Die Entwicklung der Bürgersprache im 19. Jahrhundert


Seminararbeit, 2009
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Bürgertum und seine Entwicklung im 19. Jahrhundert
2.1 Historische Hintergründe
2.2 Soziale Zusammensetzung des Bürgertums

3. Die Sprache des Bürgertums
3.1 Voraussetzungen und Bedingungen einer bürgerlichen Standardsprache
3.2 Die bürgerliche Sprachkultur
3.2.1 Popularisierung und Pädagogisierung der Standardsprache
3.2.2 Verwendung der bürgerlichen Sprache im Alltag

4. Textbeispiele der bürgerlichen Sprache

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Im 18. Jahrhundert dominierte noch eine feudale Hofkultur und eine, mit französischen Anteilen gemischte Sprachform, und das Bürgertum war erst als aufstrebende gesellschaftliche Kraft anzusehen. Mit den entscheidenden ökonomischen, politischen und sozialen Veränderungen Ende des 18. Jahrhunderts übernehmen nun immer mehr die Bürger die führende Rolle in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Dabei nimmt man sich vor allem bürgerliche Bildung und bürgerliche Lebensformen zum Maßstab des Verhaltens, den auch andere gesellschaftliche Gruppen vermehrt anerkennen. Deshalb bezeichnen speziell Sprachhistoriker das 19. Jahrhundert vorwiegend als bürgerliches Jahrhundert.[1] Aufgrund der Gesellschaftsordnung, welche durch das Bürgertum geprägt ist, rückt besonders die bürgerliche Sprache, die als Standardsprache[2] zu bezeichnen ist, in den Vordergrund. Die Art und Weise des Gebrauchs der Sprache sieht man als Merkmal für eine bestimmte Methode der Kultur oder für bestimmte gesellschaftliche Gruppierungen oder Formationen an. In der Epoche des 19. Jahrhunderts entsteht in Deutschland eine für die Sozialgeschichte bestimmte gesellschaftliche Gruppe: ,das Bildungsbürgertum‘.[3]

In der folgenden Arbeit soll gezeigt werden, durch welche historischen Hintergründe es zum Bürgertum kam und wie dieses definiert wird. Im Hauptteil wird die bürgerliche Sprache analysiert, d.h. es wird untersucht, welche Voraussetzungen und Bedingungen nötig waren, um eine Art Standardsprache heranreifen zu lassen. In diesem Zusammenhang wird außerdem auf den Gebrauch der Standardsprache eingegangen und wie sie sich auf den bürgerlichen Alltag auswirkt.

Schlussendlich werden einige Textbeispiele aufgeführt, um die zuvor theoretisch geschilderten sprachlichen Differenzen zwischen den einzelnen Bildungsschichten praktisch zu veranschaulichen.

2. Das Bürgertum und seine Entwicklung im 19. Jahrhundert

2.1 Historische Hintergründe

Die industrielle Revolution Deutschlands findet ihren Durchbruch in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Dafür wurden bis zu diesem Zeitpunkt durch verschiedene Maßnahmen wie z.B. der Einführung der Gewerbefreiheit, dem Ausbau der Infrastruktur oder der Schaffung eines einheitlichen Wirtschafts- und Zollgebiets Ausgangsbedingungen geschaffen. In der zweiten Jahrhunderthälfte kommt es zu einer rasanten ökonomischen Entwicklung, die eine enorme Ballung der ökonomischen Macht bei gewerblichen Unternehmern, Kaufleuten und Bankiers bewirkt. Diese bilden sich in den Städten zur ökonomischen und sozialen Spitzengruppe aus, ohne dass dies bei der Teilhabe an der gesamtstaatlichen politischen Macht ein Pendant finden würde. Nun kommt es zuerst zu einer Veränderung der Arbeits- und Wirtschaftsmentalität, so dass die Lebens- und Arbeitsweise der frühkapitalistischen Zeit immer mehr verschwindet. Damit rückt die Arbeit und nicht mehr der Mensch in den Mittelpunkt. Es bildet sich so der Typus des Unternehmers heraus, dessen Hauptinteresse dem Geschäft gilt.[4]

Der ökonomisch- industrielle Aufschwung, Veränderungen der Landwirtschaft und die Agrarkrise sowie die politische Einigung sind die Ursachen für die seit Ende der sechziger Jahre einsetzende Ost- West- Binnenwanderung, die zur Veränderung der deutschen Gesellschaft entscheidend beiträgt. Die ländliche Ost- Bevölkerung wandert in die Industriezentren, die immer mehr zu städtischen Ballungszentren werden. Das deutsche Reich wandelt sich vom Agrarland zum Industriestaat, was sich im Rückgang der Landbevölkerung und in der Urbanisierung zeigt.1871 sind es noch zwei Drittel der Bevölkerung, die auf dem Land leben, Anfang des 19. Jahrhunderts macht die städtische Bevölkerung fast zwei Drittel des deutschen Volkes aus.[5]

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt sich ein Bewusstsein, im bürgerlichen Zeitalter zu leben.[6] Fraglich bleibt, ob die Menschen damals ihr Jahrhundert schon als bürgerlich bezeichneten oder ob diese Definition erst später entstanden ist. Bürgerliche Werte und Rechtsauffassungen setzen sich durch trotz der Rückschläge durch die 48er- Revolution, deren Folge die Forcierung des bürokratischen Beamtenstaats ist. Mit langfristiger Nachwirkung der Aufklärung hebt sich ein nüchternes, zweckorientiertes Denken hervor.[7] Das bürgerliche Zeitalter entsteht trotz des Weiterbestandes von Monarchien und der Besetzung von wichtigen Positionen im Staat durch den Adel. Doch obwohl das Großbürgertum sowie das Bildungsbürgertum zahlenmäßig anwachsen, steigt ihr Prozentanteil wegen der allgemeinen Bevölkerungszunahme bis 1913 nur auf 5% an der gesamten Bevölkerung. Mit seinen Randgruppen, Künstlern und der doppelt so großen Formation des Kleinbürgertums beträgt der bürgerliche Anteil an der Gesamtbevölkerung im Kaiserreich nur 15%.[8]

2.2 Soziale Zusammensetzung des Bürgertums

Der Typ des Bürgers verändert sich nicht nur im Laufe des Jahrhunderts, sondern auch entsprechend der Perspektive, aus der man ihn betrachtet. So war in der frühen Neuzeit bzw. im 18. Jahrhundert unter Bürger der Stadtbürger zu bezeichnen, dessen Stand meist an Vermögen und ökonomischer Leistungsfähigkeit zu messen war und für den der zünftig organisierte Handwerkmeister als Prototyp stehen kann. Dieses Bild beeinflusst zwar noch die Vorstellung vom Bürger bis ins zweite Drittel des 19. Jahrhunderts, wird aber andererseits gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch das Bild des Besitzbürgers und des Bildungsbürgers abgeschwächt und im laufenden 19. Jahrhundert gänzlich verdrängt.[9]

Zu Beginn muss man sich jedoch die Frage stellen, wo der Platz dessen ist, was als Bürgertum bezeichnet wird. Vorrangig wird zwischen dem Besitz- oder Großbürgertum (Großkaufleute, Industrielle, Rentiers, usw.), dem Bildungsbürgertum (höhere Beamte, Richter, Pfarrer, Juristen, Schriftsteller, usw.) und dem Kleinbürgertum (mittlere und untere Beamte, Handwerker, Volksschullehrer) unterschieden. Diese drei Formationen besitzen bestimmte Wertvorstellungen und Verhaltensformen, die man bei der ländlichen Bevölkerung oder dem Adel nicht teilt. Das Bürgertum möchte den Feudalismus abschaffen, hat Vorstellungen von Liberalismus, Nationalismus und von einem Verfassungsstaat. Faszinierend machte die Bürgerlichkeit die finanzielle Sicherheit, die intellektuelle Selbstständigkeit, die Hochschätzung von Sachkompetenz und methodischer, eigenkontrollierter Lebensführung sowie die Privatheit des familiären Bereichs.[10]

An der Dreiteilung des Bürgertums lässt sich sehen, wie heterogen dieses im 19. Jahrhundert gestaltet ist. Innerhalb des Ganzen, was als Bürgertum bezeichnet wird, finden sich stets Überlappungen oder Übergänge wie z.B. zwischen Kleinbürgertum und Proletariat oder Großbürgertum und Adel. Trotzdem sind es neben dem Sprachverhalten auch die Lebensweisen, Wertvorstellungen und Mentalitäten, welche den gemeinsamen Kern des sogenannten Bürgertums ausmachen.[11] Im 18. Jahrhundert definierte sich der Bürger über Besitz, Reichtum und Bildung, wobei Bildung und Reichtum voneinander getrennt betrachtet werden konnten. Rund hundert Jahre später ist zwar ein gewisses Minimum an materiellem Besitz noch immer ein Kriterium, um ein bürgerliches Bewusstsein bzw. Ansehen zu erwirken, jedoch ist die Dimension der Bildung um einiges wichtiger. Es ist anzumerken, dass Bildung und Besitz hierbei keinesfalls mehr unabhängig voneinander sind, da Bildung den Besuch des humanistischen Gymnasiums, eventuell mit Abitur und anschließendem Studium, bedeutete. So war der Erwerb von Bildung im Sinne einer akademischen Ausbildung ohne ein stetiges und relativ hohes Einkommen nicht denkbar.[12]

Aufgrund der Beziehung zwischen Besitz und Bildung lässt sich im 19. Jahrhundert der Kern des Bürgertums im Besitzbürgertum und im Bildungsbürgertum ausmachen. Die Repräsentanten des Industrie-, Handels- und Finanzkapitals verkörpern den bürgerlichen Geist am reinsten, durch Risikobereitschaft, Konkurrenz, Unternehmungsgeist, Erfolgsstreben und Leistungsbewusstsein.[13] Die Gruppe der selbständigen Akademiker besitzt aufgrund ihrer Position und Funktion in der Bürokratie eine große Ähnlichkeit zu den Interessen der wirtschaftlich dominierenden Gruppe. Hinzu kommt, dass die höheren Beamten immer mehr mit den Unternehmern und den selbstständigen Akademikern verschmelzen. Diese Verbindungen kommen zustande, weil alle Beteiligten daraus profitieren können, da die Einen mehr Vermögen, die Anderen eine höhere Bildung besitzen. Demnach stellten diese drei Gruppen das Hauptkontingent des Bürgertums im Kaiserreich.[14]

Trotz allem soll das Bildungsbürgertum als wichtigste Trägerschicht der bürgerlichen Kultur und Mentalität gelten. Problematisch bei der Untersuchung über die Hauptvertreter des Bürgertums ist, dass in einigen Texten das Bildungsbürgertum als Prototyp des Bürgers[15] bezeichnet wird, in anderen wiederum wird diese Definition für den Besitzbürger verwendet.[16] Idealerweise geht man davon aus, zwischen den beiden Gruppen keine großen Unterschiede mehr zu machen, da sie, wie bereits erwähnt, im Laufe der Zeit miteinander verschmelzen. Für die Untersuchung der Sprache ist dieser Aspekt ohnehin irrelevant. Es lässt sich festhalten, dass nur die Bildung, die in der Schule vermittelt wird, greif- und messbar ist. Der Schulabschluss trägt nunmehr dazu bei, die Vorstellung von Bildung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu konkretisieren und zu verengen. Am Ende des Jahrhunderts dominiert dann ein durch das Bildungsbürgertum geprägter Begriff von ,Bildung‘. So sind zwar Besitz und Vermögen noch immer die wichtigsten Grundlagen der sozialen Stellung, doch die neue Gesellschaft verpflichtet zur Bildung. Denn selbst Reichtum ist ohne Bildung nicht vollkommen gesellschaftsfähig – wogegen die sogenannte akademische Bildung auch ohne Vermögen zur Gesellschaftsfähigkeit verhilft.[17]

[...]


[1] Vgl. Cherubim (1983), S.407

[2] Als Standardsprache bezeichnet man die Sprache, welche traditionell mündlich sowie schriftlich z.B. an Schulen erwartet und weiterentwickelt wird. Außerdem findet man sie in Grammatiken und Wörterbüchern. In erster Linie wird die Schriftsprache kodifiziert, aber auch die Aussprachnormen gehören zur Standardsprache: Vgl. Barbour/Stevenson (1998), S. 145

[3] Vgl. Mattheier (1991), S.41

[4] Vgl. Rosenbaum (1981), S. 314

[5] Vgl. ebd., S.315

[6] Vgl. Jordan (2000), S.257

[7] Vgl. Jordan (2000), S.250

[8] Vgl. ebd., S.257

[9] Vgl. Linke (1996), S.19

[10] Vgl. Jordan (2000), S.256

[11] Vgl. Cherubim (1983), S.408

[12] Vgl. Rosenbaum (1993), S.319

[13] Vgl. ebd., S.316

[14] Vgl. ebd., S.318

[15] Vgl. hierzu Linke (1996), S.27

[16] Vgl. hierzu Rosenbaum (1993), S.316

[17] Vgl. Linke (1996), S.29

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der Bürgersprache im 19. Jahrhundert
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V229905
ISBN (eBook)
9783656453062
ISBN (Buch)
9783656453932
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, bürgerspache, jahrhundert
Arbeit zitieren
B.A. Viktoria Heitz (Autor), 2009, Die Entwicklung der Bürgersprache im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229905

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