armband beim Therapeuten zerreißt, kann sich die Erzählerin von ihrem Freund lösen; auch er stirbt wie der Mann ihrer Urgroßmutter. Beide Frauen haben sich schlussendlich aus ihrem „Gefängnis" befreit.

3.1 Korallen

Für Schmuckstücke werden bevorzugt rote Korallen verwendet; daneben gibt es jedoch noch schwarze, die am seltensten auftreten, sowie weiße und rosafarbene. Sie finden sich vor allem auf den Kanaren, im Mittelmeer, am Golf von Biscaya und im Roten Meer,[4] d.h. weit entfernt von Russland, was die Fremdheit der Deutschen in Russland betont.

Die Koralle soll vor allem Partnerschaften und Liebesbeziehungen unterstützen bzw. sie hat

einen positiven Einfluss auf die Harmonie einer Beziehung. Des Weiteren soll sie sexuelle Unlust vertreiben sowie die Partnerschaft verbessern.[5]

Dies lässt sich im Text sehr gut auf die Gefühle der Urgroßmutter beziehen. Da sich Korallen stark auf die Liebe auswirken, ist es umso verständlicher, dass sie der alten Frau zugeschrieben werden. Sie sehnt sich nach dreijährigem Liebesentzug durch ihren Mann nach Liebe und sucht sich diverse Liebhaber. So hat sie von ihrem Liebhaber Nikolaij Sergejewitsch ein Korallenarmband bekommen, das sie bei der Rückkehr ihres Mannes absichtlich als Provokation umlegt, damit er merkt, dass seine Frau auch während seiner langwierigen Abstinenz Gefühle besessen und sich anderweitig vergnügt hat.[6] Als Beide am Tisch sitzen und der Ehemann auf Russisch eröffnet, er müsse noch einmal weit weg, legt sie voller Zorn ihr Handgelenk mit den Korallen auf den Tisch.[7] Es ist so auffällig, dass er es sofort als etwas Neues bemerkt, wobei hier die erste wörtliche Rede im Text stattfindet, als er fragt: „Was ist das?"[8] Als Symbol für Liebe und Zärtlichkeit ermordet ihn Sergejewitsch kurze Zeit später in einem Park in St. Petersburg. Währenddessen schläft die Urgroßmutter in ihrem Sessel und das Armband hängt schlaff an ihrem Arm herunter,[9] was auf ihre verrauchte? Wut hindeutet.

Korallen galten vor allem bei den Indianern auch als Glücksbringer,[10] und der Umstand, dass der Urgroßvater dank des Korallenarmbandes umgebracht wurde, stellte sich auch als Glücksfall für dessen Frau heraus: Sie konnte nun endlich aus Russland zurück nach Deutschland gehen, um ihr eigenes Leben zu leben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Koralle hauptsächlich ein Stein ist für Frauen, die ihr Selbstvertrauen stärken möchten sowie Wert auf eine liebevolle Beziehung legen.[11] Beides ist bei der Urgroßmutter wie auch bei der Erzählerin der Fall. Am Ende befreien sie sich von ihren Männern und können ihr eigenes Leben führen. Das Korallenarmband steht demnach für Liebe, Wut, Befreiung und am Ende auch für die Emanzipation der Frau.

3.2 Rot

Mit der Farbe Rot werden in der Geschichte nur die Vorhänge und das Armband in Verbindung gebracht. Beide Objekte symbolisieren die gegensätzlichen Bedeutungen der Farbe Rot. Zum einen steht diese Farbe für Liebe, Leidenschaft und das Herz,[12] zum anderen verkörpert sie aber ebenso Wut, Aggression,[13] Feuer[14] und Blut[15]. Diese letzte lebhafte Seite lässt sich sehr gut dem Korallenarmband zuschreiben, währenddessen die Vorhänge eher mit der ruhigen Seite assoziiert werden.

Die roten Vorhänge vermitteln eine melancholische Sehnsucht nach Liebe und Wärme. Die Urgroßmutter versteckt sich hinter ihnen und leidet in dem dunklen Zimmer unter Heimweh.[16] Dem gegenüber steht das rote Korallenarmband, das Judith Hermann benutzt, um die Wut der Urgroßmutter sowie der Erzählerin auszudrücken. Es leuchtet „rot wie die Wut an ihrem weißen Handgelenk"[17]. Die weiße Farbe ihrer Haut wird immer wieder erwähnt, um das Rot der Korallen hervorzuheben und die provozierende Wirkung der Farbe zu betonen.[18] Weiß steht vor allem im Christentum symbolisch für Unschuld und Vollkommenheit.[19] Bezogen auf die Urgroßmutter ist das reine Farce, da sie keinesfalls als unschuldig und jungfräulich bezeichnet werden kann, weil sie sich immerhin einiger Liebhaber bedient, während ihr Mann unterwegs ist, und von Sergejewitsch sogar ein Kind erwartet. Die Provokation wirkt - ihr Mann bemerkt das leuchtende Armband, unterbricht seinen russischen Monolog, da ihm bewusst geworden sein muss, dass seine Frau die Situation nicht mehr akzeptiert. Es begann mit ‚rot wie die Wut‘ bei ihrem Wiedersehen und endet mit ‚rot wie das Blut‘ mit einem Schuss „mitten ins Herz"[20].

Auch in der Geschichte der Erzählerin begegnet dem Leser die Farbe Rot als Symbol für Wut in Bezug auf ihren Lebensgefährten bzw. Geliebten. Normalerweise wäre zu erwarten, dass Rot in diesem Fall für Liebe stehen sollte, doch die Beziehung zwischen den Beiden ist an keinem Punkt der Erzählung harmonisch oder romantisch. Sie ist nicht einmal als richtige Beziehung zu erkennen, was durch den "namenlosen" Geliebten noch verstärkt wird. Dass es so viele Parallelen zwischen ihrem Leben und dem ihrer Urgroßmutter gibt und deshalb die Farbe Rot auch die gleiche Symbolik besitzt, wird deutlich, als sie sagt: „Die Vergangenheit war so dicht mit mir verwoben, daß [sic!] sie mir manchmal wie mein eigenes Leben erschien."[21]

Ein letztes Mal als Symbol für Wut kommt die Farbe Rot beim Besuch des Therapeuten zum Ausdruck. Nach längerem, angestrengtem Schweigen reißt der Faden des Armbandes, die über die Jahre angestaute Wut bricht somit hervor und „die sechshundertfünfundsiebzig wutroten kleinen Korallen platzten in einer funkelnden Pracht von meinem dünnen und mageren Handgelenk"[22]. Durch diesen letzten Akt und die Zerstörung des Korallenarmbandes wird der ganzen Wut, die sich bei der Urgroßmutter sowie bei der Erzählerin angestaut hat, Luft gemacht und beide Frauen können sich nun befreit fühlen.

[...]


[1] Vgl. Kuna (o.J.)

[2] Vgl. Heinz-Mohr (1971), S. 9

[3] Vgl. Zerbst/Kafka (2003), S. 6f.

[4] Vgl. Sahin (2011)

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. Hermann (1998), S. 15

[7] Vgl. ebd., S. 16

[8] Ebd., S. 16

[9] Ebd., S. 17

[10] Vgl. Sahin (2011)

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. Vollmar (2009), S. 126

[13] Vgl. Vollmar (2009), S. 142

[14] Vgl. ebd., S. 136

[15] Vgl. ebd., S. 127f.

[16] Vgl. Hermann (1998), S. 12

[17] Ebd. (1998), S. 16

[18] Vgl. auch ebd., S. 15

[19] Vgl. Heller (1989), S. 146f.

[20] Hermann (1998), S. 17

[21] Ebd., S. 22

[22] Hermann (1998), S. 26

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Symbolik bei Judith Hermann. Ein Vergleich zwischen "Aqua Alta" und "Rote Korallen"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Fremdprachenphilologie)
Note
1,5
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V229900
ISBN (eBook)
9783656450719
ISBN (Buch)
9783656451525
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
symbolik, judith, hermann, vergleich, aqua, alta, rote, korallen
Arbeit zitieren
B.A. Viktoria Heitz (Autor), 2012, Symbolik bei Judith Hermann. Ein Vergleich zwischen "Aqua Alta" und "Rote Korallen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229900

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