Ein bedeutender Teil des Sozialisationsprozesses eines Heranwachsenden findet im Rahmen der Bildung und somit in der Institution Schule statt. Diese leistet neben den Eltern und dem Freundeskreis (Peergroup) einen entscheidenden Beitrag zur Sozialisation des Kindes und damit auch zur Persönlichkeitsentfaltung des Einzelnen. Ihre Wirkung auf den Schüler und dessen Identitätsfindung wird seit jeher stark diskutiert und bildet einen deutlichen Schwerpunkt sowohl in der pädagogischen Forschung der Gegenwart, als auch in diskursiven Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit. Vielfach werden kritische Stimmen laut, die behaupten, die Instanz Schule würde die Kinder und Jugendlichen in ihrer freien Persönlichkeitsentfaltung nicht hinreichend unterstützen, die Wirklichkeit nicht ausreichend vielschichtig und kontrovers darstellen und die Heranwachsenden in ihrer Entwicklung so in eine ganz bewusste Richtung lenken.
Einen Verweis auf diese Diskussion lässt sich auch in Jürgen Habermas‘ Theorie der Sozialisation finden. Habermas‘ Bildungsauftrag an die Schule kann man wie folgt konkretisieren:
Die Schule soll ein Ort kommunikativen Handelns sein, in der die Ausbildung der Ich-Identität gefördert wird. Es gilt eine Schule zu schaffen, in der prinzipiengeleitetes Denken gefördert und verständigungsorientiertes Handeln trainiert wird. Sie soll Rollen- und Normsysteme der Gesellschaft vermitteln (Ausbildung der Rollenidentität), die Schüler aber gleichzeitig dazu befähigen, sich ihnen gegenüber zu behaupten und sie kritisch zu hinterfragen (Ausbildung der Ich-Identität).
An diesem Punkt stellt sich nun die Frage, ob die Schule der Gegenwart den Bildungsauftrag erfüllt, der ihr von Habermas‘ auferlegt wird oder verfehlt sie gar ihr Ziel, den Schülern eine freie Persönlichkeitsentfaltung im Habermas’schen Sinne zu gewährleisten?
Die Beantwortung dieser Fragestellung ist Gegenstand dieses Essays.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Schule als Ort des kommunikativen Handelns
2. Die Schule als Ort der Ausbildung der Ich-Identität
3. Die Schule als Ort der freien Persönlichkeitsentfaltung – Selbstverwirklichung, Individualität, Selbstständigkeit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die Schule der Gegenwart den Bildungsauftrag erfüllt, Schülern eine freie Persönlichkeitsentfaltung im Sinne der Sozialisationstheorie von Jürgen Habermas zu ermöglichen, und setzt sich kritisch mit Einwänden gegen die schulische Praxis auseinander.
- Habermas’ Theorie der Sozialisation und Identitätsbildung
- Die Rolle der Schule als Ort kommunikativen Handelns
- Die Förderung der Ich-Identität und reflexive Auseinandersetzung
- Methoden der Wertklärung im Gegensatz zur traditionellen Charaktererziehung
- Kritische Analyse der schulischen Organisationspraxis und Freiheitschancen
Auszug aus dem Buch
Die Schule als Ort des kommunikativen Handelns
Die Fähigkeit zum kommunikativen Handeln und zur Teilnahme an Diskursen ist für Habermas eine zentrale Voraussetzung, um von einer gelungenen Sozialisation sprechen zu können. Sie stellt eine entscheidende Komponente der Ich-Identität dar, die, wie bereits angesprochen, gleichzeitig das Ziel des Sozialisationsprozesses und den Höhepunkt der Persönlichkeitsbildung bei Habermas darstellt. Daraus folgt, dass die Schule als Sozialisationsinstanz ganz bewusst die Ausbildung der kommunikativen Kompetenz bei den Schülern zu fördern hat.
Diese Aufgabe erfüllt sie, indem sie eine Art Übungsstätte für kommunikatives Handeln und Diskurse darstellt, in der verständigungsorientiertes Handeln praktiziert und trainiert wird. Aber auch die Befähigung zur nächst höheren Kompetenzstufe des kommunikativen Handelns, nämlich der kompetenten und aktiven Teilnahme an Diskursen, gehört zur Alltagspraxis der modernen Schule. Dieser eigene Anspruch der Schule an sich selbst ist hierbei ganz explizit im Lehrplan verankert.
Dass dies wirklich dem schulischen Alltag entspricht, wird deutlich, wenn man einen expliziten Blick auf den sozialwissenschaftlichen Unterricht wirft. Schaut man hinter die Kulissen einer üblichen allgemeinbildenden Schule in Deutschland, so wird man schnell feststellen, dass das Unterrichtsgespräch die zentrale Komponente sozialwissenschaftlichen Unterrichts ist. Aus eigener Erfahrung kann ich ohne Zweifel feststellen, dass Diskussionen und kommunikationsgestützte Methoden mittlerweile selbstverständlich geworden sind. Ganz bewusst werden die Schüler vor Situationen und Probleme gestellt, in denen sie miteinander nur über verständigungsorientiertes Handeln zur Lösung und zur Erkenntnis gelangen (z.B. Methode der Fallstudie). Zudem werden die Schüler ganz bewusst zur Teilnahme an Diskursen befähigt. Eine Vielzahl an Unterrichtsmethoden zielt explizit auf die reale oder simulative Durchführung von Diskursen ab: von vergleichsweise alltäglichen Diskussionen über Fightclubs bis hin zu komplexen Pro-Contra-Debatten. Doch nicht nur sozialwissenschaftlicher Unterricht trägt dazu bei, bei den Schülern die Habermas’sche kommunikative Kompetenz auszubilden. Die Praxis des kommunikativen, verständigungsorientierten Handelns und die Durchführung von Diskursen (z.B. in Form von Diskussionen und Projekten) sind gegenwärtig Bestandteil eines jeden Schulfachs.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Schule als Ort des kommunikativen Handelns: Dieses Kapitel erörtert die Bedeutung kommunikativer Kompetenz als Voraussetzung für eine gelungene Sozialisation und analysiert, wie moderne Schulen durch diskursive Unterrichtsmethoden diese Fertigkeiten praktisch fördern.
2. Die Schule als Ort der Ausbildung der Ich-Identität: Hier wird der Prozess der Identitätsentwicklung nach Habermas beleuchtet und diskutiert, wie die Schule durch den Übergang von der Rollenidentität zur Ich-Identität einen reflexiven Umgang mit gesellschaftlichen Normen ermöglicht.
3. Die Schule als Ort der freien Persönlichkeitsentfaltung – Selbstverwirklichung, Individualität, Selbstständigkeit: Das Kapitel untersucht das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Integration und individueller Entfaltung und kommt zu dem Schluss, dass Schule trotz struktureller Zwänge einen wesentlichen Beitrag zur Selbstfindung leistet.
Schlüsselwörter
Sozialisation, Jürgen Habermas, Ich-Identität, kommunikatives Handeln, Diskursfähigkeit, Schule, Reformpädagogik, Persönlichkeitsentfaltung, Individuierung, Wertklärung, Charaktererziehung, Bildungsauftrag, Rollenidentität, Selbstbestimmung, demokratische Gesellschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Schule als eine zentrale Sozialisationsinstanz unter Bezugnahme auf die Theorie von Jürgen Habermas, insbesondere im Hinblick auf die Förderung von Identität und kommunikativer Kompetenz.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der Prozess der Individuierung, die Entwicklung der Ich-Identität, das Modell des kommunikativen Handelns sowie die Rolle von Schule bei der Vermittlung und kritischen Reflexion gesellschaftlicher Werte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel der Arbeit ist es zu klären, ob die Schule der Gegenwart ihren Bildungsauftrag erfüllt, Schülern eine freie Persönlichkeitsentfaltung im Habermas’schen Sinne zu ermöglichen, oder ob sie dieses Ziel verfehlt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die zentrale sozialisationstheoretische Aspekte von Jürgen Habermas auf die aktuelle schulische Praxis und Lehrplanvorgaben anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Schule als Ort des kommunikativen Handelns, als Stätte der Ich-Identitätsbildung sowie als Raum für individuelle Persönlichkeitsentfaltung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Sozialisation, Ich-Identität, kommunikatives Handeln, Individuierung und Wertklärung geprägt.
Wie unterscheidet sich die "Wertklärung" von der "Charaktererziehung"?
Während die Charaktererziehung dazu neigt, Normen als universell und unhinterfragbar zu vermitteln, fördert die Wertklärung durch eine wertneutrale Haltung des Lehrenden die kritische Reflexion und das eigene Urteilsvermögen der Schüler.
Wie bewertet die Arbeit die Kritik an der modernen Schule?
Die Arbeit erkennt an, dass Argumente wie ein zu starrer Fächerkanon oder eine selektive Struktur plausibel sind, betont jedoch, dass diese die grundlegende Fähigkeit der Schule zur Unterstützung der Identitätsbildung nicht grundsätzlich infrage stellen.
- Quote paper
- Franziska Letzel (Author), 2013, Habermas' Ideal der Persönlichkeitsentfaltung. Verfehlt die Schule der Gegenwart ihr Ziel?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230915