Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, über eine kohärente, deskriptive Darstellung der eurasischen Idee deutlich zu machen, warum der klassiche Eurasismus als „imperiale Legitimationsideologie“ zu charakterisieren ist. Zum anderen soll mit der bisher noch nicht erprobten Anwendung des Konzepts der »politischen Religion« analytisch auf den totalitären Gehalt des Eurasismus aufmerksam gemacht werden, um ihn anschließend in den größeren Zusammenhang der europäischen Geistesgeschichte einordnen zu können. Dies soll Klarheit darüber schaffen, wie der klassische Eurasismus aus heutiger Perspektive zu beurteilen ist und damit deutlich machen, welchen Ursprung bzw. welche politische Bedeutung die aktuellen Varianten dieses Konzepts haben. Diesem Anliegen folgend wird eine Analyse des klassischen Eurasismus vorgenommen, und zwar weitestgehend ohne Berücksichtigung der post-sowjetischen Eurasismen, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Vor der eigentlichen Analyse sollen zunächst die historischen Rahmenbedingungen rekonstuiert und die Trägergruppe der eurasischen Bewegung der Zwischenkriegszeit beschrieben werden. Im Anschluss daran erfolgt die eigentliche Analyse, welche deutlich machen soll, dass der Eurasismus als agitatorisches Instrument einer subversiven politischen Gruppierung dazu diente, fest umrissene Zielgruppen in Gestalt der russischen Emigrantengemeinde sowie der nicht-russischen Völker zu mobilisieren. Anhand des zu Grunde liegenden argumentativen Dreischritts von Identitätsbildung, Feindbildkonstruktion und Konstitution einer politischen Gemeinschaft, erfolgt die Analyse in drei Schritten, die sich nacheinander mit der kulturell-geographischen Einheit Eurasisens, der kulturellen Abgrenzung zum Westen sowie der politischen Konzeption des Eurasismus beschäftigen. Im vierten Teil wird schließlich das Konzept der »politischen Religion« erprobt, bevor im Schlussteil die Ergebnisse thesenartig zusammengefasst werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Historischer Kontext
1.1 Gesellschaftlicher Wandel im Krieg (1914-1922)
1.2 Die potenzielle Sprengkraft nationaler Unabhängigkeitsbestrebungen
1.3 Krise der russischen Identität
2 Die Eurasier als konspirative gegenrevolutionäre Bewegung
3 Der klassische Eurasismus als imperiale Legitimationsideologie
3.1 Die räumliche und kulturelle Einheit Eurasiens
3.1.1 Eurasien als einzigartiger geographischer Raum
3.1.2 Von ethnisch-kultureller Vielfalt zu staatlicher Einheit
3.1.3 Die historische Bedeutung des russischen Volkes und die Rolle der Orthodoxie
3.2 Kulturrelativismus und die Zurückweisung des europäischen Kosmopolitismus
3.3 Die politische Konzeption der Eurasier
3.4 Das Scheitern des klassischen Eurasismus
4 Das Modell der »politischen Religion«
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert den klassischen Eurasismus der Zwischenkriegszeit in seiner theoretischen Komplexität und untersucht ihn als imperiale Legitimationsideologie sowie als »politische Religion«, um seine Bedeutung für die russische und europäische Geistesgeschichte zu ergründen.
- Historische Rahmenbedingungen des klassischen Eurasismus
- Die Eurasier als konspirative gegenrevolutionäre Bewegung
- Der Eurasismus als imperiale Legitimationsideologie
- Der Eurasismus als »politische Religion« im Vergleich zu modernen Ideologien
Auszug aus dem Buch
Die politische Konzeption der Eurasier
Nach der Konstruktion der geographischen und kulturellen Einheit Eurasiens sowie der Dekonstruktion und Zurückweisung der europäischen kulturellen Dominanz, gilt es nun in einem dritten Schritt die politische Dimension des Eurasismus näher herauszuarbeiten. Eindeutig ist dabei zunächst die Haltung der Eurasier gegenüber Liberalismus und insbesondere parlamentarischer Demokratie, die als Gesellschafts- und Regierungsformen der westlichen Kultur kategorisch abgelehnt werden. Dagegen betonten sie die strukturelle Verwandtschaft ihres Denkens zu den Ideen von Bolschewismus und Faschismus, wenngleich sie diese Herrschaftsformen als unvollkommen ansahen. Stattdessen entwickelten sie ein eigenes Staats- und Herrschaftsmodell, nämlich jenes der Ideokratie:
„Unter Demokratie versteht man ein System, in dem die herrschende Klasse nach dem Kriterium ihrer Popularität in gewissen Kreisen der Bevölkerung […] ausgewählt wird. Unter Ideokratie hingegen versteht man ein System, in dem die herrschende Schicht nach dem Kriterium ihrer Ergebenheit einer herrschenden Idee gegenüber ausgewählt wird. Der demokratische Staat kann – da er keine Überzeugungen hat, die Kultur und das Wirtschaftsleben […] nicht selbst lenken und versucht daher sich so wenig wie möglich in dieses Leben einzumischen […]. Der ideokratische Staat hat umgekehrt sein Überzeugungssystem, seine regierende Idee und muss darum selbst alle Seiten des Lebens aktiv organisieren und steuern […]. Im ideokratischen System werden die letzten Reste des Individualismus verschwinden und der Mensch wird sich […] als einen Teil des zum Staat vereinten organischen Ganzen verstehen, das eine bestimmte Funktion zu erfüllen hat.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit analysiert den klassischen Eurasismus als imperiale Legitimationsideologie und wendet das Konzept der »politischen Religion« an, um dessen totalitären Gehalt und geistesgeschichtliche Einordnung zu untersuchen.
1 Historischer Kontext: Rekonstruktion der krisenhaften Zwischenkriegszeit (1914-1922), die als Nährboden für neue, identitätsstiftende politische Ideen diente.
2 Die Eurasier als konspirative gegenrevolutionäre Bewegung: Beschreibung der eurasischen Trägergruppe innerhalb der russischen Emigration und ihrer Versuche der politischen Agitation gegen die bolschewistische Herrschaft.
3 Der klassische Eurasismus als imperiale Legitimationsideologie: Analyse des eurasischen Theoriegebäudes, das durch die Konstruktion einer räumlichen und kulturellen Einheit sowie die Abgrenzung zum Westen imperiale Ansprüche legitimieren sollte.
4 Das Modell der »politischen Religion«: Anwendung des Konzepts der »politischen Religion« auf den Eurasismus, um dessen pseudo-religiösen Charakter durch Kriterien wie Antimodernismus, Dogmatismus und Messianismus aufzuzeigen.
Schlüsselwörter
Eurasismus, Russland, imperiale Legitimationsideologie, politische Religion, Zwischenkriegszeit, russische Emigration, Ideokratie, Identitätskonstruktion, Kulturrelativismus, Totalitarismus, Bolschewismus, Eurasien, Nationalismus, Geistesgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse des klassischen Eurasismus, der in der Zwischenkriegszeit als politische Idee innerhalb der russischen Emigration entstand.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die historische Einordnung der Eurasier, ihre Konzepte zur räumlichen und kulturellen Einheit Eurasiens, die Ablehnung westeuropäischer Werte sowie die Untersuchung des Eurasismus als ideologisches Modell.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel besteht darin, den klassischen Eurasismus als „imperiale Legitimationsideologie“ zu charakterisieren und seine geistige Nähe zu totalitären Systemen mittels des Modells der „politischen Religion“ zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen deskriptiven und analysierenden Ansatz, der historische Rekonstruktion mit der Anwendung politologischer Konzepte (Totalitarismustheorie, Modell der politischen Religion) verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des historischen Kontextes, der Akteure, der zentralen ideologischen Konzepte (Eurasien-Idee, Ideokratie) und der methodischen Analyse als politische Religion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Eurasismus, imperiale Legitimationsideologie, Ideokratie, russische Emigration und politische Religion geprägt.
Warum wird der Eurasismus als "imperiale Legitimationsideologie" bezeichnet?
Weil die Eurasier eine spezifische, auf Russland ausgerichtete Geschichts- und Raumkonzeption entwickelten, um den imperialen Anspruch auf das Territorium des ehemaligen Zarenreiches ideologisch zu rechtfertigen.
Was bedeutet das Konzept der Ideokratie in diesem Kontext?
Ideokratie bezeichnet ein Herrschaftsmodell, in dem die herrschende Schicht nicht durch Popularität gewählt wird, sondern durch ihre vollkommene Ergebenheit gegenüber einer staatstragenden Idee, der sich alle Lebensbereiche unterordnen müssen.
- Arbeit zitieren
- Thorsten H. (Autor:in), 2011, Der klassische Eurasismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230626