"Das Urteil" von Franz Kafka. Interpretation


Seminararbeit, 2012
10 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Figurenanalyse

3. Parallelen zu Kafkas Leben

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

In der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 schloss Franz Kafka seine Erzählung Das Urteil ab.[1] In der Erstausgabe findet sich die Widmung „Für Fräulein Felice B.“ Es scheint, er verarbeite darin die Beziehung zu ihr , so schreibt er Felice ein Jahr später: „Findest Du im »Urteil« irgendeinen Sinn … Ich finde ihn nicht und kann auch nichts darin erklären“.[2] An seine Bekannte Milena wendet er sich ein Jahrzehnt später mit den Worten: „In jener Geschichte hängt jeder Satz, jedes Wort, jede – wenn’s erlaubt ist – Musik mit der »Angst« zusammen, damals brach die Wunde das erste Mal auf in einer langen Nacht.“[3] An dieser Stelle kommt die Frage auf, ob er mit der erwähnten Angst die Angst vor seinem Vater meint.

Dieser Aufsatz beschäftigt sich jedoch nicht mit den Beweggründen der Entstehung dieser Erzählung, sondern interpretiert diese unter besonderer Rücksichtnahme auf den Konflikt mit dem Vater, der unübersehbar das Thema im Urteil ist. Die Problematik ist insoweit von Interesse, da Kafka selbst erhebliche Probleme mit seinem Vater hatte. Einige Parallelen zwischen seiner Biographie und Georgs Verhältnis zum Vater werden während der Interpretation hervorgehoben.

Dass das Vater-Sohn-Motiv im Urteil ausschlaggebend ist, sieht man an seiner geplanten Veröffentlichung der Erzählungen Das Urteil, Die Verwandlung und Der Heizer in einem Band, mit dem Titel Die Söhne. Besonders das Motiv der Strafe bzw. der Verurteilung ist eng mit dem Vater-Sohn-Motiv verbunden.[4] Weiterhin ist jenen Texten gemeinsam, dass sich ihre Helden nicht oder nicht zureichend mit ihrer Umgebung verständigen können.[5] Im Urteil kommt dieser Aspekt durch die nicht vorhandene Kommunikation zwischen Georg und seinem Vater sowie seinem russischen Freund zum Tragen.

2. Figurenanalyse

Georg Bendemann ist ein junger Kaufmann, der mit seinem alten Vater zusammenlebt und vor kurzem dessen Geschäft übernommen hat, wobei er nun mehr Umsatz macht als zuvor. Auffallend ist der Name ,Georg‘, welcher ein Anagramm zu ,Gregor‘, der Hauptfigur aus der Verwandlung, darstellt. Des Weiteren hat ,Georg‘ die gleiche Anzahl an Buchstaben wie ,Franz‘. ,Bendemann‘ besteht aus ,Bende‘ und ,Mann‘. ,Bende‘ hat wiederum so viele Buchstaben wie ,Kafka‘ und auch die Vokale sind an der gleichen Stelle verankert. ,Mann‘ steht zur Verstärkung des ,Bende‘ an seinem Platz.[6]

Der Sohn hat die Hauptaufgaben im Geschäft übernommen, so dass sich der Vater zurück-ziehen kann. Dass er nicht mehr der Jüngste wird dadurch verdeutlicht, dass er sich auch zu Hause nicht mehr ausreichend selbst um sich kümmern kann.

Georg schreibt einen Brief an seinen Schulfreund, welcher schon einige Jahre in Russland lebt und von dem er glaubt, dass er in der Ferne unglücklich sei, weswegen er ihm die Verlobung mit Frieda sowie seinen beruflichen Erfolg verschweigen will. Erst auf Drängen seiner Verlobten hin berichtet er ihm von der bevorstehenden Hochzeit.

Mit dem fertigen Brief geht Georg in das Zimmer seines Vaters, das er schon seit einiger Zeit nicht mehr betreten hat, um diesem von dem Brief zu erzählen und wahrscheinlich auch, um dessen Zustimmung zu erhalten. Der Alte kann sich zunächst nicht an den Freund erinnern und unterstellt ihm, er bilde sich das nur ein. Georg wird bewusst, wie schwach der Vater ist und dass er sich mehr um ihn kümmern muss, weshalb er ihn auch in die künftige Wohnung mitnehmen will. Er macht sich jedoch nur Sorgen um Ernährung, Kleidung sowie Sauberkeit, nicht um den seelischen Zustand des Alten. In dem Moment, als Georg ihn auf den Händen zum Bett trägt und der Vater mit der Uhrkette seines Sohnes spielt, nähert sich der Vater der Rolle des Kindes und die hierarchische Beziehung verschiebt sich. Als er gut zugedeckt – begraben – in seinem Bett liegt, bricht es aus ihm heraus.[7]

Der Vater beginnt mit seinen Beschimpfungen wie ein wildgewordener Tyrann. Von dem schwachen, gebrechlichen Mann ist nichts mehr zu sehen. Auch in der Verwandlung wird dieses Motiv aufgegriffen, so fragt sich Gregor nach seiner Verwandlung: „War das noch der Vater? […], der müde im Bett vergraben lag, […] im Schlafrock im Lehnstuhl[…] nun aber war er recht gut aufgerichtet […] Augen stechen frisch und aufmerksam hervor.“[8] Der Vater wird von einem ungebrochenen Selbstvertrauen getragen, wodurch sein Verhalten unmittelbar überzeugt. Dieser Aspekt zeigt sich, als er den Freund den „Sohn seines Herzen“[9] nennt und auch, indem er Frieda für alles verantwortlich macht. „Weil sie die Röcke gehoben hat […] hast du sich an sie herangemacht, […] hast du unser Mutter Andenken geschändet, den Freund verraten und deinen Vater ins Bett gesteckt, damit er sich nicht rühren kann.“[10] In diesem Moment unterstellt er seinem Sohn eine rein sexuelle Beziehung genauso wie den Verrat an ihrem bisherigen Leben. An dieser Stelle kann durchaus Freud ins Spiel gebracht werden, um auf die ödipale Situation hinzuweisen, d.h. Georg protestiert hasserfüllt gegen seinen übermächtigen Vater, dem eine erotische Fixierung an die Mutter entspricht. Dies ist beispielsweise an der Tatsache zu sehen, dass der Sohn sich erst nach deren Tod beruflich weiterentwickeln und verloben kann. Außerdem nimmt er das Todesurteil an, da er mit seiner Beziehung zu Frieda das Andenken an die Mutter als geschändet ansieht.[11] Möglicherweise ist das einer der Lösungsansätze auf die Frage, warum Georg sein Schicksal akzeptiert.

[...]


[1] Vgl. Wagenbach (1964), S. 74

[2] Kafka (1990), S. 491

[3] Briefe an Milena (1952), S. 214

[4] Vgl. Sokel (1964), S. 78

[5] Vgl. Binder (2004), S. 146

[6] Vgl. Binder (1975), S. 145

[7] Vgl. Alt (2005), S. 324

[8] Kafka (1976), S. 88f

[9] Kafka (1976), S. 50

[10] Kafka (1976), S. 51

[11] Vgl. Binder (1975), S. 133

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
"Das Urteil" von Franz Kafka. Interpretation
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
10
Katalognummer
V229903
ISBN (eBook)
9783656453079
ISBN (Buch)
9783656455035
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
urteil, franz, kafka, interpretation
Arbeit zitieren
B.A. Viktoria Heitz (Autor), 2012, "Das Urteil" von Franz Kafka. Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229903

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