Streitschlichten in der Grundschule - Das Programm nach Karin Jefferys-Duden


Examensarbeit, 2003

106 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Zur Frage: Was ist Streit?
1.1. Zur Frage: Was ist ein Konflikt?
1.1.1. Intrasubjektiver und intersubjektiver Konflikt
1.1.2. Merkmale eines Konflikts
1.2. Entstehung und Typologie von Konflikten nach Lewin
1.2.1. Das Person-Umwelt-Modell
1.2.2. Bedürfnis, Spannung und Verhalten
1.2.3. Ziel, Valenz und Konflikt
1.3. Konfliktlösungen
1.3.1. Konflikte lösen – warum eigentlich?
1.3.2. Konflikte lösen – wie eigentlich?

2. Mediation als Verfahren der Konfliktlösung
2.1. Was ist Mediation?
2.2. Leitgedanken
2.3. Methode und Ziele
2.4. Die Rolle der Mediatoren
2.4.1. Wann kommen Mediatoren zum Einsatz?
2.4.2. Anforderungen an den Mediator
2.4.3. Möglichkeiten und Aufgaben
2.5. Anwendungsfelder

3. Mediation an Schulen
3.1. Konflikte unter Kindern
3.2. Ziele der Schulmediation
3.2.1. Mediation als Intervention
3.2.2. Mediation als Prävention
3.2.3. „Nebenwirkungen“
3.3. Die Bausteine der Konfliktfähigkeit
3.3.1. Selbstwahrnehmung und Selbstregulation
3.3.2. Perspektivenübernahme und Empathie
3.3.3. Kommunikation
3.3.3.1. Ausreden lassen und Zuhören
3.3.3.2. Gefühle ausdrücken
3.3.3.3. Kritik annehmen und konstruktiv Kritik üben
3.4. Rahmenbedingungen für erfolgreiche Mediation
3.4.1. Motivation der Lehrer- und Elternschaft
3.4.2. Streitschlichtung im Schulprogramm
3.5. Vorbereitung und Organisation

4. Das Streitschlichterprogramm nach Karin Jefferys-Duden
4.1. Einführung in das Schlichtungskonzept
4.1.1. Konflikte erkennen
4.1.2. Grundbegriffe der Mediation
4.1.3. Schlichtung: Was ist das? Wie funktioniert sie?
4.1.4 Kommunikation und Interaktion
4.2. Konflikte und Lösungsmöglichkeiten
4.2.1. Kategorisierung der Konflikte
4.2.2. Erarbeitung der Lösungsmöglichkeiten
4.2.2.1. Im Unterrichtsgespräch
4.2.2.2. In Gruppenarbeit
4.3. Regeln und Schlichterfähigkeiten
4.3.1. Regeln und Regelverstöße
4.3.2. Paraphrasieren und Zuhören
4.4. Gefühle
4.4.1. Gefühle erkennen: Körpersprache und Intonation
4.4.2. Eigene Gefühle wahrnehmen und vergleichen
4.5. Der Ablauf eines Schlichtungsgesprächs
4.5.1. Das Bild der Friedensbrücke
4.5.2. Einleitung des Schlichtungsgespräches
4.5.3. Positionen klären
4.5.4. Lösungen suchen
4.5.5. Abkommen treffen
4.6. Übungsphase
4.7. Abschlusstest
4.8. Organisation von Streitschlichtung
4.9. Quantitative und qualitative Erfolgskontrolle

5. Grenzen der Schulmediation

6. Der Erfolg des Programms: eine theoretische Fundierung

7. Ausblick

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang

0. Einleitung

In den letzten Jahren wurde dem Thema "Aggression und Gewalt an Schulen" eine immer größere Aufmerksamkeit zuteil. Zeitungsberichte und Fernsehreportagen über Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeiten unter Kindern und Jugendlichen lösen Betroffenheit und Erschütterung aus.

Durch die Medien, durch Beobachtung alltäglicher Streitsituationen und im persönlichen Umgang mit Mitmenschen „bekommen Kinder als Betroffene und Zeugen häufig den Eindruck, Gewalt sei ein akzeptables und vor allem effektives Mittel der Konfliktaustragung“.[1] Wichtig ist, dass es hierbei nicht nur um physische Gewalt geht. Auch psychische Gewalt durch Ausgrenzung, Lästern, Drohungen, Auslachen, Gruppenzwang oder Hänseln überschattet den (Schul-)Alltag vieler Kinder und Jugendlicher. Als Beispiele seien hier nur gewaltverherrlichende Liedtexte, Mobbing am Arbeitsplatz eines Elternteils und das aggressive Verhalten vieler Straßenverkehrsteilnehmer (z. B. durch Missachtung der Geschwindigkeitsbegrenzung in Spielstraßen oder drängelndes Hupen) genannt. Tagtäglich werden Heranwachsende mit solchen Negativ-Beispielen konfrontiert. Es verwundert daher nicht, dass die Tendenz, Aggressionen und Gewalt als Bewältigungsstrategien in Konfliktsituationen zu sehen, bei Kindern und Jugendlichen zunimmt.

Versteht man Gewalt also als Symptom oder Ventil für unbewältigte Konflikte und damit einhergehende negative Gefühle, so wird deutlich, dass man den Kindern und Jugendlichen Handlungsalternativen für Konfliktsituationen aufzeigen muss, wenn man der Tendenz zur Gewalt entgegenwirken will. Es geht darum, sie in dem Sinne konfliktfähig zu machen, dass sie in der Lage sind, Konflikte verbal und sachlich zu lösen.

Im Hinblick auf meine zukünftige Tätigkeit als Lehrerin für die Primarstufe habe ich mich gefragt, welchen Beitrag die Schule hierzu leisten kann. Welche konkreten Präventions- und Interventionsmöglichkeiten gibt es, um dem Problem der Gewalt – speziell an Schulen – entgegenzuwirken?

Es wäre nicht realistisch zu glauben, Lehrer könnten die (familiären und gesellschaftlichen) Zustände ändern, die bei Kindern und Jugendlichen ursächlich zu Konflikten führen. Das würde zu weit gehen. In der Schule können aber Handlungsalternativen für Streitsituationen erarbeitet und trainiert werden mit dem hohen Ziel, dass Schülerinnen und Schüler lernen, Konflikte gewaltfrei auszutragen.

Dieses Ziel wird auch in den Richtlinien und Lehrplänen für die Grundschule formuliert. Folgende Aufgabenschwerpunkte werden dort in diesem Kontext festgelegt:

- „Rücksicht auf andere nehmen und bei auftretenden Konflikten nach gewaltfreien Lösungen suchen“[2],
- „den alltäglichen Umgang miteinander gestalten (Konflikte zunehmend sprachlich regeln),
- Gespräche führen (sich auf faire Weise mit anderen auseinandersetzen, Gesprächsregeln finden und sich auf Gesprächsregeln einlassen),
- Szenisch spielen, vortragen (Konfliktlösungsmöglichkeiten finden und im Rollenspiel erproben).“[3]

Doch wie kann dies in der Schule realisiert werden? Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Mediation im Rahmen eines theologischen Seminars erweckte das von der Amerikanerin Karin Jefferys-Duden entwickelte Streitschlichterprogramm für Schülerinnen und Schüler mein Interesse. Es ist ein strukturiertes, handlungsorientiertes Konzept zur Mediatorenausbildung in Schulen, in dem Kinder nicht nur erfahren, dass Streit gewaltfrei gelöst werden kann, sondern auch lernen, Streit eigenständig und selbstverantwortlich zu schlichten.

Ich möchte in dieser Arbeit Chancen und Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten des Streitschlichterprogramms nach Karin Jefferys-Duden darstellen.

Im ersten Kapitel wird zunächst eine Begriffsklärung vorgenommen. Dabei wird der Blick - außer auf eine Definition - auch auf eine Theorie zur Entstehung von Konflikten – so der wissenschaftliche Ausdruck für Streit – und auf verschiedene Strategien der Konfliktbearbeitung gerichtet.

Im Kapitel „Mediation als Verfahren der Konfliktlösung“ wird die Idee des Mediationsverfahrens vorgestellt. Es soll Hintergrundinformationen zum Thema Streitschlichten liefern und dem Leser auf diese Weise helfen, das Programm zur Mediatorenausbildung an Schulen in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

Im dritten Kapitel „Mediation an Schulen“ geht es um Ziele der Schulmediation sowie um Rahmenbedingungen und organisatorische Maßnahmen, die bei der Vorbereitung und Durchführung eines Streitschlichterprogramms an Grundschulen hilfreich oder sogar notwendig sein können.

Es folgt eine ausführliche inhaltliche und methodische Beschreibung des Programms nach Karin Jefferys-Duden im vierten Kapitel,

Eine theoretische Fundierung im fünften Kapitel wird Antwort(en) auf die Frage geben, warum dieses Konzept so wirkungsvoll ist. Warum haben sich im Zusammenhang mit Gewaltprävention- und Intervention andere Methoden nicht so gut bewährt?

Oder anders gefragt: Warum lohnt es sich, dieses Programm kritisch zu studieren und seine Anwendung konstruktiv zu erproben?

1. Zur Frage: Was ist Streit?

Das Wort Streit ist vor dem Hintergrund meiner Arbeit ein offener Begriff. Wir lesen, hören und benutzen ihn häufig, ohne ausgiebig darüber nachzudenken, was genau ein Streit eigentlich ist. Folgende Beispiele sollen dies verdeutlichen:

- "Im Streit mit sich selbst entschied er sich, das Gespräch mit seiner Freundin nicht weiter aufzuschieben."
- "Der Streit zwischen den Parteien geht weiter."

In der Auseinandersetzung mit dem Thema Streitschlichten wurde mir die Vielschichtigkeit dieses Begriffes erst bewusst. Je mehr ich las, desto mehr Fragen tauchten auf:

- Was passiert bei einem Streit?
- Wer streitet sich? Und mit wem?
- Wie kommt es zu einem Streit?
- Worüber kann man sich streiten?
- Welche Ausdrucksformen hat Streit?
- Wie kann man einen Streit beenden?

Bei der Suche nach Antworten wich der alltagssprachliche Begriff Streit immer mehr dem eher wissenschaftlichen Terminus Konflikt. Im weiten Feld der psychologischen Konfliktforschung fand ich nicht nur Antworten auf oben genannte Fragen, sondern wurde mir auch die Idee und Wirkungsweise des Mediationsverfahrens als Verfahren zur gewaltfreien, konstruktiven Konfliktlösung – auf dem das Streitschlichterprogramm nach Karin Jefferys-Duden basiert – klarer.

Im Folgenden möchte ich deshalb einen Überblick über wichtige Aspekte des Konfliktbegriffs geben. Für eine ausführlichere Darstellung, die den Rahmen meiner Arbeit sprengen würde, verweise ich auf die in den Fußnoten angegebene Literatur.

1.1. Zur Frage: Was ist ein Konflikt?

Der Begriff Konflikt leitet sich aus dem Lateinischen confligere (zusammenstoßen, streiten, kämpfen) ab[4]. Ein Konflikt kann also verstanden werden als Zusammenstoß, Streit oder Kampf.

Die psychologische Konfliktforschung definiert einen Konflikt demnach als das „Gegeneinanderstehen oder Gegeneinanderwirken von mehreren Trieben, Strebungen, Wünschen, Willensregungen usw.“[5] innerhalb einer Person („intrasubjektiver Konflikt“) oder zwischen mindestens zwei Parteien („intersubjektiver Konflikt“)[6].

1.1.1. Intrasubjektiver und intersubjektiver Konflikt

Bei einem intrasubjektiven Konflikt geht es um „eine Situation, in der gleichzeitig entgegengesetzt gerichtete, dabei aber annähernd gleich starke Kräfte auf das Individuum einwirken.“[7] Die betroffene Person liegt sozusagen im Streit mit sich selbst. Die oben erwähnte „Konstellation gegeneinander gerichteter, sich wechselseitig behindernder und miteinander interferierender Kräfte“[8] liegt innerhalb einer Person und führt dazu, dass diese zwischen den ihr gegebenen Möglichkeiten hin- und hergerissen ist. Sie ist stark verunsichert und leidet unter dem Druck, eine Lösung finden zu müssen.

Der intersubjektive Konflikt dagegen zeichnet sich durch „Verhaltens- und Zieldiskrepanzen“[9] zwischen mehreren Einzelpersonen oder aber zwischen größeren sozialen Einheiten (wie z.B. Parteien, Verbänden, Staaten) aus.

Nach Besemer kann es dabei inhaltlich um unterschiedliche Ansichten zu Sachverhalten, um nicht übereinstimmende Interessen und Ziele, um Beziehungsprobleme, um unvereinbare Wertüberzeugungen- und Orientierung oder um ungleiche strukturelle Verhältnisse gehen[10]. Diese Kategorien sind jedoch nicht immer deutlich voneinander zu trennen, Mischformen sind die Regel. So ist es sogar wahrscheinlich, dass jeder soziale Konflikt – unabhängig um was es dabei inhaltlich geht - auch Komponenten eines Beziehungskonfliktes enthält, da die Konfliktparteien zueinander in Beziehung stehen.

Betrachtet man nun in intersubjektiven Konflikten die einzelnen Personengruppen oder Einheiten als gemeinsame Interessen vertretende Subjekte, so können in sozialen Konflikten auch intrasubjektive Konflikte auftreten[11]. Denn nicht alle Mitglieder einer Interessengemeinschaften müssen gleiche Vorstellungen von der Art und Weise haben, wie das gemeinsam angestrebte Ziel erreicht werden kann. Es handelt sich hierbei dann wiederum um einen sozialen Konflikt zwischen den Einzelpersonen einer Einheit.

Montada / Kals bemerken in diesem Zusammenhang, dass in intersubjektiven Konflikten intrasubjektive Konflikte häufig – und nicht nur innerhalb einer Interessengemeinschaft, sondern auch innerhalb eines jeden Individuums - eine Rolle spielen. Die betroffenen Konfliktparteien bringen – bewusst oder unbewusst – ihre persönlichen Konflikte auch in soziale Konflikte mit ein. Sie können „Gründe sein, weshalb eine Partei bezüglich ihrer Ziele, Wünsche oder Ansprüche ambivalent, zögerlich, inkonsistent oder schwankend erscheint.“[12]

Intrasubjektive Konflikte können jedoch soziale Konflikte nicht nur – positiv wie negativ - beeinflussen, sondern selbst zu sozialen Konflikten werden, nämlich wenn die Entscheidungsschwierigkeiten des Individuums bzw. einer Einheit von Personen andere Personen in irgendeiner Weise negativ beeinflussen[13]. Crisand betont allerdings in diesem Kontext, dass die Beeinflussung eine wechselseitige ist: „Alles, was auf der zwischenmenschlichen Ebene geschieht, wird innerlich verarbeitet.“[14] Soziale Konflikte können demnach auch zu persönlichen Konflikten werden.

Für eine gemeinsame Lösungsfindung in einem sozialen Konflikt ist es deshalb wichtig, auch die intrasubjektiven Konflikte der einzelnen Parteien aufzudecken. Der Austausch über persönliche Konflikte, Sorgen und Entscheidungsschwierigkeiten und der damit einhergehende Perspektivenwechsel kann in einem sozialen Konflikt auch dazu beitragen, dass sich der zwischenmenschliche Konflikt entschärft oder gar auflöst.

Besonders im Konfliktlösungsverfahren der Mediation wird diese Einsicht genutzt und umgesetzt wie im zweiten Kapitel erläutert werden wird.

1.1.2. Merkmale eines Konflikts

Das gleichzeitige Bestehen von mindestens zwei sich gegenseitig ausschließenden Verhaltenstendenzen oder Handlungsalternativen resultiert bei dem/den Betroffenen häufig in der Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen. Dies wird als sehr belastend empfunden und kann zu „einer Verzögerung oder Hemmung von Reaktionen oder Entscheidungen bzw. zu Kurzschlusshandlungen“[15] führen.

Folgende Abbildung soll diesen „Kampf der Motive“[16] illustrieren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dabei sind die Gegensätzlichkeit, Unvereinbarkeit und Gleichzeitigkeit der Handlungsalternativen charakteristische Elemente eines Konflikts[17]. Berkel kommt dementsprechend zu folgender Formulierung: „Von Konflikt soll dann und nur dann gesprochen werden, wenn (mindestens, meist aber auch nicht mehr als) zwei Inhalte oder Elemente in einer Beziehung stehen, die durch gleichzeitige Gegensätzlichkeit und/oder Unvereinbarkeit/Unverträglichkeit gekennzeichnet ist.“[18] Weiterhin charakterisiert Berkel Konflikte als

- Störungen des regulären Handlungsablaufes, die einen Lösungsdruck verursachen und bewältigt werden müssen,
- gefühlsbeladen (häufig sind diese Gefühle ambivalenter Art) und
- wachsend (bezüglich der Anzahl der betroffenen Personen und der Intensität der Auseinandersetzung)[19].

Zu ergänzen ist an dieser Stelle, dass ein Konflikt als Patt-Situation erlebt wird, die dem / der Betroffenen die Möglichkeit nimmt, zu handeln. Er / Sie ist der Hilflosigkeit ausgeliefert, ist in ihr gefangen, ohne einen Ausweg zu sehen.

Crisand nennt im Hinblick auf zwischenmenschliche Konflikte, auf die ich mich im weiteren Verlauf der Arbeit konzentrieren werde, ergänzend folgende Merkmale:

- gestörte Kommunikation (Unaufrichtigkeit, Irreführung, Drohungen, Druck),
- verzerrte Wahrnehmung (Unterschiede statt Gemeinsamkeiten, Unterstellung von Böswilligkeit und Falschheit),
- veränderte Einstellung zum Gegenüber (Misstrauen, Feindseligkeit, Bereitschaft, dem anderen zu schaden, verdrängt Bereitschaft, ihn zu unterstützen).[20]

Wie später dargestellt werden wird, greift das Mediationsverfahren als Lösungsverfahren in sozialen Konflikten genau diese Aspekte auf. Speziell bei der Mediatorenausbildung an Schulen wird großen Wert auf Kommunikation, Wahrnehmung der eigenen Gefühle und der des „Gegners“ und Interaktion gelegt (s. Kapitel 4: „Das Streitschlichterprogramm nach Karin Jefferys-Duden“).

1.2. Entstehung und Typologie von Konflikten nach Lewin

Neben den Theorien aus der Psychoanalyse und aus der Entscheidungsforschung hat der Gestaltpsychologe Kurt Lewin im Rahmen der Untersuchung menschlicher Motivation und Verhalten eine „Feldtheorie“ zur Entstehung von Konflikten entworfen.

Während die psychoanalytische Theorie die Entstehung „eines Widerstreites von Wunschregungen“[21] damit erklärt, „dass menschliche Konflikte im wesentlichen durch die Spannung zwischen biologischer Triebnatur und Erziehung zu geformter Selbstkontrolle entstehen“[22], und die Entscheidungstheorien die Rolle von Erkenntnisinhalten und daraus entstehenden Dissonanzen betonen[23], sieht Lewin die Ursache für Konflikte in den inneren und äußeren Reizen, denen ein Mensch tagtäglich ausgesetzt ist und die sein Verhalten beeinflussen.

1.2.1. Das Person–Umwelt-Modell

Ausgangspunkt seiner Theorie ist die Annahme, dass menschliches Verhalten nur als Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen persönlichen und situativen Faktoren erklärt werden kann[24]. Diesen Zusammenhang – Verhalten als Funktion von Person und Umwelt – hat Lewin in folgender mathematischen Funktion ausgedrückt:

„V = f (p, u)”[25]

Person und Umwelt treten hier als „interdependente Variablen“[26] auf. Gemeinsam bilden sie den Lebensraum des Menschen, den Lewin als „Feld“ bezeichnet. Folgende Darstellung soll dies illustrieren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Lewin unterteilt den Lebensraum einer Person demnach in unterschiedliche Systeme und Felder. Durch die Grenzzone M ist die Person durch „Wahrnehmung und Aktivität“[27] mit ihrer Umwelt U (die gegenständliche Umwelt, aber auch gesellschaftliche Normen und Werte, Anm. d. Verf.) verbunden.

Im Innenbereich (individuelle Fähigkeiten, Vorlieben und Abneigungen, Anm. d. Verf.) beschreibt Lewin viele Felder, die jeweils für ein Handlungsziel stehen, „...sei es für ein überdauerndes Anliegen, das man als Bedürfnis oder Motiv bezeichnen kann oder für eine momentane Intention.“[28] Überdauernde Anliegen bzw. echte Bedürfnisse[29] (z. B. der Wunsch, eine Aufgabe zu lösen, um als jemand zu erscheinen, der problemorientiert denken kann) liegen dabei eher im Zentrum (Z), während die kurzfristigen Absichten eine periphere Position einnehmen (P) (z. B. der Wunsch, eine Aufgabe zu lösen, um dann nach Hause gehen zu können).

Die Anordnung der einzelnen Felder ist dabei keineswegs eine willkürliche[30]: Je weiter ein Feld von der sensomotorischen Grenzzone (M) entfernt liegt, desto weniger wird dieses Bedürfnis direkt von äußeren Reizen (U) beeinflusst. Informationen von außen (U) nach innen (Z) (Wahrnehmung) dauern in diesem Fall am längsten und verlieren auf diesem Weg an Intensität und Einfluss. Die echten Bedürfnisse erhalten sich sozusagen selbst, sind also stabil.

Umgekehrt ist die „handelnde Einwirkung der Person auf die Umwelt“[31] von innen (Z) nach außen (U) (Aktivität) auch am schwierigsten zu realisieren: je dauerhafter das Bedürfnis ist, desto schwieriger erscheint der Weg zur Bedürfnisbefriedigung durch Lokomotion, verbale und nonverbale Ausdrucksformen.[32]

Zudem werden ähnliche Handlungsziele als benachbarte Systeme angeordnet. Der Grad der Ähnlichkeit „ist am größten, wenn zwei Bereiche zwei gemeinsame Grenzen haben.“[33] Z. B. würde das Ziel, den Führerschein zu machen, neben dem Handlungssystem „Fahrstunden nehmen“ angeordnet werden. Der Zielbereich (Erwerb des Führerscheines) kann wiederum als Handlungsfeld für das Ziel, eine Wochenendbeziehung zu erleichtern, gesehen werden. Es wäre somit angrenzend angeordnet.

Dieses Beispiel verdeutlicht zudem die Beziehung zwischen Quasi-Bedürfnissen und echten Bedürfnissen: die Befriedigung eines Quasi-Bedürfnisses (Auto fahren können) ist häufig nur Mittel zum Zweck, um ein echtes Bedürfnis zu befriedigen (Nähe zum Partner). Quasi-Bedürfnisse können also „als Barrieren wirken“[34], die überwunden werden müssen, um zu einem Ziel zu gelangen.

Im Kontext der benachbarten Handlungsziele sei abschließend noch angemerkt, dass der Einfluss eines Feldes auf andere Felder im Innenbereich - und somit auch auf menschliches Verhalten, wie später gezeigt werden soll – hat, umso größer ist, je mehr direkte angrenzende „Nachbarn“ es hat, d. h. zentrale Bereiche – also echte Bedürfnisse – haben im Gesamtsystem die größte Macht[35].

Wie nun im Rahmen dieses theoretischen Ansatzes menschliches Verhalten entsteht, wie es dabei zu Konflikten kommen kann und wie diese gelöst werden können, soll im Folgenden dargestellt werden.

1.2.2 Bedürfnis, Spannung und Verhalten

Nach Lewin hat jedes Feld - als Bedürfnis mit Handlungsziel - im innerpersonalen Bereich eine bestimmte Spannung. „Man kann sich die einzelnen Bereiche als flüssigkeitsgefüllte Gefäße vorstellen, die unter verschiedenem Druck stehen.“[36] Unter Druck bzw. Spannung versteht er dabei „einen höchst wünschenswerten Zustand“[37], der das Individuum zu erhöhter Aktivität bezüglich der Erreichung seines Ziels treibt. Spannung wird hier also als Antriebskraft, als Energie verstanden.

„Nun herrscht im Gesamtsystem eine allgemeine Tendenz zum Spannungsausgleich.“[38] Dieser kann sowohl nach innen, als auch nach außen hin geschehen.

Beim Spannungsausgleich nach innen verteilt sich die Spannung eines Feldes über die – in Lewins Denkmodell – porösen Grenzen auf benachbarte Felder. „Es wird lediglich eine lokale Spannungsspitze in einem bestimmten Feld abgebaut...“[39], wobei sich die Spannung im Nachbarfeld, also die Energie bezüglich des Erreichens des entsprechenden Handlungsziels, erhöht. Die Spannung hat sich demnach nur verschoben.

Der tatsächliche Spannungsabbau findet über die sensomotorische Grenzzone (M) statt. „Das gespannte System, das eine vorgenommene Handlung repräsentiert, entspannt sich, wenn es Zugang zur Grenzzone der sensomotorischen Exekutive findet, d. h. wenn es beginnt, das Verhalten zu bestimmen, bis das Handlungsziel erreicht ist.“[40] Spannungsminderung wird demnach der Erfüllung eines Bedürfnisses gleichgesetzt.[41] D. h. die psychologischen Spannungen, die ein Bedürfnis bzw. ein Handlungsziel im Menschen lebendig halten, bestimmen das Verhalten, das zur Erreichung des Ziels und somit zur Spannungsentladung führt.

1.2.3. Ziel, Valenz und Konflikt

Wie oben bereits geschildert, steht jedes Feld im innerpersonalen Bereich des Lebensraumes einer Person für ein bestimmtes Handlungsziel. Man kann sich das Feld einer Person also auch nach Zielen strukturiert vorstellen.

Die Kraft, die dabei von den einzelnen Zielen ausgeht und die den Menschen zum Handeln bewegen soll, kann entweder positiv (anziehend) oder negativ (abstoßend) sein. Lewin führt in diesem Kontext den Begriff der Valenz bzw. des Aufforderungscharakters ein. Dabei „ergibt sich der Aufforderungscharakter bzw. die Valenz eines Zieles (a) aus der Spannung eines korrespondierenden Bedürfnisses sowie (b) aus der Qualität des Zielobjektes“[42]. So wird der Aufforderungscharakter eines Getränkes bei schlimmer werdendem Durst steigen, doch wird ein kühles Wasser immer attraktiver sein als ein süßer Kakao.

Ziele mit einer positiven Valenz führen dabei zu annäherndem Verhalten, Ziele mit einer negativen Valenz führen zu vermeidendem Verhalten. Oder anders ausgedrückt: „Die Totalität der Feldkräfte, die sich aus den positiven und negativen Valenzen ... ergeben, üben Einflüsse anziehender und abstoßender Natur aus, wodurch sie das Verhalten ... auf bestimmte Ziele ausrichten.“[43]

Nach Lewin entsteht ein Konflikt nun genau dann, wenn ein Ziel mehr als eine Valenz hat. Er differenziert in diesem Zusammenhang zwischen drei Konflikttypen: dem Appetenz-Appetenzkonflikt, dem Appetenz-Aversionskonflikt und dem Aversions-Aversionskonflikt.

Beim Appetenz-Appetenzkonflikt hat ein Ziel zwei positive Valenzen. Die Verhaltenstendenzen oder Handlungsalternativen, zwischen denen sich die Person entscheiden muss, sind positiv besetzt, sie sind für die in gleichem Maße attraktiv. Da sie sich jedoch nicht gleichzeitig realisieren lassen, bedeutet die Entscheidung für eine dieser Verhaltensmöglichkeiten auch immer den Verzicht auf die andere, möglicherweise bessere Alternative[44] (Bsp.: Kino oder Theater?)

Ein Appetenz-Aversionskonflikt liegt dann vor, wenn ein Ziel sowohl einen positiven als auch einen negativen Aufforderungscharakter hat. Das Ziel löst dann zugleich „Verlangen wie auch Ablehnung“[45] bei der betreffenden Person aus, ist also „mit gleicher Intensität zugleich abstoßend und anziehend“[46]. In einer solchen Situation müssen dann Vor- und Nachteile beider Optionen abgewogen werden, so dass eine Entscheidung möglich wird (Bsp.: Karriere machen auf Kosten der gemeinsamen Zeit mit Partner und Familie).

Ein Aversions-Aversionskonflikt ist dadurch gekennzeichnet, dass von einem Ziel nur negative Kräfte ausgehen, weshalb die betreffende Person eigentlich die daraus resultierenden Handlungsalternativen alle vermeiden möchte. Sie hat letztendlich nur die Wahl zwischen mehreren Übeln, und wird nun versuchen, das kleinere Übel zu erkennen und dann auszuwählen[47] (Bsp.: bei Zahnschmerzen zum Zahnarzt gehen[48] ).

Ein tieferes Verständnis des Konfliktes, wie es durch Lewins „klassischen“ Beitrag gewonnen wurde, ist Voraussetzung für den nun folgenden Diskurs zu Konfliktlösungsstrategien, unter denen das Mediationsverfahren eine herausragende Rolle spielen wird.

1.3. Konfliktlösungen

1.3.1. Konflikte lösen – warum eigentlich?

Konflikte gehören zum Leben dazu. Wir alle werden im privaten, beruflichen wie im gesellschaftlichen Bereich unseres Lebens – direkt oder indirekt - mit Konflikten konfrontiert:

- die ehemals beste Freundin, die enttäuscht auf Distanz geht,
- der Arbeitskollege, der intrigierend eigene Ziele verfolgt oder
- Abtreibungsgegner, die aufgebracht gegen ein neues Gesetz der Regierung demonstrieren.

„Konflikte werden meist als störend, bedrohlich, destruktiv und schmerzvoll erlebt.“[49] Sie belasten uns, besonders dann, wenn dadurch Beziehungen zu anderen Menschen beeinträchtigt werden. Wir sind unruhig, unkonzentriert, angespannt, gereizt, unzufrieden aber auch traurig, wenn wir mit jemandem gestritten haben und keine Versöhnung stattgefunden hat.

Konflikte können aber mehr sein als „nur“ Krisen, die uns belasten und unsere sozialen Beziehungen in Frage und auf die Probe stellen, sie im schlimmsten Fall sogar zerbrechen lassen. Konflikte sind auch eine Chance zur Entwicklung – sowohl im persönlichen Bereich als auch im Umgang mit anderen Menschen. Max Frisch hat dies einmal wie folgt ausgedrückt: „Die Krise ist ein produktiver Prozess. Man muss ihm nur den Beigeschmack einer Katastrophe nehmen.“

Besonders das Mediationsverfahren nutzt diese Einsicht und trägt durch seine Methodik sowohl zur Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Konfliktparteien als auch zur Verbesserung der Konfliktfähigkeit und somit zur Stabilisierung sozialer Beziehungen bei (s. Kapitel 2.3.: „Methoden und Ziele“).

1.3.2. Konflikte lösen – wie eigentlich?

Ein Konflikt ist – wie oben bereits erwähnt - für alle Konfliktparteien belastend. Die meisten Menschen wünschen sich in einem Konflikt auch nichts sehnlicher, als diesen aufzulösen. Doch jeder hat eine andere Vorstellung davon, wie ein Konflikt bearbeitet und bewältigt werden kann.

Man unterscheidet grundsätzlich zwischen unspezifischen oder evasiven und spezifischen oder aktiven Coping-Strategien.

Evasive Coping-Strategien kennzeichnen sich dadurch aus, dass der/die Betroffene(n) einer Auseinandersetzung mit dem Konflikt aus dem Weg geht bzw. gehen in der Hoffnung, dass dieser sich dann irgendwann von selbst löst. Dies kann auf verschiedene Arten geschehen, z. B. durch physisches oder psychisches Verlassen (letzteres Sinne des Vergessens bzw. der Verdrängung) der Konfliktsituation, durch Hineinstürzen in die Arbeit, durch exzessiven Sport, durch ein ausschweifendes Nachtleben, durch einen Einkaufsbummel oder durch andere Tätigkeiten, die nichts mit dem Konflikt oder der anderen Konfliktpartei zu tun haben.

Bei den aktiven Coping-Strategien findet eine Auseinandersetzung mit der Konfliktsituation statt. Dies kann durch einen Tagebucheintrag, durch ein Gespräch mit Freunden, durch Nachdenken, durch Informationen sammeln, durch Gewalt oder durch ein Gespräch mit der „Gegenpartei“ geschehen.

Eine besondere Art des Konfliktgespräches stellt dabei das Verfahren der Mediation dar. Es stellt eine Möglichkeit der gewaltfreien, konstruktiven Konfliktaustragung dar und ist schon in vielen Lebensbereichen auf Anerkennung gestoßen.

Die vorliegende Arbeit konzentriert sich ausschließlich auf diese Strategie zur Konfliktregelung in sozialen Konflikten. Dabei wird der Schwerpunkt auf den Einsatz von Mediation in der Form eines Streitschlichterprogramms für Schülerinnen und Schüler und Schüler in der Grundschule liegen.

2. Mediation als Verfahren der Konfliktlösung

2.1. Was ist Mediation?

Mediation (aus dem Lateinischen mediare = vermitteln) bedeutet „Vermittlung im Konflikt“.[50] Die Vermittlung zwischen den Konfliktparteien, die freiwillig am Mediationsverfahren teilnehmen sollten, wird dabei durch einen neutralen, unparteiischen Dritten vorgenommen. Mit seiner Hilfe sollen die Konfliktparteien gemeinsam, eigenverantwortlich, selbstbestimmt und auf konstruktive Art und Weise den Konflikt bearbeiten und zu einer von beiden Seiten akzeptierten Lösung kommen.

Von besonderer Bedeutung dabei ist, dass Mediation ein „außergerichtliches Verfahren der Streitbeilegung“[51] ist.

2.2. Leitgedanken

Um das Konzept der Mediation noch etwas zu verdeutlichen, seien im Folgenden einige Gedanken aufgeführt, die zur Entwicklung und Entstehung des Mediationsverfahrens in seiner heutigen Form beigetragen haben. In Anlehnung an Besemer sind die „Grundannahmen des Mediationskonzeptes“[52]:

1. Konflikte gehören zum Leben dazu, sollten aber gelöst werden.
2. Die „Streithähne“ wollen den Konflikt lösen, wissen aber nicht wie.
3. Eine von außen herangetragene Konfliktlösung (z. B. durch ein Gericht) wird den Vorstellungen der Beteiligten weniger gerecht als eine eigenständig gefundene Lösung.
4. Gefühle dürfen bei einer Entscheidungsfindung ebenso wenig ausgeklammert werden wie „der Kopf“.
5. Eine – gewollte oder unvermeidbare - Fortführung der Beziehung nach den Verhandlungen verstärkt die Notwendigkeit des Einhaltens der Übereinkunft (z. B. bei Nachbarn, Verwandten).
6. Die eigenständig erarbeitete Lösung wird eher akzeptiert und eingehalten als eine Entscheidung von Außenstehenden.
7. Der außergerichtliche Charakter der Mediationssitzungen ermutigt zur Teilnahme.
8. Erlernte Handlungsstrategien sind auch nützlich für die Zukunft.[53]

Diese Leitgedanken haben dazu beigetragen, dass die Idee des Schlichtungsgespräches konkretisiert wurde. Das primäre Ziel, Konflikte gewaltfrei und ohne Einmischung durch autoritäre Instanzen miteinander zu lösen, brauchte „nur“ noch eine Methodik.

2.3. Methoden und Ziele

Mediation will zunächst – wie oben schon erläutert - in konkreten Streitfällen vermitteln. Es geht darum, sogenannte „win-win-Lösungen“ zu finden, d. h. Lösungen, die für beide Konfliktparteien von Vorteil sind. Mediation will eine „Chance bieten, tragfähige Vereinbarungen für die Zukunft zu finden, die den weiteren sozialen Kontakt zwischen den Konfliktparteien ermöglichen.“[54]

Durch Aufdecken der Hintergründe des Konflikts im gemeinsamen Gespräch sollen die Konfliktparteien die Ursache(n) für ihren Streit erkennen und benennen können.

Dabei wird von den Beteiligten zum Einen erwartet, dass sie eigene „...Vorurteile, Antipathien, starre Prinzipien, schlechte Gewohnheiten, eigene Dogmen ...“[55] aufspüren und hinterfragen. Sie sollen erkennen, wie sie durch ihre Einstellungen und ihr Verhalten zur Entstehung des Konfliktes beigetragen haben.

Zum anderen sollen sie den Konflikt aus ihrer Sicht beschreiben und ihre – bis dahin unausgesprochenen – Sorgen, Wünsche und Absichten offenbaren. „Durch die gegenseitige Darstellung und Wahrnehmung des Konfliktgeschehens wird für jede Konfliktpartei die Möglichkeit eröffnet, die Perspektive der anderen kennenzulernen. Es geht nicht um Schuldzuweisung oder um die Aufklärung der absoluten Wahrheit, sondern um die Erhellung des Konflikts aus der Sicht der Konfliktparteien, wobei Gefühle der Betroffenen bewusst einbezogen werden sollen.“[56] Häufig wird in diesem Zusammenhang beiden Parteien erst deutlich, wie es überhaupt zu dem Konflikt kommen konnte.

Haben die am Konflikt beteiligten Personen die Ursache(n) des vorliegenden Streites erkannt, wird von ihnen die Entwicklung eines Handlungskonzepts erwartet. Unter Rücksichtnahme auf die Gefühle und Interessen des Anderen sollen die Kontrahentinnen und Kontrahenten gemeinsam eine Lösung für ihren Konflikt finden. „Eine Grundannahme der Mediation ist, dass die Beteiligten sich eher an eine Abmachung halten, die sie selbst ausgearbeitet haben.“[57] (s. auch Kapitel 2.2.) Erst wenn beide Parteien mit einer Idee einverstanden sind, wird der Vorschlag auch vom Mediator akzeptiert und das Mediationsverfahren – nach Treffen einer Übereinkunft – beendet.

Montada und Kals beschreiben diesen Ablauf einer Mediation als Prozess mit sechs Phasen:

1. Vorbereitung: Die Rahmenbedingungen für das Gespräch werden gesteckt (Regeln festgelegt, Ziele geklärt usw.).
2. Probleme erfassen und analysieren: Die Kontrahentinnen und Kontrahenten beschreiben den Konflikt aus ihrer Sicht und definieren das Problem.
3. Konfliktanalyse: Die Bedingungen des Konflikts sowie seine Ursachen werden geklärt. Dabei gilt: „Kausalitätssprache statt Schuldsprache“[58].
4. Konflikte und Probleme erarbeiten: Die Wünsche und Interessen der Konfliktparteien werden offenbart, mögliche Lösungen gesucht und bewertet.
5. Mediationsvereinbarung: Nach der Entscheidung für eine Lösung, wird diese schriftlich fixiert.
6. Evaluation und Follow-up: Nach einiger Zeit wird die Einhaltung der Vereinbarung durch beide Parteien kontrolliert. Eine Evaluation der Mediation kann in diesem Zusammenhang stattfinden.[59]

Der Ablauf einer Mediation sei an dieser Stelle nur im Überblick dargestellt. Eine ausführlichere inhaltliche und methodische Beschreibung eines Schlichtungsgespräches findet an späterer Stelle im Rahmen des Streitschlichterprogramms für Schülerinnen und Schüler nach Karin Jefferys-Duden statt.

Mediation leistet aber mehr, als „nur“ in einem Streit zu vermitteln. „Es geht nicht nur um die rasche Beilegung eines konkreten Problems, sondern um die Aufdeckung der Tiefenstruktur eines Konflikts, damit eine nachhaltige Bereinigung möglich wird. Es geht auch darum, den konkreten krisenhaften Konflikt als Entwicklungschance zu nutzen, neue generalisierbare Kompetenzen zu erwerben, neue Einsichten über sich selbst und eine weisere Betrachtung von Problemen zu gewinnen.“[60] Der eigenaktive Umgang mit Unrecht und Gewalt[61] fördert nicht nur das Selbstbewusstsein der beteiligten Personen, sondern unterstützt auch die Entwicklung sozialer Kompetenzen. Besonders die Fähigkeiten zur Kommunikation und zur Empathie (nach Rosenberg als „respektvolles Verstehen der Erfahrungen anderer Menschen“[62] verstanden) werden durch die Teilnahme an einem Schlichtungsgespräch gefordert und gefördert.

Langfristig gesehen könnte dies dazu beitragen, dass Mediation als eine „Alternative zur direkten Konfliktaustragung“[63] erkannt wird und es weniger gewaltfreie und außergerichtliche Konfliktaustragungen gibt.

2.4. Die Rolle der Mediatoren

Die vermittelnden Personen, auch Mediatoren genannt, spielen im Mediationsprozess eine wichtige Rolle. Dabei ist Mediator „keine rechtlich geschützte Berufsbezeichnung“[64]. Grundsätzlich kann jede Person - ohne vorherige Ausbildung - als Mediator tätig sein.

Im Folgenden soll erläutert werden, warum die Hilfe eines unparteiischen Dritten in einer Konfliktsituation sinnvoll ist. Außerdem werden die Anforderungen an einen Mediator sowie seine Aufgaben im Schlichtungsgespräch beschrieben. Es soll deutlich werden, dass die Rolle des Mediators nicht nur eine wichtige ist, sondern auch eine schwierige sein kann.

2.4.1. Wann kommen Mediatoren zum Einsatz?

In Streitsituationen kommen die Konfliktparteien an einem gewissen Punkt oft nicht weiter, sie stecken – was ihre Auseinandersetzung betrifft – in einer Sackgasse. Eine Gesprächsmoderation durch eine dritte, unbeteiligte Person macht hier nicht nur Sinn, sondern ist sogar notwendig, wenn der Streit endgültig und im Sinne aller beteiligten Konfliktparteien beigelegt werden soll. „Durch eine bestimmte Verfahrensfolge und sprachliches Handlungswissen sind die Mediatoren zugleich Gesprächsleiter und Brücke zwischen den Kontrahenten...“[65]. Die Diskussion wird aufrecht erhalten, das Gespräch gelenkt. Ziel ist immer der Konsens. Auch „unbeherrschte emotionale Attacken“[66] bleiben in Anwesenheit eines Unbeteiligten eher aus, so dass das Gesprächsklima an Aggressivität verliert.

Zudem hat eine außenstehende Person in den meisten Fällen eine bessere Übersicht über die Gesamtsituation als die am Streit Beteiligten. „Konflikte beeinträchtigen unsere Wahrnehmungsfähigkeit und unser Denk- und Vorstellungsleben so sehr, dass wir im Lauf der Ereignisse die Dinge in uns und um uns herum nicht mehr richtig sehen...; unsere Sicht auf uns und die gegnerischen Menschen im Konflikt, auf die Probleme und Geschehnisse wird geschmälert, verzerrt und völlig einseitig.“[67] Der Mediator kann hier intervenieren und den Blick der Parteien wieder auf das Wesentliche – die Lösungsfindung – lenken.

[...]


[1] Walker, J., S.9

[2] Ministerium für Schule und Weiterbildung, Richtlinien Sachunterricht, S. 28

[3] Ministerium für Schule und Weiterbildung, Richtlinien Sprache, S. 25

[4] Berkel, K., 1984, S. 54

[5] Ulich, D., S. 26

[6] vgl. Montada, L. / Kals, E., S. 60

[7] Lewin, K., S. 11

[8] Berkel, K., 1984, S.67

[9] Regnet, E. in Wenninger, G., S. 368

[10] vgl. Besemer, C., S. 31

[11] vgl. Montada, L./Kals, E., S. 63

[12] Montada, L. / Kals, E., S. 60

[13] vgl. Montada, L. / Kals, E., S. 61

[14] Crisand, E., S. 17

[15] Faktum Lexikoninstitut, S. 233

[16] Ulich, D., S. 26

[17] vgl. Ulich, D., S. 33

[18] Berkel, K., 1984, S. 54

[19] Berkel, K., 1999, S. 11f

[20] vgl. Crisand, E., S. 18

[21] Freud, S., S. 342

[22] Berkel, K., 1999, S. 22

[23] vgl. Crisand, E., S. 19

[24] vgl. Rheinberg, F., S. 42

[25] Marrow, A. J., S. 46

[26] Marrow, A.J., S. 45

[27] Rheinberg, F., S. 44

[28] Heckhausen, H., S. 137

[29] vgl. Marrow, A. J., S. 44

[30] vgl. Heckhausen, H., S. 137

[31] Heckhausen, H., S. 137

[32] vgl. Heckhausen, H., S. 137

[33] Heckhausen, H., S. 137

[34] Marrow, A. J., S. 43

[35] vgl. Heckhausen, H., S. 137

[36] Heckhausen, H., S. 137

[37] Marrow, A. J., S. 44

[38] Rheinberg, F., S. 45

[39] Rheinberg, F., S. 45

[40] Heckhausen, H., S. 137

[41] vgl. Marrow, A. J., S. 44

[42] Rheinberg, F., S. 49

[43] Marrow, A. J., S. 43

[44] vgl. Regnet, E. in Wenninger, G., S. 371f

[45] Microsoft Encarta Enzyklopädie Plus 2001

[46] Michel, C. / Novak, F., S. 226

[47] vgl. Regnet, E. in Wenninger, G., S. 372

[48] vgl. Ulich, D., S. 76

[49] Faller, K. / Faller, S., S. 16

[50] Dulabaum, N. L., S. 9

[51] Montada, L./Kals, E., S. 1

[52] Besemer, C., S. 37

[53] vgl. Besemer, C., S. 37

[54] Simsa, C., S. 10

[55] Braun, G. u.a., S. 15

[56] Simsa, C., S. 9f

[57] Walker, J., S. 14

[58] Braun, G. u.a., S. 15

[59] vgl. Montada, L./ Kals, E., Buchdeckel

[60] Montada, L. / Kals, E., S. 1

[61] vgl. Besemer, C., S. 40

[62] Rosenberg, M. B., S. 103

[63] Dulabaum, N. L., S. 8

[64] Simsa, C., S: 16

[65] Hagedorn, O., S. 11

[66] Besemer, C., S. 38

[67] www.friedenspaedagogik.de

Ende der Leseprobe aus 106 Seiten

Details

Titel
Streitschlichten in der Grundschule - Das Programm nach Karin Jefferys-Duden
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Psychologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
106
Katalognummer
V23048
ISBN (eBook)
9783638262514
Dateigröße
805 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Streitschlichten, Grundschule, Programm, Karin, Jefferys-Duden
Arbeit zitieren
Tessa Rothe (Autor), 2003, Streitschlichten in der Grundschule - Das Programm nach Karin Jefferys-Duden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23048

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