Kaum ein anderes Zitat verdeutlicht besser die Erwartungshaltung, die sich im Kontext von typografischer Gestaltung und totalitärem System gemeinhin herausbilden wird: eine strenge Reglementierung und damit Instrumentalisierung der Typografie im Sinne der Herrschenden, eine Indienstnahme der Gestaltung durch das Politische. Folgerichtig überträgt sich diese Erwartungshaltung auf die Zeit des Nationalsozialismus, die als einer der klassischen Vertreter des Totalitarismus gilt. Bei oberflächlicher Betrachtung ergibt sich zunächst der erwartungsgemäße Eindruck, dass die Design- aber vor allem auch die Schriftpolitik im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie gesteuert sind, wobei sich schon hier mit dem Verbot der Fraktur 1941 ein merkwürdiger Bruch offenbart. In der intensiveren Auseinandersetzung kristallisiert sich eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit heraus, die weit über diesen einen »Bruch« hinausweist. So liegt es nahe, nicht nur nach der Instrumentalisierung typografischer Gestaltung im Nationalsozialismus zu fragen, sondern auch danach, ob und inwieweit bestimmte Phänomene Zeiterscheinungen sind, die in der Phase nach der Machtergreifung 1933 eine Fortsetzung erfuhren.
Ausgehend von eben jener Fragestellung nach Instrumentalisierung oder Zeiterscheinung ist es Ziel dieser Arbeit, »kaschierte Kontinuitäten« und Diskrepanzen zwischen offiziell propagierter Politik und tatsächlicher Umsetzung in der Praxis exemplarisch aufzuzeigen und innerhalb der Felder Instrumentalisierung oder Zeiterscheinung zu verorten.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 TYPOGRAFISCHE GESTALTUNG ALS AUSDRUCKSMITTEL
2.1 VERORTUNG UND WAHRNEHMUNG VON TYPOGRAFIE
2.2 TYPOGRAFIE ALS MACHTAUSDRUCK
3 TYPOGRAFISCHE GESTALTUNG IM KONTEXT DES TOTALITÄREN SYSTEMS
3.1 TOTALITÄRES SYSTEM UND PROPAGANDA
3.2 GESTALTUNGSPRAXIS IM NATIONALSOZIALISMUS
4 SONDERFALL NATIONALSOZIALISTISCHE SCHRIFTPOLITIK
4.1 HISTORIE UND ENTWICKLUNG DES SCHRIFTSTREITS
4.2 FRAKTURGEBOT 1933
4.3 FRAKTUR»VERBOT« 1941
4.4 DAS ZERSTÖRTE IMAGE DER FRAKTUR
5 INSTRUMENTALISIERUNG ODER ZEITERSCHEINUNG? – TYPOGRAFISCHE GESTALTUNG IM TOTALITÄREN SYSTEM DES NATIONALSOZIALISMUS
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit die typografische Gestaltung im Nationalsozialismus als gezielte Instrumentalisierung im Sinne einer Machtrepräsentation oder lediglich als Fortführung bestehender Zeiterscheinungen zu bewerten ist, wobei die Diskrepanz zwischen offizieller Propaganda und tatsächlicher Gestaltungspraxis analysiert wird.
- Typografie als Mittel der Machtausübung und Repräsentation
- Die Rolle der Typografie innerhalb totalitärer Systeme und deren Propaganda
- Die Entwicklung und der Sonderfall der nationalsozialistischen Schriftpolitik
- Analyse des "Schriftstreits" zwischen Fraktur und Antiqua
- Untersuchung der nationalsozialistischen Gestaltungspraxis anhand von Plakaten
Auszug aus dem Buch
3.2 Gestaltungspraxis im Nationalsozialismus
Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 vollzieht sich historisch gesehen ein Bruch, der sich offiziell auch programmatisch in der Kunst- beziehungsweise Gestaltungspolitik niederschlug. So schließt unmittelbar nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, die zur damaligen Zeit eher avantgardistische und in der Nachkriegszeit zum Inbegriff der Moderne erhobene Schule des Bauhauses. Manche Lehrende und Lernende weichen auf »neutrale« Betätigungsfelder aus, einige emigrieren, weil sie als Künstler verfemt werden, andere wiederum blieben und arbeiten in den Folgejahren für ihre nationalsozialistischen Auftraggeber in Bereichen wie Architektur, Grafik, Design und Ausstellungswesen. Schon diese zuweilen gegebene personelle Kontinuität, auf die am Beispiel Herbert Bayers später noch näher eingegangen werden soll, zeigt, dass der offiziell proklamierte Bruch in der Praxis weit weniger stringent erfolgte und somit selbstredend Auswirkungen auf die typografische Gestaltung nach sich zog: trotz Gleichschaltung kann ein verhältnismäßig großer Formenreichtum bewahrt werden, sodass keineswegs ein »gleichgeschaltetes« Erscheinungsbild entsteht.
In seinem Überblick über die Geschichte des Designs in Deutschland hält Gert Selle treffend fest: »Hitlers Machtergreifung bedeutet designphänomenologisch keinen Einschnitt, weder ein Anfang noch ein Ende. [...] Schönheitsideale, Formtypen [...] bleiben auf der Linie eingeübter ästhetischer und habitueller Normen und ändern sich nach 1933 kaum.« Unter anderem im Programm »Schönheit der Arbeit«, das bis 1939 Musterentwürfe, Ausstellungen und Publikationen zu Themen wie Betriebseinrichtungen oder Siedlungsprojekten realisiert, setzen sich Entwicklungen des Deutschen Werkbundes und des Bauhauses fort. Rolf Sachsse fasst diese Tendenz des Übernehmens mit Blick auf die Typografie prägnant zusammen: »In der Gebrauchsgraphik wie im Bereich der Photographie waren moderne Auffassungen willkommen, sofern sie funktionalisierbar waren.« So erscheint es letztlich nur konsequent, dass auch werbepsychologische Erkenntnisse, die vornehmlich bereits aus den 1920er Jahren stammen und unter anderem auf die starke emotionale Wirkung von Bildern sowie auf die Effizienz einfacher Aussagen verweisen, Eingang in die typografische Gestaltung finden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der typografischen Gestaltung unter totalitären Bedingungen und Definition der Forschungsfrage.
2 TYPOGRAFISCHE GESTALTUNG ALS AUSDRUCKSMITTEL: Untersuchung der Grundlagen von Typografie als Mittel zur Machtrepräsentation und Wahrnehmung durch den Betrachter.
3 TYPOGRAFISCHE GESTALTUNG IM KONTEXT DES TOTALITÄREN SYSTEMS: Analyse der Wechselwirkung zwischen totalitären Strukturen, Propaganda und der tatsächlichen grafischen Umsetzung im Nationalsozialismus.
4 SONDERFALL NATIONALSOZIALISTISCHE SCHRIFTPOLITIK: Detaillierte Betrachtung des historischen Schriftstreits und der politischen Entscheidungen bezüglich Fraktur und Antiqua.
5 INSTRUMENTALISIERUNG ODER ZEITERSCHEINUNG? – TYPOGRAFISCHE GESTALTUNG IM TOTALITÄREN SYSTEM DES NATIONALSOZIALISMUS: Synthese der Erkenntnisse zur Bewertung der Typografie als Instrument der Macht oder als fortgeführte Tradition.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Typografie, Schriftpolitik, Fraktur, Antiqua, Propaganda, Machtrepräsentation, Schriftstreit, Bauhaus, Gestaltungspraxis, Totalitarismus, Macht, Visuelle Kommunikation, 1941, Instrumentalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Typografie während der Zeit des Nationalsozialismus gestaltet wurde und ob dies einer bewussten Instrumentalisierung durch das Regime entsprach oder eine Fortführung bestehender kultureller Zeiterscheinungen darstellte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Bedeutung von Typografie als Machtmittel, der theoretische Rahmen von Propaganda in totalitären Systemen sowie die detaillierte Analyse der nationalsozialistischen Schriftpolitik, insbesondere des Streits zwischen Fraktur- und Antiquaschriften.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen offiziell propagierter nationalsozialistischer Ideologie und der tatsächlichen Gestaltungspraxis aufzuzeigen und zu klären, ob die Wahl bestimmter Schriften eine strategische Machtentscheidung oder ein reflexiver Prozess war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine strukturierte Analyse von vorhandener Forschungsliteratur sowie eine exemplarische Betrachtung von Plakatgestaltungen vorgenommen, um die typografische Praxis im Nationalsozialismus historisch einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über Typografie und Macht, die Analyse der Gestaltungspraxis im totalitären Kontext sowie die historische Aufarbeitung des Schriftstreits und des sogenannten Frakturverbots von 1941.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlagworte sind Nationalsozialismus, Typografie, Schriftpolitik, Propaganda, Fraktur, Antiqua, Machtrepräsentation und Instrumentalisierung.
Warum wurde das sogenannte "Frakturverbot" von 1941 eingeführt?
Offiziell wurde die Fraktur als "Schwabacher Judenletter" diffamiert, um sie aus dem öffentlichen Gebrauch zu verdrängen. Tatsächlich spielten jedoch machtpolitische und ökonomische Interessen, wie die Erleichterung der Kommunikation in besetzten Gebieten, eine entscheidende Rolle.
Gibt es einen klaren Beleg für eine bewusste Instrumentalisierung der Schrift?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass keine eindeutige, generelle Zuordnung möglich ist. Während das Regime versuchte, Schrift für sich zu nutzen, blieb die tatsächliche Praxis durch hohe Heterogenität und situative Entscheidungen geprägt, was die Antwort auf eine einfache "Ja oder Nein"-Frage erschwert.
- Quote paper
- Sarah Lisa Wierich (Author), 2013, Typografie im Nationalsozialismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230053