Im Frühmittelalter orientierte sich die Namengebung an familiale, gentile oder regnumsspezifische Gesichtspunkte (vgl. Debus 2003: 82). Es herrschte die Grundeinstellung, dass Familie und Name den Adel ausmachen. Wes Namen ich trage, des Hause ich bin. So lautete das Motto, an das sich die damalige Gesellschaft orientierte. Doch wie der Adel, so verpflichtete auch der Name, der diesen bezeugte. Die hohe Wirksamkeit des Namens musste also dazu beigetragen haben, dass dieser eine identitätsstiftende Funktion hatte.
Genus und nomen sollten kohärent sein wie genus (Geschlecht) und mores (Verhalten, die Art). Das Leben des Adels sollte getragen werden von edlen Taten, so wie es sich für einen Adligen geziemte, vita nobilis und actio nobilis waren somit untrennbar (vgl. Bosl 1973, zit. in: Debus 2003: 82). Diese familiale und gentile Zugehörigkeit zeigte sich schließlich in Nachbenennungen, d.h. „die Wahl des Namens nach einem direkten Vorfahren“ (Seibicke 1982: 117), der Übernahme gleicher Namenglieder oder in der Alliteration der Namen (vgl. Debus 2003: 82).
„Auch in der mittelalterlichen Literatur spiegelt sich dieser Sachverhalt, so im Heldenlied – z.B. im „Hildebrandslied“ mit Hildebrand, Hadubrand, Heribrand oder im „Nibelungenlied“ mit Gunther, Gêrnôt, Gîselher –, dann auch in der Bauernstand betreffenden Dichtung – z.B. im „Helmbrecht“ “ (Debus 2003: 82 f.), in welchem, als Folge der Nachbenennung, über drei Generationen hinweg der Name Helmbrecht erscheint (vgl. ebd.).
Inhaltsverzeichnis
1. Historisches
2. Personennamen und Identität
2.1. Beziehung Name-Referenzsubjekt
2.2. Vornamen und Nachnamen
2.3. Offizielle und inoffizielle Funktion von Namen
2.3.1. Offizielle Funktion von Namen
2.3.2. Inoffizielle Funktion von Namen
3. Namensänderung, Änderung der eigenen Identität?
4. Selektionsprinzipien und Probleme
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die identitätsstiftende Funktion von Personennamen unter Berücksichtigung historischer Entwicklungen, rechtlicher Rahmenbedingungen sowie soziokultureller Einflussfaktoren auf die Namensgebung.
- Historische Entwicklung der Namensgebung vom Mittelalter bis zur Neuzeit
- Die juristische und funktionale Bedeutung von Namen für die Identitätsbildung
- Unterscheidung zwischen offiziellen (administrativen) und inoffiziellen (sozialen) Namensfunktionen
- Implikationen und Motive von Namensänderungen für das Selbstverständnis
- Selektionsprinzipien bei der Vornamenwahl und deren psychologische Konsequenzen für das Kindeswohl
Auszug aus dem Buch
2. Personennamen und Identität
Personennamen (PN) sind identitätsstiftend. Konsequenterweise ist die Namenlosigkeit gleichbedeutend mit Anonymität. Denn erst durch eine Benennung wird der Mensch namhaft gemacht, er wird unterscheidbar von den anderen und dadurch auch identifizierbar (vgl. Debus 2003: 77). „Der Name wird juristisch definiert als die ständige sprachliche Kennzeichnung einer Person zum Zwecke ihrer Unterscheidung von anderen“ (Diederichsen 1987: 74). Nach Schramm 1957 schafft erst der Name seine Person, „[d]arum ist der Name kostbarer Besitz, ohne den ein Mensch nicht wirklich leben kann“ (zit. in: Debus 2003: 77).
Es gilt, dass der Name als Eigenname Identität stiftet. Dieser Feststellung liegt die Auffassung zu Grunde, dass Name und Namenträger eine wesenhafte Einheit darstellen und hierbei der Name für die Person steht, die Person wiederum für den Namen (vgl. Debus 2003: 78).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Historisches: Dieser Abschnitt beschreibt den Wandel der Namensgebung von der früh-mittelalterlichen, identitätsstiftenden Familienbindung hin zur hagiologisch geprägten Namenstradition des 12. Jahrhunderts.
2. Personennamen und Identität: Hier wird der Name als essentielles Merkmal zur Identifikation und Unterscheidung von Personen analysiert, wobei zwischen der offiziellen administrativen Funktion und inoffiziellen sozialen Aspekten unterschieden wird.
3. Namensänderung, Änderung der eigenen Identität?: Dieses Kapitel untersucht die Absicht hinter Namensänderungen, wie etwa bei religiösen oder beruflichen Rollenwechseln, und diskutiert, inwiefern diese eine tatsächliche Wesensänderung signalisieren.
4. Selektionsprinzipien und Probleme: Die Ausführungen behandeln die verschiedenen Motive bei der Vornamenwahl, wobei insbesondere die Gefahr einer "Originalitätssucht" der Eltern für die psychologische Identitätsentwicklung der Kinder kritisch hinterfragt wird.
Schlüsselwörter
Personennamen, Identität, Onomastik, Namensgebung, Familienname, Vorname, Identifikationsfunktion, Namensänderung, Rechtsnormen, Wohl des Kindes, Historische Namensforschung, Sozialisation, Identitätsstiftung, Selektionsprinzipien, Sprachwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der zentralen Rolle von Personennamen bei der Konstruktion und Wahrnehmung von individueller Identität in einer Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entwicklung, den rechtlichen Strukturen der Namensgebung, der Differenzierung zwischen offiziellen und inoffiziellen Namen sowie den psychologischen Auswirkungen bei der Namenswahl.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Namen als identitätsstiftende Einheiten fungieren und welche sozialen sowie rechtlichen Faktoren diesen Prozess der Identitätsbildung beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Ausarbeitung basiert auf einer literaturgestützten theoretischen Analyse namenkundlicher (onomastischer) und sprachwissenschaftlicher Quellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Herleitung, die funktionale Bestimmung des Namens, die Problematik von Namensänderungen und eine kritische Betrachtung der Auswahlkriterien bei Vornamen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Identität, Personennamen, Namensgebung, Onomastik, soziale Identifikation und rechtliche Aspekte der Namensführung.
Wie unterscheidet sich die offizielle von der inoffiziellen Funktion von Namen?
Die offizielle Funktion dient der administrativen Identifikation einer Person gemäß rechtlicher Vorgaben, während die inoffizielle Funktion soziale Aspekte wie Spitznamen oder Kurzformen umfasst, die stärker in die Identitätswahrnehmung des Individuums eingreifen.
Welche Rolle spielt das Kindeswohl bei der Namensgebung?
Das Kindeswohl fungiert in Deutschland als regulatorische Grenze für die Vornamenwahl, um psychologische Nachteile durch exzentrische oder diskriminierende Namen zu verhindern.
Wie beeinflussen Namensänderungen die Identität?
Namensänderungen signalisieren nach außen hin einen Wandel, etwa durch Amtesübernahme oder berufliche Neuorientierung, wobei der Anspruch auf Wesensänderung eine zentrale Rolle spielt.
Warum wird die „Originalitätssucht“ der Eltern als problematisch angesehen?
Sie kann dazu führen, dass die Bedürfnisse des Kindes zugunsten eines ungewöhnlichen Namens vernachlässigt werden, was zu Identitätskonflikten zwischen dem Namenträger und seinem sozialen Umfeld führen kann.
- Citation du texte
- Paolo Parisi (Auteur), 2013, Personennamen und Identität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230142