Digitale Fotografie - Fotografieren als soziale Praxis

Eine empirische Studie über praxisorientierte Veränderungen bei Hobbyfotografen durch die neue Technologie Digitale Fotografie


Seminararbeit, 2003

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Methoden

3. Digitale Fotografie - Einleitung
3.1. Technik
3.2. Technische Geschichte

4. Techniksoziologie

5. Digitale Fotografie - Die Studie
5.1. Interviewpartner
5.2. Allgemeine Veränderungen durch die Digitale Fotografie
5.3. Veränderungen im Fotografierverhalten
5.4. Veränderung in der Archivierung, Präsentation und im Gebrauch

6. Fazit

7. Anhang

8. Bibliografie

1. Vorwort

Seit der Erfindung und massenhaften Verbreitung des Computers schreitet die Digitalisierung der uns umgebenden Daten in den verschiedensten Lebensbereichen unaufhörlich voran. Sei es die Verdrängung der Schallplatte sowie der Audiokassette durch die Compact Disc (CD) und das Musik-Dateiformat „mp3“ oder die Ablösung der analogen Videokassette durch die Digital Versatile Disc (DVD) oder der Wechsel vom Karteikarten-Katalog des Buchbestandes der Universitätsbibliothek hin zur Archivierung im Online-Katalog. Digital setzt sich durch.

Seit etwa zehn Jahren nagen die digitalen Binärcodes -bestehend aus „0“ und „1“- auch an einer uns allen liebgewonnenen Tätigkeit - dem analogen Fotografieren. Auch wenn heute -gut zwölf Jahre nach der Markteinführung der ersten Digitalkamera- analoge Fotoapparate, Fotoentwickler und Dunkelkammer sich noch immer großer Beliebtheit erfreuen1, so macht ein näherer Blick in die Verkaufszahlen doch eines deutlich. Der gesamte Imaging-Markt befindet sich Aufbruchstimmung und der Markt für Digitalkameras ist einer der schnellstwachsenden im gesamten Fotosektor. Der Absatz an digitalen Kameras stieg von 18,5 Millionen im Jahr 2001 auf 27,5 Millionen Stück weltweit im Jahr 2002 und ist damit der stärkste Wachstumssektor im gesamten Imaging-Markt.2 Experten rechnen damit, dass spätestens 2004 das Jahr des digitalen Bildes wird.

Die vorliegende Hausarbeit soll eine kurze technische Einleitung über Digitalfotografie geben, sowie einen Überblick über die für das Fach Europäische Ethnologie relevanten Fragen schaffen, welche Veränderungen die neue Technologie Digitale Fotografie für Benutzer mit sich bringt und welche möglichen Auswirkungen diese Veränderungen auf die Gesellschaft haben könnten. Denn neue, vielversprechende Technologien, die in erster Instanz vorhandene Probleme lösten und zu einer Rationalisierung des Alltags beitrugen, kreierten im Nachhinein oft auch neue, unerwartete Herausforderungen. Kaum vorhersehbare Konsequenzen wie z.B. die weltweite Ausbreitung des Autos3 und das damit einhergehende ökologische Desaster oder gesellschaftliche Probleme wie z.B. signifikante Jugendverschuldung, die unter anderem durch die Benutzung von Mobiltelefonen entstanden ist4, stellen nur zwei Folgeprobleme von innovativen Neuerungen dar.

Ausgehend von einer empirischen Untersuchung soll die Benutzung von Digitaler Fotografie aufgezeigt und deren alltagspraktische Verwendung nachgewiesen werden. Als theoretisches Grundgerüst sollen Gedanken aus dem Bereich der Techniksoziologie dienen, die kurz zusammengefasst sowie auf Tauglichkeit für die Digitale Fotografie hin geprüft werden.

Am Ende soll ein Fazit verdeutlichen, wieso die Digitale Fotografie einen weiteren Schritt in Richtung Digitalisierung von lebensweltlichen Daten unserer Gesellschaft darstellen könnte und wie der Computer als zentrales Instrument dieses Prozesses immer mehr in den Mittelpunkt unserer Lebenswelt rückt.

2. Methoden

Zur besseren Nachvollziehbarkeit meiner Forschung und von deren Ergebnissen sollen in diesem Abschnitt die Herangehensweise an den Forschungsprozess sowie die verwendeten Methoden erläutert werden.

Ausgehend vom Seminar „Fotografien als soziale Praxis“ im Sommersemester 2003 am Institut der Europäischen Ethnologie, in dem ich an einer empirischen Studie teilnahm, die anhand des Bourdieuischen Habitusbegriffes untersuchte, welche sozialen Gruppen, wann, wo und wie fotografieren, entwickelte ich durch die teilnehmende Beobachtung von Fotografen die Idee, die relativ neue Technologie der Digitalen Fotografie und die damit einhergehenden Veränderungen für private Hobbyfotografen genauer zu untersuchen.

Nach kurzen Gesprächen mit privaten Digitalfotografen, die ich in Form von Gedächtniskladden festgehalten habe, fing ich an, gezielt nach Benutzern digitaler Kameras in meinem näheren, später auch im weiteren Bekanntenkreis zu suchen, um mit diesen Interviewtermine zu vereinbaren. Das Auffinden von Interviewpartnern erwies sich problematischer als zunächst erwartet, da Digitalkameras im Gegensatz zu analogen Geräten noch keine vergleichbare Verbreitung gefunden haben.5

Auch wenn dies länger als geplant dauerte, wurde ich fündig und führte anhand eines Fragebogenkataloges (siehe Anhang), der allerdings nur als Leitfaden diente, insgesamt vier qualitative Interviews mit drei männlichen Interviewpartnern aus dem privaten Amateurfotobereich und einer weiblichen Interviewpartnerin aus dem Pressefotografiebereich. Letzteres Interview floss allerdings nicht in diese Hausarbeit mit ein, da der Schwerpunkt auf den Amateurbereich gesetzt wurde. Die Informanten waren zum Zeitpunkt der Befragung im Alter zwischen 23 bis 58 Jahren. Die Interviews hatten jeweils einen Umfang von ca. einer bis zwei Stunden, die ich auf Mikrokassetten aufgezeichnet und zur Analyse transkribiert habe.

Für einen differenzierteren Blick bezüglich der geschlechterspezifischen Nutzung Digitaler Fotografie im privaten Amateurfotobereich wäre es sicherlich interessant gewesen, weibliche Interviewpartner zu befragen. Dies blieb mir allerdings verwehrt, könnte aber Anstoß für weitere Forschung auf diesem Gebiet sein.

Einen Überblick über den aktuellen Stand der Technik erhoffte ich mir auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) zu bekommen, die ich Anfang September besuchte, da hier diverse Hersteller von Digitalkameras vertreten waren.

Im Canon-Zelt am Potsdamer Platz, wo das 30-jährige Bestehen des Kameraherstellers in Deutschland gefeiert wurde, konnte ich in Gesprächen mit fachkundigem Personal ebenfalls weiteres Informationsmaterial zum Thema Digitale Fotografie erhalten. Um nicht der Werbebeeinflussung einer Marke zu unterliegen, beschaffte ich mir zudem Broschüren und Prospekte von anderen Kameraherstellern.

Am Anfang meiner Forschungsarbeit versuchte ich mir durch die Lektüre von Fachzeitschriften wie etwa dem „DigitalCamera magazin“ theoretische Perspektiven zu erschließen. Im weiteren Verlauf geschah dies vermehrt durch das Lesen von wissenschaftlichen Büchern zum Thema Techniksoziologie.

Ist in dieser Hausarbeit von Technik die Rede, so sind, wie Günter Ropohl vorschlägt, unter dem Begriff drei Dimensionen zu verstehen. Zum Einen bezeichnet Technik „die nutzenorientierten, künstlichen und gegenständlichen Gebilde, Artefakte und Sachsysteme“ wie etwa auch die Digitalkamera, zum Zweiten „die menschlichen Handlungen, in denen diese Sachsysteme entstehen“ und zum Dritten „diejenigen Handlungen, den denen diese Sachsysteme verwendet werden“6.

3. Digitale Fotografie - Einleitung

3.1. Technik

Digitale Fotografie stellt im Sinne der Definition von Fotografie -also ein Verfahren zur naturgetreuen, zweidimensionalen Reproduktion eines reellen Bildes durch Einwirkung von Lichtwellen auf lichtempfindliche Schichten7 - eigentlich keine wirkliche Technikinnovation dar. Was die Digitale Fotografie allerdings gegenüber der analogen Fotografie, die mit Hilfe eines lichtempfindlichen Films und chemischer Entwicklungsprozesse Negativ- und Positivbilder erzeugt, so revolutionär macht, ist die neuartige, digitale Speicherung der Lichtbzw. Bildinformationen auf einem Speichermedium.8

Das Licht, welches durch die Linse eintritt, trifft nicht mehr, wie bei der analogen Fotografie, auf einen mit Silberhalogenidkörnchen beschichteten Film, sondern auf einen lichtempfindlichen Sensor, einen Charged Coupled Device (CCD), der die Lichtinformationen in einen Binärcode umwandelt und speicherbar macht. Die digitale Speicherung der Bilddaten lässt herkömmliches Handwerkszeug wie etwa Film, Entwickler und Dunkelkammer in erster Instanz überflüssig werden, was als bedeutendste technische Veränderung gegenüber der analogen Fotografie festgehalten werden sollte.

Daher lässt sich für die Digitale Fotografie folgende Definition aufstellen.

„Digitalfotografie ist das Erfassen dreidimensionaler Aufnahmeobjekte mit einer Kamera, die das durch die Optik einfallende Motiv als Standbild elektronisch aufzeichnet und digital verfügbar macht; das heißt ohne Positiv- und Negativbild.“9

3.2. Technische Geschichte

Um die Entwicklungsstadien der Digitalen Fotografie von den ersten Überlegungen bis zu den heutigen Kompaktkameras zu verdeutlichen, soll an dieser Stelle eine kurze chronologische Abhandlung der Geschichte stehen.

Das Bestreben Fotos elektronisch abspeichern zu können, ohne den Umweg über Bild- oder Diascanner machen zu müssen, ist eng an das Aufkommen des Fernsehens verbunden. Fernsehbilder zeigten, dass es möglich ist, Bilder elektronisch zu übertragen und direkt von der Fernsehkamera auf den heimischen Apparat zu projizieren. Das große Problem stellte jedoch die nichtanaloge Speicherung dieser Bilder dar.

Die erste Kamera, die als Vorreiter der Digitalkamera angesehen werden kann, wurde deshalb auch als Stillvideo-Kamera bezeichnet und unter dem Namen Mavica (MAgnetic VIdeo CAmera) 1981 von Sony vorgestellt. Allerdings arbeitete diese Kamera, wie der Name schon vermuten lässt, mit einem Magnetband, was keine digitale Speicherung der Daten zuließ. Vorrangig in den USA brachten Kamerahersteller wie Canon, Nikon, Konica oder Fuji Weiterentwicklungen dieses Modells auf den Mark. In Europa war das Interesse an dieser Technologie eher verhalten.

Die erste wirkliche Digitalkamera, stellte 1991 die kalifornische Firma Dycam auf der Computerfachmesse CeBIT unter dem Namen „DigiCam“ vor. Die Kamera war mit einem lichtempfindlichen CCD-Chip sowie einem Speichermodul ausgestattet, das die direkte Übertragung der Bilder auf den Computer ermöglichte. Trotz des schwarz-weißen Aufnahmemodus’ und einer -aus heutiger Sicht schlechten- Auflösung von 376x240 Bildpunkten10 war die Fachpresse begeistert. Das US-amerikanische Wirtschaftsmagazin „Fortune“ wagte sogar folgende Prognose:

„Ein Sturm technologischer Innovationen und neuer Produkte sammelt sich über der Welt der Fotografie an, der viel von dem wegblasen wird, was bis heute altbekannt ist. Filme, Chemikalien und Dunkelkammer werden ersetzt werden durch eine Technologie, die blendend und altbacken zugleich ist: dem Computer.“11

Auf der photokina, einer internationalen Fachmesse für die Photo- und Bildbearbeitungs- Branche in Köln, präsentierten 1992 nahezu alle namhaften Firmen aus den unterschiedlichsten Bereichen ihre Prototypen. Neben klassischen Kameraherstellern wie etwa Kodak und Rollei waren der Videogigant Sony und der Scanner-Produzent Sictex-Leaf ebenfalls mit Digitalkamerastudien vertreten, denn das Schlagwort „Digital Imaging“ verkündete für alle die Entstehung eines neuen Marktes. Nur zwei Jahre später lautete das Motto der photokina „digital total“ und machte deutlich, wohin die zukünftige Entwicklung gehen würde.

1994 wird auch als das „offizielle“ Startjahr der Digitalen Fotografie in Deutschland angesehen, da die Vogelsänger-Studios den Einsatz von Digitalkameras bekannt gaben. Diese Mitteilung hatte deshalb eine besondere Relevanz, weil die Vogelsänger-Studios -eines der größten europäischen Fotostudios und Marktführer in Interieurfotografie- berüchtigt für ihren kompromisslosen Qualitätsanspruch an Bilder, Bildermacher und Handwerkszeug waren und es noch immer sind. Der Branchenführer im Bereich der Werbefotografie setzte auf digitale Kameratechnik, strafte damit die Qualitätszweifler Lügen und machte so hierzulande den Weg frei für die Digitalkamera.

Allerdings übten sich die Verbraucher bei einem anfänglichen, stolzen Preis für die ersten Modelle von ca. 1000 Ä in Zurückhaltung und so blieb der Kundenkreis für die neuen Kameras in den Folgejahren in überschaubarem Rahmen.

Ebenfalls im Jahre 1994 tätigten PC- und Fotoexperten folgende Analyse:

„Für den oft zitierten Otto Normalverbraucher dürfte die Digitale Fotografie erst dann interessant werden, wenn namhafte Einzelhandelketten einfachst zu handhabende Digitalkameras als Massenware in ihren Regalen feilbieten und der Fotohandel gleichzeitig die Möglichkeit bietet, von den elektronischen Aufnahmen preisgünstige Papierbilder herzustellen - und dies wird aller Wahrscheinlichkeit nach noch eine geraume Zeit dauern.“12

2003 ist dieser Zustand nahezu Wirklichkeit geworden. Leicht zu bedienende Digitalkameras mit einer Auflösung von bis zu 1600 x 1200 Bildpunkten sind in Elektrogroßmärkten für ca. 100 Ä erhältlich. Im Fotofachgeschäft wird an Fototerminals der Service angeboten, Papierabzüge von digitalen Bildern zu bestellen - zum gleichen Preis wie dem eines analogen Bildes. Noch einfacher ist es die digitalen Bilder per Internet und Übertragungssoftware an einen Online-Belichtungsdienst zu schicken und je nach Anbieter 24 Stunden bis mehrere Wochen zu warten, bis die Papierabzüge per Post nach Hause geliefert werden.

4. Techniksoziologie

Um nicht mehr nur bei der technischen Seite der Digitalen Fotografie zu verharren, sondern auch die soziologische Dimension der Technik zu offenbaren, soll im Folgenden ein kurzer historischer Überblick über einflussreiche Sozialtheorien zur Technik erläutert, sowie ein Ausblick über die Chancen von Fächern wie „Europäischer Ethnologie“ gegeben werden.

Technik und Soziales - ein ambivalentes Paar, was auf den ersten Blick schwer in einer Theorie zusammen zu bringen ist. Technik als das artifizielle Artefakt und Soziologie als die Wissenschaft, die vor allem die Formen und Entwicklungen menschlichen Zusammenlebens beobachtet und sich mehr auf die rein zwischenmenschlichen Beziehungen wie etwa in Gruppen, Klassen oder Massen konzentriert. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum man von einer regelrechten „Technikvergessenheiten“13 in der Soziologie sprechen kann.

„Je mehr Sprechhandlungen und Sprachstrukturen an Bedeutung gewannen, desto mehr rückten technische Praktiken und Technostrukturen an den Rand. In der allgemeinen Soziologie tauchte Technik schon mal als Thema auf, gewann aber (...) kaum noch den Status eines materialen Gegenstandes.“14

Einer der ersten Sozialtheoretiker, der die Abhängigkeit zwischen technischer und sozialer Entwicklung in der Gesellschaft anerkannte, war Karl Marx, der den seit langem verdrängten Begriff „Arbeit“ wieder aufnahm und ihn als gesellschaftlich vermittelte Beziehung und Gesellschaft schaffende Tätigkeit konnotierte. Marx versuchte die Umwandlung ganzer Gesellschaftsformationen durch das Spannungsverhältnis zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, sowie die Veränderung von Industriezweigen durch die Wechselbeziehung zwischen produktionstechnischen und wirtschaftlichen Entwicklungen deutlich zu machen. In diesem Sinne vertrat Marx die Auffassung, dass Technik eine der Gesellschaft endogene Größe sei.

Emile Durkheim sah neben den „Arten des Handelns“ oder Institutionen, wie Rechtsnormen, Moralgebote, Gebräuche und Glaubensvorstellungen auch andere „Arten des Kollektivseins“ oder soziale Substrate, wie die Beschaffenheit von Verkehrswegen, die Gestaltung der Wohnstätten oder eben auch die Art der Werkzeuge als sozial relevante Artefakte an und machte so den Weg zur Legitimation von technischen Gegenständen in der Soziologie frei.

Max Weber ging noch einen Schritt weiter und sah in der „technischen Rationalität“ sogar ein wesentliches Merkmal der modernen Gesellschaft, welches die praktische Lebensführung formt. Besonders betonte Weber den, in den gegenständlichen Artefakten innewohnenden „Geist der Technik“, der als verkörperter Lebensstil und als technologischer Habitus fest in der Gesellschaft verankert ist und von den Mitgliedern reproduziert wird. Durch das Herausarbeiten einer konstitutiven Rolle des „technologischen Habitus’“ für die moderne Gesellschaft, leistete Weber einen wichtigen Beitrag zum Thema Techniksoziologie.

Ebenfalls Gedanken zum Thema Techniksoziologie machte sich der Sozialtheoretiker George Herbert Mead. Er verdeutlichte, dass Gesellschaft sich durch Interaktion konstituiere. Egal ob dies nun eine Mensch-zu-Mensch-Interaktion sei oder die mit einem vermittelnden Gegenstand, da auch dieser zwar als „gegenständlich, aber kooperationsfähiger Anderer“ angesehen wird. Mit diesem Blick auf unter anderem auch technische Geräte prägte er den Begriff des „Symbolischen Interaktionismus’“.

In aktuelleren Techniksoziologie-Debatten wird weniger die Bedeutung der Technik für die Gesellschaft angezweifelt, als deren hoher Stellenwert für die Lebensführung anerkannt. Hieraus entstand in den 80er Jahren ein postmoderner Diskurs, der sich vermehrt mit der Selbstverständlichkeit der Technik und der daraus resultierenden Risikodebatte beschäftigte. Das problemlose Funktionieren der Technik, die in vielen Bereichen Einzug gehalten hatte, wurde genauso in Frage gestellt, wie das verallgemeinerte Vertrauen in die Technik. Anlass dafür war eines der die Technikvertrautheit erschütternsten Ereignisse der 80er Jahre - die nukleare Katastrophe von Tschernobyl. Schlagworte wie Naturvergessenheit und Technikvermessenheit wurden aktuell.

Einen weiteren Aspekt der postmodernen Debatte stellten die neuen Kommunikationsmedien, die sogenannten „Pilottechniken“15 dar. Kommunikationsmedien rücken in den Mittelpunkt der Gesellschaftsdiagnose und Theoretiker wie Marshall McLuhan, Roland Barthes und Jean Baudrillard verweisen jeweils auf den radikalen Wandel der Gesellschaft durch die neuen Medien, welche die Verarbeitung, Übertragung und Speicherung von Sprache und Bild zum Gegenstand haben.

Der Begriff „Technikvergessenheit“ ist jedoch auch in Fächern angebracht, die sich primär mit der Erforschung kultureller Aspekte des Alltagslebens beschäftigen, wie der Volkskunde oder der Ethnologie.

„Weder die Volkskunde noch die Ethnologie thematisierten bis in die jüngste Vergangenheit in nennenswertem Umfang alltägliche technologische Praxen. Angesichts einer schon seit Jahrzehnten massenhaft tele-kommunizierenden, techno-mobilen, unter Technikeinsatz produzierenden und konsumierenden Gesellschaft ein erstaunlicher Befund.“16

Für Fächer, wie „Empirische Kulturwissenschaft“, „Kulturanthropologie“ sowie „Europäischen Ethnologie“, die sich zum Ziel gesetzt haben, historische und gegenwärtige Alltagskultur zu erforschen, muss „damit ein bedeutendes Forschungsdesiderat festgestellt werden.“17

5. Digitale Fotografie - Die Studie

5.1. Interviewpartner

Mit insgesamt drei männlichen, in Berlin lebenden Interviewpartnern aus dem Bereich der Privatfotografie konnte ich jeweils ein qualitatives Interview führen. Die Interviewpartner sollen im Folgenden kurz beschrieben werden. Um die Anonymität der Informanten zu wahren, wurden ihre Vornamen von mir durch die drei beliebtesten Vornamen der Deutschen ersetzt, die die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) im Februar diesen Jahres veröffentlichte.18

Alexander - 25 Jahre alt, arbeitslos und auf eine Umschulung wartend, besitzt seit knapp zwei Jahren eine Digitalkamera der Marke Canon „PowerShot G2“. Informationen über die Kamera sowie den preisgünstigsten Händler in Berlin suchte sich Alexander aus dem Internet.

„Internetrecherche. Ich hab’ sie [die Kamera] in Berlin gesucht, weil ich wollte gleich hin, Geld auf den Tisch und wollte die Kamera haben. Ich wollte nicht warten. Der Computerfachhandel war preiswerter.“

In diesem Zusammenhang empfahl er mir die Internetseiten www.guenstiger.de www.hardwareschotte.de sowie www.idealo.de, die für den Konsumenten, der das günstige Angebot sucht, Hunderte von Online-Shops durchforsten, um einen Preisvergleich aufzulisten. Aus der genausten Beschreibung, die Alexander mir über die Kamera gab, wie die Auflösung und die exakte, größtmögliche Bildpunktedarstellung schließe ich, dass es sich bei Alexander um einen technisch versierten und interessierten Informanten handelt. Diese Schlussfolgerung wird durch seine Bemerkung auf die Frage nach dem Grund der Anschaffung der Digitalkamera bestätigt.

[...]


1 Der Absatz analoger Kameras ging zwar von 66 Millionen im Jahr 2001 auf etwa 64 Millionen Stück in 2002 zurück, doch stellen analoge Modelle immer noch den größten Anteil am weltweiten Kameramarkt. [Quelle: Nicolay, Klaus-Peter: Der digitale Durchbruch unter: www.druckmarkt.com/Hefte/24-Oe-printing/ 24- digit-durchbruch.pdf]

2 Quelle: ebd.

3 Bei Daimler schätzte man anfangs, dass weltweit nicht mehr als 50.000 Autos verkauft werden könnten. Mehr qualifizierte Chauffeure, so die These, würden sich nicht finden lassen.

4 In den vergangenen vier Jahren hat sich in der Altersgruppe 20-24 Jahre die Zahl derjenigen verdreifacht, die ihre Handy- oder Internetrechnung auch nach mehreren Mahnungen nicht bezahlen konnten: 282 000 junge Erwachsene telefonierten auf Pump.

5 Zwar erlebt der Markt für digitale Fotoapparate derzeit einen großen Boom (vgl. Vorwort), doch haben sich die Digitalkameras erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit im Elektrogroßmarkt etabliert, was den Zugang einer breiteren Konsumentenschicht zu Digitalkameras bedeutet.

6 Ropohl, Günter: Technologische Aufklärung. Beiträge zur Technikphilosophie, Frankfurt/M 1991, S. 18 6

7 Großes Lexikon A-Z, ISIS Verlag, Chur (CH) 1996

8 Zur Auswahl stehen derzeit mindestens fünf unterschiedliche Systeme von Speichermedien, die ja nach Kamerahersteller verschiedenen sind. CompactFlash-Karten bieten momentan ein Speichervolumen von bis zu 4 Gigabyte (GB) an, der von Sony entwickelte MemoryStick bis zu 1 GB. Ebenfalls 1 GB kann der von IBM entwickelte Microdrive speichern, bis zu 512 Megabyte (MB) die xD-Picture Card und bis zu 128 MB lassen sich auf der SmartMediaCart ablegen.

9 Knapp, Martin: Chip Spezial. Digitale Fotografie, Würzburg 1994

10 Neuere Digitalkameras für professionelle Anwender können Bilder mit einer Auflösung von bis zu 5440x4080 Bildpunkten erfassen.

11 Nulty, Peter: The New Look of Photography, Fortune Magazine, 1. Juli 1991

12 Knapp, Martin: Chip Spezial. Digitale Fotografie, Würzburg 1994

13 Rammert, Werner: Technik und Soziologie, Frankfurt/M, New York 1998, S. 9

14 ebd., S. 10

15 Rammert, Werner: Technik und Soziologie, Frankfurt/M, New York 1998, S. 21 11

16 Beck, Stefan: Umgang mit Technik, Berlin 1997, S. 11

17 ebd.

18 Nachricht der Agentur AFP vom Freitag, den 14. Februar 2003 „Marie und Alexander sind die beliebtesten Vornamen“ [Quelle: http://de.news.yahoo.com/030214/3/3alk4.html]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Digitale Fotografie - Fotografieren als soziale Praxis
Untertitel
Eine empirische Studie über praxisorientierte Veränderungen bei Hobbyfotografen durch die neue Technologie Digitale Fotografie
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Europäische Ethnologie)
Veranstaltung
Seminar "Fotografieren als soziale Praxis"
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
31
Katalognummer
V23090
ISBN (eBook)
9783638262828
ISBN (Buch)
9783656085041
Dateigröße
808 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Digitale, Fotografie, Seminar, Fotografieren, Praxis, Thema Fotografie
Arbeit zitieren
Jörn Schulz (Autor), 2003, Digitale Fotografie - Fotografieren als soziale Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23090

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