Die Mobilisierungsmacht der deutschen Anti-ACTA-Bewegung

Erfolg durch schwache Netzwerk-Beziehungen und erfolgreiches Story-Telling


Hausarbeit, 2012
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Netzwerke und Soziale Bewegungen
2.1 Granovetters These zur Bedeutung von Beziehungen mit Brückenfunktion
2.2. Die Bedeutung des Story Telling für soziale Bewegungen nach Tilly

3. Die Anti-ACTA-Bewegung
3.1 Ein kurzer Überblick über das Abkommen und den Protest
3.2 Anwendung der Theoriekonzepte auf die in Deutschland aktiven Protestakteure

4. Fazit und Ausblick

5. Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Strukturelle Löcher und schwache Beziehungen

Abbildung 2: Screenshot einer Anonymous-Facebookseite

1. Einleitung

In der ersten Hälfte des Jahres 2012 verging kaum eine Woche, in der nicht eine Zeitung, ein Radiosender oder ein Weblog über die weltweiten Proteste gegen das Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA) berichtet hat. Die Mobilisierungskraft, welche die Protestbewegung entwickelt konnte, rief Erstaunen und Anerkennung hervor. Die Berichte der Beobachter und Experten kreisten um die Frage, wie es der scheinbar verstreuten Netzgemeinde ohne Führungsgestalt oder eine den Protest orchestrierende Organisation gelingt, das öffentliche Interesse in diesem Ausmaß auf ein eigentliches Nischenthema wie das Urheberrecht im Internet zu lenken. Zu den wichtigsten Feststellungen gehörte, dass die Anti-ACTA-Bewegung sich in zahlreichen Elementen von klassischen Protestbewegungen abhebt. Zum einen stehen die digitalen Medien im Mittelpunkt des Protests und werden nicht nur zur Mobilisierung genutzt. Zweitens fällt die große Geschwindigkeit auf, mit der sich die Proteste formierten und sich rasend schnell verbreiteten. Dann waren die Proteste auch äußerst erfolgreich. Es gelang den Protestierenden das Abkommen innerhalb weniger Monate zu Fall zu bringen, obschon es von den Regierungen zahlreicher Länder bereits Jahre zuvor vorbereitet wurde und eine Verabschiedung durch die EU als unumstritten galt. Und schließlich ist es auf den ersten Blick schwierig, die Akteure Anti-ACTA-Bewegung zu fassen. Zu diffus und vielgestaltig sind die zum Teil anonym auftretenden und meist ohne hierarchische Struktur organisierten Akteure.

In dieser Arbeit soll mit Hilfe zweier Modelle von Mark Granovetter (1973) und Charles Tilly (2003) der Mobilisierungserfolg der Anti-ACTA-Bewegung in Deutschland erklärt werden. Die Forschungsfrage lautet: Lässt sich der große Mobilisierungserfolg der in Deutschland aktiven Anti-ACTA-Akteure mit Granovetters Modell der schwachen Beziehungen mit Brückenfunktion und dem Story-Telling nach Tilly als sinnstiftendes Element erklären? Die Analyse stützt sich dabei zum einen auf den Netzwerkansatz und zum anderen auf Thesen zur Entstehung von kollektiver Identität. Aufgrund der gebotenen Kürze einer Hausarbeit, versteht sich die Untersuchung als Vorarbeit für weiterführende Studien. Es kann hier keine statistische Analyse des Anti-ACTA-Netzwerkes durchgeführt werden. Vielmehr werden die beiden grundlegenden Konzepte von Granovetter und Tilly vorgestellt und auf ausgewählte Akteure der Anti-ACTA-Proteste angewandt. Dabei werden die getroffenen Aussagen hinsichtlich ihrer theoretischen Plausibilität überprüft. Die These der Hausarbeit lautet wie folgt: Die große Mobilisierungsmacht der Anti-ACTA-Bewegung gründet auf der Kombination von vielen heterogenen Akteuren, die über schwache Beziehungen mit Brückenfunktion miteinander verbunden sind und einem überzeugenden Story-Telling, das als sinnstiftendes Element die kollektiven Akteure zu einer Einheit verbindet.

Gerade im Fall der Anti-ACTA-Bewegung steht außer Frage, dass das Internet mit all seinen Möglichkeiten der Vernetzung und Interaktion durch Wikis, Weblogs, Foren und Social Media eine entscheidende Rolle bei der Mobilisierung der Proteste gespielt hat. Das Internet wurde von den größtenteils netzaffinen Akteuren nicht nur umfänglich und zum Teil in sehr kreativer Weise als Kommunikationsmedium genutzt, es stand selbst als Gegenstand des Protestes im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Trotzdem wird in dieser Arbeit das Internet nicht als eigenständiger Faktor bei der Analyse des Mobilisierungserfolgs herangezogen. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass das Internet die Verbreitung der kollektiven Identität über die Beziehungen mit Brückenfunktion innerhalb des Protestnetzwerkes begünstigt hat und damit vor allem als Kommunikationsmedium eine Bedeutung für die Mobilisierung hatte.

Im folgenden Kapitel wird zunächst eine kurze Einführung in die Netzwerkanalyse gegeben und aufgezeigt, wie die Netzwerkanalyse zur Beschreibung von sozialen Bewegungen herangezogen werden kann. Damit wird eine Verbindung zwischen dem Modell von Granovetter und der Idee von Tilly geschaffen. In den Kapiteln 2.1 und 2.2 werden die beiden Modelle detailliert beschrieben und im Hinblick auf ihre Anwendung auf die Anti-ACTA-Bewegung in Kapitel 3 aufbereitet. Kapitel 4 liefert schließlich ein zusammenfassendes Fazit und einen Ausblick.

2. Netzwerke und Soziale Bewegungen

Als Netzwerke bezeichnet man ein Geflecht von sozialen Beziehungen, in das individuelle, kollektive oder korporative Akteure eingebettet sind. Die Position eines einzelnen Akteurs und die Stärke der Beziehungen, die er mit anderen Akteuren im Netzwerk unterhält, sind entscheidend für seine Handlungsmöglichkeiten. Von Granovetter stammt hierfür der Begriff der strukturellen Einbettung (Wald/Jansen 2007a: 93-94). In Netzwerken kann kollektives Handeln organisiert werden. Rein formal wird der Begriff des Netzwerks als ein abgegrenztes Set von Knoten und die diese Knoten verknüpfenden Verbindungslinien (auch Beziehungen oder ties) definiert (Jansen 2003: 13). „Die Netzwerkanalyse erlaubt es, zusammengesetzte und intern strukturierte Einheiten mit ihren emergenten, systemischen Eigenschaften zu beschreiben“ (Wald/Jansen 2007a.: 51).

In der Literatur wird zwischen starken und schwachen Beziehungen, sogenannten strong ties und weak ties, zwischen den Akteuren in einem Netzwerk unterschieden. Stark sind Beziehungen, wenn sie eng, das heißt häufig und intensiv sind. Diese Art von Beziehungen schafft Vertrauen und Solidarität. Schwache Beziehungen sind dagegen weniger intensiv und lockerer. „Durch sie können auch große Distanzen in Netzwerken überbrückt werden“ (Wald/Jansen 2007b:190). Schwache Beziehungen eröffnen den Zugang zu neuen Informationen und Ressourcen, in dem sie ein Cluster mit eng beieinander liegenden Knoten in einem Netzwerk mit weiter entfernten Clustern verbinden (Jansen 2003: 42). Auf die strukturelle Bedeutung von schwachen Beziehungen wird im folgenden Kapitel 2.1 detaillierter eingegangen. Fuhse überträgt in einem Vortragsvorschlag für die Tagung „Netzwerke zwischen Gesellschaft und sozialen Situationen“ die Überlegungen zu individuellen Akteuren in Netzwerken auf kollektive Akteure. Dabei sind die kollektiven Akteure die einzelnen Knoten in einem Netzwerk (Fuhse 2011: 3). Ähnlich argumentiert Kern, wenn er sagt, dass moderne Protestbewegungen meist aus einem Netzwerk von Individuen, Gruppen und Organisationen bestehen, die untereinander kollektiv verhandlungsfähig sind und sich auf gemeinsame Ziele einigen können (Kern 2008: 114). Damit kann der Bogen von Netzwerken zu sozialen Bewegungen geschlagen werden. Kollektive Netzwerke aus Protestakteuren funktionieren nach dem gleichen Muster wie Netzwerke aus individuellen Akteuren. Auch hier kann man zwischen starken und schwachen Beziehungen unterscheiden.

2.1 Granovetters These zur Bedeutung von Beziehungen mit Brückenfunktion

Granovetter zeigt auf, wie enge Netzwerke aus individuellen oder kollektiven Akteuren mit anderen, weiter entfernten Netzwerken verknüpft werden (Granovetter 1973: 1360). Haben die so verbundenen Netzwerke ein gemeinsames Ziel und gelingt es ihnen, gemeinsam zu handeln, kann eine soziale Bewegung entstehen. Welche Voraussetzungen dafür gegeben sein müssen, wird in Kapitel 2.2 anhand der Idee des Story-Telling von Charles Tilly erläutert. Granovetter hat sich die Frage gestellt, welche Rolle starke und schwache Beziehungen bei der Diffusion von Information innerhalb eines Netzwerkes haben (Granovetter 1973). Die Ergebnisse einer Studie zur Arbeitsstellensuche bildeten dabei die Grundlage für seine These der Stärke schwacher Beziehungen. Er konnte zeigen, dass die für das Finden einer neuen Arbeitsstelle wesentlichen Informationen von Kontakten kamen, mit denen der Arbeitssuchende durch schwache Beziehungen verknüpft war (Jansen 2003: 244). Das entscheidende Element in Granovetters Modell ist die Brücke. Eine Beziehung stellt in einem Netzwerk eine Brücke dar, wenn sie der einzige Weg ist, auf dem Informationen zwischen zwei Akteuren A und B ausgetauscht werden können (Granovetter 1973: 1364). Die Beziehung zwischen A und B überbrückt damit ein strukturelles Loch innerhalb eines Netzwerks und verbindet zwei voneinander entfernte Cluster, von denen A und B jeweils ein Teil sind (Jansen 2003: 189). Abbildung 1 zeigt eine solches Netzwerk. Hierbei nimmt der Akteur EGO eine zentrale Stellung ein, indem er sowohl zu A als auch zu B eine Beziehung mit Brückenfunktion unterhält, die sein eigenes Cluster mit denen von A und B verknüpft. Gleichzeitig ist ein Informationsaustausch zwischen den Clustern von A und B nur über EGO möglich.

Abbildung 1: Strukturelle Löcher und schwache Beziehungen

(Jansen 2001: 4)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Informationen können in einem Netzwerk mit vielen Brücken schnell verbreitet werden und große Strecken zurücklegen. Es ist wichtig zu verstehen, dass Beziehungen mit Brückenfunktionen nach Granovetters Definition mit sehr großer Wahrscheinlichkeit schwache Beziehungen sind. Der Grund dafür ist, dass eine starke Beziehung zwischen EGO und A bzw. B eine häufige Interaktion impliziert. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Cluster von A und B ebenfalls oft in Kontakt mit EGO und miteinander kommen. Das strukturelle Loch im Netzwerk verschwindet und die Beziehungen von EGO zu A und B verlieren ihre Brückenfunktion (Granovetter 1973: 1364). In Abbildung 1 stellen die Beziehungen von EGO zu C und D starke Beziehungen dar. In seinem eigenen Cluster mit vielen starken Beziehungen hört EGO eine neue Information mehrfach von C, D und anderen Akteuren in dem selben Cluster. Über die schwachen Beziehungen mit Brückenfunktion zu A und B kann die neue Information dagegen großflächig auf A, B und deren jeweilige Cluster verteilt werden. Informationsflüsse sind in Netzwerken mit vielen schwachen Beziehungen mit Brückenfunktion weniger redundant und damit effizienter (Jansen 2003: 189 / Granovetter 1973: 1366).

Mit Thomas Kern lässt sich die Idee der Beziehungen mit Brückenfunktion mit dem Erfolg von Mobilisierungsprozessen innerhalb sozialer Bewegungen verbinden. Der Mobilisierungserfolg ist abhängig von zahlreichen Faktoren, die sich in der Regel dem direkten Einfluss der einzelnen Akteure entziehen (Kern 2008: 111). Kollektives Handeln setzt das Zustandekommen einer „kritischen Masse“ als notwendige, wenn auch nicht hinreichende, Bedingung voraus (ebd. 114). Und die Bildung eben dieser kritischen Masse hängt von der kommunikativen Vernetzung der Akteure ab (ebd. 117). Je großflächiger und rascher sich eine Information verbreitet, desto schneller kann demnach die kritische Masse erreicht werden. In Kapitel 3 wird Granovetters Modell auf die Akteure des Anti-ACTA-Netzwerkes angewandt. Es wird untersucht, ob sich der große Mobilisierungserfolg der Bewegung mit dem Vorhandensein von schwachen Beziehungen mit Brückenfunktion erklären lässt. Es wird zudem argumentiert, dass die schnelle und großflächige Verbreitung von Information alleine nicht ausreicht, um den Mobilisierungserfolg zu erklären. Deshalb wird im folgenden Kapitel 2.2 ein weiteres Konzept vorgestellt, das die formale Beschreibung des Netzwerkes durch starke und schwache Beziehungen mit Inhalt füllen und damit das persönliche Engagement der Akteure erklären soll.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Mobilisierungsmacht der deutschen Anti-ACTA-Bewegung
Untertitel
Erfolg durch schwache Netzwerk-Beziehungen und erfolgreiches Story-Telling
Hochschule
Universität Potsdam  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Politikwissenschaft - webbasierte Netzwerkstrukturen
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V231264
ISBN (eBook)
9783656465010
ISBN (Buch)
9783656468257
Dateigröße
711 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ACTA, Mobilisierung;, Graswurzelbewegung;, Netzwerke;, Internet;, webbasierte Netzwerkstrukturen;, schwache Beziehungen;, Granovatter;, Story Telling, Tilly
Arbeit zitieren
Maria Krummenacher (Autor), 2012, Die Mobilisierungsmacht der deutschen Anti-ACTA-Bewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231264

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