Der versteckte Antisemitismus

Der Publizist Henryk M. Broder über Juden, Israel, Palästinenser und die politische Linke in Deutschland


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Einleitung

Henryk Modest Broder, 1946 in Katowice als Sohn jüdischer Eltern geboren und 1958 in die Bundesrepublik Deutschland übergesiedelt, hat es gelernt, Polemik gezielt einzusetzen. Seine Texte haben als markantes Merkmal eine nur selten vorzufindende sophistische Eleganz, eine Eleganz, mit der er Freund wie „Gegner“ gleichermaßen beeindruckt. Broder ist ein Provokateur, er scheut keine Schelte, seine Darstellungen glänzen durch Unausgewogenheit, sind seine subjektive Sicht auf die Dinge. Ströbele vergleicht ihn gar mit dem US-Senator McCarthy[1] und dessen Kommunistenhetze, bei Broder freilich wäre dies eine Antizionistenhetze. Brigitte Erler charakterisiert ihn als jemanden, der jeden verteufele, der sich nicht der israelischen Mehrheitsmeinung anschließe.[2] Alice Schwarzer nennt Broder einen unverbesserlichen Chauvinisten mit typisch deutschem Verhalten: rigides Schwarzweiß-Denken und ein borniertes Freund-Feind-Muster.[3] Rudolf Augstein äußert sich nicht mehr, zwischen ihm und Broder herrsche Waffenstillstand.

Broder ist aber nicht nur Provokateur, sondern auch Entlarver. Erst durch die Erwähnung in Broderschen Artikeln erfährt so mancher Zeitgenosse, daß er überhaupt ein Antisemit ist. Immer wieder entdeckt Broder in den Deutschen Medien „den deutschen Oberlehrer“, frei nach dem Motto: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ Und doch, bei aller Brisanz seiner Themen, gibt es noch einen anderen Broder: den Ironiker. Broder kann nicht immer ernst bleiben, besonders bei Interviews. Wer als Lieblingsvogel „ gerösteten Truthahn“ mag und den Porno-Star Ilona Staller als Heldin der Wirklichkeit bezeichnet, der muß Sinn für Humor haben. Broder hat ihn.

In vorliegender Untersuchung werden zwei seiner Texte sowie ein Interview mit ihm, alle mit Hintergrund Nahost-Konflikt, besprochen. In „Ihr bleibt die Kinder Eurer Eltern“[4] und „Für Juden gibt es hier keine Normalität“[5] erklärt Broder, wieso er im Jahre 1981 nach Israel emigrierte, wie er aufwuchs und welche Rolle es in seinem Leben spielte, Eltern zu haben, die Überlebende des Holocaust sind. Er rechnet in diesen beiden Artikeln mit der politischen Linken und der Friedensbewegung in Deutschland ab, weist immer wieder darauf hin, er wolle keine Stellvertreterkriege mehr führen, nicht mehr der Vorzeige-Jude sein. Er könne es nicht verstehen, wie Auschwitz in Deutschland allmählich vergessen wird und die Friedensbewegung im Nahost-Konflikt gegen Israel mobil mache. Seine Anklage: „Nur wie sich Juden in der Nach-Auschwitz-Landschaft angesichts des linken antizionistischen Gebrülls fühlen – diese Frage ist ihnen [der Friedensbewegung; Anm. d. Verf.] noch nie in den Sinn gekommen.“ [6] Anhand der „Solidarität“ mit den Palästinensern seitens der Friedensbewegung und der politischen Linken entlarvt er ihre antizionistische und damit antisemitische Grundhaltung.

In „Unser Kampf“, 1991 verfaßt, behandelt er die Thematik deutsche Linke, Golfkrieg und Israel. Er kritisiert hierin Gerhard Schröder, Franz Josef Degenhardt, Ako Haarbeck, Gottfried Forck, Ekkehart Krippendorff, Walter Jens, Vera Wollenberger, Hans Modrow und natürlich auch Hans Christian Ströbele und Alice Schwarzer. Broder stellt in „Unser Kampf“ fest, daß die Deutsche Linke und die Friedensbewegung gegen ein militärisches Eingreifen im Irak sind, sie Waffenlieferungen, speziell Patriot-Abwehrraketen, an Israel ablehnen und billigend in Kauf nehmen, daß durch irakische Raketenangriffe israelische Bürger sterben. Eine Lösung sei nur dann in Sicht, wenn Israel sich aus den besetzten Gebieten der Palästinenser zurückziehe, denn dies sei der Ursprung allen Übels. Die Israelis sind an ihrem Schicksal somit selber Schuld!

Alle drei Texte haben ein zentrales Element: der nicht enden wollende Konflikt zwischen Israel und Palästinensern. Sicherlich gibt es weitere Inhalte, hier sei nur der Elternkonflikt zu nennen, sowohl bei den Kindern der „Täter“ als auch bei den Kindern der „Opfer“,[7] doch im Kern seiner Texte kommt Broder stets auf den Nahen Osten zurück, und dass, obwohl er eine Fülle von Themen behandelt. All diese kreisen um die mächtigen Worte Antizionismus und Antisemitismus, allesamt vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts, und können durchaus als Angriff gegen die politische Linke in Deutschland verstanden werden. Broders Vorwürfe gegen die deutsche Linke sind schwerwiegend, sie sind emotional, sicherlich subjektiv und sehr einseitig. Es ist sein Blick auf die Dinge, die er vorträgt, dabei verallgemeinert er jedoch, er sieht sich als Stellvertreter der deutschen Bürger jüdischen Glaubens.

In seinen beiden Artikeln sowie in dem von Paul Lersch mit ihm geführten Interview können folgende Broderschen Kernthesen herausgestellt werden:

- Die Linke beginnt die zweite Phase der Endlösung![8]
- Das antijüdische Ressentiment scheint eine anthropologische Grundkonstante zu sein![9]
- Deutsche Linke mißbraucht schamlos Millionen von Toten für tagespolitisches Geschäft.[10]
- Deutsche Linke hat Rassismus der Eltern geerbt und auf eigene Bedürfnisse zurechtgebogen.[11]
- Juden werden mit Nazis gleichgesetzt, Palästinenser sind die Juden der Gegenwart.[12]
- Linke verschafft sich Erleichterung, indem sie die Auseinandersetzung, die mit den Eltern nicht möglich war, auf die Opfer der Eltern überträgt.[13]
- Israel ist Gesellschaft, die am Rande zum Faschismus lebt.[14]
- Deutsche Linke braucht Juden als Sündenböcke und als Opfer.[15]

Doch im Rahmen der Fragestellung soll an dieser Stelle zunächst ein Blick auf den Nahen Osten, genauer gesagt auf Israel und die besetzten palästinensischen Gebiete, geworfen werden. Die Morphologie des Nahost-Konfliktes ist bekanntlich äußerst kompliziert, denn, in einen Mantel aus ideologischen Fetzen gehüllt, wird hier ein Krieg ausgetragen, der sich so völlig von anderen Kriegen der Gegenwart unterscheidet, daß er geradezu eine besondere Aufmerksamkeit beanspruchen muß. Johannes Willms[16] hat versucht eine einfache Erklärung für den Konflikt zu finden. Für ihn beginnt alles in Masada, jener Bergfestung des Jahres 73 n. Chr., in der sich Zeloten[17] gegen eine römische Übermacht zur Wehr setzten und schließlich verlieren mußten. Das Ergebnis war die Vertreibung der Juden und das Ende des jüdischen Staates im Nahen Osten. Die Juden waren Opfer des römischen Imperialismus geworden, ein Jahrtausende langer Leidensweg nahm seinen Anfang. Noch heute sieht man die Verteidiger von einst als die moralischen Sieger, auch wenn sie sich angesichts eines aussichtslosen Kampfes allesamt selbst richteten. Und genauso, meint Willms, müsse man auch die Intifada der Palästinenser sehen. Ein aussichtsloser Kampf gegen eine staatlich organisierte Übermacht. Der moralische Sieger steht, betrachtet man die Medienberichte der Gegenwart, bereits fest: die Palästinenser. Die machtpolitische Schwäche wird in moralisch-politische Stärke verwandelt!

[...]


[1] Vgl. Ströbele, Hans-Christian: Broders Spiegelfechtereien. Hans Christian Ströbele antwortet Henryk M. Broder. In: Spiegel 21/1991 vom 20.05.1991. S. 251.

[2] Vgl. Erler, Brigitte: Ein Schreckgespenst. In: Der Spiegel 21/1991 vom 20.05.1991. S. 255.

[3] Vgl. Schwarzer, Alice: „Bornierte Freund-Feind-Muster“. Alice Schwarzer antwortet Henryk M. Broder. In: Spiegel 21/1991 vom 20.05.1991. S. 251.

[4] Vgl. Broder, Henryk M.: Ihr bleibt die Kinder Eurer Eltern. In: Die Zeit vom 27.02.1981. S. 9-11.

[5] Vgl. Lersch, Paul: „Für Juden gibt es hier keine Normalität“. Der Journalist Henryk M. Broder über die Gründe, warum er die Bundesrepublik verließ. In: Der Spiegel, 17/1981. S. 39-55.

[6] Vgl. Broder, Henryk M.: Ihr bleibt die Kinder Eurer Eltern. In: Die Zeit vom 27.02.1981. S. 11.

[7] Dies bezieht sich auf den Holocaust.

[8] Vgl. Henryk M. Broder: Ihr bleibt die Kinder Eurer Eltern. S. 11.

[9] ebenda, S. 11.

[10] ebenda,. S. 9.

[11] ebenda,. S. 9.

[12] ebenda, S. 10.

[13] ebenda, S. 10.

[14] Vgl. Henryk M. Broder: „Für Juden gibt es hier keine Normalität“. S. 51.

[15] ebenda, S. 55.

[16] Vgl. Willms, Johannes: Der Masada-Komplex. Mein Recht, dein Recht: Zur Morphologie des Nahost-Konfliktes. In: SZ vom 4. April 2002, S. 13.

[17] Besonders revolutionäre Juden, die 66 n. Chr. einen großen Aufstand gegen die römische Besatzungsmacht auslösten.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der versteckte Antisemitismus
Untertitel
Der Publizist Henryk M. Broder über Juden, Israel, Palästinenser und die politische Linke in Deutschland
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Zentrum für interdisziplinäre Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Politisch-publizistisches Porträt: Henryk M. Broder
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V231121
ISBN (eBook)
9783656475514
ISBN (Buch)
9783656476252
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Broder, Henryk Modest Broder, Publizistik, Antisemitismus, Israel, Juden, Judentum, Spiegel, Linke
Arbeit zitieren
M.A. Markus Kothe (Autor:in), 2002, Der versteckte Antisemitismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231121

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