Hooligans - eine Subkultur?


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Theoretische Ansätze
2.1 Die Subkulturtheorie nach ALBERT K. COHEN
2.2 Die Subkulturtheorie der Unterschicht nach WALTER B. MILLER

3. Hooligans

4. Hooligans - eine Subkultur?

5. Literatur

1. Einleitung und Fragestellung

Immer wieder wird die Öffentlichkeit durch Gewalttaten von Hooligans schockiert, beispielsweise letztes Jahr während der Fußballweltmeisterschaft in Frankreich. Solche Ausschreitungen werfen dann meistens Fragen nach dem "Warum?" und "Wie konnte so etwas passieren?" auf.

Damit zusammenhängend werden Hooligans in der Literatur häufig als Subkultur bezeichnet, aber der Begriff der Subkultur wird nicht weiter erklärt. Allgemein wird unter einer Subkultur eine Kultur verstanden, die einige Normen der dominanten Kultur übernehmen, sich jedoch in anderen Werten und Normen von dieser unterscheiden [HILLMANN 1994]. Inwiefern Hooligans eine Subkultur mit eigenen Werten und Normen bilden und was diese Jugendlichen oder meist jungen Männer zu solchen Gewalttätigkeiten bewegt, soll in dieser Arbeit anhand der Subkulturtheorien von COHEN und MILLER näher erläutert werden. Es soll überprüft werden, ob die beiden Ansätze zur Erklärung geeignet sind.

2. Theoretische Ansätze

Weil es nicht „die“ Subkulturtheorie gibt, sondern nur verschiedene Ansätze mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Sichtweisen, sollen hier die Ansätze von COHEN und MILLER herausgegriffen und gegenübergestellt werden.

2.1 Die Subkulturtheorie nach ALBERT K. COHEN

COHEN geht „von der These aus, daß alles Handeln das Ergebnis von andauernden Bemühungen ist, Probleme der Anpassung zu lösen“ (COHEN 1957: 105). Nach ihm sind Subkulturen kollektive Reaktionen auf Anpassungsprobleme, die aus gesellschaftlich ungleichen Lagen entstehen und für die die bestehende Kultur keine zureichende Lösungen zur Verfügung stellen kann bzw. stellt.

Der Delinquent ist keineswegs immun oder indifferent gegenüber den Erwartungen der offiziellen Gesellschaft, weil er das allgemein geltende Wertsystem internalisiert hat und oftmals auch anerkennt (COHEN / SHORT 1968: 373). COHEN leitet daraus seine zentrale Hypothese ab, daß der delinquente Jugendliche durch die Akzeptanz des anerkannten Wertesystems gegenüber seinem delinquenten Verhalten äußerst ambivalent ist und somit dauernd mit den Ansprüchen des offiziellen Wertsystems im Konflikt steht (COHEN / SHORT 1968: 374). Dieser Jugendliche befindet sich durch sein Anpassungsproblem in einem Spannungszustand, aus dem er heraus möchte. Die Wahl der Lösung des Anpassungsproblems, bzw. die Alternativen des Handelns hängt jedoch nach COHEN (1957: 106) stark von der Bezugsgruppe ab, der der Jugendliche sich zugehörig fühlt. Die Bezugsgruppe definiert er hierbei als Gruppe, deren Normen und Standards einerseits ausschlaggebende Kriterien der Gültigkeit und Richtigkeit der eigenen Urteile und Handlungen darstellen. Andererseits dient die Bezugsgruppe zur Befriedigung menschlicher Beziehungen, d.h. zum Erlangen von Anerkennung, Liebe und Status.

Die Handlung zur Lösung des Anpassungsproblems sollte mit den Erwartungen dieser Bezugsgruppe vereinbar sein, wobei diese Vereinbarkeit auf drei verschiedene Arten erreicht werden kann (COHEN 1957: 107):

1. legale Lösung, d.h. die Lösung ist mit der üblichen Bezugsgruppe vereinbar, jedoch muß der Handelnde oftmals lernen, mit seinem Problem umzugehen, z.B. durch Herabsetzung seines Anspruchsniveaus, denn nicht immer bietet das gemeinsame Wertesystem eine Lösung.
2. Wechsel zu einer Bezugsgruppe, deren Kultur angemessenere Lösungen der eigenen Anpassungsprobleme vorsieht.
3. Zusammenschlüsse von einer gewissen Anzahl von Personen mit ähnlichen Anpassungsproblemen, für die es keine angemessenen institutionalisierten Lösungen gibt und auch keine alternative Bezugsgruppe zur Verfügung steht. Wenn diese Personen die Ähnlichkeit ihrer Anpassungsprobleme wahrnehmen und sich solidarisch zusammenschließen, können im Verlauf der Interaktion neue Normen und Erwartungen gebildet werden. „Das Endergebnis einer derartigen Interaktion besteht in einer neuen, gemeinsam geschaffenen Subkultur, die auf die gemeinsamen Bedürfnisse, Probleme und Situationen der Teilnehmer an einem neuen Subsystem zugeschnitten ist“ (COHEN 1957: 108), der sich unzufriedene Mitglieder anderer Gruppen anschließen können. Deshalb kann man folgern, daß es eine Vielzahl an Subkulturen geben muß, mit je unterschiedlichen, speziellen Normen und Erwartungen.

COHEN / SHORT (1968: 378-393) unterscheiden sechs Arten delinquenter Subkulturen:

1. Die männliche Basis-Subkultur. Sie kommt am häufigsten vor und besteht häufig aus Mitgliedern der Arbeiterklasse. Charakteristisch für diese Subkultur sind Nicht- Utilitarismus, Negativismus, Vielseitigkeit, kurzfristiger Hedonismus, Gruppenautonomie und Organisation in kleinen Banden und Cliquen.

2. Die konfliktorientierte Subkultur. Diese tritt in der Öffentlichkeit am meisten hervor und umfaßt große Banden mit etwa 20 bis 100 Mitgliedern. Diese Banden haben eine komplexe Organisation mit differenzierten Rollen. Sie können in Unterbanden aus altersmäßiger oder territorialer Basis gegliedert sein und können Verbindungen mit anderen Banden eingehen. Außerdem haben solche Banden einen Namen, eine eigene Persönlichkeit oder einen Ruf in der Bandenwelt.

Die wichtigste Determinante für die Position des Bandenmitgliedes innerhalb der Bande ist der Mut beim Kampf und die Tapferkeit bei Kämpfen zwischen Banden, obwohl Kämpfen zeitlich nur einen geringen Teil der Bandenaktivität ausmacht. Bei Kämpfen innerhalb der Bande wird sich an den Code der Fairneß gehalten, an den sich die Mitglieder bei Kämpfen mit anderen Gruppierungen weniger gebunden fühlen. Oftmals fürchten sich die Mitglieder vor Kämpfen und sind erleichtert, wenn die Polizei einen geplanten Kampf verhindert.

Solche Banden umfassen häufig viele Altersklassen und die Stadtteile, aus denen ihre Mitglieder stammen, weisen eine große Vielfalt von Anzeichen für Desorganisation auf. Weit verbreitet ist eine Zwischenform der Konflikt-Subkultur und der Basis-Subkultur.

4. Die delinquente Mittelklassen-Subkultur. Diese Subkultur entsteht durch Anpassungsprobleme und ist das charakteristische Produkt von Sozialisierungsprozessen und der Lebenssituationen in den Mittelklassen. Durch Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt hat sich auch die Funktion der Schule gewandelt. Gute Schulleistungen sind nicht länger Garantie für die Erreichung zukünftiger Ziele und die strukturellen Stützen des „Musters der aufgeschobenen Befriedigung“ sind deshalb geschwächt. Der Anreiz, eine Bestätigung der eigenen Männlichkeit und Reife innerhalb des Mittelklasse- Statussystem zu suchen, ist zurückgegangen. Vielmehr wird die Statuslücke dadurch versucht auszufüllen, daß sich der Jugendliche solchen Gruppierungen anschließt, nach deren Statuskriterien er zu leben imstande ist.

5. Die Subkultur der Rauschgiftsüchtigen soll hier neben dem

6. „halbprofessionellen Diebstahl“ und

7. der weiblichen delinquenten Subkultur nur der Vollständigkeit halber genannt werden.

Da diese Subkulturen jedoch keinen Erklärungsansatz für die Subkultur der Hooligans bieten, sollen sie nicht näher erläutert werden.

Die Beständigkeit der Abweichung in Form von Teilnahme an Subkulturen erklärt COHEN (1957: 111) einerseits damit, daß Subkulturen ihren Mitgliedern einen Status verleihen, den sie anderweitig, z.B. im Mittelklassesystem, nicht erreichen können. Andererseits rechtfertigt die Subkultur Feindseligkeit und Aggression gegen jene, derentwegen die Selbstachtung ihrer Mitglieder leidet, und vermindert Angst- und Schuldgefühle, indem die Gesamtheit der übrigen Mitglieder als Bezugsgruppe herangezogen werden kann.

Kennzeichend diesen Ansatz der Subkultur ist das mehr oder weniger starke Abweichen der Personen von den gesamtgesellschaftlichen Werten und Normen, bei partieller Übernahme beider kultureller Inhalte.

2.2 Die Subkulturtheorie der Unterschicht nach WALTER B. MILLER

Nach MILLER ist die Subkultur jugendlicher Banden nicht eine Reaktion auf das Nichterreichen von Mittelschichtzielen, sondern „die Kultur der Unterschicht hat eine eigene, viele Jahrhunderte alte Tradition mit einer ganz eigenen Geschlossenheit“ (MILLER 1968: 359).

Für die Mitglieder der Unterschicht-Kultur stellt die Verletzung der Normen der Mittelschicht keine wesentliche Motivationskomponente bei ihren Handlungen dar. Vielmehr ist die Verletzung der Mittelschicht-Normen ein Nebenprodukt bei Handlungen, die in erster Linie an dem Unterschichtsystem orientiert sind, auch wenn eine Person, die sich mit den Mittelschichtnormen identifiziert, diese Verletzung der von ihr internalisierten Normen durch einen Angehörigen der Unterschicht als absichtlich nicht konform und boshaft beurteilen kann (MILLER 1968: 358-359).

Das diesen Handlungen zugrunde liegende hauptsächlichste Motiv stellt einen direkten Versuch des Handelnden dar, „sich Verhaltensnormen anzuschließen und nach bestimmten Wertvorstellungen zu leben, wie sie innerhalb der Unterschichten vorherrschen. [...] Die Lebensweise der Unterschicht sowie die aller eigenen kulturellen Gruppen wird durch eine Anzahl von Kristallisationspunkten charakterisiert “ (MILLER 1968: 340-341). Jeder dieser sechs Kristallisationspunkte der Unterschicht wird als eine Dimension angesehen, innerhalb derer den verschiedenen Individuen in unterschiedlichen Situationen ein weiter Bereich von Verhaltensmöglichkeiten offensteht. Hierbei wird unterschieden, auf welchen der jeweiligen „Dimension“ Bezug genommen wird und ob die Orientierung offen oder verdeckt, positiv (Konformität des Aspekts) oder negativ (Ablehnung des Aspekts) ist (MILLER 1968: 342-350):

1. Schwierigkeiten. Hier wird zwischen den Möglichkeiten „gesetzliches Verhalten“ und „gesetzwidriges Verhalten“ unterschieden. Dabei beruht der Wunsch, Verhaltensweisen zu vermeiden, die moralische und legale Normen verletzen, oft weniger auf einer ausdrücklichen Anerkennung der „offiziellen“ Normen, sondern vielmehr auf dem Wunsch, „nicht in Schwierigkeiten zu geraten“, d.h. die komplizierten Folgen der Handlung zu vermeiden.

2. Härte. Diese Dimension setzt sich aus verschiedenen Komponenten wie „Maskulinität“, physischer Tapferkeit und Indifferenz gegenüber Kunst und Literatur zusammen. Die „offene“ und „verdeckte“ Orientierung spielt hierbei eine wichtige Rolle, weil als „feminin“ bezeichnetes Verhalten in der Unterschichtkultur nur verdeckt auftritt und sich offen an dem Modell für den „richtigen Kerl“ orientiert wird. Der hohe Stellenwert dieser Dimension „Härte“ kann durch das Aufwachsen in Haushalten mit einem Übergewicht des weiblichen Elements erklärt werden, weshalb die männliche Rolle nicht von einer stets anwesenden männlichen Person gelernt werden kann.

3. Geistige Wendigkeit. Die Fähigkeit, etwas Erstrebenswertes, z.B. materielle Güter oder persönlicher Status, durch maximalen Gebrauch geistiger Geschicklichkeit und minimale Anwendung physischer Anstrengung zu erreichen, hat in der Kultur der Unterschicht eine äußerst lange Tradition und wird hoch bewertet. Im Gegensatz dazu wird Intellektualität in Form von formal erlernten Wissens, Gutgläubigkeit und Geld verdienen durch harte Arbeit verachtet.

4. Erregung. Für viele Personen der Unterschicht pendelt das Leben zwischen Perioden relativ routinemäßiger und sich wiederholender Arbeit und den gesuchten Situationen hoher emotionaler Erregung, z.B. nächtliche Stadtbummel mit Glücksspielen, sexuellen Abenteuern und Prügeleien, hin und her. Lange Perioden relativer Inaktivität oder Passivität stellen ein Gegengewicht zu diesem Aspekt des kulturellen Kristallisationspunktes „Erregung“, zu dem „Flirten mit der Gefahr“ dar.

5. Schicksal. Hier wird zwischen „Glück haben“ und „Pech haben“ unterschieden, weil viele Menschen aus der Unterschicht meinen, daß ihr Leben einer Anzahl von Kräften unterworfen ist, über die sie keine Gewalt haben, womit die große Bedeutung des Glücksspiels in der Unterschicht zusammenhängt.

6. Autonomie. Bei dieser Dimension zeigt sich auch eine zyklische Abfolge von Abhängigkeits- und Unabhängigkeitswünschen. In diesem Bereich gibt es eine starke Diskrepanz zwischen dem, was offen positiv bewertet wird, und dem, was verdeckt erstrebt wird: offen zur Schau getragen wird eine starke, häufig betonte Empfindlichkeit gegenüber äußerlichen Kontrollen, Verhaltenseinengungen und ungerechter, gewaltsamer Autorität. Die offene negative Einschätzung der institutionellen Autorität umfaßt jedoch häufig auch die Versorgung, Fürsorge und den Schutz allgemein, die von Angehörigen der Unterschicht andererseits verdeckt geschätzt wird.

Bei Jugendlichen spielen nach MILLER (1968: 353-354) zwei weitere Kristallisationspunkte eine Rolle:

7. Zugehörigkeit. Konformität mit den Gruppennormen, d.h. den Forderungen der Unterschichtkultur, verhilft dem Einzelnen dazu, ein angesehenes Mitglied zu sein, was wegen der Funktionen und der großen Bedeutung der Gruppe bedeutsam ist. In Konfliktfällen, d.h. wenn bei Beachtung der gruppeninternen Normen Normen anderer Bezugsgruppen, z.B. Erwachsene der Mittelschicht, verletzt werden, sind die Normen der unmittelbaren Bezugsgruppe viel zwingender, da bei ihrer Mißachtung der Ausschluß droht.

8. Status. Im Allgemeinen erlangt und erhält man Status durch den Besitz der in der Unterschicht hoch bewerteten Eigenschaften: Härte, Gerissenheit, Widerstand gegenüber Autorität, „Erwachsensein“ mit den dazugehörigen Symbolen etc. Der Status kann sowohl aufgrund gesetzlichen als auch gesetzwidrigen Verhaltens erworben werden. MILLER faßt den Prozeß der Begehung illegitimer Handlungen folgendermaßen zusammen:

1. Das Verhalten nach bestimmten kulturellen Erwartungen, die wesentliche Elemente des Lebensstils der Unterschicht in ihrer Gesamtheit ausmachen, verletzt automatisch gewisse gesetzliche Normen.

2. In Situationen, in denen alternative Wege zu gleichen Zielen führen, gewährt der gesetzwidrige Weg eine relativ größere und unmittelbarere Belohnung für einen relativ kleineren Einsatz.

3. Die auf bestimmte, im Unterschichtmilieu häufig entstehende Situationen „erwartete“ Reaktion schließt das Begehen von gesetzwidrigen Handlungen ein.

„Die Hauptthese [von MILLER] [...] lautet, daß die dominante Motivationskomponente zu „delinquentem“ Verhalten in einem positiven Bemühen zur Erreichung bestimmter Zustände, Bedingungen oder Eigenschaften besteht, die in dem für den Handelnden bedeutsamsten kulturellen Milieu geschätzt werden“ (MILLER 1968: 358).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Hooligans - eine Subkultur?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Seminar Jugendkriminalität
Note
1,3
Autor
Jahr
1999
Seiten
18
Katalognummer
V23072
ISBN (eBook)
9783638262651
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Arbeit wird anhand der Subkulturtheorien von Albert K. Cohen und Walter B. Miller analysiert und überprüft, ob es sich bei Hooligans um eine Subkultur handelt.
Schlagworte
Hooligans, Subkultur, Seminar, Jugendkriminalität
Arbeit zitieren
Dr. Monique Zimmermann-Stenzel (Autor), 1999, Hooligans - eine Subkultur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23072

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