Unvorhersehbare Krisen- und Störereignisse wie die Aschewolke im europäischen Luftraum 2010, die Katastrophe von Fukushima, der SARS-Virus oder politische Spannungen haben einen erheblichen Einfluss auf die ordnungsgemäße Funktion logistischer Ketten. Diese und andere Ereignisse haben die Verletzlichkeit (Vulnerabilität) und durchaus die Grenzen der Belastbarkeit der globalen Transportsysteme offengelegt. Doch auch weniger spektakuläre Ursachen wie ein Personalstreik, ein Brand, ein Strom- oder Computerausfall, Wetterkapriolen oder der Wegfall eines Wertschöpfungspartners können eine Kette unvorhersehbarer Ereignisse auslösen und sich in der Summe negativ auf ein gesamtes Transportnetzwerk auswirken. Insbesondere auf die − hinsichtlich ihrer Geschäftsentwicklung ohnehin schwankungsanfällige − Luftfracht wirken sich die o. g. exogenen Schocks erheblich aus. Die Luftfrachtbranche ist dem Auf und Ab der Weltwirtschaft besonders ausgeliefert.
Bedingt durch unvorhersehbare Krisen- und Störereignisse können LVG, Flughäfen, Luftfrachtspeditionen usw. ihre Ressourcen nicht verwenden können. Der Zielstellung dieser Arbeit liegt die Vorstellung zugrunde, dass sich ein Krisenauslöser auf die Nutzbarkeit von Flughäfen, Strecken und Transportmittel ei-nes Luftfrachtnetzes auswirken kann. Beispielsweise kann ein Flughafen bedingt durch Brände, Anschläge, IT-Ausfälle usw. nicht angeflogen werden. Strecken oder ganze Gebiete eines Flugnetzes können aufgrund von Wetterkatastrophen oder gebietsbezogenen Personalstreiks nicht nutzbar sein.
In der Untersuchung wird der Frage nachgegangen, welche Handlungsmöglichkeiten Luftfrachtunternehmen im Krisenfall haben, wenn diese Teile der eigenen oder der öffentlichen Netzwerkinfrastruktur (z. B. Luftstraßen, Flughäfen und damit auch dort geparkte Flugzeuge) nicht oder nicht im vorgesehenen Maße nutzen können. In der Untersuchung stehen die Wege- und Verkehrsmittelwahl in der Untersuchung im Blickpunkt. Der Grund für die Wahl des in der Regel kostenintensiven Lufttransports besteht vor allem darin, dass Güter besonders schnell, sicher oder über weite Strecken transportiert werden müssen. Doch wie reagieren die Entscheidungsträger in Luftfrachtspeditionen, wenn nun das Transportmittel der Wahl nicht mehr verfügbar ist? Welche Restriktionen legen die Akteure des Luftverkehrssystems, wie Flugaufsichtsbehörden, Auftraggeber oder die Politik auf?
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1 Hintergrund und Motivation
1.2 Ziel- und Aufgabenstellung
1.3 Gang der Untersuchung
2. Grundlagen und Gestaltungsfelder des Luftverkehrsmanagements
2.1 Kapitelüberblick
2.2 Definitionen und Ebenen der Verkehrswertigkeit
2.3 Akteure im Luftfrachtsystem
2.3.1 Die Luftverkehrsgesellschaften und Integratoren
2.3.2 Die Luftfrachtspediteure
2.3.3 Die Flughäfen
2.3.4 Staatliche Luftfahrtbehörden sowie Flugsicherungseinrichtungen
2.4 Das Netz- und Hubmanagement
2.5 Zusammenfassung
3. Grundlagen und Methoden des Krisenmanagements
3.1 Kapitelüberblick
3.2 Krisen in Unternehmen
3.2.1 Definitionen und Begriffsabgrenzungen
3.2.2 Arten und Auslöser von Krisen
3.2.2.1 Die Wirkungen durch Krisen
3.2.2.2 Die Phasen und die Zeitspanne zur Behebung einer Krise
3.2.2.3 Die Ursachen bzw. Auslöser von Krisen
3.3 Das Krisenmanagement-System in Unternehmen
3.3.1 Definition, Ziele und Formen des Krisenmanagements
3.3.2 Die Verbindung zwischen Risiko- und Krisenmanagement
3.3.3 Die Krisenvermeidung (Aktives Krisenmanagement)
3.3.4 Die Phasen der Krisenbewältigung (Reaktives Krisenmanagement)
3.4 Methoden und Werkzeuge des Krisenmanagements
3.4.1 Befragungen von Experten
3.4.2 Szenario-Technik
3.4.2.1 Begriffe und Anwendungsbereich
3.4.2.2 Phasen der Szenario-Technik
3.4.3 Erstellung von Krisenmanagementplänen
3.5 Zusammenfassung
4. Risikoanalyse und Krisenbewältigung im Luftfrachtverkehr
4.1 Kapitelüberblick
4.2 Methodik und Ablauf der Befragung
4.2.1 Ziel und Konzeption der Befragung
4.2.2 Struktur der Befragung
4.2.3 Ergebnisse
4.3 Der Regelbetrieb bei Hamburger Luftfrachtunternehmen
4.4 Potenzielle Krisen und Gefahren im Luftfrachtverkehr
4.4.1 Ausgangspunkte von Krisen in der Luftfrachtkette
4.4.2 Gefahren und mögliche Krisen in der Zukunft
4.4.2.1 Allgemeine Erkenntnisse
4.4.2.2 Gefährdung der Sicherheit in der Luftfracht
4.5 Bewältigung von vergangenen Krisen in der Luftfracht
4.5.1 Krisenereignisse in der Vergangenheit
4.5.2 Naturkatastrophen und Unwetter mit Fokus auf Schneefälle
4.5.2.1 Ein Schneesturm löst eine Krise bei der JetBlue Airways aus
4.5.2.2 Krisenbewältigung und Evaluierung
4.5.3 Vulkanasche im europäischen Luftraum
4.5.3.1 Krisenursachen und -auswirkungen
4.5.3.2 Krisenbewältigung
4.5.3.3 Schäden und Evaluierung der Krisenbewältigung
4.5.4 Personalstreiks
4.6 Generelle Handlungsalternativen bei Krisen in der Luftfracht
4.6.1 Strukturänderung und strategisch-präventive Maßnahmen
4.6.2 Kurzfristige Reaktionsmaßnahmen
4.7 Zusammenfassung
5. Generierung und Lösung eines exemplarischen Krisenszenarios
5.1 Kapitelüberblick
5.2 Vorbereitung und Zielfindung
5.3 Identifikation des Szenario-Feldes und der Schlüsselfaktoren
5.4 Modellierung und Datenbasis
5.4.1 Das Netz- und Nachfragemodell sowie deren Vereinfachung
5.4.2 Einsatz eines Simulations-Tools
5.5 Trendprojektion und Szenario-Generierung
5.6 Kennzahlen, Verfahren und Güte der Berechnung
5.7 Lage- und Konsequenzanalyse
5.8 Auswirkungsanalyse durch Kennzahlenvergleiche
5.8.1 Verzögerung der Beförderung oder Weiterbeförderung
5.8.2 Rerouting
5.8.3 Wechsel des Netzwerk-Carriers
5.8.4 Trucking
5.8.5 Kapazitätsanpassungen
5.9 Reflexion und Übertragbarkeit auf andere Problemstellungen
6. Implikationen
6.1 Zusammenfassung und Reflexion
6.2 Abschluss
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Erforschung von Handlungsmöglichkeiten für Luftfrachtunternehmen im Falle von Krisen, die Teile der Netzwerkinfrastruktur unbrauchbar machen. Es wird analysiert, wie Akteure der Luftfrachtkette auf Störungen reagieren, welche Risiken in der Branche bestehen und wie durch methodische Ansätze wie die Szenario-Technik präventive sowie reaktive Strategien entwickelt werden können.
- Methodische Grundlagen des Krisenmanagements in Unternehmen
- Analyse der Luftfrachtkette und ihrer Akteure
- Untersuchung vergangener Krisenszenarien (z. B. Aschewolke, Streiks)
- Entwicklung eines exemplarischen Krisenszenarios durch Simulation
- Evaluation von Handlungsalternativen bei Infrastrukturausfällen
Auszug aus dem Buch
1.1 Hintergrund und Motivation
Unvorhersehbare Krisen- und Störereignisse wie die Aschewolke im europäischen Luftraum 2010, die Katastrophe von Fukushima, der SARS-Virus oder politische Spannungen haben einen erheblichen Einfluss auf die ordnungsgemäße Funktion logistischer Ketten. Diese und andere Ereignisse haben die Verletzlichkeit (Vulnerabilität) und durchaus die Grenzen der Belastbarkeit der globalen Transportsysteme offengelegt. Doch auch weniger spektakuläre Ursachen wie ein Personalstreik, ein Brand, ein Strom- oder Computerausfall, Wetterkapriolen oder der Wegfall eines Wertschöpfungspartners können eine Kette unvorhersehbarer Ereignisse auslösen und sich in der Summe negativ auf ein gesamtes Transportnetzwerk auswirken. Insbesondere auf die − hinsichtlich ihrer Geschäftsentwicklung ohnehin schwankungsanfällige − Luftfracht wirken sich die o. g. exogenen Schocks erheblich aus. Die Luftfrachtbranche ist dem Auf und Ab der Weltwirtschaft besonders ausgeliefert. Ein Ratenverfall als Folge von plötzlich steigenden Leerkapazitäten in der Luftfracht wird oftmals als Frühindikator für eine sinkende Wirtschaftsleistung und als bevorstehende Kapazitätsüberschüsse bei anderen Güterverkehrsmitteln angesehen. Die Risiken des Airline-Geschäfts sind breit gefächert und kaum vorhersehbar. Die Kosten fallen zum großen Teil außerhalb des Einflussbereiches des Managements an. Dieser Kosten- und Risikostruktur stehen relativ geringe Gewinnmargen gegenüber.
Ein hervorstechendes Beispiel in diesem Kontext ist die Aschewolke, die der isländische Vulkan „Eyjafjallajökull“ im Frühling 2010 ausgestoßen hat und die den Flugverkehr in weiten Teilen Europas über mehrere Tage zum Erliegen gebracht hat. Die sonst so krisenerprobte Luftfahrtbranche ist von einem solchen Naturereignis in dem Ausmaß noch nie heimgesucht worden. Dementsprechend sind weder Luftfahrtgesellschaften oder Flugsicherheitsbehörden noch die Politik auf das Ereignis vorbereitet gewesen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Dieses Kapitel motiviert die Relevanz des Krisenmanagements in der Logistik anhand von Beispielen und definiert die Zielsetzung sowie den Aufbau der Untersuchung.
2. Grundlagen und Gestaltungsfelder des Luftverkehrsmanagements: Es werden theoretische Grundlagen des Luftfrachtverkehrs, die Akteure sowie die Funktionsweise von Verkehrsnetzen und Hub-Strukturen beleuchtet.
3. Grundlagen und Methoden des Krisenmanagements: Dieses Kapitel erläutert Begriffe, Arten und Phasen von Unternehmenskrisen sowie das Zusammenspiel von Risiko- und Krisenmanagement und stellt Methoden wie die Szenario-Technik vor.
4. Risikoanalyse und Krisenbewältigung im Luftfrachtverkehr: Basierend auf Expertenbefragungen werden potenzielle Gefahren und vergangene Krisen analysiert, um eine Basis für die Modellierung zu schaffen.
5. Generierung und Lösung eines exemplarischen Krisenszenarios: In diesem Kapitel wird ein hypothetisches Krisenszenario entwickelt, simuliert und durch Kennzahlen quantitativ hinsichtlich seiner Auswirkungen evaluiert.
6. Implikationen: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, kritisch reflektiert und in einen übergeordneten strategischen Kontext für das Management von Krisen in der Luftfracht überführt.
Schlüsselwörter
Krisenmanagement, Luftfracht, Supply-Chain-Risikomanagement, Szenario-Technik, Netzmanagement, Flugverbote, Expertenbefragung, Vulkanasche, Krisenbewältigung, Resilienz, Logistik, Transportnetzwerk, Verkehrsträger, Risikomanagement, Hub-and-Spoke.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Luftfrachtunternehmen auf Krisen reagieren können, die ihre Netzinfrastruktur (z. B. Flughäfen oder Flugrouten) unvorhersehbar einschränken, um den Geschäftsbetrieb trotz Störungen aufrechtzuerhalten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Krisenmanagement-Methoden, die Strukturen des Luftfrachtverkehrs, Risikoanalyse, Szenario-Simulationen für logistische Netzwerke und die Entwicklung von Handlungsstrategien im Krisenfall.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Gefahren für die Luftfrachtbranche zu identifizieren und mittels Szenario-Technik sowie Simulation aufzuzeigen, welche Reaktionsmöglichkeiten Unternehmen haben, um die Auswirkungen von Krisen zu minimieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein qualitativer Ansatz (Expertenbefragungen bei Luftfrachtakteuren in Hamburg) mit einem quantitativen Ansatz (Modellierung und Simulation eines Luftfrachtnetzes mittels Verkehrsplanungssoftware) kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Krisenmanagements, eine Analyse tatsächlicher Krisenereignisse (wie die Aschewolke 2010 oder Personalstreiks) und die praktische Anwendung eines Simulationsmodells zur Bewertung verschiedener Szenarien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Krisenmanagement, Luftfracht, Szenario-Technik, Supply-Chain-Risikomanagement, Netzmanagement, Flugverbote, Resilienz und Krisenbewältigung.
Warum wurde gerade der Flughafen Hamburg als Fokus gewählt?
Hamburg dient als konkreter Praxisstandort für die Expertenbefragungen, um die spezifischen Anforderungen und Netzstrukturen eines regionalen Luftfrachtzentrums in die theoretische Modellierung einzubeziehen.
Welchen Nutzen hat die Szenario-Technik in dieser Arbeit?
Sie ermöglicht es, verschiedene Zukünfte bzw. Krisenverläufe systematisch durchzuspielen und die Auswirkungen auf Transportkapazitäten und -abläufe quantitativ messbar zu machen.
Was ist die Schlussfolgerung bezüglich der Krisenbewältigung?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Krisenmanagement nicht nur in schriftlicher Form existieren darf, sondern durch regelmäßige Proben und ein "Denken in Szenarien" in die Unternehmenskultur integriert werden muss, um flexibel agieren zu können.
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- Niko Steinhäuser (Author), 2013, Krisenmanagement in der Luftfahrt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231222