Schizophrenie - eine soziologische Betrachtungsweise


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Problemstellung

2. Definition von Schizophrenie

3. Prävalenz und Inzidenz von Schizophrenie

4. Soziologisch relevante Einflussfaktoren

5. Zusammenfassung und Diskussion

6. Literatur

1. Einleitung und Problemstellung

Mehr als jede andere psychische Krankheit hat die Schizophrenie in den letzten Jahrzehnten die psychiatrische Forschung dominiert, obwohl die Ursachen von schizophrenen Erkrankungen noch weitgehend unbekannt sind.

Schizophrenie hat einschneidende soziale und ökonomische Folgen, da die Betroffenen meist schon im jüngeren Alter erkranken und sie durch die Krankheit oft langfristig stark beeinträchtigt sind (Statistisches Bundesamt, 1998:1).

Daher ist die Erkenntnis psychiatrisch-epidemiologischer Untersuchungen von so großer Bedeutung, „dass genetische Faktoren nur einen Teilfaktor in einem komplexen, multifakto- riell bedingten Krankheitsgeschehen darstellen, und dass hier soziale Faktoren eine mindes- tens ebenso große Rolle spielen“ (von Cranach, 1972: 166). Diese Tatsache, dass gerade auch soziale Faktoren eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen, ist für den Erkrankten sicherlich von größerer Wichtigkeit als die genetischen Faktoren, weil soziale Einflüsse im Gegensatz zu genetischen veränderbar sind. Durch zusätzliche Kenntnisse über soziale Einflüsse können sich therapeutische Möglichkeiten ergeben, die die Gesundungschancen verbessern.

Diese soziologisch relevanten Einflussfaktoren sollen in dieser Arbeit vorgestellt und diskutiert werden.

Zuerst werde ich jedoch beschreiben, was unter Schizophrenie verstanden wird und dann ei- nen Überblick über die Verbreitung der Schizophrenie in verschiedenen Ländern geben, um zu zeigen, inwiefern Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Kulturen bestehen.

2. Definition von Schizophrenie

Um Prävalenz und Inzidenz von Schizophrenie sinnvoll betrachten zu können, muss man zunächst definieren, was genau unter Schizophrenie verstanden werden soll. Da aber eindeutige biologische Merkmale fehlen, muss die Schizophrenie anhand von Krankheitszeichen und Symptomen kategorisiert werden.

Die Entwicklung einheitlicher diagnostischer Kriterien und standardisierter Diagnoseinstrumente ist in der jüngsten Zeit deutlich forciert worden (Statistisches Bundesamt, 1998:3). In dieser Arbeit soll aber nur auf zwei unterschiedlich weit gefasste Definitionen der letzten 30 Jahre eingegangen und die vielfältige Begriffsgeschichte vernachlässigt werden.

1. Enge Definition. „Ein wichtiger Schritt hin zu einer reliablen Schizophreniediagnostik war die von Wing et al. 1974 entwickelte Present State Examination zusammen mit dem EDV- gestützten CATEGO-Algorithmus, ein operationalisiertes Verfahren der Diagnosefindung. Die Schizophreniediagnose stützt sich dabei vornehmlich auf spezifische Manifestationen von Wahn und Halluzinationen, wie sie von Kurt Schneider (1887-1967) als die Symptome 1. Ranges der Schizophrenie konzipiert worden waren“ (Olbrich, 1999: 406-407). Als Sympto- me 1. Ranges nach Schneider ist folgendes zu verstehen: dialogische Stimmen, kommentie- rende Stimmen, Gedankenlautwerden, leibliche Beeinflussungserlebnisse, Gedankeneinge- bung, Gedankenentzug, Gedankenausbreitung, Gefühl des Gemachten und Wahnwahrneh- mungen (Olbrich, 1999:413).

2. Breite Definition. In den heutzutage verwendeten, international etablierten Diagnosesys- temen ICD-10 und DSM-IV wird die eben erläuterte enge Definition um zusätzliche Konzep- te von Kraepelins und Bleuler erweitert (Olbrich, 1999:407). Schizophrenie erhält dort den Code ICD 295, wobei Subtypen dieser Krankheit separat aufgeführt werden (Jablensky, 1992:31). Kraepelins geht vor allen Dingen auf den Verlauf und den Ausgang der Schizo- phrenie ein. Die Symptomatik muss nach Ihm mindestens 6 Monate vorhanden sein.

Bleuler versucht, die Symptomatik charakteristisch zu erfassen. Er beschreibt „Assoziations- lockerung, Affektstörungen [...], Autismus und Ambivalenz (die „vier großen A’s“) als die Grundsymptome der Schizophrenie, denen er die akzessorischen Symptome wie etwa Sinnes- täuschungen, Wahnphänomene und katatone Symptome gegenüberstellte“ (Olbrich, 1999: 406).

Die hier vorgenommene Unterscheidung zwischen der engen und breiten Definition wird im nächsten Kapitel besonders für die Betrachtung der Inzidenzraten von Wichtigkeit sein.

3. Prävalenz und Inzidenz von Schizophrenie

„Es ist bislang noch keine Population aufgefunden worden, in der die Schizophrenie nicht oder extrem selten vorkommt“ (Olbrich, 1999:407).

Internationale Studien besagen für das Auftreten der Schizophrenie, d.h. die Prävalenz, eine Variation zwischen 60 und 830 Krankheitsfällen je 100 000 Einwohner. Diese erhebli- chen Unterschiede sind aber vermutlich eher auf unterschiedliche Krankheitskonzepte und Untersuchungsmethoden als auf wirkliche Schwankungen zurückzuführen. Auf der Basis me- thodisch vergleichbarer europäischer Studien wird die Prävalenz zwischen 250 und 530 Krankheitsfällen je 100 000 Einwohner angenommen (Statistisches Bundesamt, 1998:3), was für wesentlich geringere Differenzen spricht.

Olbrich et al. (1999) führt Prävalenzstudien auf, die in unterschiedlichen Ländern über einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert durchgeführt wurden.

Tabelle 1 Studien zur Prävalenz der Schizophrenie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Olbrich et al. 1999

Bei der Mehrheit der in Tabelle 1 aufgeführten Studien lagen die Prävalenzraten zwischen 140 und 390 Krankheitsfällen je 100 000 Einwohnern, was ungefähr mit den Angaben des Statistischen Bundesamtes übereinstimmt. Dies ist eine bemerkenswert geringe Varianz in Anbetracht der unterschiedlichen Diagnosesysteme und auch der verschiedenen Kulturen. Stärker abweichende Prävalenzraten wie in Nordschweden und in Kroatien bedürfen jedoch einer Erklärung.

Bei der in Nordschweden untersuchten Bevölkerung handelt es sich um eine geographisch isolierte Population jenseits des Polarkreises. „Die insgesamt hohe Prävalenz wird auf eine hohe Inzuchtrate und die Differenz der Prävalenzwerte [der Jahre1953 und 1978] auf einen unterschiedlichen Modus der Falldefinition zurückgeführt. [...] [Die] hohe Prävalenzrate der Schizophrenie in Kroatien ist, wie weitere Untersuchungen zeigten, auf die Halbinsel Istrien und einige Nachbargemeinden beschränkt. Da diese Region seit dem letzten Jahrhundert von einer hohen Auswanderungsquote betroffen ist, wird die ausgeprägte Schizophreniehäufigkeit vorrangig mit negativer Selektion erklärt“ (Olbrich, 1999:407- 408), d.h. dass vor allem erkrankte Personen in ihrer Heimat bleiben.

Angaben über die Rate der Neuerkrankungen je Jahr, d.h. der Inzidenz, unterliegen wie auch schon die Prävalenzraten je nach Quelle gewissen Ungenauigkeiten durch unterschiedliche Methoden.

„Für Deutschland wurden in neueren Untersuchungen je nach Weite des diagnostischen Konzeptes zwischen 10 und 20 Neuerkrankte je 100 000 Einwohner ermittelt“ (Statistisches Bundesamt, 1998:3).

Von großer Bedeutung ist bezüglich der Inzidenzraten die von der Weltgesundheitsorganisation durchgeführte Studie „Determinants of Outcome of Severe Mental Disorders“ (Jablensky, 1992), weil Auftreten und Verlauf der Schizophrenie in zehn verschiedenen Ländern (auf vier Kontinenten) mit gleichem methodischem Vorgehen untersucht wurde. 1 379 Patienten im Alter zwischen 15 und 54 Jahren, die das erste Mal wegen Symptomen psychiatrische Hilfe in Anspruch nahmen, wurden untersucht (Jablensky, 1992:1).

Abbildung 1 Jährliche Inzidenzraten pro 100 000 Einwohner im Alter von 15 bis 54 Jahren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Jablensky 1992

Abbildung 1 gibt die Ergebnisse dieser Studie der WHO bezüglich der Inzidenzraten wieder.

Legte man die breite Diagnosendefinition der Schizophrenie (vgl. Kapitel 2) zugrunde, dann variierte die Inzidenz zwischen 16 Fällen je 100 000 Einwohnern in Aarhus (Dänemark) und Honolulu (USA) und 42 Fällen in der ländlichen Region von Chandigarh (Indien). Dies entspricht einer Varianz von 26 Fällen.

Bei Verwendung der engen Definition, der Kernschizophrenie mit Erstrangsymptomen nach Schneider, verschwanden signifikante Unterschiede (Jablensky, 1992:47) und es ergab sich eine Inzidenz von ungefähr 10 Fällen je 100 000 Einwohnern, die für alle Erhebungszentren ähnlich war. Die Varianz liegt bei nur noch 7 Fällen.

Dieses ist ein überraschendes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass „die Inzidenzraten nahezu aller bekannten Krankheiten über Klimazonen, Länder und Kulturen hinweg variieren. Es könnte sich dadurch erklären lassen, dass schizophrene Erkrankungen durch eine größere Zahl unterschiedlicher Faktoren verursacht werden“ (Olbrich, 1999:408).

Da gerade auch soziale Faktoren eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen (von Cranach, 1972:166), möchte ich im nächsten Kapitel soziologisch relevante Einflussfaktoren vorstellen und näher erläutern.

4. Soziologisch relevante Einflussfaktoren

Als soziologisch relevante Risikofaktoren möchte ich in dieser Arbeit die Faktoren Geschlecht, Alter, Familienstand, sozioökonomischer Status und mit diesem verbunden Wohnortsgröße und soziale bzw. geographische Mobilität behandeln.

Es gibt keine geschlechtsspezifischen Unterschiede hinsichtlich des Erkrankungsrisikos an Schizophrenie. Unterschiedliche Inzidenzraten für beide Geschlechter wird man allerdings in den Studien finden, die die Unterschiede im Erstmanifestationsalter nicht berücksichtigen. Dies hängt damit zusammen, dass Männer im Vergleich zu Frauen signifikant früher an Schi- zophrenie erkranken und somit deren Behandlung und Hospitalisierung früher erfolgt (Olb- rich, 1999:409).

Männer erkranken am häufigsten im Alter von 20 bis 24 Jahren, Frauen zwischen dem 25. und 29. Lebensjahr (Statistisches Bundesamt, 1998:3). Nach Olbrich et al. (1999) liegt beim männlichen Geschlecht das größte Risiko, erstmalig an Schizophrenie zu erkranken, zwischen 15 und 25, beim weiblichen zwischen 25 und 35 Jahren.

„Die Erkrankung kann auch noch nach dem 40. Lebensjahr ausbrechen, wobei es sich bei Späterkrankten überwiegend um Frauen handelt. Als mögliche Ursache wird diskutiert, dass Frauen zwischen Pubertät und Menopause durch einen Östrogeneffekt geschützt sind. Hierfür spricht auch, dass sich schizophrene Symptome bei Frauen vor der Menstruation und nach einer Entbindung verschlechtern, in der Schwangerschaft hingegen verbessern können. Auch scheint bei späterkrankten Frauen die Erkrankung deutlich schlechter zu verlaufen, während für Frauen im allgemeinen ein günstigerer Krankheitsverlauf als bei Männern belegt ist“ (Statistisches Bundesamt, 1998:3).

Ein weiterer Einflussfaktor scheint der Familienstand zu sein, weil alleinstehende Personen eine größere Schizophrenieinzidenz aufweisen als verheiratete. Daraus wurde die Hypothese abgeleitet, dass bei Unverheirateten und Geschiedenen ein erhöhtes Risiko für diese Erkrankung vorliegt (Olbrich, 1999:409).

Man könnte aber auch umgekehrt argumentieren, dass schizophrene Erkrankungen, die ja meist im jüngeren Alter auftreten, eheliche Bindungen verhindern oder auch vermehrt zu Scheidungen führen.

Es konnte bisher nicht bewiesen werden, dass eine Ehe einen protektiven Effekt hinsichtlich der Schizophrenie ausübt. So zeigen Personen nach Verlust ihres Partners keine erhöhte Inzidenz (Olbrich, 1999:409).

Nun möchte ich zu dem sozioökonomischem Status kommen, einem wohl deshalb sehr oft untersuchten komplexem Faktor, weil von allen untersuchten sozialen Variablen diejenigen die vielversprechensten Ergebnisse geliefert haben, die auf die soziale Klasse Bezug genommen haben (Kohn, 1972:178).

Da es sich bei dem sozioökonomischem Status um einen sehr komplexen Faktor handelt, der auch die weiteren Faktoren Wohnortsgröße und soziale bzw. geographische Mobilität mit einbezieht, möchte ich diesen mit seinen Zusammenhängen umfassender behandeln. Anlehnend an Kohn (1972) werde ich nicht zwischen sozialer Klasse und sozioökonomi- schem Status unterscheiden. „Soziale Klassen werden definiert als Gruppen von Individuen, die ähnliche Positionen in der Hierarchie der Macht, der Privilegien und des Prestiges ein- nehmen“ (Kohn, 1972:177).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Schizophrenie - eine soziologische Betrachtungsweise
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Seminar "Epidemiologische Großstudien"
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
16
Katalognummer
V23079
ISBN (eBook)
9783638262712
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der soziologisch relevanten Einflussfaktoren Geschlecht, Alter, Familienstand, sozioökonomischer Status, Wohnortsgröße und soziale bzw. geographische Mobilität auf das Krankheitsbild der Schizophrenie. Hierzu werden auch die Drift-Hypothese und die Stress-Hypothese herangezogen.
Schlagworte
Schizophrenie, Betrachtungsweise, Seminar, Epidemiologische, Großstudien
Arbeit zitieren
Dr. Monique Zimmermann-Stenzel (Autor), 2000, Schizophrenie - eine soziologische Betrachtungsweise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23079

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