Kunst ohne Grenzen?

Das Verhältnis von Kunst und Moral in der Gesellschaft


Bachelorarbeit, 2013
43 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Grundlegende Definitionen
2.1 Moral
2.2 Tabu

3 Soziologische Theorien
3.1 Kunst und Moral nach Luhmann
3.2 Kunst und Moral nach Bourdieu

4 Entgrenzung früher und heute
4.1 Entwicklungen der Kunstfreiheit seit
4.2 Die documenta als Provokant
4.3 Weitere Beispiele
4.3.1 Formen heutiger Provokation

5 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Wenn wir uns mit Kunst beschäftigen, dann steht diese immer in unmittelbaren Zusammenhang mit der Gesellschaft. Denn die Kunst ist ein Produkt der Gesellschaft. Somit ist auch deren zweifellose Verbindung zur Soziologie dargelegt. Als Produkt menschlichen Handelns reagiert umgekehrt die Gesellschaft auch auf die Kunst. Somit hat die Kunst in der Soziologie eine unbestreitbare Daseinsberechtigung. So haben sich auch längst verschiedene Soziologen wie etwa Adorno oder Bourdieu dieser Sparte der Soziologie gewidmet. Das Produkt Kunst setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen: Artefakte, Symbole und Praktiken. Geboren wird es durch Interaktionen in der Gesellschaft stehender Individuen. Folgende Generationen werden diesen Produkts beerbt und seine Auswirkungen bleiben als gesellschaftliche Effekte im Zeitgeschehen stehen (vgl. Müller-Jentsch 2011: 13).

Die Kunst hat auch immer die Gesellschaft gespiegelt. Während im frühen Mittelalter es ausschließlich erlaubt war Bilder mit religiösem Inhalt herzustellen, öffneten sich mit der Zeit die Vorschriften immer mehr und es entstanden auch Historienbilder, Landschaftsgemälde, Porträts bis hin zur abstrakten Kunst unserer Zeit. Endgültig von ihrer Abhängigkeit der religiösen oder höfischen Institutionen löste sich die Kunstproduktion im 18. und 19. Jahrhundert (vgl. Müller-Jentsch 2011: 30). Vor allem Ende des 19. Jahrhunderts gründeten Menschen aus dem Bürgertum verschiedene Kunstvereine. Die Kunst wendete sich nun vermehrt dem Ästhetischen zu und sollte allen Bürgern zugänglich gemacht werden. Die Kunstgüter aus höfischem oder kirchlichem Besitz wurden teilweise auch aufgekauft und in Ausstellungen gebracht, später auch in Museen.

Ohne Zweifel sorgten die Künstler stets auch immer für Furore mit ihren Kunstwerken, sei es durch beabsichtigte Provokation oder einer Überinterpretation seitens der Rezipienten. Doch das hier dargestellte Verhältnis von Kunst und Gesellschaft ist nicht unumstritten. So kritisierte Adorno die von Luhmann angesprochene Funktion von Kunst als Widerspruch zur Kunstautonomie. Obwohl sich der Begriff Soziologie, wie wir ihn heute kennen erst im 19. Jahrhundert entwickelt hat und dessen Forschung sich erst langsam danach etablierte, kann man stehen lassen, „dass die Auseinandersetzung mit außerkünstlichen Auswirkungen von Kunst, vor allem ihren Einflüssen auf die menschliche Psyche, schon seit der Frühzeit der westlichen Zivilisation bekannt ist“ (Zuckermann 2002: 12).

Die in dieser Arbeit formulierte Fragestellung beinhaltet gleich mehrere Unklarheiten. Zum einen muss geklärt werden was überhaupt alles unter dem Kunstbegriff fällt und zum anderen an welcher Definition von Moral man sich überhaupt orientieren will. Als nicht zur Vereinfachung beitragender Punkt ist der Ausdruck der Entgrenzung zu sehen. Denn auch hier vollzieht sich im allgemeinen Verständnis eine Angelegenheit der Auslegung und individueller Definitionen. In diesem Sinne also noch einmal die Frage: was versteht man überhaupt unter Kunst? Der Kunstbegriff ist in der Vergangenheit immer mehr erweitert worden. Neben den Schönen Künsten, wie etwa der Malerei, dem Bühnenschauspiel oder der Bildhauerei, gibt es inzwischen auch sogenannte Happenings, Graffiti oder etwa Comics. Ich werde mich in dieser Arbeit auf die Schönen Künste, insbesondere der Malerei und Bildhauerei, sowie einigen Beispielen von Happenings spezialisieren. Zum einen ist dies sinnvoll, da die Schönen Künste mitunter die längste Tradition haben und daher ein geeignetes Bild liefern einen moralischen Wandel innerhalb der Gesellschaft nachzuvollziehen. Kunstaktionen, wie Happenings, können dagegen die Entwicklung zum heutigen Kunstspektrum gut darstellen. Zum anderen würde aber auch eine ausführlichere Einbezugsnahme des Films beispielsweise den Rahmen sprengen und sich als eine separate Thematik anbieten. Es ist jedenfalls bereits ersichtlich, dass der reguläre Kunstbegriff in jüngster Zeit immens erweitert wurde und kaum noch die Vorstellung der Gesellschaft vor 100 Jahren inne hat. Mit dieser Erweiterung, beziehungsweise Entgrenzung sind natürlich auch heutzutage Personen als Künstler angesehen, die dem traditionellen Verständnis jede Grundlage entzieht. Man kann dies sogar soweit beschreiben, dass die Bezeichnung als Künstler heute schon fast jedermann tragen kann.

Meine Arbeit wird stets von konkreten Beispielen begleitet, worin Künstler mit ihren Werken für Diskussionen und Kritik innerhalb der Bevölkerung sorgten. Daher findet der Begriff der Entgrenzung auch bei den daraus in der Regel resultierenden Skandalen Anwendung. Wie die Funktionsweise eines Skandals aussieht, wird später noch Erläuterung finden. Es wird hier bereits die hohe Stellung der Kunst in der Gesellschaft ersichtlich. Die Annahme, dass Kunst einen besonderen Einfluss auf unsere Gesellschaft haben muss ist nahe liegend, da im Gegensatz zu Eindrücken, die wir aus der Natur- und Geisteswissenschaft gewinnen, die Kunst von Symbolen Gebrauch macht, die uns je nach qualitativer Beschaffenheit dieser, mehr oder weniger zum Reagieren, Handeln und Interagieren anregen. Es kann allerdings natürlich auch passieren, dass wir die Symbolsprache im dargestellten Werk nicht entschlüsseln können. In der Literatur wird dafür besonders Hieronymus Boschs Triyptychon „Der Garten der Lüste“ erwähnt (vgl. Gizycki 2011: 57f.). Das um 1500 entstandene dreiteilige Werk, bestehend aus einem Garten Eden, einem Garten der Lüste und einer musikalischen Hölle ist von einer Vielzahl von Symbolen gekennzeichnet. Da verschiedene Kunsthistoriker bei deren Entschlüsselung etwa sexuelle Ausschweifungen, Obszönität und Folter feststellten, muss man sich fragen ob die damalige Gesellschaft eine offenere Darstellung des Gemeinten nicht zugelassen hätte und der Künstler nur durch diese Codes seinem Sinn Ausdruck verleihen konnte.

Die Kunst ist auch deshalb beeinflussend auf die Gesellschaft, weil deren Utensilien; sei es nun die Leinwand, der Pinsel oder jegliches sonstiges Werkzeug und Artefakte von Menschenhand hergestellt und weiterentwickelt wurde, so dass wir ständig nach dem neuesten Stand der Dinge unsere Ideen verwirklichen können. Heute ist unter der Kunstsoziologie mitunter ein äußerst breites Feld zu verstehen: Literatursoziologie, Musiksoziologie und die Soziologie der Bildenden Künste, welche wiederum unterteilt werden kann, etwa in Bildhauerei, Film, Fotografie und so fort.

Wir können bei der Kunst, ebenso wie wie in anderen gesellschaftlichen Feldern das Individuum getrennt von der Gesellschaft betrachten. So wie das Individuum Bestandteil der Gesellschaft ist, orientieren sich auch Individuen an der Gesellschaft. Wir haben es hier also mit einem Abhängigkeitsverhältnis zu tun. Wenn sich also ein Künstler durch sein Schaffen gegen die Gesellschaft in der er lebt auflehnen will, wird er nie sein soziales Element verlieren. Das Werk des Künstlers wird keineswegs nur von ihm verstanden. Für die Gesellschaft bildet sich im Grunde das gleiche Erscheinungsbild wie beim Künstler. Dennoch ist das Verhältnis zueinander nicht in einer Parallel- sondern in einer Wechselbeziehung mit verschiedenen Komponenten.

Unsere gegenwärtige Relativität der Werte hat unterschiedliche Auswirkungen in den Sparten Kunst, Religion und Kultur. Zunehmend zweifelhaft ist die Erzeugung von Werten durch die Religion geworden, wenn man deren Verstaatlichung betrachtet. Bei der Kunst und Kultur ist wiederum oftmals eine Verfolgung des eigenen Interesses zu registrieren. Daran ändert auch der in der Gesellschaft vorherrschende starke Drang zu ethischen Sichtweisen nichts (vgl. Fischer / Kacianca 2007: 7). Die folgenden Ausführungen sollen die Thematik, auch mit Hilfe von einigen Beispielen, veranschaulichen und auf einen moralischen Wandel untersuchen.

2 Grundlegende Definitionen

Wie zuvor bereits angesprochen, ist es zum Anfang erstmal nötig Begriffe, die nicht eindeutig differenziert sind, näher zu erläutern. „Moralische Entgrenzung“ soll in dieser Arbeit mit großer Kritik an einem künstlerischen Werk in Verbindung gebracht werden. Allen voran dient hier die Zuordnung zum Skandal als Messlatte. Da Entgrenzung bedeutet, dass Tabuzonen betreten werden, ist es unumgänglich auch den Tabubegriff näher auszuführen. Inwieweit ein Kunstskandal mit Moralvorstellungen verknüpft ist oder auch nicht, wird sich noch zeigen. Zunächst soll die Moral und das Tabu näher erläutert werden.

2.1 Moral

Zu einer soziologischen Arbeit, die sich mit der Moral auseinandersetzt, ist es unausweichlich zunächst einmal den Moralbegriff zu definieren. Zu beachten ist hierbei, dass es keine einheitliche Definition zur Moral gibt. Zwar hat jeder und auch die Gesellschaft eine mehr oder weniger konkrete Vorstellung was unter Moral zu verstehen ist, doch schon allein an den sich zum Teil sehr unterscheidenden Beiträgen zur Moral von den soziologischen Gründervätern, wird das Ausmaß der Problematik sichtbar. Innerhalb wissenschaftlicher Diskursen wird die Moral in unmittelbare Nachfolge der Religion zugeordnet, wo sie im sozialen, kulturellen und öffentlichem Feld steht.

Grundlegend sind zwei Arten der Moral zu unterscheiden: Die normative und die deskriptive Moral. Bei der normativen Moral werden Normen hinterfragt, indem man nach Argumenten für diese, unter anderem auf moralischer Ebene, forscht. Die deskriptive Moral befasst sich mit den Handlungszielen und -regeln einer Gruppe, dabei wird nicht darauf eingegangen ob diese Ziele und Handlungsregeln moralisch „in Ordnung“ oder verwerflich sind. Denn wie bekannt sein dürfte, ist solch eine Wertung für die Soziologie ein Tabu. Funktional ist sie eines "gesellschaftlichen Integrationsmechanismus" zugeschrieben (Schultz 2011: 43). Diese funktionale Zuordnung erklärt sich aus dem Ziel im Gemeinschaftssinne zu Handeln und dabei selbst Regeln in Geltung bringt.

Im Laufe der Zeit hat auch die Moral einen Entwicklungsprozess durchlebt. In früheren hierarchisch differenzierten Gesellschaften erfolgte eine einfache "gut" und "böse" Klassifikation dessen Grundlage die Religion war. Eine Gesellschaft, die sich nach und nach immer mehr ausdifferenzierte, in neue Funktionssysteme aufteilte und die Gedanken einer Unterordnung einer von ihr höher stehenden Institution und dessen Normen hinter sich ließ, waren das Ergebnis eines gesellschaftlichen Wandels. In der neuen Gesellschaft konnte der Mensch eine Individualität herausbilden, wozu er früher keine Möglichkeiten hatte. Dieses Bewusstsein über seine eigene Identität ging zusammen mit dem Herausfiltern der Moral aus dem religiösen Gottesbild einher. Diese Moral wurde dann als dem Menschen selbst innehaben verstanden, was wiederum neue Konsequenzen hatte: So war eine Grundlage dafür geschaffen worden, sich selbst zu verwirklichen und nach Reichtum zu streben. Was davor hinsichtlich der Habgier als Sünde betrachtet worden ist, war nun ein völlig legitime Handlung (vgl. Schultz 2011: 43 f.).

Der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus propagiert hinsichtlich der Thematik von Kunst und Moral das Bewusstsein des Künstlers auf das Wirken seines Werkes und dem Schutz diesem vor äußeren Einflüssen. Allerdings habe sein Kunstwerk auch eine Antwort zu liefern auf die Herausforderungen seiner Zeit (vgl. Wittman 2002: 67). Wir habe es hier also mit einer sehr ambivalenten Meinung zu tun. Doch diese Mahnung ist nicht unbegründet, denn der Schritt vom un- oder missverstandenen Werk zum Skandal ist oftmals nicht weit.

Gerade beim Skandal treffen die verschiedenen Welten der Moral- und Werteauffassungen aufeinander. Somit ist leicht nachzuvollziehen, dass der Stein des Anstoßes zumeist mit einem explosivem Charakter eine aktuelle Debatte von Normen freigibt. Der Skandal wird hierbei instrumentalisiert um seinen eigenen Standpunkten lautstark Gehör zu verschaffen. Von den Anprangern wird hier ein Anlass gefunden sich selbst als Vertreter der guten Werte zu symbolisieren, der die Gesellschaft von der Unzucht, dem Verderben und dem falschen Gegenstrom zu retten versucht (vgl. Hollein / Natter 2005: 67).

Die bestehende Normen sind für die Bildung eines eigenen Individuums maßgeblich. Soweit das Individuum im Rahmen dieser Normen sein eigenes Wertesystem konstruiert hat, herrscht jedoch kein starrer Zustand. Das Zusammentreffen mit anderen Menschen stellt jedoch eine Konfliktsituation dar, denn dann steht ein Wertesystem gegen das andere. Dabei versucht jeder die eigenen Werte zu profilieren und das andere unterzuordnen. Gerade bei moralisch fraglichen Kunstdarstellungen wird diese Auseinandersetzung dann offen ausgetragen. Jedoch wird dem Beteiligten dabei oft nicht bewusst, dass seine eigene Werteauffassung aus einem gesellschaftlich konstruierten entstammt.

Im Vergleich zu früheren Generationen ist durchaus ein Wandel der Mittel zur Morallehre zu sehen. In Zeiten immer neuer Medien und Unterhaltungselektronik ist der Umgang von Kindern mit Sprüchen zur moralischen Züchtigung, wie sie einst etwa in Kinderbüchern geschrieben standen, freilich kaum noch ehrfurchtsvoll. So beschreibt es auch Fritz Pleitgen: „Traditionelle Wert- und Moralvorstellungen verschwinden immer mehr hinter dem Horizont oder lassen sich nicht mehr ausmachen in einer neuen Unübersichtlichkeit“ (Pleitgen 1997: 12). Dieser langfristige Wandel notierte auch der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas. Es bleibt offen, ob die Mittel zur Moralisierung schlichtweg untergehen oder etwa durch neue Konzepte, etwa aus der Ethik, ersetzt werden.

Doch es kann auch sein, dass erst durch eine bestimmte künstlerische Darstellungsform ein Ereignis, was sonst in keinem moralischen Kontext, moralisiert wird. Umgekehrt kann ein moralisch relevantes Ereignis durch dessen Darstellung auch entmoralisiert werden. Wir haben es hiermit also mit einer Beeinflussung des Inhalts durch die beim Betrachter empfundene Darstellungsform zu tun. Eine Möglichkeit dem entgegen zu wirken ist das Ereignis getrennt von seiner Darstellung zu betrachten. Es ist zwar fraglich ob überhaupt ein Ereignis in einer adäquate Darstellung wiedergegeben werden kann, laut Hartmann und Heydenreich hilft aber „seine illokutionäre Perspektivierung […] die eigene Medienkompetenz zu erweitern[1] (Hartmann. / Heydenreich 1993: 30). Daraus ist also zu schließen, dass der Betrachter die relevante Kunst differenzieren muss. Die Aufschlüsselung in verschiedene Komponenten ist hilfreich um ein besseres Verständnis eines künstlerischen Mediums zu erhalten.

Der kommunikative Austausch mit anderen Gesellschaftsmitglieder über ein Kunstwerk ist für viele anscheinend förderlich für eine moralische Urteilskraft. Denn findet eine Person ästhetisches Gefallen an einem Gegenstand, ist es für sie wünschenswert auch andere in diese ästhetische Erfahrung mit einzubeziehen. Ästhetische Erfahrung und solcher von moralischer Kultivierung können sich also einschließen. Dies sieht auch Stroud an den Texten Deweys belegt:"...aesthetic experience is an experience of moral cultivation insofar as it is an experience of attention to one's situation and the relationships in which one is embedded" (Stroud 2011: 60). Die Situations- und Beziehungsabhängigkeit der Charaktere ist jedoch nicht außer Acht zu lassen.

Neben Kunstdarstellungen wird auch die Moral heute für viele ambivalent wahrgenommen. Da haben wir einerseits die angesprochenen Verankerungen die ein geordnetes und gerechtes Zusammenleben unterstützen. Andererseits verbindet man mit ihr doch häufig auch veraltete und überholte Überbleibsel. Doch gibt es wirklich einen Wandel moralischer Wertevorstellungen? Unterschiede sind weder zwischen den Individuen noch den Kulturen unübersehbar. Da auch die begründete Annahme besteht, dass sich ein moralischer Wertewandel auch während des Lebens eines Individuums vollzieht, ist ein solcher Wandel innerhalb einer ganzen Gesellschaft nicht unbegründet. Ob dies so ist, bleibt Gegenstand aktueller Kontroversen.

2.2 Tabu

Entgrenzung innerhalb der Kunst, meint im Grunde nichts anderes als das Aufbrechen von Tabus. Zum Verständnis des Tabubegriffs muss dieser zunächst entsprechend definiert werden. Dazu seien folgende Eigenheiten von Tabus zu nennen: Zum einen wäre da die Meidung von bestimmten Gegenständen, Handlungen, Gedanken oder Empfindungen. Daneben gibt es aber auch Themen, worüber man nicht kommunizieren darf, beziehungsweise falls doch nur in einer bestimmten Art und Weise.

Zunächst einmal stellen indiskutable Bereiche einen Tabugegenstand dar. Diese sind wiederum in verbale und nonverbale Tabus aufgeteilt. Nonverbale Tabus sind in der Gesellschaft gemäß ihrer Verhaltensregeln bereits festgeschrieben. Verbale Tabus sind „Themen bzw. Konzeptualisierungen über die nicht oder nur in etikettierter Form kommuniziert werden soll sowie […] sprachliche Ausdrücke, die vermieden werden sollen“ (Schröder 2002: 17). Im übrigen ist zur Begrifflichkeit des Tabus noch zu erklären, dass diese nicht für sich allein stehen, sondern immer in einem Kontext zu sehen sind. Das bedeutet, dass eine Tabuisierung stets von Personen, Gruppen usw. konstruiert wird, was somit auch bedeutet, dass Tabus in der Regel auch wieder aufhebbar sind. Durch diese gesellschaftliche Beeinflussung ist es jedenfalls erforderlich, dass ein Tabu immer in seiner Zeitlichkeit und in seinem gesellschaftlichem Bereich, wie etwa der Politik gesehen werden muss. Gleichzeitig kommen Tabus aber auch erst dann in Gang, wenn eine Überschreitung der Tabugrenze erfolgt (vgl. Schröder 2002: 17). Mit der Tabuisierung ist gleichzeitig auch in eine Sackgasse gefahren worden, was die Möglichkeit an anderen, alternativen Handlungen angeht.

Welche Inhalte der Kunst für den Betrachter Tabu sind ist von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Stehen bleiben kann jedoch, dass Tabus einen Ruf von Inhumanität und Unzumutbarkeit aufweisen. Sind diese zu tabuisierende Positionen in der Öffentlichkeit kaum oder nur selten sichtbar, so gibt es einen Hang dazu diese zu verschweigen. Es besteht also ein Verbot der Kommunikation darüber, welches gesetzlich aber natürlich nicht vorgeschrieben ist. Übertragen auf die Kunst bedeute dies ein Verbot der Darstellung. Ein Tabubruch ist in diesem Kontext mit einer Isolierung von der übrigen Gesellschaft verbunden. Ethnologisch gesehen sind Tabugebote schon sehr früh in die Zeit der eigentlichen Entstehung von sozialen Normen anzusiedeln. Thomas Hies erläutert, dass Tabus sogar schon weitaus früher, in Verbindung mit der Angst vor dämonischen Kräften entstanden sind (vgl. Hies 1993: 13). Fest steht jedenfalls, dass Tabus vor allem aus religiösen Riten entsprungen sind, jedoch nicht auf göttliche Gebote wie etwa bei moralischen Verboten zurückzuführen sind.

Von der Ethnologie zur Soziologie gibt es nun bei diesem Thema einen fließenden Übergang. Ebenfalls wie bei einigen Ethnologen führt W. Robertson Smith den Gedanken des Tabus als soziales Kontrollmittel ein (vgl. Hies 1993: 23). Auch Émile Durkheim befasste sich mit dem Tabubegriff. Er schreibt, dass das Individuum einem Druck der Kollektivität ausgesetzt ist, welcher jeden noch so kleinen Handlungsakt beeinflusst. Darüber hinaus hebt sich sein Tabubegriff wenig von dem der Kulturanthropologie ab (vgl. Hies 1993: 24 f). Luhmann führt statt dem Tabu den Begriff der Latenzen ein, welche als Mittel zur Struktursicherheit fungieren würden. Er unterscheidet zwischen Bewusstseins- und Kommunikationslatenz[2]. Bewusstseinslatenz soll dabei, sehr vereinfacht gesagt, ein nicht vorhandenes Wissen und Kommunikationslatenz nicht vorhandene Themen für die Kommunikation meinen. Diese wiederum unterscheidet er in rein faktische und strukturfunktionale Latenz, wobei letztere Strukturschutz leisten würde wenn "Bewusstsein bzw. Kommunikation Struktur zerstören bzw. erhebliche Umstrukturierungen auslösen würde, und dass diese Aussicht Latenz erhält, also Bewusstsein bzw. Kommunikation blockiert" (Luhmann 1987: 459). Diese Blockierung der Kommunikation heißt in dieser Sichtweise nichts anderes als Tabu.

[...]


[1] Siehe dazu die Sprechakttheorie nach Austin.

[2] Eine weitere Dimension bildet die funktionale Latenz.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Kunst ohne Grenzen?
Untertitel
Das Verhältnis von Kunst und Moral in der Gesellschaft
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Soziologie - Kunst
Note
2,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
43
Katalognummer
V230394
ISBN (eBook)
9783656500896
ISBN (Buch)
9783656501862
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunst, Moral, Entgrenzung, Indikator, Vorstellungen, normen, skandal, Happenings, Bildhauerei, Kunstwerk, Malerei, Theater, Obszönität, Mittelalter, Moderne, Neuzeit, documenta, geschmack, kitsch, entartet, nazi, gesetz, legal, beuys, werte, psycho, luhmann, bourdieu, adorno, simmel, weber, durkheim, provokant, lenk, sittlichkeit, freud, klimt, ethik, imperia, scham, religion, sex, foucault, grenze
Arbeit zitieren
Aron Kraft (Autor), 2013, Kunst ohne Grenzen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230394

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kunst ohne Grenzen?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden