Sowohl die Soziologie als auch die Genderforschung richtet ihr Hauptaugenmerk auf die Rolle der Frauen im reproduktiven Alter. Man könnte daher annehmen das Frauen über 60 nichts mehr zum Fortbestand einer Gesellschaft beitragen. Diese Arbeit richtet sich gezielt auf die Rolle der Großmutter in der russischen Gesellschaft und arbeitet heraus, welchen Stellenwert die russische Großmutter für das Gesellschaftssystem eigentlich hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erwerbstätigkeit der Großmutter und finanzielle Unterstützung für die Jungfamilie
3. Die Rolle der Großmutter in der Kinderbetreuung
3.1. Der zeitliche Aspekt
3.2. Aspekt der Sozialisation
4. Beitrag zur Familie durch Subsistenzwirtschaft
5. Resümee
6. Quellen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die soziologische Bedeutung der Großmutter ("Babuschka") für das russische Familiengefüge und die Gesellschaft, wobei sie den Fokus von der üblichen Betrachtung erwerbsfähiger Altersgruppen auf die tragende, aber oft unterschätzte Rolle älterer Frauen lenkt. Die zentrale Forschungsfrage ist, wie die Großmutter durch finanzielle Unterstützung, aktive Kinderbetreuung und Subsistenzwirtschaft zur Stabilität der russischen Familie in einem oft prekären ökonomischen Umfeld beiträgt.
- Demographische Rahmenbedingungen und das Alter von Großmüttern in Russland
- Finanzielle Interdependenzen und generationenübergreifende Solidarität
- Die zeitliche und sozialisatorische Bedeutung der Kinderbetreuung durch Großeltern
- Bedeutung der Subsistenzwirtschaft (Datscha-Wesen) für das Familienbudget
Auszug aus dem Buch
3.1. Der zeitliche Aspekt
„Darüber hinaus wurde die Rolle der Großmutter wichtig, weil die staatlichen Kinderbetreuungseinrichtungen aufgrund ihrer Finanzlage immer weniger Rückhalt boten“ (Füllsack 102:1996). Von vielen Russen werden staatliche Kinderbetreuungsplätze als teuer und schlecht empfunden, private Einrichtungen als schlichtweg überteuert. Die Kinderbetreuung wird somit als finanzielle Belastung erachtet, und viele Russinnen ziehen es deshalb vor, die Kinderbetreuung, besonders bei kleineren Kindern, selbst in die Hand zu nehmen und auf keinen Fall dies jemand anderem zu überlassen. Bleibt jedoch die Mutter der jungen Familie zu Hause, so fehlt ein Einkommen, häufig fällt damit zwar das geringere Einkommen aus, aber trotzdem dezimiert sich damit das Haushaltsbudget. Steht jedoch eine Großmutter zur Verfügung, ist der Familie damit geholfen (Dorau 2001:81). Die staatliche Unterstützung gleicht den Einkommensausfall für die Kindererziehung nicht aus. Familien mit Kindern unter 18 Jahren gehören in Russland daher zu der am meisten armutsgefährdeten Gruppe (Stein-Redent 2008:297).
„[B]eispielsweise für Alleinerzieher [ist es meistens] unmöglich ganztätig arbeiten zu gehen, weil die Kindergarteneinrichtungen zu viel kosten. Deshalb kann sie nur einer sekundären Beschäftigung nachgehen, was in der Regel kein Einkommen sichert. In vielen Familien passt dann die Großmutter auf die Kinder auf, damit die Mutter arbeiten gehen kann“ (Pohlmann 2002:22).
Häufig sind es die Großmütter mütterlicherseits, die erzieherische und Betreuungsfunktionen ihrer Enkelkinder übernehmen – vorausgesetzt natürlich, dass sie selbst nicht hundertprozentig berufstätig sind, gesundheitlich in der Lage dazu sind und in einer gewissen räumlichen Nähe zur Verfügung stehen. Auch die Qualität der familiären Beziehungen, das Alter der Großeltern, die Schichtzugehörigkeit der Familie, aber auch die regionale Struktur spielen dabei eine bedeutende Rolle. Die internationalen Erhebungen haben jedoch ergeben, dass Russland, wo sich 40% der Großeltern an der Kinderbetreuung beteiligen, damit absolute Spitzenwerte aufzeigt. (Meischner 1997:265ff.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung thematisiert die Vernachlässigung der Rolle von Großmüttern in der soziologischen Forschung und erläutert die demographischen Rahmenbedingungen russischer Familiengründungen.
2. Erwerbstätigkeit der Großmutter und finanzielle Unterstützung für die Jungfamilie: Hier wird analysiert, wie trotz Rentenalter erwerbstätige Großmütter durch finanzielle Unterstützung zur Entlastung der Jungfamilie beitragen und wie das Zusammenleben auf engem Wohnraum als ökonomische Strategie dient.
3. Die Rolle der Großmutter in der Kinderbetreuung: Dieses Kapitel beleuchtet, wie Großmütter aufgrund mangelnder oder teurer staatlicher Betreuungsangebote essenzielle Betreuungs- und Erziehungsaufgaben übernehmen und dabei als wichtige Sozialisationsinstanz fungieren.
4. Beitrag zur Familie durch Subsistenzwirtschaft: Es wird dargestellt, welche Bedeutung das Datscha-Wesen für die Lebensmittelversorgung und ökonomische Sicherheit der russischen Familie hat und wie dabei traditionelles Wissen der älteren Generation genutzt wird.
5. Resümee: Das Resümee fasst zusammen, dass die Babuschka eine zentrale Stütze der russischen Familie ist und durch ihre Präsenz Schutz, Sicherheit und Kontinuität in einer ökonomisch schwierigen Umgebung vermittelt.
6. Quellen: Das Quellenverzeichnis führt die wissenschaftliche Literatur und Datenquellen auf, die dieser Arbeit zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Großmutter, Babuschka, Russland, Familie, Kinderbetreuung, Sozialisation, Subsistenzwirtschaft, Datscha, Generationenvertrag, Altersvorsorge, Demographie, ökonomische Stabilität, Frauenrolle, Familiensoziologie, Haushaltsbudget.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der soziologischen Rolle der Großmutter ("Babuschka") innerhalb der russischen Familie und Gesellschaft sowie deren Beitrag zur Stabilität des familiären Systems.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die finanzielle Unterstützung zwischen den Generationen, die aktive Beteiligung der Großmütter an der Kinderbetreuung und die Bedeutung der Subsistenzwirtschaft durch Datschen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die oft unterschätzte gesellschaftliche und familiäre Relevanz der Großmutter jenseits von Klischees aufzuzeigen und deren Rolle als ökonomische und soziale Stütze zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse soziologischer Studien und statistischer Daten zur russischen Familienstruktur, um die Rolle der Großmutter wissenschaftlich fundiert herzuleiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Erwerbstätigkeit von Rentnerinnen, die Auswirkungen auf die Kinderbetreuung, die Transmission traditioneller Werte sowie die ökonomische Relevanz der Gartenwirtschaft zur Lebenssicherung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Babuschka, Generationenvertrag, Subsistenzwirtschaft, Familiensoziologie und ökonomische Solidarität charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die russische Großmutter von der deutschen laut Studie?
Die Studie deutet an, dass russische Großmütter deutlich intensiver in die Erziehung und den Alltag ihrer Enkel eingebunden sind und eine stärkere Rolle bei der kulturellen Transmission einnehmen.
Welche Rolle spielt die Datscha konkret für die Familie?
Die Datscha dient nicht nur der Erholung, sondern ist für viele russische Familien eine notwendige Quelle zur Lebensmittelversorgung, wobei die Großmütter häufig das nötige Wissen für den Anbau einbringen.
Warum ist die Wohnsituation für das Familiengefüge relevant?
Aufgrund knappen und teuren Wohnraums leben viele Generationen zusammen, was die Großmutter zu einem festen Bestandteil des Haushalts macht, aber auch ökonomische Notwendigkeiten (gemeinsames Sparen) erzwingt.
- Arbeit zitieren
- Claudia Fallmann (Autor:in), 2012, Die Rolle der Großmutter für die russische Familie und Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/230982