In den letzten Monaten wurde Deutschland Zeuge einer Debatte über die Rechte und Pflichten eines Bundespräsidenten in der Bundesrepublik Deutschland. Die „Ära Wulff“ ließ in vielen Reihen der Politik und Gesellschaft deutliche Kritik über die Problematik einer nicht homogenen Einheit von Handlungen einer Person einerseits und den hohen Erwartungen an den „Staatsdiener“ der ersten Stelle andererseits laut werden. Der Wunsch nach einer Führungsebene im Sinne Friedrich II. von Preußen (1740 – 1786), der sich selbst als „ersten Diener seines Staates“ sah, wurde mit Vehemenz geäußert.
Besonders schmerzhaft und von einem hohen Vertrauensverlust begleitet sind Verfehlungen auf Führungsebene in sozialen Organisationen und Bildungseinrichtungen. 2010 machten z. B. zwei große Skandale von sich reden. Im ersten Fall ging es um die „Tarifgemeinschaft christlicher Gewerkschaften für Zeitarbeit und Personalserviceagenturen“ (CGZP), die mit „Dumping-Abschlüssen“ letztlich hunderttausende Menschen um einen fairen Lohn betrogen. Besonders betroffen machte der zweite Fall um die zahlreichen und langjährigen Missbrauchsvorfälle in der reformpädagogisch geführten Odenwaldschule in Hessen, begangen von einer Vielzahl von Lehrkräften und sogar einer Schulleitung. Welches Bild von „Führung“ nistete sich hier in einigen Köpfen ein?
Eigenschaften wie „Demut“, „Vorbild sein“ oder „ethisches Handeln“ werden auch nicht erst seit der letzten großen Finanzkrise, die ihren Beginn 2007 hatte, von Führungskräften auf allen Ebenen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erwartet. Eine breite Masse der Bevölkerung sieht ihre Führungskräfte nicht mehr als Repräsentanten für die Sache des „kleinen Mannes“. Wem „dienen“ Führungskräfte? Sich selbst oder der Sache?
Diese Frage stellte sich wohl auch der Amerikaner Robert K. Greenleaf (1904-1990). Er gilt als Initiator und Promoter des „Servant Leadership“ oder, um eine deutsche Begrifflichkeit zu wählen, der „Dienenden Führung“. Greenleafs Anliegen galt einem neuen „Denken und Handeln in Richtung einer besseren, sorgsameren Gesellschaft“. (vgl. Schnorrenberg in Greenleaf, 2004, S. 64)
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Inhaltsverzeichnis
Dienen und Führen – Ein Paradoxon?
1. Grundlagen von „Leadership“ im Allgemeinen
1.1 Unterschied zwischen „Management“ und „Leadership“
2. Grundlagen zu „Servant Leadership“
2.1 Dienen und Führen gehören zusammen
2.2 „Servant Leadership“ als Lebenshaltung
2.3 Maßstäbe von „Servant Leadership“
3. Anforderungen an einen „Servant Leader“
3.1 Die zehn Kernelemente „Dienender Führung“
3.2 Die nicht‐delegierbaren Aufgaben eines „Servant Leaders“
4. Soziale Organisationen – Ein Spannungsfeld zwischen Bedürfnissen, Ressourcen und Legitimation
5. Vorteile von „Servant Leadership“ in sozialen Organisationen
5.1 „Servant Leadership“ und Leitbilder von NPOs
5.2 Servant Leadership und kirchliche Organisationen
5.3 Servant Leadership und Personalführung in NPOs
6. Kritische Sichtweisen
6.1 Die ideale Führungskraft
6.2 Der „Pursuit of Happiness“‐Approach
6.3 Die große Führerpersönlichkeit
6.4 Christliche Denkweisen in NPOs
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht das Konzept des "Servant Leadership" (Dienende Führung) auf seine Anwendbarkeit und seinen Mehrwert in sozialen Organisationen. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Führungskräfte in Non-Profit-Organisationen durch einen werteorientierten Führungsansatz den Herausforderungen an Mitarbeiterbindung und Organisationsentwicklung begegnen können.
- Vergleich zwischen Management und Leadership in Theorie und Praxis.
- Analyse der Kernelemente und Anforderungen eines "Servant Leaders".
- Besonderheiten sozialer Organisationen in Bezug auf Werte, Ressourcen und Legitimationsdruck.
- Kritische Reflexion von Führungsmodellen und der Bedeutung des "Pursuit of Happiness"-Ansatzes.
- Übertragbarkeit christlicher und dienender Führungsaspekte auf moderne soziale Dienstleistungen.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die zehn Kernelemente „Dienender Führung“
Der damalige Präsident und CEO (Chief Executive Officer) des „The Robert K. Greenleaf Center for Servant Leadership“ in Westfield (USA), Larry C. Spears (aktuell: Dr. Kent M. Keith, [Erg. A. O.]), erkannte nach langjährigen intensiven Servant Leadership-Studien zehn Kernelemente „Dienender Führung“, die seiner Meinung nach zentrale Bedeutung für die Entwicklung zum „Servant Leader“ haben (vgl. Schnorrenberg, 2007, S. 30).
1. Aktiv zuhören: Kommunikationsfähigkeiten wie gut „reden“ zu können, werden von Führungskräften erwartet. Als genauso wichtig wird aber die Fähigkeit des aktiven Zuhörens gesehen. Das bedeutet, das Gesagte des Gegenübers aktiv, (vor)urteilsfrei zu reflektieren und gleichzeitig die non-verbalen Äußerungen wahrzunehmen. (vgl. ebd.)
Greenleaf zitiert hierbei eine Zeile aus dem Gebet des Heiligen Franziskus (1181/1182 – 1226): „O Meister, hilf mir, dass ich nicht danach verlange […] verstanden zu werden, sondern zu verstehen.“ (Greenleaf, 2005, S. 22).
Die Wichtigkeit dieser Eigenschaft wird von Peter Drucker nochmals unterstrichen. Für ihn gibt es nur zwei Verhaltensregeln, die eine ideale Führungskraft betreffen. Diese sollten aber strengstens eingehalten werden. Eine davon lautet: „Effektive Führungskräfte sind die Ersten die zuhören, und die Letzten die reden.“ (Drucker, 2004, S. 23)
Zusammenfassung der Kapitel
Dienen und Führen – Ein Paradoxon?: Einleitung in die Thematik der dienenden Führung als Antwort auf aktuelle Führungskrisen und Vertrauensverluste in Organisationen.
1. Grundlagen von „Leadership“ im Allgemeinen: Klärung der Begrifflichkeiten und Abgrenzung zwischen Management und Leadership.
2. Grundlagen zu „Servant Leadership“: Vorstellung des Ansatzes von Robert K. Greenleaf als Lebenshaltung und wertebasiertes Führungsmodell.
3. Anforderungen an einen „Servant Leader“: Detaillierte Darstellung der zehn Kernelemente dienender Führung sowie der nicht-delegierbaren Kernaufgaben.
4. Soziale Organisationen – Ein Spannungsfeld zwischen Bedürfnissen, Ressourcen und Legitimation: Analyse der strukturellen Besonderheiten und Anforderungen von NPOs.
5. Vorteile von „Servant Leadership“ in sozialen Organisationen: Untersuchung der synergetischen Effekte von dienender Führung in NPOs, Kirche und Personalmanagement.
6. Kritische Sichtweisen: Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Machbarkeit des Idealtypus und der Kritik an "Pursuit of Happiness"-Ansätzen.
7. Fazit: Persönliche Synthese des Autors zur Relevanz und praktischen Anwendung von Servant Leadership in der sozialen Arbeit.
Schlüsselwörter
Servant Leadership, Dienende Führung, Soziale Organisationen, Leadership, Management, NPO, Führungskräfte, Personalmanagement, Werteorientierung, Ethik, Robert K. Greenleaf, Empowerment, Organisationskultur, Gemeinwohl, Soziale Arbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Führungsmodell des "Servant Leadership" (Dienende Führung) und analysiert, inwiefern dieses Konzept für Führungskräfte in sozialen Organisationen relevant und umsetzbar ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Führung, die speziellen Anforderungen in Non-Profit-Organisationen, die Bedeutung von Werten und ethischem Handeln sowie die Reflexion der eigenen Führungsrolle.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Mehrwert von "Dienender Führung" für soziale Einrichtungen aufzuzeigen, um trotz wirtschaftlichem Druck und knapper Ressourcen eine menschenzentrierte und effektive Führung zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche und der kritischen Auseinandersetzung mit führenden Theorien zu Leadership und Management sowie empirischen Erkenntnissen aus dem Bereich der Sozialwirtschaft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen des Servant Leadership, die Analyse nicht-delegierbarer Führungsaufgaben, die Charakteristika sozialer Organisationen sowie die Vorteile und kritischen Sichtweisen auf dieses Führungsverständnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Servant Leadership, Dienen und Führen, NPOs, Ethik, Werteorientierung, Empowerment und Mitarbeiterbindung.
Inwiefern spielt das christliche Menschenbild eine Rolle?
Das christliche Menschenbild wird als eine Wurzel des Servant Leadership beleuchtet, wobei der Autor differenziert, dass dienende Führung auch ohne explizit religiösen Hintergrund als wertebasierter Führungsstil praktiziert werden kann.
Was ist die Kernbotschaft für Führungskräfte in NPOs?
Die Kernbotschaft lautet, dass Führung nicht nur eine Frage von Technik und Effizienz ist, sondern eine Haltung erfordert, bei der die Entwicklung der Mitarbeiter und das Wohl des Ganzen im Zentrum stehen.
- Arbeit zitieren
- Alexander Ostermeier (Autor:in), 2012, Servant Leadership in sozialen Organisationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231068