Code-Switching - Grundlagen und Kritik

Soziolinguistische Studien mit Türkisch als Erstsprache im Vergleich


Examensarbeit, 2012
78 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Theoretische Grundlagen
1.1. Definitionen der Mehrsprachigkeit
1.2. Begriffe der Code-Switching-Literatur
1.3. Beschreibung der Sprachfamilien

2. Kategorisierung des Code-Switching
2.1. Perspektivische Unterscheidung
2.2. Hintergrundbezogene Unterscheidung
2.3. Altersbezogene Unterscheidung
2.4. Kompetenzbezogene Unterscheidung

3. Gründe für Code-Switching
3.1. Gesellschaftliche Ebene
3.2. Individuelle Ebene
3.3. Politische Ebene

4. Entwicklung und Methoden der Forschung
4.1. Präskriptiver Zugang
4.2. Deskriptiver Zugang

5. Studien
5.1. Thema
5.1.1. Niederländisch-Gruppe
5.1.2. Deutsch-Gruppe
5.1.3. Dänisch-Gruppe
5.1.4. Norwegisch-Gruppe
5.1.5. Diskussion
5.2. Teilnehmer
5.2.1. Niederländisch-Gruppe
5.2.2. Deutsch-Gruppe
5.2.3. Dänisch-Gruppe
5.2.4. Norwegisch-Gruppe
5.2.5. Diskussion
5.3. Erhebungsmethode
5.3.1. Niederländisch-Gruppe
5.3.2. Deutsch-Gruppe
5.3.3. Dänisch-Gruppe
5.3.4. Norwegisch-Gruppe
5.3.5. Diskussion
5.4. Datenanalyse
5.4.1. Niederländisch-Gruppe
5.4.2. Deutsch-Gruppe
5.4.3. Dänisch-Gruppe
5.4.4. Norwegisch-Gruppe
5.4.5. Diskussion
5.5. Ergebnisse
5.5.1. Niederländisch-Gruppe
5.5.2. Deutsch-Gruppe
5.5.3. Dänisch-Gruppe
5.5.4. Norwegisch-Gruppe
5.5.5. Diskussion
5.6. Zusammenfassende Diskussion

6. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

„Monolinguals have long had a very negative attitude toward code-switching, which they see as a grammarless mixture of two languages, a jargon or gibberish that is an insult to the monolingual’s own rule-governed language.“ (Grosjean 1982:164)

0. Einleitung

Code-Switching ist ein Sprachkontaktphänomen, das in der Forschung ein reges Interesse erfährt. Die Herausforderung in der Erforschung des Code-Switching ergibt sich aus der Tatsache, dass gesprochene Sprache, die zudem nur in bestimmten Situationen auftritt, ohne Verlust von bestimmten Informationen möglichst authentisch aufgezeichnet und schriftlich festgehalten werden muss.

Die hier vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die Analyse und den Vergleich vorhandener Studien, um so einen Einblick in die Kategorisierungs- und Erforschungsmethoden des Code-Switching zu gewinnen und damit bestimmte Aspekte herauszuarbeiten, wodurch Perspektiven für weitere Arbeiten eröffnet werden.

Die Arbeit besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil der Arbeit werden die theoretischen Ansätze des Code-Switching dargestellt und er dient zudem der Vorbereitung auf den zweiten Teil der Arbeit, in dem vier Studien anhand speziell aufgestellter Kriterien vorgestellt und analysiert werden. Diese Studien untersuchen das Code-Switching-Phänomen und beinhalten die Sprachkombinationen Türkisch/Niederländisch, Türkisch/Deutsch, Türkisch/Dänisch und Türkisch/Norwegisch. Die Kriterien, nach denen die Studien analysiert werden, dienen zudem in ihrer Gesamtheit dazu, die Studien vorzustellen. Sie greifen verschiedene Aspekte auf, die es ermöglichen, Stärken und Schwächen der Studien herauszufiltern und gegeneinanderzustellen. Ausgehend von bestimmten Gemeinsamkeiten werden die mitunter unterschiedliche Herangehensweise der Forscher und deren Ergebnisse betrachtet.

Die Sprachauswahl begründet sich darin, dass die Verwendung der türkischen Sprache im Zuge der Arbeitsmigration in Industriestaaten, zu denen besonders nord- und westeuropäische Länder gehören, ausgeweitet hat und sich dadurch das Zusammentreffen von Türkisch und germanischen Sprachen besonders stark entwickelt hat, wodurch diese Sprachkombinationen einen Anreiz zur Erforschung darstellen. Ein weiterer Aspekt ist das Zusammentreffen von Sprachen, die strukturell verschieden aufgebaut sind. Die Analyse und Gegenüberstellung von Sprachen, die grammatische Phänomene unterschiedlich darstellen oder wo in einer der Sprachen bestimmte Phänomene auftreten, die in der anderen Sprache gar nicht existieren, stellt eine weitere Herausforderung für die Forschung dar.

Die Auswahl der Studien wurde durch die geringe Anzahl von Studien eingeschränkt, die Türkisch in Kombination mit einer anderen Sprache untersuchen. Die Gründe für die Auswahl der vier Studien bestehen darin, dass sie erstens als Erstsprache Türkisch und als zweite Sprache eine germanische Sprache aufweisen und zweitens alle Untersuchungen aus soziolinguistischer Perspektive durchgeführt werden.

Die ersten vier Kapitel stellen den ersten Teil der Arbeit dar. Im ersten Kapitel werden zunächst die theoretischen Grundlagen erörtert, die den Begriff der Mehrsprachigkeit, die Terminologie im Code-Switching-Kontext und die Diskussion der zwei Sprachfamilien beinhalten. Im zweiten Kapitel werden vier Kategorisierungsmöglichkeiten des Code-Switching vorgestellt und spezifiziert. Zudem wird jeweils der Ansatz, der im zweiten Teil dieser Arbeit relevant ist, benannt. Die Gründe für Code-Switching sind zwar sehr vielfältig, drei davon werden in Kapitel drei vorgestellt: soziale, individuelle und politische Motivationen. Diese Gründe beinhalten zwar alle den Aspekt der Gruppenintegrität und greifen daher ineinander, werden dennoch separat aufgeführt, um die feinen Unterschiede herausarbeiten zu können. Im vierten Kapitel liegt der Fokus auf der Erforschung des Code-Switching, in dem ein kurzer Einblick in die Tendenz der historischen Entwicklung stattfindet. In Kapitel fünf werden vier Code-Switching-Studien mittels bestimmter Kriterien analysiert. Zunächst werden das Thema der Studien, die Teilnehmer und die Erhebungsmethode vorgestellt. Danach werden die Datenanalyse diskutiert und die Ergebnisse präsentiert. Nach jedem Unterpunkt erfolgt eine Diskussion und abschließend eine zusammenfassende Diskussion am Ende des Kapitels. Mit dem Fazit und Ausblick wird diese Arbeit beendet.

1. Theoretische Grundlagen

Die theoretischen Grundlagen sollen einen Einstieg in das Thema Code-Switching gewähren und bieten daher basale Informationen zu drei Bereichen der Linguistik im weiteren Sinne an: Zuerst werden die vorherrschenden Definitionen zur Mehrsprachigkeit diskutiert, da Mehrsprachigkeit die wichtigste Voraussetzung für Code-Switching darstellt. Des Weiteren wird die Terminologie des Code-Switching bestimmt, um eine Arbeitsdefinition zu generieren. Schließlich werden die Sprachen, die in dieser Arbeit diskutiert werden, Sprachfamilien zugeordnet.

1.1. Definition der Mehrsprachigkeit

Die wesentliche Voraussetzung für Code-Switching ist die Mehrsprachigkeit. Erst durch die Fähigkeit mindestens zwei Sprachen zu sprechen, wird die Möglichkeit zum Code-Switching eröffnet. Daher soll im Folgenden die Mehrsprachigkeitsdebatte näher betrachtet werden:

Mehrsprachigkeit wird definiert als das Beherrschen mehrerer Sprachen durch ein Individuum; die Fähigkeit, mehrere Sprachen zu sprechen und zu verstehen. Neben dem Begriff der Mehrsprachigkeit wird in der Literatur häufig nahezu bedeutungsgleich der Begriff Bilingualismus verwendet, obwohl der Begriff der Mehrsprachigkeit auch mehr als zwei Sprachen umfassen kann.

In der Literatur gibt es eine Bandbreite von Definitionen zum Bilingualismus, von denen im Folgenden eine kleine Auswahl vorgestellt werden soll.

Cantone (2007:2) unterscheidet zwei Perspektiven, aus denen die Begriffsbestimmung unter anderem hervorgehen kann: die Klassifizierung kann sich nach dem Erwerbszeitpunkt und nach der Sprachkompetenz richten. Sie führt aus, dass der Erwerbszeitpunkt der Zweitsprache entweder simultan zur Erstsprache oder sukzessiv stattfinden kann. Die Sprachkompetenz wird nach Kriterien der grammatischen Kompetenz bewertet. Natürlich fließen bei der Begriffsbestimmung auch viele weitere zu beachtende Faktoren mit ein, wie innere (z.B. Redegewandtheit) und äußere (z.B. Sprachumgebung) Umstände. Als eine mögliche Definition aus der Perspektive des Spracherwerbs schlägt Genesee (1989:162) vor:

„A general terminology of bilingual acquisition could be the simultaneous acquisition of more than one language during the period of primary language development” (zitiert in Cantone 2007:3).

Die Definition des Bilingualismus aus der Perspektive der Sprachkompetenz kritisiert Cantone, da diese aus der Perspektive von Monolingualen ermittelt werde. Im Hinblick auf die in dieser Arbeit diskutierten Studien, die teilweise die Sprachkompetenz der Teilnehmer mit in ihre Analyse einbeziehen, wird dieser Gesichtspunkt ebenfalls aufgegriffen:

Türker (2000:13) definiert Bilinguale als „those who are able to communicate in two languages without any great difficulty, i.e. those proficient enough to communicate monolingually in both languages.“ Diese Definition beinhaltet ebenfalls Cantones Kritikpunkt der einseitigen Perspektive. Auch Auer (2009) beanstandet diesen Aspekt. Er kritisiert dabei Hartmut Esser (2006), der den kompetenten Bilingualen monolingual voreingenommen definiere und Mehrsprachigkeit als „mehrfache Einsprachigkeit“ (Auer 2009:92) auffasse. Diese Attitüde kommentiert er wie folgt:

„Er [Essers Begriff des kompetenten Bilingualen][1] steht letztlich in der langen, aber heute sprachpolitisch wie ideologisch nicht mehr haltbaren Tradition des europäischen nationalstaatlichen Denkens mit seiner Gleichsetzung von Nation und (Standard-)Sprache“ (Auer 2009:92).

Auer (2009:94) begründet, dass „sich die beiden Sprachen nicht dieselben sprachökologischen Habitate“ teilen und dass „eine grobe funktionale Differenzierung der Verwendungsbereiche der Sprachen“ stattfindet. Es gibt also Domänen, in denen die Kompetenz in einer Sprache höher ist als in der anderen, was nicht zu dem Rückschluss führen darf, dass der Sprecher kein kompetenter Bilingualer ist.

Gümüşoğlu (2010:36) definiert in seiner Studie Bilingualismus und zitiert in diesem Zusammenhang DeChilla (1994:12):

„Unter Bilingualismus oder Zweitsprache versteht man normalerweise die Tatsache, dass ein Individuum mehr als eine Sprache beherrscht und verwendet, wobei der Grad der Beherrschung der jeweiligen Sprache sehr unterschiedlich sein kann, ebenso wie die funktionale Verteilung der jeweiligen Sprache auf unterschiedliche Domänen.“

Der Ausdruck: „Grad der Beherrschung der jeweiligen Sprache“, den DeChilla mit in die Definition einbringt, eröffnet Raum für Begriffe wie ausgewogener Bilingualismus, balancierter/unbalancierter Sprachgebrauch oder dominante Sprache. Aarssen et al. (2006:221) gehen in ihrem Artikel auf die „[l]anguage balance in the individual“ ein und ermitteln die Sprachbalance eines Mehrsprachigen entweder durch Kompetenztests oder durch Anwendungsmuster („usage patterns“). Zu den Kompetenztests schreiben sie:

„Proficiency tests can tell us whether a speaker is ‘better’ at Language A or at Language B“ (222).

Die Anwendungsmuster würden die Sprachbalance ermitteln, da es Hinweise darauf gebe, dass „a speaker speaks a language better the more he speaks it“ (222). Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass entweder zwei Sprachen gleich gut beherrscht werden und die Sprachkompetenz ausgewogen ist oder dass es eine stärkere und eine schwächere Sprache gibt, womit dann eine Sprache dominant ist und durch die Häufigkeit des Gebrauchs der jeweiligen Sprache ermittelt werden kann. Fürstenau et al. (2003) verstehen unter der dominanten Sprache die Sprache, die Mehrsprachige „am besten“ (129) sprechen und verwenden damit die Kompetenz als Kriterium. Für Penfield und Roberts wiederum ist die aktivere Sprache die dominante Sprache (vgl. Gümüşoğlu 2010:85). Der Begriff dominante Sprache kann auch in einem anderen Zusammenhang verwendet werden: So gebraucht Grosjean (1982) folgende Termini synonym und aus einer anderen Perspektive als zuvor benannt: er bezeichnet „‘majority language’ or ‘dominant language’ for the language spoken by the group that holds the political, cultural, and economic power in the country“ (120).[2] Um dieser Diskrepanz zu entgehen, könnte eine differenziertere Terminologie behilflich sein wie zum Beispiel die von Dirim und Auer (2004), die die Termini dominante und gleichberechtigte Verwendung der Sprache (vgl. 153) gebrauchen und somit keinen Zweifel an der Bedeutung lassen. Baker und Jones (1998) kritisieren wiederum den Begriff des ausgewogenen Bilingualen und fragen, ob der Bilinguale als ausgewogen/balanciert gilt, wenn beide Sprachen gleich gut beherrscht werden, aber dies auf niedrigem Niveau oder ob in jeweils beiden Sprachen die Kompetenz eines Monolingualen aufgewiesen werden muss, um als ausgewogener Bilingualer zu gelten (vgl. 12/13). In diesem Zusammenhang schreibt Gümüşoğlu (2010:43):

„Wenn die Sprachen auf gleichem Niveau und möglichst fehlerlos verwendet werden, kann ein perfekter Bilingualismus […] entstehen.“

Cantone et al. (2008) schlagen in ihrem Artikel quantitative Kriterien zur Messung der dominanten Sprache bei bilingualen Kindern vor, die aus vier Verfahren zusammengesetzt sind. Diese sind: „MLU, Upper Bound[3], Multi-morphemic utterances[4], lexicon size[5] “ (320). Dieses Verfahren wählen Cantone et al. nicht, um die Kompetenz der Sprachbeherrschung festzulegen, sondern, um die Differenz zwischen den Sprachen zu bestimmen. Dabei plädieren sie dafür, dass der Begriff Sprachdominanz durch den Begriff Sprachbalance ersetzt werden sollte, da

„the term dominance is misleading since it implies some dependency relation. In fact, even learners who have a “stronger” language can develop the other language fairly normal“ (337).

Der Ausdruck: „funktionale Verteilung der jeweiligen Sprache auf unterschiedliche Domänen“, den DeChilla erwähnt und auch Auer als Argument vorbringt, ist ebenfalls ein oft diskutierter Gesichtspunkt in der Mehrsprachigkeitsdiskussion. Es gibt das

„‘domain model’ of Fishman (1968; 1972) which views linguistic choices as predictable on the basis of the domain in which they occur. Fishman (1972:441) defines domain in terms of ‘institutional contexts and their congruent behavioral co-occurrences’. Examples of domain are family and employment“ (Myers-Scotton 1993:48/49).

Die unterschiedliche Sprachkompetenz und -präferenz des Bilingualen in unterschiedlichen Domänen ist eines der Argumente gegen den sogenannten Semilingualismus[6]. Dieser Begriff, der eine pejorative Konnotation in sich birgt, ist von Weinreich geprägt worden. Er wird gebraucht, wenn davon ausgegangen wird, dass der Bilinguale beide Sprachen nur ungenügend beherrscht bzw. Defizite aufweist. Diese Annahme hat sich vor allem in der Bildungspolitik von sogenannten Migrationsstaaten sehr lange hartnäckig gehalten, vor allem bei Evaluationen von ausländischen Schülern[7]. Zu den negativen Auswirkungen der Semilingualismusthese schreibt MacSwan (2000a:6):

„If teachers believe that some children have a low language ability in both languages, then this belief may have a strongly negative effect on their expectations for these children and their curricular content and teaching practices students receive.“

1.2. Begriffe der Code-Switching-Literatur

Der Begriff Code-Switching steht für das Mischen von zwei Sprachen innerhalb eines Gesprächs oder laut Milroy und Muysken (1998:7) ist Code-Switching „the alternative use by bilinguals of two or more languages in the same conversation“. Dabei kann das Code-Switching zwischen zwei Äußerungen oder Sätzen oder innerhalb eines Satzes zwischen Phrasen oder Wörtern bis hin zum Wechsel innerhalb eines Wortes stattfinden. Es gibt in der Code-Switching-Forschung eine Vielzahl von Termini, die nicht einheitlich gebraucht werden.

In der Literatur wird „eine Vielzahl von Termini (Borrowing, Switching, Mixing etc.) verwendet, deren Definition teils überlappen und teils in der Empirie nicht klar auseinanderzuhalten sind“ (Gawlitzek-Maiwald 1997:104). Daher soll im Weiteren eine Auflistung der wichtigsten Termini stattfinden, die hauptsächlich in Anlehnung an Müller, Kupisch, Schmitz und Cantone[8] (2007) erfolgt.

Eine sehr allgemeine Definition von Code-Switching ist:

„Codeswitching involves at least two languages used in the same conversation“ (Myers-Scotton 1992:19).

Folgende Termini gehören zu denen, die das benannte Phänomen allgemein beschreiben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Allgemeine Code-Switching-Begriffe

Das Code-Switching wird wiederum in zwei Kategorien unterteilt, in denen eine strukturelle Unterscheidung vorgenommen wird:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Differenzierung des Code-Switching-Begriffs

Müller et al. (2007) gehen auf Muysken (2000) ein, der beim Code-Switching drei Unterkategorien unterscheidet. Dabei beziehen sich die ersten beiden Unterkategorien auf das intra-sententiale Code-Switching. Wohingegen die dritte Unterkategorie einen Bezug auf die Oberflächenstruktur der angewandten Sprachen hat:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Differenzierung des intra-sententialen Code-Switching-Begriffes

nach Muysken

Als ein Beispiel für eine differente Auslegung des Begriffes Code-Switching wird die von Heinemann-Bernoussi (2011) erläuterte Definition dargestellt. Sie schreibt zum Beispiel, dass das Sprachmischen ein „unkontrolliertes Anwenden von Wörtern aus einer anderen Sprache“[9] (151) ist und führt dafür unter anderem den Satz eines Kindes (Lilly, 5;5) an:

(1) ich nehme mein chameau[10] mit nach oben (150).

Laut obiger Definition wäre diese Äußerung eine Insertion.

Johanson verwendet den Begriff Code-Copying:

„In the case of CC (Code-copying) a B element [majority language] is copied into A [minority language], as a whole or not“ (Johanson 1993:199, zitiert in Türker 1993:21).

Somit kommt Code-Copying dem Begriff der Insertion gleich:

„Code copying means insertion of copies of elements from a Model Code into clauses of a Basic Code.“ (Johanson 2006:4)

Das bedeutet, dass Codes (in diesem Fall Wörter oder Zeichen) einer Sprache A (Model Code) in eine andere Sprache B (Basic Code) übertragen werden.

Backus (2000:77) formuliert den Unterschied zwischen Insertion und Alternation folgendermaßen:

„Insertion is the use of words from an embedded language in clauses framed by matrix language. Alternation is the more symmetrical switching of base languages in bilingual conversations.“

Diese sind nur drei von sehr vielen Interpretationen und Termini, die in der Code-Switching-Literatur verwendet werden, was verdeutlichen soll, dass unter anderem die Vergleichbarkeit von Studien dadurch um einiges erschwert wird.

Der Vollständigkeit halber soll noch der Begriff Borrowing/Entlehnungen erwähnt werden, der große Kontroversen in der Code-Switching-Forschung eröffnet[11]. Es gibt eine grundlegende Abgrenzung zwischen Borrowing/Entlehnungen und Code-Switching in gemischtsprachlichen Äußerungen. Diese Grenze wird sehr unterschiedlich definiert. Eine allgemein anerkannte Definition von Borrowing/Entlehnungen wird in Müller et al. (2007) gegeben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Borrowing

Eine Abgrenzung von Borrowing/Entlehnungen zu Code-Switching wird in Romaine (1989) angeführt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 5: Unterscheidung zwischen Borrowing und Code-Switching

Es sei erwähnt, dass Pfaff (1982) den Begriff Ad-Hoc-Entlehnungen für Phänomene verwendet, die in dieser Arbeit in der Kategorie der Insertion zugeordnet wurden und diese Verwendung des Terminus in der Code-Switching-Literatur eine wesentliche Diskussionsgrundlage bietet.

Müller et al. (2007) erwähnen DiScuillo, Muysken und Singh (1986), die Sprachmischung als „code-mixing“ bezeichnen und dies als „Fehlen von pragmatischen und grammatischen Regularitäten“ (Müller et al. 2007:184) definieren, wogegen sie das Code-Switching der soziolinguistischen Kategorie zuordnen.

Des Weiteren bringen Müller et al. (2007) den Begriff Tag-Switching an, der sich auf Interjektionen bezieht, die gemischt werden. Gümüşoğlu (2010) dagegen bezeichnet Interjektionen, Diskursmarker und Partikelwörter, die in gemischtsprachlichen Äußerungen vorkommen, als emblematisches Code-Switching.

1.3. Beschreibung der Sprachfamilien

In der Code-Switching-Forschung ist die sprachtypologische Betrachtung ein wichtiges Kriterium. Dazu schreibt Backus (1992:33):

„A […] factor that can exercise some influence on language mixing is the typological distance between the two languages in a language pair. Codeswitching itself may be a universal phenomenon, but many syntactic characteristics are language-specific. Thus, for morphological and syntactic integration of English words into Navaho, different rules will apply than for integration of the same words into Swahili.“

Daher werden im Weiteren die Sprachfamilien erläutert, die für diese Arbeit relevant sind.

Die in dieser Arbeit vertretenen Sprachen (Türkisch, Niederländisch, Deutsch, Dänisch und Norwegisch) können nach genealogischem Gesichtspunkt zwei verschiedenen Sprachgruppen zugeordnet werden. Türkisch ist eine altaische Sprache und gehört zur Gruppe der Turksprachen. Niederländisch, Deutsch, Dänisch und Norwegisch sind indoeuropäische Sprachen und gehören der germanischen Sprachgruppe an. Die morphologische Struktur dieser Sprachen ist wie folgt differenzierbar: Türkisch hat einen agglutinierenden (anhängenden) Sprachbau, d.h. die Formveränderung eines Wortes findet mittels Anhängen von Suffixen statt; zu einer Formveränderung im Wortstamm kommt es dabei nicht. Niederländisch, Deutsch, Dänisch und Norwegisch sind flektierende Sprachen. Endungen ist häufig keine eindeutige Bedeutung zuzuordnen, Veränderungen im Wortstamm sind möglich. Eine Erscheinung, die in so gut wie allen germanischen Sprachen[12] anzutreffen ist, ist die Flexion der starken Verben. Starke Verben (auch unregelmäßige Verben genannt) bilden ihre Formen nicht ausschließlich mit der Hilfe von Endungen, sondern auch durch eine Vokalveränderung im Stamm[13].

Die folgenden Beispiele zeigen das starke Verb schreiben im Infinitiv und in der DI-Vergangenheit des Türkischen bzw. im Präteritum des Niederländischen, Deutschen, Dänischen und Norwegischen. Die Infinitivendungen sind in allen Fällen durch einen Bindestrich abgetrennt, im Fall des Türkischen auch die Vergangenheitsendung -DI:

(2) yaz-mak / yaz-dı (türkisch)
(3) schrijv-en / schreef-ø (niederländisch)
(4) schreib-en / schrieb-ø (deutsch)
(5) skriv-e / skrev-ø (dänisch)
(6) skriv-e / skrev-ø (norwegisch)

Man sieht, dass im Türkischen die Vergangenheitsform durch eine Endung ohne Stammveränderung zum Ausdruck gebracht wird. In den germanischen Sprachen ist es der Unterschied in den Verbstämmen, der diese Information trägt.

Kurz erwähnt werden soll noch, dass Dänisch und Norwegisch der nordgermanischen Gruppe zuzuordnen sind, Niederländisch und Deutsch der westgermanischen Gruppe. Dänisch und Norwegisch weisen eine stark vereinfachte Flexionsmorphologie auf (vgl. Braunmüller 2007:2), die sich insbesondere im Bereich der Nominalflexion niederschlägt. Dabei werden die Kasus in den nordgermanischen Sprachen nicht mehr durch morphologische Kennzeichnung (außer im Genitiv) markiert, wie es bei den westgermanischen Sprachen der Fall ist, sondern durch die Syntax.

Ein Affix kann ‒ wie bereits erwähnt ‒ in einer flektierenden Sprache mehrere grammatische Funktionen gleichzeitig erfüllen; die gleiche Endung kann für mehrere Funktionen stehen: so ist die Adjektivendung nach bestimmtem Artikel im Deutschen im Fall femininer Nomen -e im Nominativ und Akkusativ Singular, - en im Dativ und Genitiv Singular und in allen Kasus im Plural. Im Türkischen werden die Kategorien Plural und Kasus jeweils durch eine eigenständige Endung ausgedrückt: ev-i (das Haus, Akkusativ Singular); ev-ler-i (die Häuser, Akkusativ Plural); adam-a (dem Mann, Dativ Singular); adam-lar-a (den Männern, Dativ Plural) (Adjektive werden im Türkischen nicht dekliniert, eine Kasus und Numerusmarkierung erfolgt innerhalb einer Nominalphrase ausschließlich am Substantiv).

Ein weiterer Unterschied besteht im Folgenden: Türkisch als streng agglutinierende Sprache bringt grammatische Kategorien ganz überwiegend durch gebundene Morpheme zum Ausdruck. Funktionswörter gibt es nur relativ wenige. Niederländisch, Deutsch, Norwegisch und Dänisch sind Sprachen, in denen grammatische Kategorien in großem Umfang auch durch freie Morpheme zum Ausdruck gebracht werden. Türkisch ist eine synthetische Sprache, die germanischen Sprachen verfügen in hohem Maße neben flektierenden auch über analytischen Eigenschaften (vgl. Gümüşoğlu 2010:25). So werden im Deutschen zum Beispiel die Tempora Perfekt und Plusquamperfekt mit den Hilfsverben haben oder sein gebildet, im Niederländischen mit hebben oder zijn, im Dänischen have oder være und im Norwegischen ha oder være.

Die folgenden Beispiele illustrieren zum einen die DI-Vergangenheitsform im Türkischen und zum anderen die Perfektformen des Niederländischen, Deutschen, Dänischen und Norwegischen am Beispiel des Verbs schreiben:

(7) yaz-dı (türkisch)
(8) hij/zij/het heeft geschreven (niederländisch)
(9) er/sie/es hat geschrieben (deutsch)
(10) han/hun/den(det) har skrevet (dänisch)
(11) han/hun/den(det) har skrevet (norwegisch)
Lokalangaben werden im Deutschen mit Hilfe von Präpositionen formuliert, im Türkischen ist in vielen Fällen eine Kasusendung am Nomen ausreichend:
(12) okul-da
in der Schule
(13) okul-lar-da

in den Schulen

Auch an diesem Beispiel wird der Unterschied zwischen synthetischem und analytischem Sprachbau deutlich.

Braun (2000:49) führt ein Beispiel an, das den großen Unterschied zwischen dem Türkischen und den germanischen Sprachen zum Ausdruck bringt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 6: Türkischer Beispielssatz aus Braun 2000:49

Der türkische Satz kann folgendermaßen übersetzt werden:

Deutsche Übersetzung:

„Sie wartet auf die Freundin ihrer Schwester.

Sie wartet auf den Freund ihrer Schwester.

Sie wartet auf die Freundin ihres Bruders.

Sie wartet auf den Freund ihres Bruders.

Er wartet auf die Freundin seiner Schwester.

Er wartet auf den Freund seiner Schwester.

Er wartet auf die Freundin seines Bruders.

Er wartet auf den Freund seines Bruders.“

(Braun 2000:49)

Zudem werden das Niederländische, Dänische und Norwegische mit in den Vergleich einbezogen und diskutiert, da sich bereits an den unterschiedlichen Übersetzungsvarianten des einen türkischen Satzes in diese Sprachen eindrucksvoll die Unterschiede zeigen.

Niederländische Übersetzung:

Zij wacht op de vriendin van haar zus.

Zij wacht op de vriend van haar zus.

Zij wacht op de vriendin van haar broer.

Zij wacht op de vriend van haar broer.

Hij wacht op de vriendin van zijn zus.

Hij wacht op de vriend van zijn zus.

Hij wacht op de vriendin van zijn broer.

Hij wacht op de vriend van zijn broer.

Dänische Übersetzung:

Hun venter på sin søsters veninde.

Hun venter på sin søsters ven.

Hun venter på sin brors veninde.

Hun venter på sin brors ven.

Han venter på sin søsters veninde.

Han venter på sin søsters ven.

Han venter på sin brors veninde.

Han venter på sin brors ven.

Norwegische Übersetzung:

Hun venter på vennena til si sœster.

Hun venter på vennen til si sœster.

Hun venter på vennena til sin bror.

Hun venter på vennen til sin bror.

Han venter på vennena til si sœster.

Han venter på vennen til si sœster.

Han venter på vennena til sin bror.

Han venter på vennen til sin bror.

Hier ist ein deutlicher Strukturunterschied zwischen dem Türkischen und den germanischen Sprachen erkennbar (vgl. Gümüşoğlu 2010:30):

Typologisch betrachtet ist Türkisch eine SOV-Sprache[14], d.h. das Türkische hat eine Endstellung des Verbs. Deutsch, Niederländisch, Norwegisch und Dänisch sind SVO-Sprachen, sie haben in unmarkierten Hauptsätzen eine Verbzweitstellung.

Türkisch ist eine Pro-Drop-Sprache. Pronominale Subjekte werden weggelassen, wenn keine besondere Betonung vorliegt. Das Subjekt ist über die Personalendung am Verb erschließbar. Die germanischen Sprachen erlauben ein Fortfallen eines pronominalen Subjektes nicht.

Das Türkische hat kein Genus. Auch im pronominalen Bereich gibt es hier keine Unterscheidung. Das hat im Fall des diskutierten Beispiels Folgen in mehrfacher Hinsicht: Das Verb bekliyor markiert die 3. Person Singular; in den germanischen Sprachen treten hier alternativ die Personalpronomen für das Femininum oder Maskulinum auf (theoretisch wäre auch das Neutrum möglich; es wird hier aus semantischen Gründen weggelassen). Die beiden Nomen kardeş und arkadaş zeigen weder ein grammatisches noch ein natürliches Geschlecht an. Kardeş kann daher sowohl mit Bruder als auch mit Schwester, arkadaş mit Freund oder Freundin übersetzt werden .

[...]


[1] Anmerkung des Verfassers.

[2] Dieser Gebrauch wird aus Platzgründen nicht weiter expliziert.

[3] Bezieht sich auf die längste Äußerung in einer Aufnahme oder einer Transkription.

[4] Stellt die Menge der Äußerungen dar, die aus mehr als einem Morphem bestehen.

[5] Misst das bestehende Vokabular oder eine bestimmte Wortklasse.

[6] Dieser Begriff wird in Kapitel 2.4. nochmals aufgegriffen.

[7] In dieser Arbeit wird bei Personenbezeichnungen das generische Maskulinum verwendet.

[8] Müller, Kupisch, Schmitz und Cantone (2007) werden im weiteren Verlauf mit Müller et al. (2007) bezeichnet.

[9] Laut Studien vieler Sprachforscher ist diese Aussage nicht unbestritten.

[10] Chameau ist das französische Wort für Kamel.

[11] Jedoch nicht Bestandteil dieser Arbeit ist und daher nur kurz angerissen werden soll.

[12] Eine Ausnahme bildet das Afrikaans, in der die starke Verbkonjugation angebaut wurde.

[13] Dieser Vokalwechsel wird in der Linguistik als Ablaut bezeichnet. Auf eine differenzierte Beschreibung wird hier verzichtet.

[14] SOV steht für Subjekt-Objekt-Verb und gibt die Hauptsatzstruktur wieder.

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Code-Switching - Grundlagen und Kritik
Untertitel
Soziolinguistische Studien mit Türkisch als Erstsprache im Vergleich
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
78
Katalognummer
V230861
ISBN (eBook)
9783656484745
ISBN (Buch)
9783656485827
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Türkisch, Deutsch, Niederländisch, Dänisch, Norwegisch
Arbeit zitieren
Hülya Isiklar (Autor), 2012, Code-Switching - Grundlagen und Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230861

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