Unter Anthropophagie versteht man das Verzehren von menschlichem Fleisch. Es handelt sich dabei um eine Sonderform des Kannibalismus, die ausschließlich den Menschen betrifft. Es wurden nur jene Märchen in Betracht gezogen, in denen Kannibalismus vorsätzlich praktiziert wird, nicht solche, in denen bspw. jemandem, der es nicht bemerken soll, Menschenfleisch aufgetischt wird. Es bleiben natürlich noch viele Erzähltypen und solche die Varianten aufweisen, in denen Kannibalismus nebenbei vorkommt. Diese wurden nicht berücksichtigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Kategorien von Kannibalismus
2.1. Kannibalismus in Ausnahmesituationen
2.2. Kannibalismus institutionalisiert in Kultur
2.3. Kannibalismus als Metapher in der Vorstellungswelt der Märchen und Sagen
3. Kannibalismus in Märchen und Sagen
3.1. Kannibalismus in Ausnahmesituationen
3.2. Kannibalismus institutionalisiert in Kultur
3.2.1. Endokannibalismus
3.2.2. Exokannibalismus
3.2.3. Exokannibalismus im Zusammenhang mit Raub
3.2.4. menschenfressende Riesen
4. Kannibalismus als Metapher in der Vorstellungswelt der Märchen und Sagen
4.1. Kannibalismus als Metapher für eine Tyrannei
4.2. Kannibalismus als Verdeutlichung von psychischer Gewalt
5. Schluss
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Kannibalismus in Märchen und Sagen und analysiert dabei sowohl die reale, anthropologische Dimension als auch die symbolische Funktion als Metapher für Machtmissbrauch und psychische Gewalt innerhalb familiärer und sozialer Strukturen.
- Historische und ethnographische Kategorisierung von Kannibalismus (Endo- vs. Exokannibalismus)
- Die Darstellung von Hunger und Notsituationen in Märchen und Sagen
- Kannibalismus als kulturelles Tabu und institutionalisierte Praktik
- Die symbolische Bedeutung der Menschenfresser/innen als Metapher für Tyrannei
- Psychologische Deutung von Kannibalismus als Ausdruck innerfamiliärer Konflikte
Auszug aus dem Buch
3.2. Kannibalismus institutionalisiert in Kultur
Das Verspeisen von Toten und Kranken, eine Form des Kannibalismus, die bereits in der Antike beschrieben wird, kommt in mündlichen Überlieferungen als eine in der Kultur verankerte institutionalisierte Gepflogenheit vor. In einer ägyptischen mündlichen Überlieferung ist von einem Land die Rede, es heißt, es sei der Sudan, in dem es keine Gräber gibt. Hier bietet ein Scheich einem Neuankömmling menschliche Körperteile von seiner verstorbenen Frau zum Essen an (vgl. Sayce 1920: 178).
Eine ähnliche Erzählung erscheint als mündliche Überlieferung des Schilluk-Volkes im Süd-Sudan, hier ist von einem Dorf die Rede, in welchem Kranke verspeist werden, nachdem sie erschlagen worden sind. Familienangehörige bekommen darauf von der Dorfgemeinde Geld dafür (vgl. Westermann 1912: 228 f.). Hier hätten wir es eher mit Endokannibalismus zu tun, wobei in der letzteren Überlieferung als ironische Wendung der Erzählung eventuell, je nach Auslegung des Märchens, auch Exokannibalismus in Frage kommen könnte, da es sich um Fremde handelt, die zu sterben haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Definition von Anthropophagie und Kannibalismus unter Berücksichtigung der historischen und kulturellen Einordnung in Märchen und Sagen.
2. Kategorien von Kannibalismus: Systematische Unterscheidung von Kannibalismus in Ausnahmesituationen, institutionalisiertem Kannibalismus und dessen Nutzung als erzählerische Metapher.
3. Kannibalismus in Märchen und Sagen: Detaillierte Analyse konkreter Erzählbeispiele, unterteilt in Hungersnöte, institutionalisierte Formen (Endo- und Exokannibalismus) sowie das Motiv der menschenfressenden Riesen.
4. Kannibalismus als Metapher in der Vorstellungswelt der Märchen und Sagen: Untersuchung der symbolischen Funktion von Kannibalismus zur Darstellung tyrannischer Machtverhältnisse und als Ausdruck psychischer Gewalt.
5. Schluss: Zusammenfassende Betrachtung der Funktionen von Kannibalismusmotiven als Dämonisierung von Fremden oder zur Verdeutlichung innerer psychischer Zustände und sozialer Ausbeutung.
Schlüsselwörter
Kannibalismus, Anthropophagie, Märchen, Sagen, Endokannibalismus, Exokannibalismus, Metapher, Psychische Gewalt, Hungersnot, Riesen, Tyrannei, Folklore, Kulturanthropologie, Volksglaube, Hexenmotiv.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die Darstellung und Bedeutung von Kannibalismus in Märchen und Sagen, wobei der Fokus auf der Unterscheidung zwischen realen Hungerkontexten und symbolischen Metaphern liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die kulturgeschichtliche Kategorisierung, die mythologische Einordnung in Märchen sowie die psychologische Funktion dieser Motive.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie das Tabuthema Kannibalismus narrative Funktionen wie Machtkritik, Dämonisierung von Fremden oder die Verdeutlichung von familiärem Missbrauch erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methodik wird angewandt?
Der Autor verwendet eine literaturwissenschaftliche und kulturanthropologische Analyse, die auf einem breiten Vergleich internationaler Märchen- und Sagentypen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Kategorisierung von Kannibalismusformen und deren Anwendung auf spezifische Erzähltypen wie den "Polyphem"-Mythos oder Märchen mit hexenartigen Figuren.
Was charakterisiert die in der Arbeit gewählten Schlüsselwörter?
Die Begriffe spannen einen Bogen von anthropologischen Fachbegriffen wie Endokannibalismus bis hin zu literarischen Motiven wie der "Hexe" oder dem "Riesen".
Wie unterscheidet der Autor zwischen Endokannibalismus und Exokannibalismus in den Märchen?
Endokannibalismus bezieht sich auf das Verspeisen innerhalb der eigenen Gruppe (oft rituell), während Exokannibalismus das Verzehren von Feinden oder Fremden beschreibt, oft verbunden mit Gewalt.
Welche besondere Rolle spielen "menschenfressende Riesen" in der Analyse?
Riesen dienen laut Analyse oft dazu, fremde Nomadenkulturen zu dämonisieren oder die Ausbeutung des Volkes durch tyrannische Herrschaftsschichten metaphorisch darzustellen.
- Arbeit zitieren
- Paolo Parisi (Autor:in), 2013, Kannibalismus in Märchen und Sagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231048