Auszug aus der Einleitung:
Mit dieser Arbeit möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit Kiezdeutsch eine simplifizierende Varietät des Deutschen und „typisch deutsch“ ist, oder ob es sich hier um unzureichende Deutschkenntnisse gespickt von türkischen Formulierungen handelt. Dazu werde ich zunächst eine Einführung geben und exemplarisch zeigen, wodurch sich Kiezdeutsch vom Standarddeutschen unterscheidet, bevor ich dann verschiedene Positionen inklusive meiner eigenen darstelle und anschließend eine sprachliche Analyse an der Fokuspartikel „so“ durchführe, die in ein Schlussvotum führt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist eigentlich Kiezdeutsch?
2.1. Geschichte, Herkunft und Sprecher von Kiezdeutsch
2.2. Exemplarisches Aufzeigen einiger Unterschiede zum Standarddeutschen
3. Kiezdeutsch – Variante oder Vereinfachung
3.1. Heike Wiese
3.2. Hatice Deniz Canoğlu
3.3. Ist Kiez-Sprache ein deutscher Dialekt? – Kritik an Wiese
4. Die Partikel „so“
4.1. Einleitung und Aufgaben von Partikeln im Deutschen
4.2. Aufgaben der Partikel „so“ im Standarddeutschen
4.3. Gebrauch und Aufgaben von „so“ im Kiezdeutschen
4.4. Schlussfolgerung für die Funktion
5. Gesamtfazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob Kiezdeutsch als eigenständige sprachliche Varietät bzw. Dialekt zu klassifizieren ist oder lediglich einen Ausdruck mangelnder Deutschkenntnisse darstellt. Dabei wird kritisch hinterfragt, inwieweit die Thesen von Heike Wiese die sprachliche Realität abbilden und ob die Verwendung spezifischer sprachlicher Elemente, wie der Partikel „so“, auf eine strukturierte Grammatik oder eine unstrukturierte Vereinfachung hindeutet.
- Phänomenologische Einordnung von Kiezdeutsch
- Kritische Auseinandersetzung mit linguistischen Positionen (u.a. Heike Wiese)
- Analyse der Partikel „so“ als Fokusmarker im Kiezdeutschen
- Untersuchung von Sprachmischung und soziolinguistischen Kontexten
- Bewertung von Sprachkompetenz versus sprachlicher Innovation
Auszug aus dem Buch
4.3 Gebrauch und Aufgaben von „so“ im Kiezdeutschen
Die folgenden Beispiele zeigen, auf welche Weise so im Kiezdeutschen verwendet wird:
Teilweise so für Bikinifigur und so, weißt doch so.
[...] wenn wir umziehen so, isch hab keine Zeit, zu essen, keine Zeit zu gar nix.
Isch hab ja mehr so Deutsch so.
Ich höre Alpa Gun, weil er so aus Schöneberg kommt.
Also, ich mein so blond so.
Hier zeigt sich, dass die Partikel an verschiedenen Stellen im Satz gebraucht wird. Der Gebrauch am Ende eines Satzes oder vor einem Adjektiv ist aus dem Standarddeutschen bekannt. Allerdings wird die Partikel in den oben aufgeführten Beispielen auch an ungewöhnlichen Stellen gebraucht. Während im Standarddeutschen die Partikel beispielsweise vor dem Verb („Das habe ich noch nie so gesehen.“) stehen kann, findet man sie hier nach dem Verb (Wenn wir umziehen so, isch hab keine Zeit…).
Auch die Klammerstellung vor und hinter einem Wort ist untypisch und im Standarddeutschen nicht zu finden. Stünde es nur einmal vor Deutsch bzw. blond, würde es abschwächend oder vage wirken. Das so dahinter nimmt diese Wirkung aber weg, sodass es eher bekräftigend wirkt. Wiese macht mit ihrer kursiven Schreibweise deutlich, welche Wörter betont gesprochen wurden. Auffällig ist, dass sie immer unmittelbar vor, nach oder zwischen den so’s stehen. Und die Sätze würden auch ohne „so“ funktionieren, allerdings dann eine bestimmtere, direktere oder eindeutigere Bedeutung bekommen. Diese Wirkung kennen wir auch aus dem Standarddeutschen. „Der Rucksack ist blau.“ klingt viel sicherer, als „Der Rucksack ist so blau.“, wobei dann je nach Betonung, die Partikel für Verstärkung oder Relativierung der Aussage sorgt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die persönliche Beobachtung von Kiezdeutsch ein und skizziert den wissenschaftlichen Diskurs zwischen Befürwortern eines neuen Dialekts und Kritikern, die darin einen Sprachverfall sehen.
2. Was ist eigentlich Kiezdeutsch?: Dieses Kapitel definiert Kiezdeutsch als „Multiethnolekt“ und zeigt anhand eines fiktiven Dialogs die typischen sprachlichen Merkmale wie Klitisierungen und Vokabelanpassungen auf.
3. Kiezdeutsch – Variante oder Vereinfachung: Hier werden die Positionen von Heike Wiese und Hatice Deniz Canoğlu gegenübergestellt und kritisch auf ihre wissenschaftliche Validität und soziale Einordnung hin geprüft.
4. Die Partikel „so“: Dieser Hauptteil analysiert die Funktionen der Partikel „so“ im Standarddeutschen und vergleicht diese mit der spezifischen Verwendung im Kiezdeutschen als Fokusmarker.
5. Gesamtfazit: Das Fazit schlussfolgert, dass Kiezdeutsch eher als eine spezifische Form der Jugendsprache denn als Dialekt zu betrachten ist und fordert eine präzisere, sprecherorientierte Benennung.
Schlüsselwörter
Kiezdeutsch, Sprachwissenschaft, Dialekt, Multiethnolekt, Jugendsprache, Partikel, Grammatik, Sprachverfall, Heike Wiese, Soziolekt, Sprachkontakt, Sprachkompetenz, Fokusmarker, Identität, Berlin.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Einordnung des Phänomens „Kiezdeutsch“ und untersucht, ob es sich dabei um einen eigenständigen Dialekt handelt oder um Anzeichen von Sprachverfall.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Analyse sprachlicher Merkmale von Kiezdeutsch, die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Thesen zum Sprachwandel und die soziolinguistische Verortung dieser Sprachform.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob Kiezdeutsch eine simplifizierende Varietät des Deutschen, ein Ausdruck mangelnder Sprachkenntnisse oder ein echter Dialekt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor kombiniert Literaturrecherche mit einer eigenen sprachwissenschaftlichen Analyse der Partikel „so“ und nutzt qualitative Beobachtungen aus dem Alltag sowie Auswertungen von Forschungsdaten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Diskussion über Dialektstatus und die konkrete sprachliche Untersuchung der Fokuspartikel „so“ im Kiezdeutschen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kiezdeutsch, Multiethnolekt, Sprachkontakt, Grammatik und Soziolekt charakterisiert.
Welche Rolle spielt Heike Wiese in dieser Arbeit?
Heike Wiese fungiert als die Hauptvertreterin der These, dass Kiezdeutsch ein eigenständiger Dialekt ist. Der Autor setzt sich in der Arbeit kritisch mit ihren Argumenten auseinander.
Wie unterscheidet sich die Verwendung der Partikel „so“ im Kiezdeutschen?
Im Kiezdeutschen tritt „so“ häufig in einer untypischen „Klammerstellung“ um ein Wort herum auf, um dieses hervorzuheben, während es im Standarddeutschen eher als Konnektor oder Graduierungspartikel dient.
Warum lehnt der Autor den Begriff „Kiez-Sprache“ ab?
Der Autor kritisiert, dass „Kiez“ suggeriert, die Sprache sei ortsgebunden, obwohl sie in verschiedenen urbanen Räumen unterschiedlich ausgeprägt ist und sich nicht auf einzelne Viertel beschränken lässt.
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- Anonym (Author), 2013, Ist Kiezdeutsch ein typischer Dialekt oder eine deutsche Diagnose?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230487