Pilgerreise und Wallfahrt

Ihre Bedeutung in ausgewählten Religionsgemeinschaften am Beispiel iranischer Stätten


Hausarbeit, 2011

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begriffsdefinitionen

2. Zoroastrismus

3. Judentum

4. Christentum
4.1. Armenische Kirche

5. Islam
5.1. Shi’a
5.2. Sufismus

6. Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Heilige Orte und Grabstätten im Iran: Wallfahrt zwischen persönlichem Heil und religiösem Ritual“, diese Überschrift trägt die Exkursion des Instituts für den Nahen und Mittleren Osten der LMU München. Im Rahmen der Exkursion werden 15 Studierende jeweils ein von ihnen selbst gewähltes Thema mit selbst gewählten Methoden im Feld erforschen. Die Spannbreite reicht von der näheren Betrachtung einzelner Wallfahrtsorte im Iran über die ortsübergreifende Erforschung ihrer Bedeutung für bestimmte Personengruppen (Bewohner, Frauen, Pilger) bis hin zu scheinbar abstrakten Themen wie der Ritualisierung und Ökonomisierung von Religion.

Allen Forschungsprojekten gemein sind die Orte, die besucht werden. Bei den meisten handelt es sich um sogenannte „heilige“ Stätten verschiedener religiöser Gruppen, bzw. andere Orte, die aus bestimmten Gründen häufig besucht werden. Von verschiedenen shi‘itischen Imamzadehs in Rey und dem Grabmal von Khomeini auf dem Märtyrerfriedhof Behesht-e Zahra in Teheran geht es über das jüdische Grab von Esther und Mordechai in Hamedan zum wiederum shi’itischen Grabmal der Schwester des achten Imams in Qom. Von dort aus soll die Reise weiter über mehrere zoroastrische Feuertempel und „heilige“ Orte in Yazd über den Schrein eines Sufi-Scheiches in Mahan nach Esfahan gehen, wo die Gruppe armenisch-christliche Kirchen und das sowohl jüdische als auch shi’itische Heiligtum Pir-e Bakran während der Wallfahrtszeit besuchen wird.

Was aber bedeutet dieses Verhalten, einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit oder immer wieder zu besuchen, für diejenigen, die es aus innerer Überzeugung statt aus Forscherinteresse tun? Im Rahmen dieser theoretischen Arbeit lässt sich die Frage nach Motivation und Bedeutung nicht für jeden einzelnen Pilger beantworten. In der Annahme, dass viele Pilger ihre Reise mit einer religiösen Motivation antreten, soll hier aber der erste Schritt zur Beantwortung gegangen werden: Was bedeutet die Pilgerreise in den verschiedenen oben genannten religiösen Strömungen? Worin besteht eine Pilgerreise, welchen Nutzen bringt sie und ist sie dem Einzelnen überlassen oder eine Pflicht für jeden Gläubigen? Das sollen die leitenden Fragen sein, wenn ich mich im Folgenden den einzelnen Gruppierungen widme. Soweit möglich, sollen dabei die während der Exkursion zu besuchenden Orte besonders einbezogen werden.

Zu Beginn werde ich auf die terminologischen Schwierigkeiten etwa der Begriffe „Pilgerreise“, „Pilger“, „Religion“ und weitere eingehen und sie, falls nötig, heuristisch definieren. Darauf folgt eine Auseinandersetzung mit dem Thema in den einzelnen religiösen Strömungen, die oben genannt wurden. Unberücksichtigt bleibt dabei die Baha’i-Religion, die nicht Teil der Exkursion sein wird, deren wichtigste Pilgerstätte, das Haus des Báb, aber in Shiraz, Iran lag, bis sie kurz nach der Islamischen Revolution zerstört wurde. Ein Ereignis, das sich einreiht in die lange Geschichte der Verfolgung und Diskriminierung der iranischen Bahá'í-Gemeinde. Abschließen möchte ich mit einem Ausblick auf die Exkursion und speziell die Frage nach dem Nutzen dieser Arbeit für die Forschung an den einzelnen Stätten.

1. Begriffsdefinitionen

Schon lange bevor die heutige Religionswissenschaft entstand, bemühten sich Wissenschaftler darum, „Religion“ zu definieren. Die zahlreichen aus diesen Überlegungen hervorgegangenen Definitionen lassen sich zu einem großen Teil grob zwei Kategorien zuordnen: Substanzialistische Religionsdefinitionen versuchen sich dem Begriff über den Inhalt oder den Kern dieser Erscheinung, etwa Gott oder das Ominose, zu nähern, während Funktionalisten z. B. die gemeinschaftsstiftende oder sinngebende Funktion von Religionen hervorheben. Ein besonderes Problem bildet hier vor allem, dass sich nicht nur jene Gruppierungen, die im Volksmund als Religionen bezeichnet werden, voneinander unterscheiden, sondern auch deren Untergruppierungen - teilweise in einem Maß, dass sie sich gegenseitig nicht als der jeweiligen Religion zugehörig sehen. So werden etwa Shi'iten nicht von allen Sunniten als Muslime anerkannt. Im Fall der religiösen Minderheiten im Iran kommt hinzu, dass viele von ihnen gar nicht als (gleichwertige) Religionsgemeinschaften gelten, was unter anderem bei den Bahá'í zu starken gesellschaftlichen Problemen führt. Zudem gibt es für das eurozentristische Konzept der „Religion“ in vielen Sprachen und Kulturen keine Entsprechung, bzw. keine derart starke Differenzierung, sodass man nur schwer zwischen Religion und anderen Lebensbereichen wie etwa der Medizin oder der Politik unterscheiden kann, so auch in der Islamischen Republik Iran.

Ein ähnliches Problem ergibt sich bei dem Begriff des „Pilgerns“. Ist man ein „Pilger“ auf einer „Pilgerfahrt“, wenn man eine Reise religiös motiviert antritt und sich ein Seelenheil davon verspricht oder reicht es, den Jakobsweg als kleines Urlaubsexperiment anzutreten, um hinterher erzählen zu können, dass man „gepilgert“ sei? Einen „Pilgerausweis“ bekommt jeder, der einen der zahlreichen „Pilgerwege“ antritt, deren Routen genau festgelegt sind. Auch andere “ [hağğ] nach Mekka,حجHerausforderungen des Pilgerns haben sich verändert, so wird z. B. die „ nur noch per Flugzeug angetreten statt zu Fuß. George Target definiert die Pilgerreise als „eine Reise an einen Ort, der als heilig gilt. Sie wird aus religiösen Gründen unternommen, die über das Bedürfnis nach dem täglichen Gottesdienst hinausgehen. Schon eine kurze Fahrt zu einem Heiligtum kann also eine Wallfahrt sein“1. Im Weiteren führt er verschiedene Motivationen für eine solche Reise an, etwa das Hoffen auf spirituellen oder materiellen Nutzen, die Suche nach Gleichgesinnten, sowie Buße, Dank oder Anbetung. Die Religionswissenschaftler Cancik und Mohr führen weiterhin aus, dass die Route „durch natürliche (Berg, Paß, Quelle), künstliche (Kreuz, Kapelle, Hinweisschild) oder durch Kunst gesteigerte natürliche Zeichen markiert sein [muss]. Der Pilgrim geht über die Grenze ins 'Ausland' (lat.: per-egr-inus - Pilger), er lebt in einem zeitweiligen und freiwilligen Exil (lat.: exilium) und ist deshalb durch Tracht gekennzeichnet“2.

Ziel einer Pilgerreise ist ein Wallfahrts- oder Kultort, der eine „natürlich oder künstlich geformte Stätte dauerhafter religiöser Verehrung [bezeichnet]. An Kultorten werden (a) religiöse Handlungen geleistet (Ritual), sie werden (b) als bevorzugte Kommunikationsorte zu jenseitigen Mächten, Göttern oder Geistern ('Gotteserlebnis', Orakel, Opferpraxis) angesehen, sie sind (c) durch Erzählungen wie Gründungslegenden oder Mythen von den Kultteilnehmern begründet, sie bilden schließlich (d) die Kristallisationspunkte des Zusammenschlusses und der organisatorischen Selbstversicherung der Kultgemeinde“3. Diese Definition von Christoph Elsas werde ich für diese Arbeit übernehmen.

Für die Begriffe der „Religion“, des „Pilgers“ und der „Pilgerreise“ möchte ich mich an den Selbstdefinitionen der jeweiligen Personengruppe orientieren. Das heißt, ein Pilger ist derjenige, der sich selbst als Pilger versteht oder von der eigenen religiösen Gemeinde als solcher verstanden wird. Entsprechend befindet sich diese Person auf einer Pilgerreise. Eine Religionsgemeinschaft einer Religion bilden diejenigen, die sich selbst als solche definieren. Dies bedeutet u. a., dass ich die Shia als Form des Islam behandeln werde, weil Shi'iten sich als Muslime sehen, auch wenn eine Gruppe von Sunniten dies bestreitet.

2. Zoroastrismus

Die Zoroastrier sind die Anhänger jener Religionsgemeinschaft, die vor dem Islam im Iran am Weitesten verbreitet war und die viele später entstandene Religionen und Weltanschauungen stark beeinflusste. Der Religionsstifter Zoroaster lebte vermutlich zwischen 628 und 551 v. u. Z. im Gebiet des heutigen Iran und lehrte den Dualismus zwischen guten (Ahura Mazda) und bösen (Angra Mainyu) Mächten. Das Zentrum der Verehrung bildet noch heute das Feuer, das als das reinste Element begriffen und daher in speziellen Feuertempeln gepflegt und bewacht wird. Man unterscheidet hier zwischen dem „atash bahram“-Feuer, das in nur vier Tempeln zu finden ist, dem „adaran“-Feuer in den meisten anderen Tempeln und dem „dadgah“-Feuer, das auf Hausaltären brennt. Obwohl die Pilgerreise im Zoroastrismus nie eine besondere Rolle spielte, hat sie sich insbesondere um die vier Tempel mit dem „atash bahram“ entwickelt.

Auch in der Gegend von Yazd ist dieses den Zoroastriern heiligste Feuer zu finden. Ursprünglich wurden zwei Atash Bahrams in das Dorf Sharifabad gebracht, Adur Khara und Adar Varharan, die später vereinigt wurden und mittlerweile in Yazd zu finden sind, da die Stadt sich weit ausbreitete. Zum Feuerfest Hiromba4, bei dem es laut Ferdousis Shahnameh um die Entdeckung des Feuers durch König Hushang geht, sammeln vor allem junge Pilger trockenes Holz, um das Feuer zu nähren. Frauen nehmen von dem heiligen Feuer für den eigenen Hausaltar etwas mit, um Segen und Schutz vor Bösem zu erhalten5.

Zoroastrische Schreine, genannt „pir“ („alt“) bestehen meist aus einem leeren Raum mit einem brennenden Feuer in seiner Mitte6. In und um Yazd gibt es mehrere solcher Schreine, deren in der Regel fünftägiger Besuch für iranische Zoroastrier der Tradition nach verpflichtend ist. Der zukünftigen Pilger warten jedoch, bis sie „gerufen“ werden, z. B. durch einen Traum oder eine besondere Gegebenheit. Stirbt ein Familienangehöriger kann die Familie im folgenden Jahr nicht zum Schrein pilgern7.

Die Legenden um diese Schreine sind mit der Eroberung des Irans durch die Araber im Jahr 636 n. Chr. verbunden. Die iranische Königin, zwei Prinzessinnen und ihre Kammerfrauen flohen vor den Eroberern und teilten sich in Yazd auf, was ihnen nur kurz half. Da der Tod gegenüber der Gefangenschaft, verbunden mit Vergewaltigung und Folter, das bessere Schicksal war, entschieden sie sich für diesen. Sie stürzten sich in ein Loch oder ein Tor im Fels öffnete sich für sie, in das sie verschwinden konnten, so erzählt man. Ursprünglich wusste niemand, wo genau dies geschehen sein soll, doch erschienen alte Heilige („pir“) Zoroastriern im Traum und zeigten ihnen die Orte. Heute sind die Schreine verbunden mit der Erinnerung an das Schicksal dieser Frauen und ihrer und aller Frauen Beschützer, den Engeln Spenta Armaiti, der Beschützerin der Frauenrechte, und Anahita, der Beschützerin des Wassers8.

Am Schrein Pir-e Hrist gibt es einige kleine Pavillons zur Unterbringung der Pilger und zwei Zisternen. Neben dem ganzjährigen Pilgerstrom kommen besonders viele Zoroastrier zum Frühlingsfest vom 27. bis 31. März. Nach ihrer Ankunft waschen sie sich, sprechen Gebete in der Sprache Zarathustras (Avesta), verbrennen Weihrauch und zünden Kerzen an. Zudem wird ein mit Blumen geschmücktes junges Schaf oder eine Ziege geopfert, die vorher um das Feuer getragen wird. Das Fleisch wird in einem Kessel gekocht und zu einem Viertel von Pilgern gegessen, zu einem Viertel den Armen gespendet und zur Hälfte für die Familien daheim mitgenommen. Diesen Brauch gibt es auch an den anderen Pirs. Die Pilger sitzen dann die ganze Nacht am oder im Schrein oder auf umliegenden Hügeln, singen, tauschen sich aus, spielen Musik oder Karten. Bevor sie nach Hause zurückkehren, hinterlassen sie einen Stein auf den wachsenden Steinhaufen, um sich einer baldigen Rückkehr zu versichern. Das Pir-e Banu Pars dagegen wird markiert durch einen heiligen Fels und eine Quelle. Zum Pilgerfest im Juli sind die Pilger früher vierundzwanzig Stunden von Sharifabad gelaufen, fahren aber heute mit dem Bus in ein nahegelegenes Dorf und laufen von dort. Der Pir-e Sabz, auch Chak-Chak genannt, ist der beliebteste Schrein und befindet sich auf einem Kalksteinberg. Aufgrund der Quelle und den heiligen Bäumen wird er auch der grüne Schrein genannt. Neben dem Jahresfest vom 14. bis 18. Juni wird er genutzt, um Hochzeiten zu feiern, Kinder in die Riten ihrer Religion einzufügen und Freunde treffen. Der Pilgerort Naaraki liegt am Fuß eines Berges. Auch hier findet sich eine Quelle und wilde Pistazien- und Feigenbäume. Das Pilgerfest findet vom 3. bis 7. August statt. Der Pir-e Narestan dagegen besteht in einer flachen Höhle, die sich für eine der Prinzessinnen geöffnet haben soll. Besucht wird der Schrein vor allem zum Fest im Juni9.

[...]


1 Target 2000, 4

2 Cancik, Mohr 1988, 124

3 Elsas 1998, 32

4 Auch: Sadeh, Fest des 100. Tages, wird heute im Iran 50 Tage (= 100 Tage und Nächte) vor Nawruz gefeiert

5 Vgl. Eduljee 2011

6 Vgl. Davidson 2002, 699 - 700

7 Vgl. Davidson 2002, 692 - 693

8 Vgl. Eduljee 2011

9 Vgl. Davidson 2002, 692-693

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Pilgerreise und Wallfahrt
Untertitel
Ihre Bedeutung in ausgewählten Religionsgemeinschaften am Beispiel iranischer Stätten
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Heilige Orte und Grabstätten im Iran
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V230357
ISBN (eBook)
9783656458524
ISBN (Buch)
9783656458722
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Iran, Pilgern, Pilgerreise, Islam, Judentum, Christentum, Zoroastrianismus
Arbeit zitieren
Hanna A. Langer (Autor), 2011, Pilgerreise und Wallfahrt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230357

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