Antiaggressivitätstraining als erfolgversprechende Maßnahme zur Behandlung impulsiv-aggressiver Jugendlicher

Auseinandersetzung vor dem Hintergrund psychotraumatologischer Erkenntnisse


Hausarbeit, 2011

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Antiaggressivitätstraining
2.1 Theoretische Grundlagen des Antiaggressivitätstrainings
2.1.1 Konfrontative Pädagogik
2.1.2 Lerntheoretisch-kognitiver Ansatz
2.2 Zielgruppe des Antiaggressivitätstraining
2.2.1 Beschreibung der Zielgruppe
2.2.2 Kritische Anmerkungen zur Zielgruppe aus Sicht der Entwicklungspsychopathologie
2.2.3 Kritische Anmerkungen zur Zielgruppe aus Sicht der entwicklungsdynamischen Kriminologie
2.3 Vorgehensweise beim Antiaggressivitätstraining
2.3.1 Provokationstests
2.3.2 Konfrontation mit der Tat
2.3.3 Kognitives Überzeugen
2.4 Erkenntnisse zur Wirksamkeit des Antiaggressivitätstrainings

3. Impulsive Aggressivität aus psychotraumatologischer Sicht
3.1 Impulsiv-aggressive Jugendliche
3.2 Chronische Traumatisierung
3.3 Komplexe posttraumatische Belastungsstörung
3.3.1 impulsiv-aggressives Verhalten als Reaktionsmuster einer komplexen postraumatischen Belastungsstörung
3.3.2 Weitere Reaktionsmuster
3.3.3 Erkennbarkeit der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung

4. Auseinandersetzung mit der Vorgehensweise des Antiaggressivitäts- trainings vor dem Hintergrund psychotraumatologischer Erkenntnisse
4.1 Provokation und Grenzüberschreitung
4.2 Deliktsarbeit / Opferempathie

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Jugendliche Straftäter, genauer gesagt mehrheitlich männliche Jugendliche und Heranwachsende, sind Symbolfiguren im öffentlichen Meinungskampf um Devianz, soziale Kontrolle, Erziehung und Strafe" (Bereswill 2010, S. 545).

Besonders nach den Darstellungen in den Medien zu den gewalttätigen Übergriffen in den U- und S-Bahnhöfen deutscher Großstädte wird immer wieder von der Öffentlichkeit, aber auch aus Kreisen der Politik, ein härteres Vorgehen gegen Jugendliche gefordert, die durch massive oder mehrfach begangene Gewaltstraftaten auffällig geworden sind.

Repression und Härte sind die Schlagworte, wenn man die Diskussionen der letzten Jahre verfolgt. Dabei wird mit Forderungen wie Absenkung der Strafmündigkeitsgrenze, Anwendung des Erwachsenenstrafrechts für Heranwachsende, härtere Bestrafung durch die Gerichte (möglichst in sogenannten "beschleunigten" Strafverfahren), Anhebung des Strafrahmens im Jugendstrafrecht oder Zwangseinweisung von jugendlichen "Intensivtätern" in sogenannte Erziehungscamps der Eindruck vermittelt, als wäre Jugendgewalt ein Phänomen, das vor allem mit strukturellen strafrechtlichen oder auch pädagogisch-repressiven Maßnahmen erfolgreich "bekämpft" werden könnte.

Dem kann entgegengehalten werden, dass es die Jugendgewalt nicht gibt, sondern dass hinter jedem "Fall" ein junger Mensch steht, der mit seiner eigenen Individualität und Lebensgeschichte nicht aus dem Blick geraten sollte.

Auch für die Jugendlichen und Heranwachsenden, mit denen die Gesellschaft nicht anders zurechtkommt, als sie einzusperren, hat das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil v. 31.05.2006 (BverfGE, 2 BvR 1673/04, Rdn. 50) deren Menschenwürde betont. Auch solche gravierend straffällig gewordenen jungen Menschen seien somit nicht als bloße Objekte staatlichen Handelns zu betrachten. Vielmehr stehe die Fehlentwicklung dieser Jugendlichen und Heranwachsenden, die sich in gravierenden Straftaten äußert, in besonders dichtem und oft auch besonders offensichtlichem Zusammenhang mit einem Umfeld und Umständen, die sie geprägt haben.

Der Staat übernehme besonders bei Jugendlichen und Heranwachsenden eine besondere Verantwortung für deren Entwicklung der Persönlichkeit, in die er durch Freiheitsentzug eingreift. Das Gericht betont deshalb, dass die Vollzugsgestaltung im Jugendstrafvollzug in besonderer Weise der Förderung des jungen Menschen in seiner Entwicklung dienen muss, um ihm künftig ein straffreies Leben in Freiheit und damit soziale Integration zu ermöglichen. Insbesondere müssen sich Vollzugsgestaltung und Behandlungsmaßnahmen am Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse orientieren (a.a.O., Rdn. 52 f., 62).

Vor diesem Hintergrund ist es von Interesse, in wie weit die Behandlung jugendlicher Gewalttäter im Jugendstrafvollzug nach differenzierten Gesichtspunkten der individuellen Förderung der jungen Gefangenen stattfindet und ob sie sich am Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse orientiert.

Dies soll in dieser Arbeit an Hand einer Betrachtung des Antiaggressivitätstrainings beleuchtet werden, da es sich dabei um eine Behandlungsmaßnahme handelt, die im Jugendstrafvollzug weit verbreitet ist (Repp u.a. 2004, S. 199 ff.). Es geht dabei insbesondere um die Frage, in wie weit bei Zielgruppenauswahl und Durchführung des Antiaggressivitätstrainings die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Psychotraumatologie zu impulsiv-aggressiven jugendlichen Straftätern Eingang finden.

Da das Antiaggressivitätstraining von Sozialarbeitern/Sozialpädagogen umgesetzt wird (Weidner 2008a, S. 160 u. Schanzenbächer 2006, S. 41), sind die aufgeworfenen Fragestellungen von Interesse, weil Sozialarbeitswissenschaft die Verknüpfung eigener Theorien mit den Erkenntnissen der Nachbardisziplinen anstrebt (Mühlum 2007, S. 838).

In der vorliegenden Arbeit wird im 2. Kapitel zunächst das Antiaggressivitätstraining mit seinen theoretischen Grundlagen beleuchtet. Dabei wird hinterfragt, ob eine ausreichend differenzierte Zielgruppenauswahl stattfindet, wie die Vorgehensweise im Training ist und welche Evaluationen zur Wirksamkeit des Trainings vorliegen. Im 3. Kapitel wird dargestellt, wie die Psychotraumatologie impulsiv-aggressives Verhalten Jugendlicher bewertet, es werden in diesem Zusammenhang der Begriff der chronischen Traumatisierung und das Störungsbild der komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung skizziert. Im 4. Kapitel soll dann vor dem Hintergrund psychotraumatologischer Erkenntnisse thematisiert werden, inwieweit sich die beschriebene Vorgehensweise des Antiaggressivitätstrainings an wissenschaftlichen Erkenntnissen der Psychotraumatologie orientiert.

Da sich aus der verwendeten Literatur nicht entnehmen lässt, ob dieses Training auch für - die sehr kleine Anzahl (Walter 2006, S. 98) - inhaftierter jugendlicher und heranwachsender Frauen Anwendung findet, bezieht sich diese Arbeit nur auf männliche Gefangene.

2. Antiaggressivitätstraining

Zunächst soll das Antiaggressivitätstraining (AAT) kurz dargestellt werden (im Weiteren wird nur noch die Abkürzung AAT verwendet). Insbesondere ist von Interesse, an welche Zielgruppe es sich richtet und wie die Vorgehensweise ist.

Das AAT wurde im Wesentlichen von Jens Weidner entwickelt (Schanzenbächer 2006, S. 17). Diese Konzeption ist urheberrechtlich geschützt (Bosold u.a. 2006, S. 27). Dem Verfasser ist bewusst, dass verschiedene Weiterentwicklungen des AAT existieren (a.a.O). In dieser Arbeit soll jedoch nur auf die für den Jugendstrafvollzug entwickelte urheberrechtlich geschützte Konzeption eingegangen werden.

Nach Weidner (2008a, S. 3, 20 f.) handelt es sich beim AAT um eine Delikt- und Defizitspezifische Behandlungsmaßnahme für gewaltbereite Mehrfachtäter im Jugendstrafvollzug. Die Trainingsdauer beträgt sechs Monate und es finden mehrstündige Gruppensitzungen in der Woche statt, die von Einzelgesprächen flankiert werden.

2.1 Theoretische Grundlagen des Antiaggressivitätstrainings

Das AAT wird theoretisch dem Begriff der "Konfrontativen Pädagogik" zugeordnet und orientiert sich an einem lerntheoretisch-kognitiven Paradigma (Weidner 2008b, S. 21).

Es soll deshalb zunächst betrachtet werden, woraus sich die Konfrontative Pädagogik herleitet und wie der lerntheoretisch-kognitive Ansatz für dieses pädagogische Arbeiten interpretiert wird.

2.1.1 Konfrontative Pädagogik

Bei Durchsicht zu diesem Begriff in der Literatur trifft man als Vertreter der Konfrontativen Pädagogik häufig auf Weidner, Kilb und Schanzenbächer.

Der Begriff der Konfrontativen Pädagogik ist dem Begriff der Konfrontativen Therapie nach Corsini entlehnt. Darüber hinaus ist die Konfrontative Pädagogik durch die Provokative Therapie Farrellys geprägt (Weidner 2008b, S. 21).

Weidner hebt hervor, dass die Konfrontative Therapie Corsinis einen "schlagartigen, schnellen Erkenntnisgewinn des Menschen" (a.a.O., S. 22) anstrebt.

Die Provokative Therapie Farellys zeichne sich durch "verblüffende, humorvolle, paradox-interventionistische Alltagsarbeit" (a.a.O., S. 21) aus. Diese stoße bei "sozialarbeitsgesättigten Probanten auf Neugier und Interesse (...), wenn Übertreibung, Verzerrung, Spott oder Ironie zum Vorteil des Betroffenen verwandt werden, um z.B. dessen Gewalt-Rechtfertigungen in Frage zu stellen." (a.a.O., S. 21)

Weidner bezeichnet Konfrontative Pädagogik als "Erziehungs-ultima-ratio". Pädagogisches Arbeiten mit dem Betroffenen erfolgt nicht ohne die Interventionserlaubnis des Betroffenen. (a.a.O., S. 9)

Die Konfrontative Pädagogik will mit aggressivem Verhalten pädagogisch – ohne einen therapeutischen Anspruch zu erheben - nach lerntheoretischen Erkenntnissen umgehen.

Weidner geht davon aus, dass das Verhalten aggressiv agierender Menschen von deren kognitiver Hypothese geprägt ist, "Aggressivität mache unberührbar und signalisiere Macht, Überlegenheit, und Respekt" (a.a.O., S. 19). Nach seiner Auffassung verstehen wiederholt aggressiv agierende Menschen Friedlichkeit als "Schwäche, Feigheit und (...) weibisch (...)" (a.a.O., S. 19 f.).

Weidner verortet damit die Entstehung von Aggressivität weitgehend im Bereich kognitiver Überzeugungen, so dass Aggressivität dadurch "abgebaut" werden könne, dass Menschen auf der kognitiven Ebene die "richtigen" Erkenntnisse und Anleitungen zum Umgang mit Aggressivität pädagogisch vermittelt werden.

Auch Walkenhorst kommt in einer kritischen Auseinandersetzung mit der Konfrontativen Pädagogik zu dem Schluss, dass diese grundlegend davon ausgeht, "dass Menschen sich frei für ihr Verhalten und Verhaltensänderungen entscheiden können. Der Ansatz, Täter mit ihrem Handeln und dessen Konsequenzen zu konfrontieren, basiert auf dieser Prämisse." (a.a.O., S. 83).

Fraglich erscheint, ob diese Sichtweise, wonach aggressives Verhalten lediglich aus dem Grund entsteht, weil sich Menschen bewusst dafür entscheiden, sich dadurch mehr Macht, Überlegenheit und Respekt zu verschaffen, als eine ausreichende Erklärung für die Entstehung aggressiven Verhaltens angesehen werden kann.

2.1.2 Lerntheoretisch-kognitiver Ansatz

Weidner (a.a.O., S. 20) favorisiert für das konfrontativ-pädagogische Arbeiten das Soziale Lernen durch Interaktionen und beruft sich auf Bandura:

"Vom Standpunkt des Sozialen Lernens aus wird der Mensch weder durch innere Kräfte getrieben noch durch Umwelteinwirkungen hilflos herumgestoßen." (Bandura 1979, S. 59).

Weidner geht weiter davon aus, dass es aus Sicht der Lerntheorie keine spezifische Erklärung für aggressives Verhalten gibt. Von diesem theoretischen Standpunkt wird demnach aggressives Handeln nicht durch Triebe oder spezielle Auslöser angestoßen, sondern - wie jedes andere Verhalten auch - erlernt (Weidner 2008a, S. 28).

Auch Schanzenbächer sieht die klassische Verhaltenstherapie, das Lernen am Modell von Bandura, als eine wesentliche theoretische Grundlage des konfontativen Stils (Schanzenbächer 2006, S. 29).

2.2 Zielgruppe des Antiaggressivitätstrainings

2.2.1 Beschreibung der Zielgruppe

Nach Weidner hat das AAT zur Zielgruppe Menschen, die sich "gerne und häufig schlagen und Spaß an der Gewalt zeigen, z.B. Hooligans, Skin-Heads, schul- und stadtbekannte "Schläger". Sie müssen kognitiv und sprachlich dem Programm folgen können" (Weidner 2008b, S. 23). Als einzige Ausschlusskriterien gibt Weidner (2008a, S. 137) an, dass die Trainingsteilnehmer nicht psychotisch sein dürfen und es sich nicht um Sexualstraftäter handeln darf.

Schanzenbächer (2006, S. 33) nimmt hinsichtlich der Zielgruppenbeschreibung des AAT keine weiteren Einschränkungen vor, als dass die jungen Menschen aggressiv sein und durch gewalttätiges Handeln häufiger aufgefallen sein müssen.

Weiter wird ausgeführt, dass im AAT eine signifikante Anhebung der Aggressionshemmungen erreicht werden soll. Es sei für eine breite Gruppe von Jugendlichen und Heranwachsenden geeignet – auch für solche, die noch nicht massiv gewalttätig aufgefallen sind – um sie in ihrer weiteren negativen Entwicklung zu bremsen und aufzufangen (a.a.O., S. 34).

In diesen Zielgruppenbeschreibungen spiegelt sich die oben beschriebene Annahme der Konfrontativen Pädagogik wider, dass Jugendliche zum größten Teil deshalb gewalttätig werden, weil sie "Spaß" an der Gewalt haben bzw. Macht ausüben wollen. Eine differenziertere Betrachtung aggressiven Verhaltens – insbesondere der zu wiederholtem gewalttätigem Verhalten führenden Ursachen – ist nicht ersichtlich.

Auch Schäfer kommt zu dem Schluss, dass innerhalb des AAT als auch innerhalb der Konfrontativen Pädagogik die Gründe für deviantes Verhalten nur eine periphere Rolle spielen. Die Ursachen hierfür werden fast ausschließlich in einem Defizit der Persönlichkeitsstruktur aggressiver Gewalttäter gesucht und gefunden (Schäfer 2011, S. 97).

Es drängt sich die Frage auf, ob damit die Zielgruppe aggressiv handelnder junger Menschen – insbesondere im Hinblick auf Erfolgswahrscheinlichkeit und die Ausgestaltung eines durchzuführenden AAT - ausreichend differenziert in den Blick genommen wird.

Schanzenbächer weist zwar darauf hin, dass innerhalb des von ihm vorgestellten AAT auch eine Thematisierung des Gewaltmotivs mit dem jeweiligen Klienten stattfinden könne (Modul D). Er nimmt dabei in Anlehnung an Heilemann & Fischwasser von Proeck (2001, S. 20ff) eine Klassifizierung von aggressiven Menschen vor. Demnach können Gewalttäter in offensive und defensive Typen mit weiteren Unterkategorien unterteilt werden. Aber auch hier geht es eher darum, zu welchem Zweck die einzelnen Typen Gewalt ausüben und weniger darum, welche Ursachen beim einzelnen jungen Menschen zur Ausbildung von aggressivem Verhalten geführt haben (Schanzenbächer 2006, S. 68 u. S. 75 f.).

Bei der Kategorie des aggressionsgehemmten Gewalttäters (defensiver Typ) wird jedoch auch beschrieben, dass es sich dabei um einen gehemmten und zurückhaltenden Menschen handelt, der über lange Jahre Kränkungen und Demütigungen in sich angesammelt hat und diese dann aus emotionalen Gründen in auftretenden Provokationssituationen in Gewalt enden (Heilemann und Fischwasser von Proeck 2001, S. 20 f).

Eine solche Erörterung des Motivs wäre geeignet, entsprechenden therapeutischen Behandlungsbedarf aufzuzeigen und bestimmte Klienten in therapeutische Behandlung zu vermitteln. Es könnte nämlich möglicherweise zur Erkenntnis des durchführenden Trainers führen, dass das AAT für bestimmte Jugendliche auf Grund ihrer emotionalen und seelischen Verfasstheit nicht die geeignete Behandlungsmaßnahme ist und die Initiierung einer adäquaten Therapie angezeigt wäre (Schanzenbächer 2006, S. 77).

Dies wird jedoch dadurch erschwert, dass – wie bereits beschrieben – diese Differenzierung nicht im Rahmen der Zielgruppenauswahl erfolgt. Des Weiteren kann die Durchführung des Moduls D laut Schanzenbächer (a.a.O., S. 41) nur von einem Trainer durchgeführt werden, der eine therapeutische Zusatzausbildung besitzt. Da alle anderen Module des AAT nach Schanzenbächer (a.a.O. S. 41) von Erziehern, Sozialpädagogen und Diplompsychologen sowie Anti-Aggressivitäts-Trainern ohne therapeutische Zusatzausbildung durchgeführt werden können, wird die Durchführung des Moduls D nicht regelmäßig der Fall sein.

Die Durchführung des Moduls D ist also nur ein möglicher, aber nicht zwingend vorgeschriebener Baustein in der Durchführung des AAT.

Walkenhorst beklagt, dass sich in der Literatur zur Zielgruppe des AAT keine klaren Kriterien erkennen lassen, sondern vielmehr Beschreibungen, die im Grenzbereich zur wertenden Deutung angesiedelt sind (2008, S. 94).

So wird das Klientel bei Heilemann & Fischwasser von Proeck (1998) als "Topschläger", "Profischläger", Profis im "Provozieren und Inszenieren von Unterwerfungsanlässen", Profis im "Zweikampf", Profis im "Bagatellisieren und Legitimieren ihres Verhaltens" sowie "Profis im Umgang mit Strafverfolgungsbehörden" bezeichnet (a.a.O., S. 228).

Dabei kann aus dem Blick geraten, dass es nicht um eine Wertung – vielleicht sogar Etikettierung? - des jungen Menschen geht.

Es muss Walkenhorst daher deutlich zugestimmt werden, wenn er darauf hinweist, dass diese Beschreibung des Klientels im Grenzbereich zur wertenden Deutung angesiedelt ist und er betont, dass man es in erster Linie mit Menschen zu tun hat, die mehr sind, als diese Attributionen suggerieren.

Vielmehr notwendig wäre die Beleuchtung der - aggressiven, gewalttätigen oder sonstigen delinquenten – Verhaltensweise, um dadurch zu einer differenzierten pädagogischen Haltung gegenüber dem jungen Menschen zu gelangen (Walkenhorst 2008, S. 94).

Aus den Zielgruppenbeschreibungen für das AAT kann zusammenfassend gefolgert werden, dass dieses Training von den Vertretern der konfrontativen Pädagogik für alle jugendlichen Gewalttäter (ausgenommen psychotische und Sexualtäter) gleichermaßen für zielführend gehalten wird, unabhängig davon, von welchen individuellen Lebens- und Delinquenzverläufen der einzelne junge Mensch bisher geprägt wurde.

2.2.2 Kritische Anmerkungen zur Zielgruppe aus Sicht der Entwicklungspsychopatho-

logie

Walkenhorst (2008, S. 95) weist darauf hin, dass auf Grund der Erkenntnisse der Entwicklungspsychopathologie differenziertere pädagogische Schlussfolgerungen naheliegen, als sie bei der Beschreibung der Adressaten für das AAT anzutreffen sind.

Demnach sind bei jugendlichen Straftäter entwicklungspsychopathologisch die sogenannten "late starters", die durch adoleszenzbezogene, alterstypische Devianz, auffallen, die sich später wieder zurückbildet, von den sogenannten "early starters" zu unterscheiden, zu deren Vorgeschichte verschiedene Längsschnittstudien ergeben haben, dass deren antisoziales Verhalten bereits in frühen Lebensphasen begonnen hat.

Dabei spielen Geburtsbelastungen, Entwicklung von Hyperaktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörungen, oppositionellem Trotzverhalten und eine zunehmenden Belastung der sozialen Kontakte eine Rolle. Deren schulische Entwicklung ist durch Leistungsprobleme und einer Tendenz zum Schulschwänzen gekennzeichnet, hinzu kommen Lügen, Stehlen und Vorformen des Drogengebrauchs. Bei diesen Kindern und Jugendlichen entwickelt sich eine Aggressivität z.B. gegenüber Mitschülern sowie das Gefühl, übermäßig bedroht und angegriffen zu werden (a.a.O., siehe auch Remschmidt / Walter 2011, S. 469 – 485).

Wie oben angeführt, gilt als Kritierium für die Aufnahme in das AAT insbesondere die "Mehrfachtäterschaft" (Weidner 2001, S. 7 f).

Zu Recht weist Walkenhorst (2008, S. 95) deshalb darauf hin, dass diese Zielgruppenbeschreibung des AAT nahelegt, dass hier Jugendliche mit einer früh beginnenden delinquenten Karriere, die den oben genannten frühen Risikofaktoren ausgesetzt waren, im AAT behandelt werden. Walkenhorst ist deshalb zuzustimmen, wenn er deshalb die Frage stellt, in wie weit angesichts langjährig eingeschliffener Deutungs-, Interpretations- und Reaktionsmuster sowie möglicher komorbider Verhaltensstörungen die isolierte Teilnahme an einem AAT oder ähnlichen Programmen angesichts der Störungsgenese dieser jungen Menschen mehr als eine kurzfristige Wirkung zeigen soll (a.a.O.)

Auch Walkenhorst sieht deshalb ein komplexes, multimodales und langfristig angelegtes Vorgehen als erforderlich an, da bei diesen Jugendlichen auf Grund des frühen Beginns eher ein sehr stabiles aggressives Verhalten zu erwarten ist (a.a.O.).

Es scheint deshalb sehr zweifelhaft, ob das AAT mit seinen Elementen im Sinn der konfrontativen Therapie nach Corsini bei solchen Jugendlichen einen "schlagartigen Erkenntnisgewinn" (Weidner 2008b, S. 22) zur Besserung erreichen kann.

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Antiaggressivitätstraining als erfolgversprechende Maßnahme zur Behandlung impulsiv-aggressiver Jugendlicher
Untertitel
Auseinandersetzung vor dem Hintergrund psychotraumatologischer Erkenntnisse
Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut, ehem. Fachhochschule Landshut
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
34
Katalognummer
V231279
ISBN (eBook)
9783656477532
ISBN (Buch)
9783656479703
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antiaggressivitätstraining, Konfrontative Pädagogik, Jugendstrafvollzug, impulsiv-aggressive Jugendliche, Psychotraumatologie, Entwicklungspsychopathologie, entwicklungsdynamische Kriminologie, Provokationstest, Konfrontation, Impulsive Aggressivität, Chronische Traumatisierung, komplexe posttraumatische Belastungsstörung, Reaktionsmuster, Grenzüberschreitung, Delikt, Deliktsarbeit, Opferempathie, Legalbewährung, Gewaltrückfall, Mehrfachtäter, Gewalt, Retraumatisierung, gewaltbereit, Devianz, soziale Kontrolle, Erziehung, Strafe, Gewaltstraftat, Repression, Menschenwürde, Freiheitsstrafe, Freiheitsentzug, Integration, Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Antigewalttraining, AAT, deliktspezifisch, defizitspezifisch, Behandlungsmaßnahme, Aggressivität, early starters, Verhaltensstörung, Kognition, Täterreflex, Fightreflex, Akkommodationsverhalten, Dissoziation, Persönlichkeitsstörung, Psychotherapie, Traumatherapie, Gefühle, emotional, Jugendstrafanstalt, posttraumatische Belastungsstörung, Gewalterfahrung, Misshandlung, Delinquenz
Arbeit zitieren
Jan Walter (Autor), 2011, Antiaggressivitätstraining als erfolgversprechende Maßnahme zur Behandlung impulsiv-aggressiver Jugendlicher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231279

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