John Cage und der Zufall

Zufallsexperimente der Künstler des 20. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
14 Seiten, Note: 1,0
Marlene Mertsch (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 John Cage und der Zufall
2.2 Der Zufall in den bildenden Künsten
2.2.1 Von der Renaissance bis zum 20. Jahrhundert
2.2.2 Max Ernst: Frottagen und Décalcomanien
2.2.3 Niki de Saint Phalle: Shooting Paintings
2.2.4 Yves Klein: Fumage
2.2.5 Walter de Maria: The Lightning Field
2.2.6 Timm Ulrichs: Landschafts- Epiphanien
2.2.7 Methoden um dem Zufall zu arbeiten (Exkursion: Jackson Pollock)

3. Fazit
3.1 Vergleich zwischen John Cage und anderen Künstlern des 20. Jahrhunderts

1. Einleitung

„ Die meisten Leute die glauben ich sei am Zufall interessiert, begreifen nicht, dass ich Zufall als eine Methode benutze. Man denkt im Allgemeinen ich benutze den Zufall als eine M ö glichkeit mich einer Entscheidung zu entziehen, aber meine Entscheidungen bestehen darin, welche Fragen ü berhaupt gestellt werden. “ 1

Anlässlich des 100. Geburtstags von John Cage sprießen in allen Medien Berichte über ihn, seine Musik und die Verbindung von ihm zum Zufall, Zen und I Ching. Dass Cage sich mit dem Zufall verbunden fühlte besprachen wir ausführlich im Seminar, währenddessen in mir verschiedene Fragen zu diesem Thema aufkamen. Welche Rolle spielt der Zufall allgemein in der Kunst. Seit wann arbeiten Künstler mit dem Zufall? Welche Zufallsmethoden wurden angewendet und geben Verbindungen zu der Vorgehensweise von John Cage? Und gibt es etwas Besonderes oder anderes durch was sich ihn besonders auszeichnet? Auf den nächsten Seiten meiner Hausarbeit werde ich als erstes auf ihn und seine Zufallsmethoden eingehen und welche Ereignisse oder Personen John Cage anregten um mit dem Zufall zu arbeiten? Anschließend werde ich versuchen einen groben Überblick über verschiedene Künstler und Personen zu geben, die seit der Renaissance mit dem Zufall experimentierten und welche Methoden, um mit dem Zufall zu arbeiten, verwendet werden, Weiterführend sollen fünf Künstler aus dem zwanzigsten Jahrhundert die Arbeit mit dem Zufall weiter verdeutlichen. Zum Schluss soll ein Vergleich zwischen John Cage und den anderen Künstlern die Unterschiede und Gemeinsamkeiten deutlich machen um die Frage nach der Besonderheit Cages zu klären. Was machte ihn so wichtig für das zwanzigste Jahrhundert, dass man, im Jahr seines 100. Geburtstags, überhaupt nicht an ihm und seinen Kompositionen vorbeikommt?

2. Hauptteil

2.1. John Cage und der Zufall

“ One way to write music: study Duchamp. ” 2

Dieses Zitat schrieb John Cage in einem Buch und es spiegelt das Verhältnis zu Duchamp sehr gut wieder. Marcel Duchamp und John Cage lernten sich Mitte der fünfziger Jahre in New York durch Max Ernst und Peggy Guggenheim kennen und wurden über die Zeit sehr enge Freunde und beide arbeiteten, auf unterschiedliche Weise mit dem Zufall. Marcel Duchamp war es schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts leid gewesen, dem alten Künstlerideal zu entsprechen, besonders der abstrakte Expressionismus missfiel ihm. Duchamp wollte zu einer Kunst zurück die objektiv ist und nüchtern, ähnlich wie ein wissenschaftliches Experiment. Eine Methode, dies zu erreichen, war der Zufall, den er erstmals in seinem Werk Trois stoppages etalon (neunzehnhundertdreizehn- neunzehnhundertvierzehn) mit einfließen ließ. Duchamp ließ drei, ein Meter lange Fäden waagerecht aus einem Meter Höhe fallen und fixierte sie in der Position, in der sie auf dem Boden aufkamen. In Frage stellte er damit die Wichtigkeit des Künstlers für das Werk selbst. Kunst sei somit nur noch das Resultat einer objektiven Versuchsanordnung, wodurch das Kunstwerk auch durch den eigenen Geschmack des Künstlers befreit wurde, der für Duchamp ein unzureichendes Bewertungskriterium war. Ist ein Werk zufällig entstanden, kann der Geschmack, auch der des Betrachters, keine große Rolle mehr spielen.3 Auch John Cage war der Überzeugung, dass der Geschmack aus der Musik entfernt werden müsse. Es ging sowohl Duchamp als auch Cage darum, sich als Macher des Werkes so gut wie es ging zurückzuziehen, um das Werk weitestgehend von geschmacklichen Komponenten und Vorlieben fern zu halten.

„ Man kann im wahrsten Sinne des Wortes beschränkt werden, wenn man bestimmte Dinge mag und andere nicht. Aufgeschlossenheit dagegen erreicht man dadurch, dass man seine Vorlieben und Abneigungen aufgibt und den Dingen Interesse entgegenbringt, und zwar so, wie die Buddhisten, glaube ich, sagen w ü rden, wie sie an und f ü r sich sind. “ 4

Es geht John Cage um den Klang an sich. Der Klang als Einzelereignis ohne Verbindungen zu anderen Tönen, denn diese Verbindungen rufen automatisch Bedeutungen auf, die auf gesellschaftlichen Normen beruhen oder persönliche Vorlieben des Komponisten beinhalten. Deshalb müsse auch der Komponist von seinen Funktionen befreit werden. Auch Cage griff deshalb auf den Zufall zurück. Neunzehnhunderteinundfünfzig entstand das für das Klavier geschriebene Werk Music of Changes. Für das Stück fertigte Cage vierundsechzig Sechslinge Hexagramme an, die in zwei Dreilinge Triagramme unterteilt sind. Er entwarf parallel dazu Tabellen für Tonhöhe, Tondauer und Dynamik die, in ebenfalls vierundsechzig, durchnummerierte Felder unterteilt wurden. In diesen Feldern befanden sich verschiedene Einzeltöne, Akkorde, komplizierte Tonkonstellationen so wie Pausen. Durch Münzwurf war es somit möglich bestimmte Tonkonstellationen und Tonhöhen und auch Lautstärken auszuwählen. Basierend sind diese Tabellen auf dem altchinesischen Orakelbuch I Ging welches übersetzt Das Buch der Wandlungen bedeutet wovon sich auch der Titel der Komposition von Cage ableitet. Indem Cage das Verfahren des Münzwurfs anwendet, entzieht er sich sowohl der Verantwortung, die Töne auszuwählen und sie in eine Reihenfolge zu bringen, also auch der Frage nach der Tonhöhe und der Lautstärke.5 Ähnlich wie Duchamp sich entzieht, die Fäden auf dem Boden selbst anzuordnen. Nach Cage ist der Komponist nicht mehr Macher der Klänge, sondern nur noch Zuhörer und Beobachter, der Klänge im Alltag aufschnappt und einfängt und sie dann präsentiert. Ein Jahr später als Music of Changes fand Cage eine weitere Methode den Zufall in seine Arbeiten einfließen zu lassen.

Neunzehnhundertzweiundfünfzig bekam er einen Auftrag von einer Tänzerin eine Begleitmusik zu ihrem Tanz zu schreiben. Cage war bewusst, dass die I Ging Methode zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde, deswegen suchte er nach einer schnelleren Zufallsmethode. Im Endeffekt stellte er fest, dass die Noten für die Komposition schon bereits auf dem Notenpapier sind. Cage färbte Unebenheiten des Blattes schwarz ein. So entstanden schwarze Punkte auf dem Blatt, die durch die schon vorgezeichneten Notenlinien als Noten verstanden werden können. Dieses Kompositionsprinzip wird auch point-drawing-technique genannt, aus der John Cage eine ganze Reihe an Stücken fertigte, die er Music for Piano (neunzehnhundertzweiundf ü nfzig- neunzehnhundertsechsundf ü nfzig) nannte. Die Tonhöhen waren somit schon auf dem Notenblatt vorhanden, Cage jedoch bestimmte die Art der Klangerzeugung, die Notenschlüssel, die Anzahl der erklingenden Töne und die Verwendung der Pedale.6 Ganz ähnlich wie in Music of Changes bestimmte der Zufall auch hier nur bestimmte Vorgänge, der Rahmen, also die Tabellen, wurden von Cage selbst zusammengestellt. Zurückgreifend auf das Anfangszitat ist es Cage sehr wohl bewusst, dass nicht alles vom Zufall gemacht wird. Er entzieht sich keiner Entscheidung, sondern wählt die Ereignisse so, dass er Fragen stellen kann. Der Zufall ist dann die Antwort auf die zusammengestellte Fragestellung. Auch Duchamp bedient sich diesem System, wenn er nichts dem Zufall überlässt als das fallen der Fäden. Sowohl die Länge und das Material als auch die Höhe aus der die Fäden fallen sollen, sind von Duchamp vorgegeben. Was Cage und Duchamp versuchen ist das Verwischen der Linien zwischen Künstler, Kunstwerk und Rezipient. Trotzdem sind sie Schöpfer ihrer Werke, welches durch das Anfangszitat nochmals bestätigt wird. Cage ist derjenige, der entscheidet, welche Fragen überhaupt gestellt werden. Ein weiteres Beispiel für eine Zufallsmethode angewandt durch John Cage ist ein Interview zwischen ihm und Frank Scheffer, einem Filmemacher, September neunzehnhundertsiebenundachtzig. Das Interview besteht aus neunzehn Fragen, die Zeit für die Beantwortung der Fragen ermittelt Cage mithilfe eines Computers. Cage ermittelt die Zeit per Zufall, nennt die Zeit und die zu beantwortende Frage, dann überlegt er einen Moment bevor er eine Stoppuhr anfangen lässt zu laufen. Man sollte meinen, Cage fülle die Sekunden aus, die er zur Verfügung hat, jedoch bekommt man eher das Gefühl, dass er sich vor Stoppen der Zeit überlegt was er sagen möchte unabhängig von der Zeit. Er redet schneller wenn er weiß die Zeit würde nicht ausreichen und er macht extra Pausen um die Wörter in die Zeit einzubringen. Ebenfalls unklar ist, wer die Fragen bestimmt hat und ob die Zahlen für die Zeit von ihm richtig genannt werden und ob er diese Zeiten auch einhält, da Cage der einzige ist, der auf den Bildschirm wie auch auf die Stoppuhr schauen kann.7 Rückblickend kann man sagen, dass John Cage von Marcel Duchamp inspiriert wurde, der schon im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts mit Zufallsmethoden arbeitete. Cage war besonders inspiriert von den fernöstlichen Traditionen, vom Buddhismus bis hin zu Zen und I Ging. Er bringt den Zufall ins Spiel um den Klang an sich besser hervorheben und ihn von Vorlieben des Komponisten befreien zu können, aber trotzdem sind alle Rahmenbedingungen durch ihn vorgegeben und nur wenige Eigenschaften werden durch den Zufall bestimmt. Zufall ist für John Cage nur eine Methode und kein Entkommen vor der Verantwortung gegenüber dem Kunstwerk.

2.2 Der Zufall in den bildenden Künsten

2.2.1 Von der Renaissance bis zum zwanzigsten Jahrhundert

Schon um fünfzehnhundert beschrieb Leonardo da Vinci in einem Traktat einen Vorgang, der als Zufallsmethode beschrieben werden kann.8 Er spricht von Steinen und Mauern, die ganz ähnlich wie bei John Cage und Music for Piano, schon ihre Werke in sich tragen. Es heißt, wenn man offen genug sei, könne man Figuren, Landschaften und ganze Schlachten nicht nur in Mauern erkennen sondern auch in Wolken, Schlamm oder Feuer. Leonardo beschreibt dies als sehr hilfreich und es könne als Künstler nie schaden den Geist für solche Dinge offen zu haben. Im siebzehnten Jahrhundert wurde diese Methode auch Florentiner Mosaik genannt, da besonders in Florenz diese Steinbilder hergestellt wurden. Die Konturen auf den Steinen wurden zur Verdeutlichung des Motivs angemalt oder Motive wurde hinzugefügt um die Maserung des Steins hervorzuheben.

[...]


1 John Cage “Zufall” (2012)

2 Cage, John (1967) S.72

3 Rausch Ulrike (1999) S. 101 103

4 Konstelanetz, Richard (1993) S. 157

5 Rausch, Ulrike (1999) S. 105 107

6 Ders. S. 111 f.

7 From Zero (1994)

8 Da Vinci, Leonardo, Traktat ü ber die Malerei in: Brügel, Eberhard (1996) S. 24

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
John Cage und der Zufall
Untertitel
Zufallsexperimente der Künstler des 20. Jahrhunderts
Hochschule
Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V230791
ISBN (eBook)
9783656471097
ISBN (Buch)
9783656471431
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
john, cage, zufall, zufallsexperimente, künstler, jahrhunderts
Arbeit zitieren
Marlene Mertsch (Autor), 2012, John Cage und der Zufall, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230791

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