Enhanced E-Books – Ein neuer Produkttyp auf dem Buchmarkt

Vor- und Nachteile von EPUB 3 zur Umsetzung von Enhanced E-Books


Bachelorarbeit, 2012

55 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Forschungsbericht

2 Enhanced E-Books – Eine Begriffsbestimmung
2.1 Multimedia, Medien und Interaktivität
2.2 Mediale Einflüsse der Entwicklung des Enhanced E-Books
2.3 Charakteristika des Enhanced E-Books anhand einiger
Beispiele

3 Dateiformate und Softwaretechniken für Enhanced E-Books
3.1 E-Books als Anwendungen: Apps
3.1.1 App-Store – der falsche Ort für Enhanced E-Books?
3.1.2 In-App-Stores
3.2 Das offene Dateiformat EPUB (2)
3.3 Aufschlüsselung einer (Apple Fixed Layout-)EPUB-Datei
3.4 EPUB 3.0
3.4.1 Optionen für das Seitenlayout
3.4.2 Integration von Videos
3.4.3 Synchronisation durch Media Overlays
3.4.4 Animationen und Interaktivität durch JavaScript
3.5 Proprietäre Formate: Apples ibooks und Amazons KF8

4 Einsatzmöglichkeit für Enhanced E-Books im EPUB(3)-Format auf Devices
4.1 E-Reader
4.2 Tablets
4.3 Fallback als Lösung für die Gerätediversität

5 Fazit: Bietet EPUB 3.0 eine Alternative für die Produktion von Enhanced E-Books?

Literaturverzeichnis

1 Forschungsbericht

Technischer Fortschritt bedingt seit den Anfängen des Buches die Darstellungs- und Rezeptionsmöglichkeiten seiner Inhalte. So ebnete zum Beispiel die Erfindung der fototechnischen Reproduktion den Weg für eine vereinfachte Integration von Illustrationen und Abbildungen in Büchern, sodass Text und Bild noch stärker in ein produktives Spannungsverhältnis treten konnten.

Auf dem E-Book-Markt greift der Fortschritt der Technik jedoch deutlich entschiedener in bisherige Strukturen der Produktion und Rezeption ein: Die Feststellung, dass das Medium Buch sein Speichermedium gegenüber dem E-Book immer mit sich trägt, erscheint dabei zunächst trivial – ihre Implikationen sind es jedoch nicht. Zur Rezeption einer digitalen Publikation benötigt der Leser neben der Repräsentation des Textes – in einem Dateiformat oder eingebettet in den Programmcode einer App – ein Lesegerät, das die physischen technischen Komponenten zur Anzeige des Buches zur Verfügung stellt, und Software, die die Brücke zwischen beidem schlägt.

An allen drei Punkten konnten in den letzten Jahren stetige Weiterentwicklungen beobachtet werden: Besonders die Hardware verhalf dem E-Book durch die Erfindung von E-Readern mit elektronischem Papier zu einer ersten Akzeptanz. Seit einiger Zeit jedoch zeichnet sich neben ihnen der Trend zum multifunktionalen Tablet[1] ab, das sämtlichen Medienkonsum befriedigen kann. Mit der Durchsetzung dieses Gerätetyps zum Lesen von E-Books, beflügelt durch die Lancierung des iPads von Apple im Frühjahr 2010, korrelieren neue Möglichkeiten zur Gestaltung von Buchprodukten: Anreicherungen durch Video und Audio, neue Rezeptionsformen wie Interaktivität oder eingebettete Spiele-Elemente sind denkbar. Bereits kurz nach Erscheinen des iPads sorgte die App Alice for the iPad [2] für weltweites Aufsehen: Die Illustrationen John Tenniels in den Erstauflagen des Kinderbuchklassikers Alice’s Adventures in Wonderland in Kombination mit den sensomotorischen Fähigkeiten des iPads[3] zeigten auf, welche Möglichkeiten sich der Buchproduktion eröffnen, und setzten einen ersten Maßstab für Enhanced E-Books.

Bislang konnten Enhanced E-Books nur als Apps oder als nicht-standardisiertes EPUB in Apple iBooks (vgl. Kap. 3.2) produziert werden. Damit wird nun, nach der Hardware, eine weitere technische Komponente des E-Books thematisiert: Die technische Repräsentation des Inhalts. Mit der Verabschiedung des überarbeiteten Standards EPUB, der nun in Version 3 vorliegt, sollen sich für Medienproduzenten und Verlage neue Möglichkeiten öffnen, Buchprodukte multimedial anzureichern. Inwiefern lassen sich Enhanced E-Books mit dieser Technologie jedoch tatsächlich umsetzen? Welche Schnittstellen der technischen Komponenten werden dabei berührt; hat z. B. die Hardware oder die Lesesoftware einen Einfluss auf das Potenzial oder die Anwendbarkeit von EPUB 3 (Kap. 4)? Wie präsentiert sich die derzeitige Marktlage hinsichtlich der Formatkompatibilität zu einem Anbieter wie Amazon (Kap. 3.5) und beeinflusst damit eine zukünftige Weichenstellung pro EPUB 3 für Verlage? Als Grundlage entwirft diese Arbeit dafür zunächst eine Definition des Enhanced E-Books und zeigt auf, welche Kriterien zur Beschreibung und zur Abgrenzung gegenüber konventionellen E-Books angelegt werden können und sollten, da dies zur Etablierung einer eigenständigen und beachtenswerten Produktform auf dem Buchmarkt unerlässlich ist.

Zur Beantwortung der aufgeworfenen Fragen fokussiert diese Arbeit auf das Segment des Enhanced Kinder-E-Books, da diese bislang den stärksten Anteil angereicherter E-Books ausmachen und bereits sehr ambitionierte, innovative Produkte entstanden sind, an denen sich eine mögliche Umsetzung in EPUB 3 zweckdienlich zeigen lässt. Kinder-E-Books sind daher für das Folgende nur insofern definiert, als sie einen überwiegenden bis gleichen Bildanteil zum Text aufweisen. Das digitale Bilderbuch wird darunter also dezidiert ebenfalls verstanden.

Nicht Gegenstand dieser Arbeit ist die Frage nach der pädagogischen Dimension von Kinder-E-Books. Aufgrund mangelnder Daten, die in diesem frühen Entwicklungsstadium mit sehr heterogenen Ausführungen eines Enhanced E-Books auf keiner brauchbaren empirischen Basis beruhen würden, ist die Einschätzung einer zukünftigen Marktrelevanz ebenfalls nicht konkret möglich, zumal selbst die Oberkategorie E-Book erst 1 % Umsatzanteil am Buchmarkt[4] in Deutschland ausmacht. Zur Zeit stehen Verlage daher der Herausforderung gegenüber, mit dem neuen Medienformat Enhanced E-Book zu experimentieren und Erfahrungen zu sammeln. EPUB 3 kann, wie noch zu zeigen sein wird, eine Unterstützung dafür bieten.

Das Enhanced E-Book ist – nicht zuletzt durch seine junge Geschichte – bislang kaum Gegenstand wissenschaftlichen Interesses gewesen. Eine der wenigen Aufsätze dezidiert über Enhanced E-Books ist Sylvia K. Millers Enhanced E-Books. How Books Are Coming Alive in the Digital Environment [5]. Wie der Publikationskontext allerdings bereits vermuten lässt – es handelt sich hier um einen Sammelband der American Library Association – bezieht sich ihre Darstellung hauptsächlich auf Schulbücher und Fachliteratur, dennoch ließen sich ein paar allgemeine Hinweise gut im Zusammenhang dieser Arbeit verwerten. Des Weiteren liegt eine Abschlussarbeit von Moritz Wasserek[6] vor, die einige Unstimmigkeiten in der Definition des Begriffs aufweist. Diese zeigen jedoch auf, wie im Folgenden noch zu sehen sein wird, welche Schwierigkeiten eine Abgrenzung mit sich bringt.

Das EPUB-Format ist in erster Linie durch die Dokumentation des International Digital Publishing Forums (IDPF)[7] gut belegt. Zur Kontextualisierung und Einarbeitung in dieses eher fachferne Gebiet empfehlen sich die beiden Publikationen E-Books konzipieren und produzieren [8] und E-Books mit ePUB. Von Word zu E-Books mit XML [9]. Beide Bücher sind als praxisorientierte Fachliteratur für Verlage konzipiert, wobei Ersteres durch sein jüngeres Erscheinungsdatum näher auf die Erweiterungen durch EPUB 3 eingeht, der Titel von Wang hingegen bietet an einigen Stellen detailreichere Informationen. Die Darstellungen zu den Neuerungen durch EPUB 3 stützen sich im Wesentlichen auf die Publikationen What is EPUB 3 [10] und Accessible EPUB 3 [11] von Garrish, der auch als Herausgeber der IDPF-Spezifikationen in Erscheinung tritt, sowie auf Kasdorfs Beitrag EPUB 3 (Not Your Father’s EPUB) [12].

Zur Erschließung der gegenwärtigen Situation des Enhanced E-Books im Kontext mit aktuellen Entwicklungen des Electronic Publishings wurden vor allem aktuelle und qualitativ hochwertige Internetbeiträge durch Verlagsexperten und -berater genutzt, z. B. die Blogs smart digits [13] von Harald Henzler und Andreas Wiedmann sowie derlektor [14] von Peter Schmid-Meil, Leiter des Arbeitskreis für elektronisches Publizieren des Börsenvereins.

Zuletzt sei an dieser Stelle auf einige technische Einzelheiten hingewiesen: Als derzeit einzige Lesesoftware bietet Azardi volle EPUB 3-Unterstützung.[15] Daher liegen bislang auch keine Enhanced E-Books, die über Entwicklertests hinausgehen, im Standard-EPUB 3 vor. Sämtliche Enhanced E-Books wurden als App oder EPUB (mit der iBooks-App Version 2.1.1) auf einem iPad der dritten Generation mit iOS 5.1.1 betrachtet. Zum Nachvollziehen der Bestandteile einer EPUB-Datei (Kap. 3.3) empfiehlt sich die Darstellung mithilfe eines Editors, z. B. Notepad++ [16].

2 Enhanced E-Books – Eine Begriffsbestimmung

Problematisch ist, dass Begriffe wie »enhanced«, »enriched«[17] oder Namen von Produktreihen wie »Digitalbuch Plus«[18] vor allem als Marketing-Schlagwörter fungieren. Zusätzlich divergiert die tatsächliche Ausgestaltung des Mehrwertes gegenüber einem E-Book, das eine einfache digitale Variante zur Printversion darstellt, in den betrachteten Beispielen so stark, dass eine genauere Beschreibung und Einordnung einzelner Komponenten eines sogenannten angereicherten E-Books notwendig ist.

Es handelt sich bei dem Begriff »Enhanced E-Book« um eine dynamische Bezeichnung einer Unterklasse von E-Books, d. h., dass sich Charakteristika und Kriterien mit dem Fortschritt der Technologie und den damit korrelierenden Nutzererwartungen[19] verändern können.[20] Daher dient die folgende Abgrenzung vor allem als definitorische Ausgangsbasis für die in dieser Arbeit als solche bezeichneten Enhanced E-Books, zugleich bietet sie aber auch eine erste wissenschaftliche, ausführliche Annäherung an die Charakteristika dieses noch jungen Gegenstandes. Bisher ist dies in der Forschung noch nicht zufriedenstellend geschehen.

So bleibt Martin Wasserek in seiner Definition sehr schwammig. Zum einen grenzt er Enhanced E-Books als Weiterentwicklung gegenüber dem von ihm sogenannten »einfachen E-Book« ab, indem er »Multimediainhalte und interaktive Elemente«[21] als Kriterien für das Enhanced E-Book benennt. Dabei spannt sich das Feld der Interaktivität für ihn sehr undifferenziert von der einfachen Funktion des Markierens einzelner Abschnitte mit Schnittstelle zu Social-Reading-Plattformen[22] bis hin zur (Neu-)Gestaltung des Inhalts durch den Rezipienten[23]. Zum anderen lasse sich diese Interaktivität in der Regel nur mithilfe der nativen App erreichen, die an die Hard- und Software des entsprechenden Gerätes gebunden ist. Die native App wird von Wasserek jedoch nur als Sonderform des Enhanced E-Books deklariert, denn »Ebook und Enhanced e-Book Formate zeichnen sich hingegen durch offene Standards aus [...].«[24]. Als unbrauchbar entlarvt der Autor eine solche starke Einschränkung selbst, indem er zum Schluss der Definition als Beispiel für ein Enhanced E-Book Our Choice von Al Gore, entwickelt von Push Pop Press, anführt, das nur als native App für iOS-Geräte erhältlich ist.

Des Weiteren zeigt die Definition ihre Schwächen an folgenden Punkten: Vergleicht man ein bei Amazon erhältliches E-Book mit dem proprietären Kindle-Format azw/Mobipocket mit seinem z. B. bei Libreka angebotenen Pendant im offenen Format EPUB, so lassen sich hinsichtlich Funktion, Darstellung und Inhalt kaum Unterschiede feststellen. Das Kriterium des offenen Standards als Bedingung für die Bezeichnung »E-Book« heranzuziehen, halte ich demnach für wenig zielführend: Die technische Form des Produktes – sei es als App, als E-Book im EPUB oder azw-Format – schafft keine signifikanten Unterschiede in der für den Rezipienten sichtbaren Ausgabe der technischen Kodierung (vgl. Abb 8).

Im Folgenden stellt Wasserek »durch Enhanced e-Books entstehende[...] anwenderspezifische[...] Mehrwerte« vor: Mobilität, Schnellzugang/Allgegenwart, Zugriffs-(z. B. Volltextsuche), Interaktions- und Personalisierungsfunktion (z. B. Notizen). Damit widerspricht er seiner oben bereits vorgestellten engeren Definition, dass Enhanced E-Books sich durch Multimediainhalte und interaktive Elemente auszeichnen, indem er sie so sehr erweitert, dass sich bereits jedes einfache, rein auf Text basierende E-Book darunter fassen lässt. Somit könnte also jedes digitale Texterzeugnis, das mehr ist als ein statisches Abbild seiner Printvorlage, als »enhanced« bezeichnet werden.

Auch wenn diese Definition sich als unbrauchbar erweist, so zeigt sie dennoch die Problematik auf: Wo verläuft die Grenze zwischen einem herkömmlichem Ebook und seiner angereicherten Variante? Auffällig ist, dass Wassereks Mehrwerte allein Funktionen darstellen, die nicht zwingend im E-Book selbst angelegt sein müssen, sondern häufig durch entsprechende Lesesoftware oder Gerätehardware erst generiert werden. Daher sollte der Fokus einer nützlichen Definition eher auf den Inhalten des E-Books liegen: Multimediainhalte sind demnach eine grundsätzliche Bedingung für die hier vorgeschlagene Definition. Diese Feststellung findet sich in der Regel auch in den knappen Definitionen, die die Forschung und Fachliteratur bislang anbieten: So stellt z. B. Miller fest, dass ein durch Videos und auditives Material angereicherter, erzählender, zentraler Text eines E-Books ebenso als » multimedia e-book «[25] [Hervorhebung im Original, J. U.] bezeichnet werden kann.

2.1 Multimedia, Medien und Interaktivität

Eine allgemein verbindliche Definition von Multimedia besteht nicht.[26] Grundlegend ist jedoch die integrative Verbindung unterschiedlicher Medien.

Da die sogenannten »Neuen Medien« durch ihre Digitalisierung komplexere Strukturen als die konventionellen aufweisen, bietet sich zur detaillierten Beschreibung die folgende Einteilung von Steinmetz an: Er differenziert den Begriff »Medium« vor dem Hintergrund eines technisch-funktionalen Medienverständnisses in die Kategorien Repräsentations-, Perzeptions-, Präsentations-, Speicher-, Übertragungs- und Informationsaustauschmedium, wobei die letzteren beiden im Kontext dieser Arbeit nicht weiter von Belang sind. Das Speichermedium bezeichnet einen materiellen Datenträger wie eine CD-ROM, das Präsentationsmedium die Mittel zur Darstellung von Informationen wie Bildschirm und Lautsprecher. Auch ein Eingabegerät wie die Tastatur wird darunter erfasst. Die digitale Kodierung eines Textes oder Bildes, zum Beispiel in den Dateiformaten rtf oder jpg, stellt das Repräsentationsmedium dar. Perzeptionsmedien entsprechen einem allgemeinen Verständnis von Medien, denn hier wird auf die Sinneswahrnehmung durch den Rezipienten rekurriert: Auditive und visuelle Medien sind dabei die beiden primären Unterscheidungen, weiter unterteilen lassen sich visuelle Medien z. B. in Text und Bild.[27]

Am Beispiel des Enhanced E-Books im EPUB-Format lassen sich damit folgende Medienkategorien näher feststellen: Als Perzeptionsmedien sind auditive und visuelle Medien vorhanden, zur Rezeption und Darstellung der Inhalte kann z. B. das Präsentationsmedium Touchscreen sowohl als Ein- und Ausgabeschnittstelle dienen. Die Festplatte o. Ä. des Lesegerätes kann als Speichermedium fungieren, beim Lesen »in der Cloud« erfüllen dies Server und Cache. Repräsentationsmedien sind jeweils die einzelnen Datenformate bzw. Codierungen für Bilder, Texte (z. B. Strukturierung durch XHTML, vgl. Kap. 3.2) oder Videos.

Die erste Bedingung für die Definition von Multimedia lautet demnach, dass mindestens zwei verschiedene Perzeptionsmedien zusammenwirken müssen. Dies stellt sich jedoch als nicht hinreichend dar, bedenkt man, dass so auch die Vereinigung von Bewegtbild und Ton zum Film als multimedial bezeichnet werden müsste. Eine weitere Einschränkung wird daher von Steinmetz vorgeschlagen, indem er eine Kombination von diskreten (zeitunabhängigen, deren Wiedergabe also nicht an einen Zeitfortschritt gebunden ist, z. B. das Bild) und kontinuierlichen Medien (zeitabhängigen, z. B. der Film) voraussetzt.[28] Damit entfallen alle Kombinationen von Bild und Text sowie von Ton und Bewegtbild für die Bezeichnung als multimediale Inhalte.

Als weitere Bedingung wird für diese Definition von Multimedia der von Klimsa vorgeschlagene technische Aspekt der Integration und Präsentation der Medien herangezogen. Er äußert sich in den Dimensionen der Parallelität, des Multitaskings und der Interaktivität. Multitasking und Parallelität beziehen sich dabei beide auf die Gleichzeitigkeit der Ausführung von Medienformen, wobei Multitasking die technische Seite anspricht und die Parallelität sich auf die Präsentation und das Zusammenspiel der Medien bezieht.[29]

Bei dem Wort Interaktivität lässt sich ebenfalls ein übermäßiger Gebrauch für Werbezwecke und eine damit einhergehende Verwässerung der Definition feststellen.[30] Überträgt man die eigentlich auf zwischenmenschliches Handeln bezogene Bedeutung auf Mensch-Computer-Interaktivität, so meint sie »die Eigenschaften von Software [...], dem Benutzer eine Reihe von Eingriffs- und Steuermöglichkeiten zu eröffnen.«[31] Dabei wurden in der Forschung verschiedene Abstufungen von Interaktionsmöglichkeiten festgestellt, wobei diese vor dem Hintergrund des interaktiven Fernsehens[32] entwickelt wurden und einem heutigen Verständnis von Interaktivität hinsichtlich der kommunikativen Rückkopplungsmöglichkeiten, die z. B. das Web 2.0 mit sich brachte, nicht mehr völlig standhalten. Dennoch bietet eine sich an diesem Vorbild orientierende und angepasste abgestufte Einteilung von Interaktionsmöglichkeiten ein Werkzeug zur Beschreibung von Enhanced E-Books in Anbetracht derer noch großen Diversität. So lässt sich Interaktivität als Kategorie heutiger Multimedien grundlegend als nicht-lineare Darstellung von Inhalten[33] begreifen: Der Nutzer kann auf Informationen nach seinem Belieben an verschiedenen Punkten zugreifen. Gesteigerte Interaktionsmöglichkeiten sind z. B. eine individuelle Auswahl der Inhalte (z. B. die Deaktivierung von Shopping-Tipps in Reiseführern). Über diesen Aspekten der Auswahl und des Zugriffs steht die Beeinflussung der Inhalte, z. B. durch eigene Ergänzungen, die Postel zum höchsten Level erklärt.[34] Eine vollständige Interaktion ist jedoch erst dann erreicht, wenn der Nutzer nicht nur aktiv Inhalte verändern kann, sondern die Inhalte (bzw. die Technik dahinter) darauf reagieren, sodass eine Kommunikation entstehen kann. Damit ließen sich z. B. E-Books mit personalisierten Charakteren realisieren.[35]

2.2 Mediale Einflüsse der Entwicklung des Enhanced E-Books

Die medialen Einflüsse auf das Entstehen des Enhanced E-Books sieht Adina Reza in folgenden drei Ursprüngen:[36] Erstens erwähnt sie das Pop-Up-Buch, das Illustrationen dreidimensional beim Aufschlagen einer Seite durch entsprechende gefaltete Papierkonstruktionen darstellt und zur Gruppe der Bewegungsbilderbücher gehört.[37] Sinnvoll ist es, weitere Vertreter der beweglichen Bilderbücher miteinzubeziehen. Pohl und Umlauf bezeichnen diese in ihrer Erläuterung zur Warengruppen-Systematik als Erlebnisbilderbücher, bei denen verschiedene Sinne des Kindes angesprochen, Teile auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt werden, hinter Papierklappen weitere Dinge entdeckt und Schnüre o. Ä. durch Ausstanzungen gezogen werden können. Die Autoren sehen den Trend zu dieser Form von Bilderbüchern in der »Multimedia-Welt« begründet.[38] Dies deutet darauf hin, dass sich das Printmedium Buch und das Enhanced E-Book für Kinder gegenseitig beeinflusst haben und beeinflussen werden.

[...]


[1] Oft werden diese Geräte auch als Tablet-PC oder Tablet-Computer bezeichnet, da die Unterschiede zum Notebook oder Desktop-Rechner durch das mobile Betriebssystem und die Handhabung jedoch sehr groß sind, könnte ein solches Kompositum zu Missverständnissen führen.

[2] Stevens, Chris/Roberts, Ben: Alice for the iPad. Atomic Antelope 2012 [App V. 3.0.1].

[3] Durch den eingebauten Accelerometer kann das Gerät erkennen, in welche Richtung es gekippt wird. Die Animationen aus Alice folgen so der Bewegung des Lesers.

[4] Diese Angabe bezieht sich auf den Endkunden-Umsatz für das Jahr 2011, ohne Schul- und Fachbücher, vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hrsg.): Markt mit Perspektiven ‑ das E‑Book in Deutschland 2011. Pressemappe. 04.06.2012. Url: http://www.boersenverein.de/sixcms/media.php/976/E-book-Studie%202012%20PRESSEMAPPE_print.pdf [24.06.2012].

[5] Miller, Sylvia K.: Enhanced E-Books. How Books Are Coming Alive in the Digital Environment. In: No shelf required 2. Use and Management of Electronic Books. Hrsg. von Polanka, Sue. Chicago: American Library Association 2012, S. 115–126.

[6] Wasserek, Moritz: Enhanced e-Books. Veränderungen und Chancen für Akteure der Buchbranche. Masterarbeit Bauhaus-Universität Weimar, Medienmanagement. Berlin: epubli 2011.

[7] Vgl. zu den Spezifikationen zu EPUB 2 und 3: International Digital Publishing Forum (Hrsg.): EPUB. In: IDPF. Url: http://idpf.org/epub [24.06.2012].

[8] Matrisch, Uwe/Welsch, Ursula: E-Books konzipieren und produzieren. 2., aktualisierte Aufl. Taching am See: MedienEdition Welsch 2011.

[9] Das Buch ist auch unter dem Untertitel Von Word zum E-Book mit XML zu finden, dieser wurde in Abweichung zum Titelblatt auf dem Cover aufgedruckt. Wang, Victor: E-Books mit ePUB. Von Word zu E-Books mit XML. Heidelberg: mitp 2011.

[10] Garrish, Matt: What is EPUB 3? Beijing u. a.: O’Reilly 2011.

[11] Garrish, Matt: Accessible EPUB 3. Beijing u. a.: O’Reilly 2012.

[12] Kasdorf, Bill: EPUB 3 (Not Your Father’s EPUB). Opening Pandora’s box in the world of e-books. In: Information Standards Quarterly 2/23 (2011).

[13] smart digits. Strategien für das digitale Business. Url: http://www.smart-digits.com/ [26.06.2012].

[14] derlektor. Buch, Fernsehen, Internet – Wer wird gewinnen? Url: http://www.schmid-meil.de/ [26.06.2012].

[15] Kostenfrei zu beziehen als reine Desktopversionen unter: http://azardi.infogridpacific.com/download.html.

[16] Kostenlos erhältlich unter: http://notepad-plus-plus.org/download/v6.1.3.html.

[17] So z. B. bei Wang 2011, S. 18. Enriched scheint nach dem Wort Enhanced am häufigsten dafür gebraucht zu werden, einen in irgendeiner Form angereicherten Mehrwert bei E-Books zu beschreiben. Da keine Unterschiede in der Anwendung festzustellen waren, ist davon auszugehen, dass es sich hierbei um ein Synonym handelt.

[18] Reihentitel der Enhanced E-Books (als Apps) von Rowohlt, vgl. Roesler-Graichen, Michael: Rowohlt startet Digitalbuch Plus. In: boersenblatt.net. 7.10.2010. Url: http://www.boersenblatt.net/400246/ [07.06.2012].

[19] Vgl. Miller 2012, S. 116.

[20] So sieht es auch Miller: »[...] [T]he definition of enhanced e-book is fluid«, denn »Enhanced ebooks are in their infancy; even the language used to describe them is developing and fluid.« Miller 2012, S. 125.

[21] Wasserek 2011, S. 11.

[22] Vgl. Wasserek 2011, 15f.

[23] Vgl. Wasserek 2011, S. 12.

[24] Wasserek 2011, S. 12.

[25] Miller 2012, S. 117.

[26] Einen Überblick über Definitionsansätze verschiedener Perspektiven bieten für die Anfänge der Forschung Fricke, Reiner: Evaluation von Multimedia. In: Information und Lernen mit Multimedia und Internet. Lehrbuch für Studium und Praxis. Hrsg. von Issing, Ludwig J. Weinheim: Beltz 2002, S. 445–465, S. 446–448 und für die jüngere Forschung Zwingenberger, Anja: Wirksamkeit multimedialer Lernmaterialien. Kritische Bestandsaufnahme und Metaanalyse empirischer Evaluationsstudien. Diss. Univ. Aachen 2008 (Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie Bd. 73). Münster: Waxmann 2009, S. 25–31.

[27] Vgl.Steinmetz, Ralf: Multimedia-Technologie. Grundlagen, Komponenten und Systeme. 3.Aufl. Berlin: Springer 2000, S. 7–9.

[28] Vgl. Steinmetz 2000, S. 10–12.

[29] Vgl. Klimsa, Paul: Multimedianutzung aus psychologischer und didaktischer Sicht. In: Information und Lernen mit Multimedia und Internet. Lehrbuch für Studium und Praxis. Hrsg. von Issing, Ludwig J. Weinheim: Beltz 2002, S. 5–17, S. 5f.

[30] Vgl. Haack, Johannes: Interaktivität als Kennzeichen von Multimedia und Hypertext. In: Information und Lernen mit Multimedia und Internet. Lehrbuch für Studium und Praxis. Hrsg. von Issing, Ludwig J. Weinheim: Beltz 2002, S. 127–136, S. 127.

[31] Haack 2002, S. 128.

[32] Vgl. Böck Bachfischer, Nikola Maria: Interaktive Medien im elektronischen Medienmarkt. Eine theoretische und empirische Analyse, dargestellt am Beispiel der Akzeptanz eines elektronischen Versandhandelskatalogs. Dissertation. München 1996, S. 12.

[33] Kerres, Michael: Technische Aspekte multi- und telemedialer Lernangebote. In: Information und Lernen mit Multimedia und Internet. Lehrbuch für Studium und Praxis. Hrsg. von Issing, Ludwig J. Weinheim: Beltz 2002, S. 19–27, S. 23.

[34] Vgl. Postel, Matthias: Internet und Fernsehen. Von asynchronen zum synchronen Content bei Live-Events (Beiträge zur Medienästhetik und Mediengeschichte Bd. 11). Münster: Lit 2001, S. 9.

[35] Vgl. Eckerlein, Nicolai: Schlagwort Enriched Media – Enhance your E-Book. In: Buch der Zukunft. Über die leise und unaufhaltsame Revolution im Verlagswesen. Hrsg. von Tißler, Jan. Hamburg: tredition 2010, S. 223–230, S. 227f.

[36] Vgl. zu Folgendem: Reza, Adina: The value of enhanced. In: PaperC.com. Just another (dev)blog. 02.06.2012. Url: http://blog.paperc.com/2012/06/02/the-value-of-enhanced/ [06.06.2012].

[37] Vgl. Starost, Nina: Pop-up-Bücher (Alles Buch. Studien der Erlanger Buchwissenschaft Bd. 14). Erlangen 2005. Url: http://www.alles-buch.uni-erlangen.de/Starost.pdf [06.06.2012], S. 11 und 18.

[38] Vgl. Pohl, Sigrid/Umlauf, Konrad: Warenkunde Buch. Strukturen, Inhalte und Tendenzen des deutschsprachigen Buchmarkts der Gegenwart. 2., erneuerte Aufl. auf der Basis der Warengruppen-Systematik 2007. Wiesbaden: Harrassowitz 2007, S. 89.

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Details

Titel
Enhanced E-Books – Ein neuer Produkttyp auf dem Buchmarkt
Untertitel
Vor- und Nachteile von EPUB 3 zur Umsetzung von Enhanced E-Books
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Autor
Jahr
2012
Seiten
55
Katalognummer
V229979
ISBN (eBook)
9783656449577
ISBN (Buch)
9783656451570
Dateigröße
1559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
enhanced, e-books, produkttyp, buchmarkt, vor-, nachteile, epub, umsetzung
Arbeit zitieren
Jessica Upmeier (Autor), 2012, Enhanced E-Books – Ein neuer Produkttyp auf dem Buchmarkt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229979

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