Das Internet hat seit Beginn seines Daseins allerlei Hoffnungen und Utopien im akademischen Diskurs hervorgebracht. Von Anfang an lag dabei der Fokus auf dem Verhältnis zur Politik. Die Erwartungen hinsichtlich der Auswirkungen des WWW auf die politische Arena erstreckten sich über eine große Bandbreite. Der Mainstream der Forschung sah in dem neuen Medium die Möglichkeit, die Gesellschaft (wieder) stärker zu politisieren.Die Bürger könnten durch das Internet frei und in einem öffentlichen Raum miteinander kommunizieren, Informationen bereitstellen, ihre Meinung leicht und kostengünstig artikulieren und dieser Aufmerksamkeit verschaffen. Dadurch würden die Chancen von allen Menschen steigen, ihre Interessen und Bedürfnisse in die öffentliche Arena einzuspeisen.(...) Auch der Diskurs sollte durch das Internet verändert werden. Durch den wesentlich einfacheren Zugang der Bürger zur Öffentlichkeit erhoffte man sich, dass sich dieser nun durch eine stärkere Präsenz an Teilnehmern aus der Peripherie auszeichnen, mehr von Argumenten geprägt und fairer, offener und einflussreicher sein würde als bisher. Damit wurde dem neuen Medium nichts weniger als die Kraft zugeschrieben deliberative Ideale zu verwirklichen. Doch reicht die Erfindung eines neuen Kommunikationsraums, um die Bürger stärker zu politisieren und damit die Demokratie zu stärken, vielleicht sogar zu verbessern? Ist das Internet als neue Diskursplattform der Schlüssel zur deliberativen Demokratie?
In einem ersten, theoretischen Teil sollen auf die grundsätzlichen, demokratietheoretischen Überlegungen des hierzulande entscheidend von Jürgen Habermas geprägten, deliberativen Paradigmas eingegangen werden. Ein besonderes Augenmerk soll in diesem Abschnitt auf der Bedeutung von Öffentlichkeit und Diskurs für das politische System liegen. Der Schwerpunkt der Arbeit konzentriert sich allerdings auf den zweiten, empirischen Teil. Durch das Heranziehen von zwei Studien, die mit der Gleichheit der Partizipation und der Qualität des Diskurses jeweils zwei zentrale Elemente des normativen Ideals thematisieren, soll überprüft werden, inwieweit das Netz diese Ideale verwirklichen kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Paradigma der deliberativen Demokratie
2.1 Die Rolle der Öffentlichkeit
2.2 Der Diskurs – Bedeutung und Bedingungen
3 Online-Diskurse im Licht deliberativer Ideale
3.1 Diskursplattform Internet – Wirklich ausgeglichene Beteiligung?
3.2 Diskursplattform Internet – Wirklich hohe Qualität?
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch, ob das Internet als neue Diskursplattform die Ideale der deliberativen Demokratie nach Jürgen Habermas erfüllen kann, oder ob die empirische Realität deutlich hinter den theoretischen Erwartungen zurückbleibt.
- Theoretische Fundierung der deliberativen Demokratie und der Rolle der Öffentlichkeit.
- Analyse der Bedingungen für einen idealen, argumentativen Diskurs.
- Empirische Untersuchung der Partizipationsegalität in Online-Diskursen.
- Bewertung der Qualität von Online-Debatten in verschiedenen Qualitätsmedien.
- Vergleich zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Umsetzung im Netz.
Auszug aus dem Buch
3.1 Diskursplattform Internet – Wirklich ausgeglichene Beteiligung?
Im Zuge der Erfindung des Internets bekamen die Überlegungen des Frankfurter Sozialtheoretikers zu Öffentlichkeit und Diskurs neuen Auftrieb, da viele Charakteristika des World Wide Web dem Habermas’schen Diskurs zuträglich erscheinen. So können sich die Teilnehmer durch das fehlende Wissen über Aussehen, Rasse, Geschlecht etc. des Gegenübers allein auf den Austausch von Argumenten konzentrieren. Ferner bietet das Internet die Möglichkeit, sich an vielen verschiedenen und/oder weit entfernt stattfindenden Diskursen zu beteiligen und dabei zeitlich asynchron zu kommunizieren (vgl. Albrecht, 2006: 5). Logisch, dass nicht wenige in der akademischen Welt nun den Weg endlich frei für einen Habermas’schen Diskurs sahen (Meißelbach, 2009: 7). So kommt es, dass es bereits eine Reihe von Studien gibt, die die Habermas’schen Diskursstandards an reale Online-Diskurse anlegen. In der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft hat sich hierbei besonders Steffen Albrecht hervorgetan. Der Medienwissenschaftler analysiert in der 2006 veröffentlichten Studie „Political discourses as communicative networks. An investigation of distortions in online deliberation“ (Albrecht, 2006) neun politische Online-Diskurse in einem komparativen Untersuchungsdesign, um die normativen Vorstellungen von idealer, diskursiver Kommunikation empirisch zu prüfen. Dabei konzentriert sich Albrecht besonders auf die von der Theorie postulierte Gleichheit der Beteiligung am Diskurs, welche er stark bezweifelt (ebd.)
Zur Untersuchung der Partizipationsegalität wird ein kompliziertes Design erstellt, das drei verschiedene methodische Ansätze kombiniert und insgesamt neun Online-Diskussionen in Deutschland, Italien, USA und auf europäischer Ebene untersucht. Auf die Methodik der Untersuchung soll im Folgenden nicht näher eingegangen werden. Die erhobenen Daten stammen von den Web-Foren der drei Internet-Plattformen „Information Renaissance“, „DEMOS“ und „FUTURUM“ der Europäischen Kommission, die sich jeweils nur einem Thema widmen. Das Themenspektrum wie auch die Themenreichweite der Diskussionen ist sehr groß, da kommunale Themen wie die Verkehrssituation in Bologna ebenso debattiert werden wie der Verfassungsentwurf der Europäischen Union (vgl. Albrecht, 2006: 12). Um das normative Ideal der gleichen Beteiligung empirisch zu untersuchen, wird das Konstrukt Partizipation zunächst in drei Dimensionen unterteilt. Für jede Dimension wird anschließend eine Hypothese formuliert. Die erste Dimension untersucht die Stärke der Beteiligung zwischen den Usern. Deshalb wird angenommen, dass jeder Diskursteilnehmer genau gleich viele Beiträge schreibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Erwartungen ein, das Internet könne als demokratieförderndes Medium dienen, und skizziert die methodische Ausrichtung der Arbeit anhand zweier empirischer Studien.
2 Das Paradigma der deliberativen Demokratie: Dieses Kapitel erläutert das Habermas'sche Verständnis der deliberativen Demokratie, insbesondere die Rolle der Öffentlichkeit und die notwendigen Bedingungen für einen rationalen, herrschaftsfreien Diskurs.
3 Online-Diskurse im Licht deliberativer Ideale: Hier werden Studien zur Partizipation und Diskursqualität in Online-Plattformen und Kommentarspalten von Qualitätsmedien analysiert, um deren Übereinstimmung mit normativen Idealen zu prüfen.
4 Fazit: Das Fazit stellt fest, dass die hohen deliberativen Erwartungen empirisch kaum erfüllt werden, betont jedoch die Bedeutung der deliberativen Theorie als Orientierungshilfe für die moderne Demokratie.
Schlüsselwörter
Deliberative Demokratie, Internet, Online-Diskurs, Öffentlichkeit, Partizipation, Jürgen Habermas, Diskursqualität, Politische Kommunikation, Argumentation, Konsens, Digitale Medien, Partizipationsegalität, Demokratietheorie, Qualität von Online-Debatten, Politische Willensbildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis zwischen dem theoretischen Konzept der deliberativen Demokratie und der tatsächlichen Praxis politischer Kommunikation im Internet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Demokratietheorie nach Habermas, die Bedeutung der Öffentlichkeit, die Qualität von Online-Diskursen sowie die empirische Überprüfung von Partizipation und Argumentationskultur im Netz.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob das Internet die deliberativen Ideale – wie eine gleichmäßige Beteiligung und eine hohe Qualität des Diskurses – tatsächlich einlösen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die durch die Analyse und Auswertung zweier empirischer Studien (von Steffen Albrecht und einem Forscherteam um Carlos Ruiz) fundiert wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung deliberativer Ideale sowie die anschließende empirische Überprüfung dieser Standards anhand von Online-Diskussionsforen und Kommentarbereichen großer Qualitätszeitungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Deliberative Demokratie, Online-Diskurs, Partizipation, Öffentlichkeit und Diskursqualität.
Wie bewerten die untersuchten Studien die Gleichheit der Beteiligung?
Die untersuchten Studien zeigen, dass eine gleichmäßige Partizipation der Teilnehmer im Internet nicht stattfindet; stattdessen sind die Beiträge sehr ungleich verteilt und es dominieren oft wenige Akteure.
Gibt es Unterschiede in der Qualität des Diskurses zwischen verschiedenen Medien?
Ja, die Studie von Ruiz et al. stellt fest, dass das diskursive Niveau stark variiert und englischsprachige Qualitätsmedien eher "Communities of Debate" bilden als südwesteuropäische Leitmedien.
Ist das Internet nach Ansicht des Autors für die Demokratie bedeutungslos?
Nein, der Autor sieht zwar die deliberativen Ideale als nicht erfüllt an, betont aber, dass die Deliberationstheorie eine wichtige Orientierungshilfe bleibt und die repräsentative Demokratie durch das Internet neu begründet werden muss.
- Arbeit zitieren
- Christian Orth (Autor:in), 2013, Das Internet als Schlüssel zur deliberativen Demokratie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230043