Der Prozess von Franz Kafka. Eine Analyse aus drei Blickwinkeln


Fachbuch, 2013
118 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Von einsinnigem Erkennen und einsinnigem Erzählen 1
Einleitung
Kafkas Erzählmodus im Roman Der Proceß
Gründe für den einsinnigen Erzählmodus
Ein gewagtes Wort zum Schluss
Literaturverzeichnis

Kafkas Institutionenroman ,Der Proceß’
Einleitung
Der Institutionsbegriff nach Gehlen
Kafkas Roman als Institutionsroman
Der ideale Machtapparat
Die Schuldfrage
Der ideale Machtapparat: Eine totalitäre Institution
Schlussbetrachtung
Bibliographie:

Angst und (Un-) Wissen in Kafkas Der Prozeß
Einleitung
Die Angst des Josef K
Die Angst des Lesers
Fazit
Literaturverzeichnis

Von einsinnigem Erkennen und einsinnigem Erzählen

Kafkas Erzähltechnik im Roman Der Proceß

Von Michael Steinmetz, 2006

Einleitung

Ein rätselhaftes Gericht macht einem rätselhaften Prokuristen angesichts dessen rätselhafter Schuld einen rätselhaften Prozess, und niemand wundert sich – ,absurd‘, möchte man meinen, korrigiert sich und bringt es auf den Terminus ,grotesk‘, auch nicht, vielleicht ,auf groteske Weise absurd‘, besser, wenngleich nicht treffend. Man merkt, welchem Bedürfnis der Neologismus ,kafkaesk‘ gerecht wird – dieser Terminus vermag nämlich, einen beklemmenden, geheimnisvollen und die Logik der Alltagswelt transzendierenden Sachverhalt zu titulieren, ohne das diesem Sachverhalt Eigentümliche und das für Kafkas Erzählungen typisch Rätselhafte durch althergebrachte Begrifflichkeiten zu verschleiern.

Doch wieso gibt Kafka des Rätsels Lösung so ungern preis, wieso lässt Kafka seine Rezipienten stets so hilflos zurück, ja wieso schreibt Kafka so kafkaesk? Einen möglichen Erklärungsansatz liefert der Verweis auf den für Kafka vielleicht erkenntnistheoretisch notwendigen erzähltechnischen Perspektivenmonismus, welcher den Schritt aus einem bewusstseinsimmanenten Standpunkt in den Raum einer objektiven Realität – für Erzähler, Figur und Rezipienten gleichermaßen – schlichtweg verweigert.

Durch Friedrich Beißner wurde Kafkas Œuvre erstmals in extenso erzähltheoretisch durchleuchtet – Beißner gab entscheidende und folgenreiche Aufschlüsse über Kafkas spezifische Erzähltechnik, welche man fortan mit dem von Beißner etablierten Begriff der Einsinnigkeit zu fassen versuchte.[1] Was diese Einsinnigkeit zu bedeuten hat und ob das einsinnige Erzählen von Kafka tatsächlich derart rigoros, wie von Beißner behauptet, beibehalten wird, soll exemplarisch am Roman Der Proceß untersucht werden. Genettes verdienstvolle Theorie der Erzählung soll das dafür notwendige Instrumentarium bieten.[2] Die Frage des ersten Teils dieser Untersuchung lautet demgemäß: ,Ob und inwiefern lässt sich die für Kafkas Werk von Beißner propagierte spezifische Einsinnigkeit des Erzählens am Roman Der Proceß anhand Genettes Erzähltheorie nachweisen?‘

Darauf basierend soll die Frage nach der Funktion dieses Erzählens gestellt werden. ,Inwiefern lässt sich Kafkas Erzähltechnik als Indikator für ein erkenntnistheoretisches Problemfeld oder auch als Symptom für ein geschichts- oder gesellschaftsspezifisches Krankheitsbild verstehen?‘, lautet die Fragestellung für den zweiten Teil dieser Untersuchung.

Abschließend soll andeutungsweise Kafkas Erzähltechnik im Kontext der modernen Romantheorie betrachtet werden. Etwaige Konvergenzen oder auch Divergenzen zwischen den Erzähltypen der modernen Autoren und Kafkas Erzähltechnik sollen dabei skizzenhaft benannt werden.

Kafkas Erzählmodus im Roman Der Proceß

Einsinnigkeit

Was bedeutet nun Beißners Einsinnigkeit? Er selbst expliziert seinen Begriff folgendermaßen:

Er [Kafka] wendet sich […] von der Welt der äußeren Wirklichkeit ab und entdeckt den inneren Menschen als Gegenstand epischer Kunst, […]. Kafka erzählt, was anscheinend bisher nicht bemerkt worden ist, stets einsinnig, nicht nur in der Ich-Form, sondern auch in der dritten Person. Alles, was in dem Roman »Der Verschollene« […] erzählt wird, ist von Karl Roßmann gesehen und empfunden; nichts wird ohne ihn oder gegen ihn, nichts in seiner Abwesenheit erzählt, nur seine Gedanken […] weiß der Erzähler mitzuteilen. Und ebenso ist es im »Prozeß« […]

Ist nun die innere Welt mit all ihren Erfahrungen, Einsichten, Wünschen, Träumen, Gedanken, Freuden und Kränkungen der Gegenstand Kafkaischen Erzählens und steht der Erzähler nicht als kalt beobachtender Psychologe draußen, so bleibt ihm kein andrer Platz als in der Seele seiner Hauptgestalt: er erzählt sich selbst, er verwandelt sich in Josef K. […][3]

Die wichtigsten Punkte dieses Passus bezüglich Kafkas Erzähltechnik lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1. Abkehr von der äußerlichen Wirklichkeit
2. Abkehr von psychologischer Deutung von außen
3. Hinwendung zur Innerlichkeit
4. Identifizierung des Erzählers mit Figur
5. Möglichkeit der Narration aus figuraler Perspektive (nur figurale Perzeption und figurales Räsonnement) in dritter Person

Im Grunde lassen sich die ersten drei Punkte unter den vierten subsumieren. Die Identifizierung des Erzählers mit einer seiner Figuren korreliert gewissermaßen mit der Abkehr von einer äußerlichen, objektiven Realität, inhibiert somit eine objektive psychologische Deutung der Innenwelt anderer Figuren[4] und verbietet dem Erzähler – eben wegen seiner subjektiven, figuralen Perspektive – den Erfahrungs- und Reflexionshorizont der betreffenden Figur zu übertreten. Genette nennt diesen Erzähltypus einen intern fokalisierten[5], d. h. das Zentrum des Perzipierens und Räsonierens ist ein figurenbewusstseinsinterner Ort, der Platz des Erzählens ist – mit Beißners Worten – die Seele der Hauptgestalt. Diese interne Fokalisierung ist wohl das zentrale Strukturmerkmal dessen, was Beißner mit dem Begriff der Einsinnigkeit auszudrücken versucht – der Erzähler ist außerstande eine Sinnlichkeit zu übertreten, er erzählt mit den Sinnen einer einzigen Figur. Beißner selbst charakterisiert an anderer Stelle seine Einsinnigkeit derart:

[…] es ist immer eine Gestalt vorhanden, […] in deren Bewusstsein sich der ganze Roman erzählt.[6]

Beißners Einsinnigkeit also – so kann man vorerst konstatieren – lässt sich weitestgehend aber nicht ausschließlich mit Genettes interner Fokalisierung identifizieren.

Nun ist zwar das Zentrum des Perzipierens und Räsonierens in Kafkas Romanen ein figureninternes, doch wird auf die jeweils fokale Figur – wie Beißner bemerkt – von einer narrativen Instanz in der dritten Person referiert. Doch wie ist eine derartige Erzählung von innen und außen zugleich möglich? Abhilfe schafft Genettes vielfältiger Kriterienkatalog zur Analyse der Erzählsituation. Unterscheidet man nämlich zwischen Erzählmodus und Erzählstimme, oder spezifischer: zwischen Figur, die sieht[7], und Erzähler, der spricht, so entschärft sich die Konfusion. Kafkas Identifizierung von Erzähler und Figur darf nicht als ontologische Gleichsetzung verstanden werden. Vielmehr tangiert die Identifizierung lediglich die Fokalisierung, nicht aber den Standpunkt des Erzählers. Für diesen Standpunkt des Erzählers ist nun weniger die grammatische Kategorie der Person, mit der der Erzähler auf die Figuren referiert, entscheidend als vielmehr – so Genette – die Anwesenheit des Erzählers als Figur in seiner Geschichte oder die Abwesenheit des Erzählers als Figur in seiner Geschichte.[8] Ist der Erzähler selbst als Figur in seiner Geschichte anwesend, so nennt Genette ihn homodiegetisch, ist dies nicht der Fall, so nennt er ihn heterodiegetisch.[9] Josef K. – um dies zu exemplifizieren – ist zwar Fokus der Wahrnehmung, des Denkens etc., allerdings nicht ontologisch mit dem Erzählerinstanz identisch – die Erzählerinstanz im Proceß ist auf erzählter Ebene weder als Josef K. noch als andere Figur anwesend. Das einsinnige Erzählen in der dritten Person lässt sich also ebenso – um es mit Genettes Terminologie auf den Punkt zu bringen – als heterodiegetisches, intern fokalisiertes Erzählen klassifizieren. An folgendem Exemplum soll dies veranschaulicht werden:

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, die Herren Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten.[10]

Zuerst zum zweiten Satz: Während das die visuelle Wahrnehmung denotierende Verb ,sehen‘ den bewusstseinsimmanenten Standpunkt bezeugt, verweist der Name K., d. h. die grammatische Kategorie der dritten Person, auf eine erzählende Instanz, die sich mit K. nicht ontologisch identifizieren lässt. Die heterodiegetische narrative Instanz also erzählt intern fokalisiert. Ein Einwand allerdings lässt sich erheben. Der narrative Modus der internen Fokalisierung im strengsten Sinne verweigert die Nennung des Namens der fokalen Figur – wie im vorliegenden Fall geschehen. Nicht etwa weil der Name den Erfahrungs- und Bewusstseinshorizont der fokalen Figur übersteigt, sondern weil die Nennung des Namens nicht mit der aktuellen Bewusstseinsleistung K.s korrespondiert, sondern eine externe, von der narrativen Instanz gegebene Information darstellt. Ja, im strengsten Sinn muss sogar Folgendes konzediert werden: „Restlos verwirklicht wird die interne Fokalisierung nur im “inneren Monolog“ […].[11] Zu den vorliegenden Zwecken allerdings soll von interner Fokalisierung oder Einsinnigkeit auch dann gesprochen werden – und dies ist ganz im Sinne von Genette und Beißner –, wenn der Erfahrungs- und Bewusstseinshorizont der fokalen Figur nicht transzendiert wird.[12] Für den Josef K.s Tod darstellenden Passus gilt also interne Fokalisierung oder auch Einsinnigkeit im weiteren Sinne.[13]

Zum ersten Satz: Hier macht es den Anschein, als würde der Fokus des Bewusstseins kein figureninterner sein. Vielmehr – so könnte man meinen – muss die Perspektive, da ein figurenbewusstseins-indizierendes Verb fehlt, jenseits K.s Bewusstseins lokalisiert werden. Darauf allerdings lässt sich erwidern, dass die interne Fokalisierung nicht notwendig ein derartig deklaratives Verb verlangt. Die Existenz eines derartig deklarativen Verbs bei der Erzählung von Ereignissen und die damit korrelierende Verschiebung der Ereigniserzählung auf den Nebensatz einerseits und die Absenz eines solchen deklarativen Verbs andererseits stellen das vorliegende Zitat bzgl. nur zwei unterschiedliche Modi des Erzählens aus interner Perspektive dar. Ein Beleg dafür ist die Möglichkeit, das narrative Segment in der ersten Person wiederzugeben, ohne dabei den semantischen Gehalt grundlegend zu verändern:[14],An meine Gurgel legten sich die Hände des einen Herren, während der andere das Messer mir tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte.‘

Bevor Der Proceß genauer auf Beißners These, Kafka erzählt stets einsinnig, untersucht werden soll, scheint es zweckmäßig, noch ein weiteres für Beißner gewichtiges, typisches Strukturmerkmal des kafkaesken und somit des einsinnigen Erzählens zu explizieren: nämlich die augenscheinliche – aber laut Beißner dennoch nur schein-bare – zeitliche Distanz der Erzählinstanz zum Erzählten. Freilich erzählt die narrative Instanz im Präteritum, dennoch ist – so Beißner – der Erzähler dem Erzählten nicht voraus.

Der Erzähler – das ist das Geheimnis der Wirkung – ist nirgends dem Erzählten voraus, auch wenn er im Praeteritum erzählt. Das Geschehen erzählt sich selber im Augenblick, in paradox praeteritaler Form; es erzählt sich aus einseitiger, aber durchaus einheitlicher Sicht und korrigiert nicht – das wäre trivial, wäre platte Entzauberung – den in solcher Sicht möglichen und fast unvermeidbaren Irrtum.[15]

Obwohl der Erzähler im Präteritum erzählt, dem Erzählten also voraus ist, nimmt er nicht vorweg, was auf erzählter Ebene zeitlich erreicht ist.[16]

Die wichtigsten Strukturmerkmale dessen, was Beißner mit Einsinnigkeit meint, sind nun dargelegt. Mit Genettes Typologie lässt sich diese Einsinnigkeit folgendermaßen paraphrasieren: Eine narrative heterodiegetische Instanz erzählt intern fokalisiert und relational zum Erzählten zu einem späteren Zeitpunkt gewissermaßen eine Mindestreichweite zum Erzählten wahrend – d. h. nicht proleptisch der erreichten zeitlichen Position auf Ebene der Basiserzählung vorgreifend[17] – eine Geschichte.

Im Folgenden soll Beißners These am Proceß ex negativo überprüft werden, d. h. anhand von Passus, welche die Allgemeingültigkeit der Einsinnigkeit zu falsifizieren imstande sind. Zuerst sollen dabei – vornehmlich der Chronologie des Erzählverlaufs folgend – etwaige Erzählerkommentare, -wertungen und damit korrelierende Veränderungen in der Fokalisierung untersucht werden, um dann – allerdings eher andeutungsweise – derartige Phänomene zu besprechen, welche Genettes Typologie zufolge die Ordnung und Dauer betreffen.[18] Nachdem eine Bestandsaufnahme der Negativbelege für Beißners Einsinnigkeit geleistet worden ist[19], soll die Funktion jener Einsinnigkeitsbrüche besprochen werden.

Brüche in der Einsinnigkeit

Änderungen der Fokalisierung

Ein erster Negativbeleg, auf den in der Forschung oft hingewiesen wird[20], ist der erste Satz des Proceß-Romans:

1) Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.[21]

Erst später erfährt K. und somit auch der Leser von der Verhaftung K.s. Deswegen liegt es nahe, hier wegen der Information über K.s Verhaftung eine distanzierte und somit K.s Bewusstsein transzendierende Erzählinstanz zu vermuten, welche dem Erzählten, das mit K.s Erwartung einsetzt, sein Frühstück zu bekommen, sehr wohl voraus ist. Der Konjunktiv ,hätte‘ allerdings – auch darauf ist in der Forschung hingewiesen worden[22] – verweist eher auf das Räsonnement des Protagonisten, verneint jedenfalls in Bezug auf die Schuldfrage einen mehr als K. wissenden oder gar 0-fokalisierten Erzähler.

Gemäß Beißners grundsätzlichem Einwand gegen Kritik an der Allgemeingültigkeit der Einsinnigkeit, „man sollte nicht von »Ambiguität« reden, wo die erste Möglichkeit (der früheren Information der Mittelpunktsgestalt) durchaus mit den sonst beobachteten Eigenschaften Kafkaischer Erzählung übereinstimmt“[23], interpretiere ich den gesamten zitierten Passus als einen intern fokalisierten, als – um den Erzählmodus konkret zu benennen – erlebte Gedankenrede K.s, auch die scheinbar von außen getätigte Feststellung von K.s Verhaftung. Denn durchaus kann K. von dem Ausbleiben seines Frühstücks auf eine Verhaftung schließen. Wieso lautet seine Reaktion auf die explizite Verhaftung sonst: „Es sieht so aus“? K. scheint schon vor dem performativen Sprechakt der Verhaftung von seiner Verhaftung zu ahnen. Der zitierte Passus also gibt – wie ich meine – keine eindeutige Evidenz für einen Bruch in der einsinnigen Erzählhaltung.

Anders vielleicht folgender Fall aus dem ersten Kapitel[24]:

2) „Schauen Sie nicht hin!“, stieß er hervor, ohne zu bemerken, wie auffallend eine solche Redeweise gegenüber selbstständigen Männern war.[25]

Wenn jemand etwas nicht bemerkt, so kann es kaum seiner Bewusstseinsleistung entspringen, sein Nichtbemerken zu bemerken, so könnte man argumentieren. Nicht umsonst wird dieser Passus in der Forschung oft als Beispiel für die traditionelle Allwissenheit des Erzählers genommen.[26] Retten allerdings lässt sich Beißners These für diesen Fall – wie ich meine – insofern, als man das in Frage stehende Segment folgendermaßen versteht: ,… Während er den Satz äußerte, bemerkte er nicht, …‘, oder auch: ,… ohne dabei zu bemerken …‘ Das Bemerken des Nichtbemerkens oder Erwähnen des Nichtbemerkens könnte demnach – auch wenn keinesfalls zwingend – ebenso als narrativisierte retrospektive Gedankenrede K.s in Folge seiner unbedachten Äußerung verstanden werden.[27] Jedenfalls lässt sich in diesem Fall nicht klar und deutlich eruieren, welche Art der Fokalisierung vorliegt. Von einem eindeutigen auktorialen bzw. allwissenden bzw. 0-fokalisierten Erzähler zu reden, scheint mir ebenso problematisch, wie einen eindeutigen personalen bzw. intern fokalisierten Erzähler zu konstatieren.

Zu Beginn des Kapitels Advokat / Fabrikant / Maler scheint – bei einem durchaus ähnlichen Fall – eine auktoriale Lesart schon zwingender:[28]

3) Aber statt zu arbeiten drehte er sich in seinem Sessel, verschob langsam einige Gegenstände auf dem Tisch, ließ dann aber, ohne es zu wissen, den ganzen Arm ausgestreckt auf der Tischplatte liegen und blieb mit gesenktem Kopf unbeweglich sitzen.[29]

Das Wissen um das Nichtwissen in diesem Fall als narrativisierte retrospektive Gedankenrede K.s zu deuten, erscheint äußerst unplausibel. Das Verb ,wissen‘ ist im Gegensatz zum Verb ,bemerken‘ durativ. Das Nichtwissen muss keine augenblickliche Handlung wie das Bemerken meinen, sondern kann ebenso gut – dies scheint in diesem Fall sehr wahrscheinlich – einen zeitlich längeren Zustand umfassen. Selbst wenn K. in seiner auf das Nichtwissen von seiner Haltung folgenden und über mehrere Seite anhaltenden Gedankenrede sich seiner Müdigkeit und somit seiner physischen Haltung bewusst wird,[30] so ist doch seinem aktuellen Bewusstseinszustand im großen zeitlichen Umfang vorgegriffen,[31] die Einsinnigkeit also durchbrochen. Am plausibelsten scheint also, die Information über das Nichtwissen als Kommentar des Erzählers zu deuten. Ein erster – mehr oder weniger eindeutiger – Beleg für einen 0-fokalisierten Erzähler ist also herausgearbeitet.

Bevor die Funktion eines solchen Eingriffs der erzählten Instanz geklärt wird, sollen noch weitere etwaige Belege für den Bruch in Kafkas einsinniger Erzählhaltung ermittelt werden.

Im zweiten Kapitel während der ersten Unterredung K.s mit Frau Grubach ist eine Veränderung der Fokalisierung unbestreitbar. Dort nämlich „verläßt der Erzähler augenblicklich den Standort K.s, um den Leser über Frau Grubachs Gedanken aufzuklären:“[32]

4) Sie stand auf weil auch er aufgestanden war, sie war ein wenig befangen, weil ihr nicht alles was K. gesagt hatte verständlich gewesen war. Infolge dieser Befangenheit sagte sie aber etwas was sie gar nicht wollte und was auch gar nicht am Platze war: […][33]

Hier lässt sich nichts deuten. Frau Grubach wird zur fokalen Figur.[34] Die Einsinnigkeit wird durchbrochen oder wenigstens verschoben, die interne Fokalisierung wird variabel.[35]

Zum nächsten Beispiel. Ebenfalls im zweiten Kapitel heißt es über K., welcher nahezu pietätlos über Fräulein Bürstner herfällt:

5) „Ich komme schon“, sagte K., lief vor, faßte sie, küßte sie auf den Mund und dann über das ganze Gesicht, wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich gefundene Quellwasser hinjagt.[36]

Eindeutig lässt sich der Tiervergleich natürlich nicht als Kommentar eines 0-fokalisierten Erzählers deuten, der Vergleich kann ja K.s Bewusstseinsleistung entsprechen. Da K.s Vorgehen jedoch eher unbedacht und reflexartig wirkt, scheint ein derartiges Räsonnement auf Seiten K.s eher unwahrscheinlich. Es ist also durchaus legitim, hier einen 0-fokalisierten Erzähler zu vermuten.

Das nächste Beispiel betrifft K.s zweites Gespräch mit Frau Grubach aus dem von Pasley zu den Fragmenten gezählten Kapitel B’s Freundin. Dort heißt es:

6) Sie sagte nichts weiter, sondern wartete wie K. es aufnehmen und ob er ihr gestatten würde, weiter zu reden. […]

„Herr K.“, rief Frau Grubach die nur auf diese Frage gewartet hatte, und hielt K. ihre gefalteten Hände hin, […]

„Das ist es ja eben, Herr K.“, sagte Frau Grubach, es war ihr Unglück, daß sie, sobald sie sich nur irgendwie freier fühlte, gleich etwas Ungeschicktes sagte, […]

Frau Grubach kam sich recht machtlos vor. […]

„Ja“, sagte Frau Grubach, sie verstand nicht ganz, was K. meinte.[37]

Freilich lassen sich einige Segmente als Deutungen K.s verstehen. Da jedoch bei einem derartig langen Passus adverbial gebrauchte Adjektive wie ,anscheinend‘ oder ,offenbar‘ – welche sonst so oft im K.s Deutung indizieren – fehlen, lässt sich Frau Grubach tendenziell einmal mehr als fokale Figur erachten.[38]

Zum nächsten Beispiel. Als K. und sein Onkel in das Zimmer des Advokaten eintreten, heißt es:

7) „Leni, wer kommt denn?“, fragte der Advokat, der durch die Kerze geblendet die Gäste noch nicht erkannte.[39]

In diesem Fall könnte die Wahrnehmungsstörung des Advokaten eine K.s Bewusstsein überschreitende Information, aber ebenso eine in K.s Bewusstsein stattfindende Interpretation – resultierend aus der an Leni gerichteten Frage des Advokaten – darstellen. Jedenfalls lässt sich hier nicht so eindeutig wie bei Beispiel 4 und 6 von einer anderen fokalen Figur, d. h. von Evidenz für variable interne Fokalisierung reden.

Die nächsten beiden Beispiele betreffen Block. Kurz bevor Block vom Advokaten vor K. zutiefst gedemütigt wird, heißt es über ihn:

8) Block bemerkte, daß ihn wenigstens niemand verjage, und trat auf Fußspitzen ein, […] Die Tür hatte er für einen möglichen Rückzug offengelassen.[40]

Während diese Sequenz noch als Interpretation K.s gelesen werden kann, gibt es bei folgendem Beispiel keinen Zweifel an Block als fokaler Figur:

9) Verlegen fuhr Block unten mit den Fingern durch das Fell des Bettvorlegers, die Angst wegen des Ausspruchs des Richters ließ ihn zeitweise die eigene Untertänigkeit gegenüber dem Advokaten vergessen, er dachte dann nur an sich und drehte die Worte des Richters nach allen Seiten.[41]

Die Einsinnigkeit ist hiermit also einmal mehr durchbrochen oder wenigstens auf eine andere fokale Figur verschoben.

Zu guter Letzt der in der Forschung als der beträchtlichste Gegenbeleg zu Beißners These diskutierte Fall:[42]

10) Am Vorabend seines einunddreißigsten Geburtstages – es war gegen neun Uhr abends, die Zeit der Stille auf den Straßen – kamen zwei Herren in K.s Wohnung. In Gehröcken, bleich und fett, mit scheinbar unverrückbaren Cylinderhüten. Nach einer kleinen Förmlichkeit bei der Wohnungstür wegen des ersten Eintretens wiederholte sich die gleiche Förmlichkeit in größerem Umfange vor K.s Tür.[43]

K. hingegen sitzt hinter seiner Zimmertür, kann also nichts von alledem wissen. Nicht also aus K.s Perspektive wird hier erzählt, auch nicht aus der Perspektive einer anderen Figur, sondern – dies scheint unmissverständlich – von einem 0-fokalisierten Erzähler[44], der von einem externen Standpunkt die Szene beobachtet.

Bevor nun die Phänomene der Dauer und Ordnung andeutungsweise besprochen werden sollen, um dann die Funktion der Brüche in der einsinnigen Erzählweise zu eruieren, lässt sich Folgendes konstatieren: Bei den Beispielen 1, 2, 3, 5 und 10 kommentiert und bewertet – mehr oder weniger unbestreitbar – eine narrative, nicht fokalisierte Instanz von außen das erzählte Geschehen, wohingegen bei den Beispielen 4, 6, 7, 8 und 9 jeweils lediglich die Fokalisierung auf eine andere Figur als K. transferiert wird. Was dies zu bedeuten hat, wird sich zeigen.

Ordnung und Dauer

Winfried Kudszus redet in seinem Aufsatz Erzählperspektive und Erzählhaltung in Kafkas »Prozeß«[45] von einer Korrelation zwischen der perspektivische Entwicklung und dem epischen Geschehen im Proceß, wobei die Reduktion auktorialer Elemente auf Erzählebene auf den zunehmenden Schwund des Orientierungsvermögens von K. auf erzählter Ebene verweise. Ohne die These weiter zu prüfen[46], ein kurzer Blick auf diese vermeintlich auktorialen und perspektivisch variablen – nicht nur von Kudszus als solche klassifizierten[47] – Elemente:

In diesem Frühjahr pflegte K. die Abende in der Weise zu verbringen, daß er nach der Arbeit wenn dies noch möglich war – er saß meistens bis neun Uhr im Bureau – einen kleinen Spaziergang allein oder mit Bekannten machte […][48]

Oder:

K. wartete während der nächsten Woche von Tag zu Tag auf eine neuerliche Verständigung, er konnte nicht glauben, daß man seinen Verzicht auf Verhöre wörtlich genommen hatte […][49]

In diesen Fällen von auktorialen Elementen zu reden, scheint mir reichlich überstürzt. Diese Passus werden – wie ich meine – keineswegs auktorial, von einer ad libitum K.s Erfahrungs- und Reflexionshorizont übertretenden nicht fokalisierten Instanz erzählt, sondern betreffen vielmehr die Dauer und Ordnung der Erzählung eines K.s Bewusstsein nicht transzendierenden Geschehens – mit anderen Worten: Nach wie vor sieht, fühlt und denkt K., während eine narrative mit K. ontologisch nicht identische Instanz spricht. Die Probe aufs Exempel: ,In diesem Frühjahr pflegte ich die Abende in der Weise zu verbringen, daß ich nach der Arbeit … einen kleinen Spaziergang …machte …‘ Oder: ,Ich wartete nächste Woche von Tag zu Tag auf eine neuerliche Verständigung …‘[50]

Selbstverständlich handelt es sich jeweils um analeptische Anachronien[51], d. h. um Rückblicke, die das Geschehen auf erzählter Ebene weit vom augenblicklich erreichten Zeitpunkt der Basiserzählung entfernen.[52] Und selbstverständlich decken diese Analepsen aufgrund der iterativen und somit zeitraffenden Erzähltechnik[53] einen derartigen zeitlichen Umfang auf erzählter Ebene ab[54], als sie die Basiserzählungen – jedenfalls beim zweiten zitierten Passus – erneut einzuholen imstande sind.[55] Doch übersteigt nichts von alledem K.s Bewusstsein. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass es sich bei den meisten derartigen Fällen im Proceß nicht einmal um tatsächliche Analepsen handelt – welche die narrative Instanz zwar aus K.s Bewusstsein schöpft, womit sie allerdings zugleich die Chronologie auf erzählter Ebene durchbricht –, sondern um Gedächtnisanalepsen, d. h. erlebte Gedankenreden, die mit dem aktuellen Bewusstseinsinhalt K.s auf Ebene der Basiserzählung nicht divergieren. Ein deutliches Beispiel dafür ist der Beginn des siebenten Kapitels. Dort nämlich sitzt K. ermattet in seinem Büro, dann setzt eine zeitraffend erzählte Analepse ein, die über K.s Gespräche mit dem Advokaten informiert; diese scheinbar von außen erzählte Analepse geht dann nahtlos in eine eindeutige erlebte Gedankenrede von K. über, welche dann so endet:

Es war elf Uhr, zwei Stunden, eine lange kostbare Zeit, hatte er verträumt […][56]

Von Brüchen in der Einsinnigkeit also keine Spur. Die von Kudszus angebrachten auktorialen Elemente sind eher intern fokalisiert erzählte Analepsen bzw. Gedächtnisanalepsen, die eine „auktoriale Differenz zwischen dem Helden und dem Erzählten“[57] – für mich jedenfalls – nicht erkennen lassen.

Funktion der Brüche in der Einsinnigkeit

Wie schon erwähnt, lassen sich die tatsächlichen Brüche in der Einsinnigkeit in zwei Formen subklassifizieren:

1. Wechsel der fokalen Figur, d. i. variable interne Fokalisierung
2. Aufhebung des eingeschränkten Sichtfeldes, d. i. Übergang zur 0-Fokalisierung

Zur ersten Form: Blickt man auf die verschiedenen fokalen Figuren, nämlich auf K., auf Frau Grubach (Bsp. 4 und 6), auf Block (Bsp. 8 und 9) und – aber nicht zweifellos als fokale Figur klassifizierbar[58] – auf Huld (Bsp. 5), so fällt auf, dass allesamt sowohl an körperlichen Schwächen leiden als auch Machtinstanzen gegenüberstehen, deren Vorgehen zu deuten den fokalen Figuren Schwierigkeiten bereitet.

K. sieht sich – darauf soll später näher eingegangen werden – zunehmend an Kraft verlierend dem Gericht und dem Vize-Direktor ausgeliefert.

Da Frau Grubach, die „eine größere Summe“[59] von K. geliehen hat und demgemäß in einem finanziellen Abhängigkeitsverhältnis zu K. steht, K.s Anliegen betreffs Fräulein Bürstners grundlegend missversteht, bekommt sie in hohem Grade K.s Zorn zu spüren: So blickt K. sie zu Beginn des zweiten Gesprächs nicht an[60], enthält ihr willentlich seine Handlungsmotivationen vor und intensiviert dadurch ihre Verwirrung.[61] Nicht umsonst kommt sich Fr. Grubach ihm gegenüber „recht machtlos vor“[62]. In Folge K.s Auftreten leidet Fr. Grubach unter Schlafstörungen.[63]

Block, „dieser elende Wurm“[64], wie er von Huld betitelt wird, sieht sich ebenso wie K. dem Gericht ausgeliefert, weswegen er seinem kaufmännischen Beruf – aus zunehmendem Mangel an Kraft – nur noch partiell nachzugehen imstande ist.[65] Zusätzlich wird er vom Advokaten Huld im starken Maße gedemütigt und durch dessen Informationsverweigerung augenfällig verwirrt.[66]

Der Advokat, der wegen seiner körperlichen Leiden seine Parteien aus dem Bett heraus empfängt, bekommt – denn es „gibt […] strenggenommen gar keine vom Gericht anerkannten Advokaten“[67] – in den Gerichtskanzleien lediglich eine menschenunwürdige, verrauchte und dunkle Kammer zugewiesen, in der er von den Gerichtsbeamten nur geduldet, nicht aber erwünscht wird.[68] Die Macht, die das Gericht auf die Advokaten auszuüben vermag, wird vor allem deutlich in Hulds Erzählung von dem Beamten, der dem Advokaten den Eintritt in die Gerichtskanzleien gewaltsam verweigert.[69]

Die verschiedenen internen Fokalisierungen dokumentieren – diese Generalisierung lässt sich mühelos vornehmen – unterschiedliche subjektive Sichtweisen, welche allesamt fremdartigen und ihnen feindlich gesinnten Instanzen gegenüberstehen, die sie nicht – oder wenigstens nicht vollständig – zu begreifen imstande sind. In subjektnotwendiger Ermangelung an vollständiger Information über diese oder von diesen Instanzen deuten sie – da ihnen der Schritt in eine subjektlose, objektive Wirklichkeit de facto verwehrt bleibt – die ihnen gegebenen (vielleicht sogar selbst konstituierten) empirischen Daten ihren subjektiven Deutungsmustern gemäß, wobei eine Konvergenz zwischen Subjektsicht und objektiver Wirklichkeit stets fraglich bleibt. Die Subjekte sind einerseits Opfer von Macht, werden andererseits wegen ihrer objektfernen Deutungsmuster getäuscht, verwirrt oder fallen zumindest der Fehldeutung anheim[70], und leiden dadurch zunehmend an körperlichen Schwächen. Auffällig ist, dass der Erkenntnismodus der fokalen Figuren meist der des Glaubens, selten aber des Wissens ist.[71]

Einer der deutlichsten nicht fokalisierten Erzählerkommentare – somit zur zweiten Form der Brüche in der Einsinnigkeit – verweist hingegen sehr wohl auf den Modus des Wissens: „[…], [K.] ließ dann aber, ohne es zu wissen, den ganzen Arm ausgestreckt […].“[72] Der Erzähler weiß hier sehr wohl, was das Subjekt K. nicht weiß. Handelt es sich hierbei tatsächlich um einen Erzähler, der die Objektivität wider die fokalen Figuren zu erkennen vermag? Dieser Frage soll unter anderem im Folgenden nachgegangen werden. Vorerst allerdings lässt sich resümierend konstatieren, dass der Hauptduktus des Erzählens im Roman Der Proceß ein intern auf K. fokalisierter – somit einsinniger – Erzählmodus ist, wobei die interne Fokalisierung gelegentlich auf andere sich in ähnlichen Interpretationskonfusionen wie K. befindliche Figuren transferiert wird – somit wird die Einsinnigkeit und das damit korrelierende Inhaltselement der Fehldeutung verlagert –, und vereinzelt sich in einen nicht fokalisierten verwandelt – somit wird die Einsinnigkeit durchbrochen. Wie die Einsinnigkeit mit einem erkenntnistheoretischen Problemfeld zusammenhängt und ob der vereinzelte 0-fokalisierte Erzählmodus eine subjektunabhängige Objektivität erkennen lässt, gilt es nun zu klären.

Gründe für den einsinnigen Erzählmodus

Einsinnigkeit der Erkenntnis

In Kafkas drittem Oktavheft heißt es:

Wahrheit ist unteilbar, kann sich also selbst nicht erkennen; wer sie erkennen will, muß Lüge sein.[73]

Mit einer derartig skeptischen Haltung gegenüber der Erkenntnis von Wahrheit partizipiert Kafka natürlich an einer großen philosophischen Tradition. Spätestens seit Kant – dies ist ein locus communis innerhalb der erkenntnistheoretischen Philosophie – wird die Welt zumeist als eine gedoppelte begriffen: als eine subjektive, aber zumindest humanspezifisch objektive Wirklichkeit der ,Erscheinung‘ und als eine subjektunabhängige, uneingeschränkt objektive, aber sich der Erkenntnis verweigernde Wirklichkeit des ,Dinges an sich‘. Diese Trennung von Sein und Bewusstsein, subjektiver und objektiver Welt öffnet natürlich Tür und Tor für agnostische Theorien über die sinnliche Welt als Täuschung und Trug – paradigmatisch wurde dies von Schopenhauer und Nietzsche demonstriert. Kafka kannte jene pessimistischen Weltsichten, darauf ist in der Forschung mehrfach hingewiesen worden.[74] So schreibt etwa T. J. Reed, dass Kafkas Begriff des Unzerstörbaren – der sich mehrfach in Kafkas Aphorismen findet[75] – grundlegend mit Schopenhauers Willen als Grund allen Seins kongruiert, welcher der Täuschung der sinnlichen Welt als Objektivation des Willens adversativ entgegensteht.[76]

[...]


[1] Vgl. Friedrich Beißner: Der Erzähler Franz Kafka. Und andere Vorträge. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983 (= suhrkamp taschenbuch 516).

[2] Vgl. Gérard Genette: Die Erzählung. Aus dem Französischen von Andreas Knop. 2. Aufl. München: Fink 1998 (= UTB 8083).

[3] Beißner: Der Erzähler Franz Kafka. S. 37-38.

[4] Die Betonung liegt hier auf objektiv. Selbstverständlich deuten die Figuren Kafkas die Innenwelt des Gegenübers, doch stets im Modus des Glaubens, nie im Modus des Wissens. Darauf soll später noch eingegangen werden.

[5] Genette: Die Erzählung: S. 134.

[6] Beißner: Der Erzähler Franz Kafka. S. 95.

[7] Selbstverständlich lässt sich dieses Kriterium nicht auf den visuellen Aspekt reduzieren. Die Figur sieht ja nicht nur, sie fühlt und denkt etc. gleichermaßen. Nicht umsonst vermeidet Genette den traditionellen Begriff des ‚point of view’ und zieht den Begriff der Fokalisierung vor. (Vgl. Genette: Die Erzählung. S. 134.)

[8] Die Konfusion rührt ja daher, dass eine interne Fokalisierung eine Erzählung in der ersten Person vermuten lässt. Dies allerdings keinesfalls wegen der Annahme, die Fokalisierung bestimme die grammatische Kategorie der Person. Dann nämlich müsste ein eigentlich nicht fokalisierter Erzähler, wenn er etwa wertend oder kommentierend in der ersten Person von sich redet, zugleich als intern fokalisierter Erzähler klassifiziert werden (allwissend und nicht allwissend zugleich?). Dies ist aber schon intuitiv nicht der Fall. Ebenso kann eine narrative Instanz von sich selbst in der dritten Person reden, ohne dass man ihm eine 0-Fokalisierung unterstellt. Das entscheidende und die Konfusion hervorrufende Kriterium also muss ein anderes sein. (Vgl. auch Genette: Die Erzählung. S. 174-176.)

[8] Vgl. ebd. S. 175.

[10] Franz Kafka: Der Proceß. Roman 1925. Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag 2006 (= Juristische Zeitgeschichte 25, Abteilung 6 Recht in der Kunst – Kunst im Recht). (Textgrundlage: Franz Kafka, Der Proceß. Roman in der Fassung der Handschrit. Hrsg. von Malcolm Pasley) S. 149.

[11] Genette: Die Erzählung. S. 137.

[12] Beißner verfährt ähnlich. Auch er bemerkt, dass in Kafkas Romanen gewisse Informationen nicht das aktuelle Bewusstsein der fokalen Figuren meinen: „Es gibt also in Kafkas Stil – und ganz legitim – auch »Mitteilungen an den Leser«: gleich im ersten Satz des Amerika-Romans »Der Verschollene« etwa die Altersangabe und andre Informationen. Es gibt aber nirgends Reflexion neben der Handlung und über die Gestalten.“ (Beißner: Der Erzähler Franz Kafka. S. 143.) Auch Beißner behält den Terminus Einsinnigkeit bei und lässt dafür das Kriterium des Bewusstseins- und Erfahrungshorizonts gelten.

[13] Auch Genette verwendet den Begriff der internen Fokalisierung eher im weiteren Sinn. Ein Kriterium, welches eine derartige Klassifikation anführt, „besagt, daß es möglich sein muß, das betreffende narrative Segment in der ersten Peron wiederzugeben […]“ (Genette: Die Erzählung. S. 137.), ohne eine Modifikation der Satzsemantik zu erwirken. ‚Mit brechenden Augen sah ich noch, wie die Herren, nahe vor meinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten.’ Dies scheint zu funktionieren. Im Übrigen lässt auch Beißner dieses Verfahren gelten: „Im allgemeinen darf man die Richtigkeit der einsinnigen Perspektive überall dort anerkennen, wo die Möglichkeit einer Umwandlung zu einer im Praeteritum vorgetragenen Ich-Erzählung besteht.“ (Beißner: Der Erzähler Franz Kafka: S. 145.)

[14] Vgl. oben Anm. 13.

[15] Beißner: Der Erzähler Franz Kafka. S. 40.

[16] Wie dies in concreto vonstatten geht, wird sich zeigen.

[17] Analepsen, d. h. zeitliche Rückgriffe, werden von Beißners These ja nicht ausgeschlossen, sofern sie intern fokalisert erzählt werden.

[18] Diese Trennung wird vorgenommen, da ich meine, dass die Phänomene der Ordnung und Dauer im Proceß figurenbewusstseinsimmanent erzählt werden, nicht also – wie von einigen Interpreten vorgeführt – als Negativbelege für die Einsinnigkeit geltend gemacht werden können. (Wirkliche Prolepsen, welche ein tatsächlicher Negativbeleg für das letztbesprochene Strukturelement der Einsinnigkeit wären, kommen meines Erachtens im Proceß nicht vor.)

[19] Diese Bestandsaufnahme konzentriert sich auf die mehr oder weniger augenscheinlichen Belege, erhebt also keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

[20] Vgl. etwa Winfried Kudszus: Erzählhaltung und Zeitverschiebung in Kafkas ’Prozeß und Schloß’. In: Deutsche Vierteljahrsschrift 38 (1964). S. 192-207. Hier S. 192.

[21] Kafka: Der Proceß. S. 3.

[22] Vgl. etwa Heinz Ide: Franz Kafka ’Der Prozeß’. In : Jahrbuch der Wittheit zu Bremen 6 (1962). S. 19-58. Hier S. 22.

[23] Beißner: Der Erzähler Franz Kafka. S. 145.

[24] Es wird stets von Pasleys Zählung ausgegangen.

[25] Kafka: Der Proceß. S. 13.

[26] Vgl. etwa Ritchie Robertson: Der Proceß. In: Michael Müller (Hrsg.): Interpretationen. Franz Kafka. Romane und Erzählungen. Stuttgart: Reclam 1994 (=UB 8811). S. 98-145. Hier S. 122.

[27] D. h. K. wird bewusst, dass, während er seine Äußerung tätigte, ihm nicht bewusst war, dass die Äußerung auffallend war, denn sonst hätte er sie ja nicht getätigt. Hierbei wäre die Erzählung dem Erzählten minimal voraus. Diese zeitliche Reichweite scheint allerdings vernachlässigbar. (Vgl. unten Anm. 31.)

[28] Hier soll die Bestandsaufnahme gemäß der Chronologie des Erzählverlaufs kurz aufgehoben werden, weil dieses Beispiel sich analog zu dem vorhergegangenen interpretieren lässt. Aus Kohärenzgründen also ziehe ich dieses Beispiel vor.

[29] Kafka: Der Proceß. S. 72. (Hervorhebung nicht im Original)

[30] Vgl. Kafka: Der Proceß. S. 82. „Es war elf Uhr, zwei Stunden, eine lange kostbare Zeit, hatte er verträumt und war natürlich noch matter als vorher.“

[31] Selbstverständlich wäre auch bei Beispiel 3 (vgl. oben Anm. 29.) durch das Bemerken des Nichtbemerkens dem Nichtbemerken vorgegriffen. Da ‚bemerken’ allerdings ein perfektives Verb ist, kann es sich dabei – so lässt es sich problemlos deuten – um eine vernachlässigbare Reichweite dieses Vorgriffs halten.

[32] Robertson: Der Proceß. S. 122.

[33] Kafka: Der Proceß. S. 16.

[34] Robertson will hier einen allwissenden Erzähler erkennen. (Vgl. Robertson. Der Proceß S. 122.) Das narrative Segment ist allerdings ohne Probleme in der ersten Person (von Frau Grubach) wiederzugeben, ohne den semantischen Gehalt grundlegend zu verändern. Warum sollte man nicht etwas tun können, ohne es wirklich zu wollen und sich dessen bewusst sein oder zumindest sich kurz darauf dessen bewusst werden (in diesem Fall würde es sich erneut um einen vernachlässigbaren zeitlichen Minimalvorgriff handeln). Auch kann es Frau Grubachs Bewusstsein entspringen, dass ihre Worte deplaciert sind.

[35] Vgl. Genette: Die Erzählung. S. 135.

[36] Kafka: Der Proceß. S. 22.

[37] Kafka: Der Proceß. S. 154-155.

[38] Keith Leopold sieht hierin einen der Hauptbelege für einen allwissenden Erzähler. (Vgl. Keith Leopold: Breaks in Perspective in Franz Kafka’s “Der Prozeß”. In: German Quarterly 36 [1963]. S. 31-38. Hier S. 33.) Angemessener scheint mir hier erneut von interner Fokalisierung zu reden. (Vgl. oben Anm. 34.)

[39] Kafka: Der Proceß. S. 63.

[40] Ebd. S. 124.

[41] Kafka: Der Proceß. S. 128.

[42] Vgl. etwa Robertson: Der Proceß. S. 121. Vgl. auch Winfried Kudszus: Erzählhaltung und Zeitverschiebung. S. 195.

[43] Kafka: Der Proceß. S. 146.

[44] Von einer externen Fokalisierung zu sprechen, ist deswegen inadäquat, da der Erzähler von K.s Geburtstag etc. weiß.

[45] Vgl. Winfried Kudszus: Erzählperspektive und Erzählhaltung in Kafkas »Prozeß«. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 44 (1970). S. 306-317. Ähnlich auch: Kudszus: Erzählhaltung und Zeitverschiebung.

[46] Meine Kritik an Kudszus macht im Sinne meiner Untersuchungsintention (vgl. oben S. 8) eine Prüfung dieser These hinfällig.

[47] Vgl. Robertson. S. 122. Vgl. auch Leopold Keith: Breaks in Perspective. S. 34. Vgl. auch Winfried Kudszus: Erzählhaltung und Zeitverschiebung.

[48] Kafka: Der Proceß. S. 14

[49] Ebd. S. 35.

[50] Kudszus’ Aufsatz richtet sich ja gewissermaßen gegen Beißners These, Kafka erzähle stets einsinnig, und dabei vornehmlich gegen den Aspekt, Kafka erzähle konsequent intern fokalisiert. Diese Probe belegt allerdings, dass interne Fokalisierung im weiten Sinne in diesen Fällen nicht eindeutig verneint werden darf. (Vgl. oben Anm. 13.)

[51] Vgl. Genette: Die Erzählung. S.31.

[52] Dies betrifft die Ordnung. Vgl. ebd. S. 22.

[53] Vgl. ebd. S. 83.

[54] Dies betrifft die Dauer oder besser die Geschwindigkeit. Vgl. ebd. S. 22 und S. 213.

[55] Das soll heißen, dass der Reichweitepunkt der Analepse zwar weit vor dem aktuellen Punkt auf der Basiserzählung liegt, der Umfangsendpunkt der Analepse allerdings sich mit dem aktuellen Punkt der Basiserzählung deckt. (Im Grunde müsste allerdings noch genauer unterschieden werden, was ich mir erspare.)

[56] Kafka: Der Proceß. S. 82.

[57] Kudszus: Erzählperspektive und Erzählhaltung. S. 309.

[58] Vgl. oben S. 11.

[59] Kafka: Der Proceß. S. 21.

[60] Vgl. ebd. S. 154.

[61] Vgl. ebd. S. 154-155.

[62] Kafka: Der Proceß. S. 155.

[63] Vgl. ebd. S. 154: „Warum zankt er ihretwegen mit mir, trotzdem er weiß, daß mir jedes böse Wort von ihm den Schlaf nimmt?“

[64] Kafka: Der Proceß. S. 120.

[65] Vgl. ebd. S. 112-113.

[66] Vgl. ebd. S. 127-128.

[67] Vgl. ebd. S. 73.

[68] Vgl. ebd. S. 76

[69] Vgl. ebd. S. 125-126.

[70] Diese Fehldeutungen sollen noch exemplarisch an K.s Verhalten vorgeführt werden. Für Frau Grubach, Block und den Advokaten jedoch gilt die These analog. Frau Grubach missversteht K. mehrfach Auch Block verweist darauf, dass sein Verstand für vieles, was das Gericht betrifft, nicht ausreicht (vgl. Kafka: Der Proceß. S. 113), außerdem glaubt er sein Prozess sei schon weit vorgedrungen, woraufhin ihm der Advokat zu verstehen gibt, dass das Verfahren höchstwahrscheinlich noch nicht einmal begonnen hat. Auch der Advokat weiß nicht genau, wann ein Verfahren beginnt und steht mit seiner Meinung im Disput mit einem Richter (vgl. Kafka: Der Proceß. S. 128.). Unzählige weitere Bsp. ließen sich anführen.

[71] Vgl. „Er glaubte, sie werde ihm den Blick zuwenden, aber sie sagte in unveränderter Haltung: […]“ (Kafka: Der Proceß. S. 22) „K. glaubte in eine Versammlung einzutreten.“ (Ebd. S. 27); „[…] sie wollte ihn sogar, wie K. zu bemerken glaubte, dem Hauptmann vorstellen.“ (Ebd. S. 157.)

[72] Vgl. oben S. 11. Bsp 4.

[73] Franz Kafka: Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß. Hrsg. von Max Brod. Frankfurt: Fischer 1986. S 73.

[74] Vgl. T. J. Reed: Kafka und Schopenhauer. In: Euphorion 59. H. 1/2 . (1965). S. 160-172. oder: Gerhard Kurz: Traum-Schrecken. Kafkas literarische Existenzanalyse. Stuttgart: Metzler 1980. Oder: Heinz Politzer: Franz Kafka. Der Künstler. Frankfurt a. M.: Fischer 1965.

[75] Vgl. etwa Kafka: Hochzeitsvorbereitungen. S. 71.

[76] Vgl. Reed: Kafka und Schopenhauer. S. 165.

Ende der Leseprobe aus 118 Seiten

Details

Titel
Der Prozess von Franz Kafka. Eine Analyse aus drei Blickwinkeln
Autoren
Jahr
2013
Seiten
118
Katalognummer
V230231
ISBN (eBook)
9783656453635
ISBN (Buch)
9783956870040
Dateigröße
861 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
prozess, franz, kafka, eine, analyse, blickwinkeln
Arbeit zitieren
Michael Steinmetz (Autor)Maria-Carina Holz (Autor)Christine Beier (Autor), 2013, Der Prozess von Franz Kafka. Eine Analyse aus drei Blickwinkeln, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230231

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