Ist der Kern-Schamanismus empfehlenswert?

Mit einer Antwort von Roland Urban, stellvertretender Geschäftsführer der Foundation for Shamanic Studies Europe, und weiterer Korrespondenz


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2013

36 Seiten


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Inhalt

1. Einleitung

2. Fragestellung

3. Thesen

4. Begründung der beiden Thesen
4.1 Begründung der 1. These
4.1.1 Schamanismus und die menschliche neurologische Verfassung
Die biologisch-evolutionäre Grundlage des Schamanismus
Hypnotisierbarkeit
Exogene Neurotransmitter
Tanz und Musik
Prozeduren zur Vorbereitung von Ritualen
Träume und schamanisch verändertes Bewusstsein
Seelenflug und Körper
Biologische Grundlage des schamanischen Bewusstseins
Fazit
4.1.2 Schamanismus und plurale Weltinterpretationen
Dominanzmodell
Interaktionsmodell
Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit der Modelle
Westlicher Schamanismus
Fazit
4.1.3 Kern-Schamanismus und Imagination
4.1.4 Eigene Erfahrungen
4.1.5 Zusammenfassung
4.2 Begründung der 2. These
4.2.1 Das „Core Soul Retrieval TrainingTM“
4.2.2 Die eigentliche Seelenrückholung
4.2.3 Auswertung
4.2.4 Zusammenfassung

5. Was ist der Kern-Schamanismus aus meiner Sicht?

6. Empfehlungen

7. Offene Fragen zum Kern-Schamanismus an Paul Uccusic
Antwort von Roland Urban, stellvertretender Geschäftsführer der Foundation for Shamanic Studies Europe
Stellungnahme zur Antwort von Roland Urban
Reaktion auf die Stellungnahme

1. Einleitung

Nachdem ich 2012 an einem Basis-Seminar der „Foundation for Shamanic Studies Europa“ (im Folgenden: FSS) teilgenommen und meine persönlichen Eindrücke und meine geistes- und kulturwissenschaftlichen und theologischen Überlegungen dazu veröffentlicht hatte (s. o.), machte mir Paul Uccusic (Leiter der FSS) den Vorschlag, ein Fortgeschrittenen-Seminar zu besuchen, um meine Erfahrungen zu erweitern und zu vertiefen und um ein besseres Verständnis des Kern­Schamanismus zu erwerben.

Sehr gerne habe ich dieses Angebot angenommen (das ich als ernstgemeinten Beitrag zu einem Dialog sehr zu schätzen weiß) und habe dementsprechend vom 8.-9.6.2013 in Berlin am Seminar „Core Soul Retrieval Training™“ teilgenommen. Nach diesem Seminar wurde mir klar, dass zu dem Kern-Schamanismus noch viel zu sagen ist. Die neuen Eindrücke, die ich sammeln durfte, rechtfertigen die zweite, hiermit vorliegende Publikation zu diesem Themenkreis.

2. Fragestellung

Die Fragestellung, die mir nach meiner Erfahrung in Berlin in den Sinn kam, und um deren Klärung ich mich im Folgenden bemühen will, lautet: Kann man Menschen dazu raten, sich mit dem Kern­Schamanismus der FSS zu befassen?

Dabei möchte ich zweierlei Aspekte klarstellen:

1. Obgleich ich diesen Text als Landeskirchlicher Beauftragter für religiöse und geistige Strömungen der Evang.-Luth. Kirche in Bayern schreibe, ist dies keine offizielle kirchliche Stellungnahme, sondern das Ergebnis persönlicher Überlegungen. Die folgenden Erwägungen sollen ihre Überzeugungskraft nicht durch meine kirchliche Funktion erhalten, sondern weil sie argumentativ überzeugend sind. Wer zu anderen Schlüssen kommt, den bitte ich, mir seine Gründe zu nennen.
2. Gerade indem ich im Folgenden auch Kritisches äußere, möchte ich meine ernstgemeinte Bereitschaft zu einem weiteren Dialog signalisieren. Einem Dialog ist nur dort gedient, wo man ein ehrliches - und d. h. zuweilen auch kritisches - Wort wagt. Nichts ist für einen Dialog schädlicher als Gleichgültigkeit.

3. Thesen

Zwei Thesen möchte ich im Folgenden benennen und begründen:

1. These: Menschen, die körperlich, geistig und seelisch stabil sind, können die Techniken und Methoden des Kern-Schamanismus, wie man sie bei der FSS erlernt, relativ gefahrlos und mit Gewinn an sich selbst anwenden. So können sich für sie neue Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten eröffnen, zudem erhalten sie dadurch einen besseren Zugang zu ihrer Imagination.[2]

2. These: Es ist davon abzuraten, sich von einem „shamanic practitioner“ der FSS behandeln zu lassen, sofern diese/dieser keine psychotherapeutische oder seelsorgerische Ausbildung hat.

4. Begründung derbeiden Thesen

4.1 Begründung der 1. These

Zunächst sei die These nochmals wiederholt: Menschen, die körperlich, geistig und seelisch stabil sind, können die Techniken und Methoden des Kern-Schamanismus, wie man sie bei der FSS erlernt, relativ gefahrlos und mit Gewinn an sich selbst anwenden. So können sich für sie neue Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten eröffnen, zudem erhalten sie dadurch einen besseren Zugang zu ihrer Imagination.

Diese These enthält drei Elemente, die im Folgenden argumentativ begründet werden sollen:

1. Körperlich, geistig und seelisch stabile Menschen können kern-schamanische Techniken relativ gefahrlos für sich selbst praktizieren. Dafür spricht, dass schamanische Techniken bereits sehr alt sind und es aus evolutionärer Sicht Anzeichen dafür gibt, dass der Schamanismus viel mit der menschlichen neurologischen Verfassung zu tun hat.
2. Kern-schamanische Techniken können zum eigenen Vorteil eingesetzt werden: Es lässt sich zeigen, dass wir Menschen zu sogenannten „pluralen Weltinterpretationen“ fähig sind, die unser Wissen von dem, was wir als real wahrnehmen, erweitern. Eine Erweiterung unserer Interpretationsspielräume bedeutet auch eine Erweiterung unserer Handlungsmöglichkeiten.
3. Kern-schamanische Techniken ermöglichen Menschen einen besseren Zugang zur Imagination. Was es damit im Detail auf sich hat, möge man meiner ersten Publikation zum Kern-Schamanismus (s. o.) entnehmen.

4.1.1 Schamanismus und die menschliche neurologische Verfassung

Seit Mircea Eliade[3] die Frage nach der weltweiten Verbreitung des Schamanismus auch über die Grenzen des sibirischen Sprachraums hinaus gestellt hat und seitdem der Schamanismus als weltweit anzutreffendes Phänomen wahrgenommen wird, wurde und wird darüber diskutiert, wodurch er zu charakterisieren sei.

Der US-amerikanische Anthropologe Michael Winkelman, der einen neurophänomenologischen Zugang zum Schamanismus vorschlägt, ist durch verschiedene kulturvergleichende Studien[4] zum Schamanismus anhand von spezifischen Merkmalen (wie Auswahl und Training der Novizen, Benennung veränderter Bewusstseinsstatus etc.) zu einer differenzierten Einteilung verschiedener „magisch-religiöser Anwender“ gekommen.[5] Damit sei das kulturübergreifende Vorkommen des Konzeptes Schamanismus empirisch begründet: „This empirically derived group of shamans shares more characteristics in common amongst themselves than they do with other magico-religious practitioners.“ (162)

So charakterisiert Winkelman den Schamanismus folgendermaßen. Es gibt:

- einen charismatischen Gruppenführer, meist ist dies ein Mann.
- eine professionelle Ausbildung, die eine Visionssuche beinhaltet, bei der mit der Geisterwelt interagiert wird.
- eine gezielte Bewusstseinsveränderung während der Ausbildung und in der schamanischen Praxis.
- eine initiatorische Todes- und Wiedergeburtserfahrung.
- ein Erlebnis, das als Seelenreise oder Seelenflug bekannt ist.
- gemeinschaftliche Rituale, die Singen, Musik, Trommeln und Tanz umfassen.
- eine primäre Kraftquelle, die die Kontrolle über Tiergeister beinhaltet.
- den Glauben an die eigene Fähigkeit, sich in Tiere zu verwandeln.
- professionelle Fähigkeiten wie Heilung, Diagnose, Divination und Hilfe bei der Jagd.
- Krankheitstheorien wie Seelenverlust, magisches Eindringen von Objekten und Angriffe von Geistern und Schamanen.
- den Glauben an die eigene Fähigkeit, durch Zauberei Böses zu bewirken. (162)

Daneben geht Winkelman von der Existenz eines weiteren Typs aus dem Spektrum der magisch­religiösen Anwender aus, den er zumindest in die Nähe des Schamanen rückt, i. e. den „schamanischen Heiler“. Solche Heiler, die es in allen Kulturen gäbe, würden etwa Heilungsprozesse als Interventionen der Geisterwelt betrachten, würden Geisterwesen als Projektionsmechanismen verwenden, um das Unbewusste zu repräsentieren, würden soziale Beziehungen durch Symbole und Rituale wieder herstellen usw. (163)

Die biologisch-evolutionäre Grundlage des Schamanismus

Aufgrund der weltweiten Verbreitung des Phänomens Schamanismus nimmt Winkelman an, dass es für veränderte Bewusstseinszustände, für Erfahrungen von Seelenreisen, für den Glauben an Geister- und Tierwesen, heilende und divinatorische Praktiken und für andere Aspekte, die das schamanische Heilen kennzeichnen, eine biologisch-evolutionäre Grundlage geben muss - und dass man diese Aspekte nur dann richtig versteht, wenn man sie aus evolutionärer Sicht angeht. (163)

Als Indiz dafür, dass zentrale Aspekte des Schamanismus tief in der menschlichen Evolution zu verorten sind, wertet Winkelman etwa die Tatsache, dass es zwischen einigen Ritualen, die von Schimpansen praktiziert werden, und solchen, die im schamanischen Kontext aufgeführt werden, wesentliche Gemeinsamkeiten gibt (etwa dass Schimpansen dabei beobachtet wurden, wie sie zum Himmel schreien, wenn es regnet)[6].

Nach Winkelman[7] haben jene Aspekte der menschlichen Biologie, die mit schamanischen Erfahrungen in Verbindung stehen, eine lange Evolutionsgeschichte. Dazu zählt die menschliche Hypnotisierbarkeit, die Fähigkeit unseres Organismus, exogene Neurotransmitter (Drogen) zu verarbeiten, das menschliche Verhalten „Musik“ und „Tanz“, die Fähigkeit, zu träumen, und die Bereitschaft, das eigene Überleben zu gefährden (indem wir uns willentlich Hunger, Schmerz, Schlafentzug und extremer körperlicher Aktivität aussetzen), um in andere Bewusstseinszustände zu wechseln. (164) Dazu im Einzelnen:

Hypnotisierbarkeit

Die menschliche Hypnotisierbarkeit - und im Zusammenhang damit die Empfänglichkeit fur Placebo-Effekte - hat ihre evolutionären Wurzeln vermutlich darin, Aggression und Stress abzubauen. Im Zusammenhang mit Hypnose begegnen recht häufig Phänomene wie Begegnungen mit Geistern, Seelenflüge, Besessenheit usw. Vermutlich liegen veränderten Bewusstseinszuständen einerseits, wie sie etwa beim Schamanismus erlebt werden, und tiefer Hypnose andererseits ganz ähnliche biologische und kognitive Aspekte zugrunde. Gerade dissoziative Erfahrungen (etwa die Trennung der Seele vom Körper) sind in der Hypnose bekannt, und sie machen die Wahrnehmung einer „anderen“ Realität, etwa einer Geisterwelt, sehr plausibel. (164)

Exogene Neurotransmitter

Man nimmt heute an, dass die Evolution des menschlichen Organismus eng mit dem Konsum exogener Neurotransmitter einherging, d. h. dass unsere Vorfahren über Hunderttausende von Jahren hinweg psychoaktive Substanzen einnahmen und das menschliche Gehirn demzufolge hervorragend daran angepasst ist.

So findet man z. B. weltweit Pilze, die das Indolalkaloid Psilocybin beinhalten. Diese Pilze sind auch bekannt unter dem Schlagwort „magic mashrooms“[8]. Der dabei entstehende Rausch, der auch visuelle Illusionen umfassen kann, ähnelt dem LSD-Rausch. In indigenen Kulturen wird diese Bewusstseinsveränderung meist als übernatürliche Erfahrung gedeutet.

Weil Schimpansen im Vergleich zum Menschen charakteristisch andere (i. e. schlechtere) Abbauprozesse solcher Substanzen im Organismus zeigen - ein wichtiger Botenstoff ist dabei das Serotonin - gibt es die begründete Vermutung, dass das menschliche Serotonin-System sich im Laufe der Evolution hervorragend an die effektive Verarbeitung dieser Art von Drogen angepasst hat. (165)

Dabei lässt sich zeigen, dass solche durch Drogen ausgelösten Erfahrungen direkt mit schamanischen Erfahrungen in Zusammenhang stehen: Zugang zur Welt der Geister, die Erfahrung der Trennung von Seele/Geist und Körper, die Wahrnehmung fremder Kräfte, die Kontaktaufnahme mit Tieren (auch die Verwandlung in Tiere), Erfahrungen von Tod und Wiedergeburt, Visionen, Heilungen und die Stärkung des Zusammenhalts einer Gemeinschaft. (166)

Hinzu kommt die Beobachtung, dass solche Pflanzen oder Substanzen in vielen Kulturen weltweit als „heilig“ verehrt oder als „Götter“ oder „mächtige Geister“ angesehen und verehrt werden. (166)

So zeigt sich: Im Laufe der Evolution hat sich der Mensch scheinbar perfekt an den Konsum exogener Neurotransmitter in Form von psychoaktiven Pflanzen und anderen Substanzen angepasst (und die Gefahren erkannt, die damit einhergehen), um sich den Nutzen veränderter Bewusstseinszustände im Blick auf Verhalten, Gefühle und Kognition zu eigen zu machen. (166)

Tanz und Musik

Tanz und Musik sind Fähigkeiten, die wir sonst im Tierreich bei keiner anderen Spezies in vergleichbar entwickelter Form vorfinden (auch wenn etwa Bienen durchaus tanzen und damit kommunizieren können). Sowohl Tanz als auch Musik beruhen auf einem der zentralsten menschlichen Kommunikationsmuster, i. e. auf unserer Fähigkeit zurNachahmung (mimesis). (167) Musik erweitert unsere Kommunikationsmöglichkeiten über die Reichweite des Sehens hinaus (z. B. können wir andere singen hören, noch bevor wir sie sehen). (167) Evolutionsgeschichtlich gesehen wäre es möglich, dass sich Musik/Singen entwickelte, um die Mutter-Kind­Kommunikation zu verstärken. Seit Langem ist auch bekannt, dass Musik das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe verstärkt, etwa indem sie Verhalten und Kognition der Einzelnen synchronisiert. Zudem ist Musik in der Lage, das menschliche Hormon-System zu beeinflussen, etwa die Ausschüttung von Oxytocin, welches soziale Beziehungen beeinflusst. (168) Aus genetischer Sicht gibt es Hinweise auf einen speziellen Genotyp für Tanz, der mit einem verbesserten Serotonin-Transport im Körper und mit dem Opioid Arginin-Vasopressin in Verbindung steht, welches bei Primaten die soziale Kommunikation beeinflusst. Auch ist seit Langem bekannt, dass Tanz alternative Bewusstseinszustände und mystische Erfahrungen hervorrufen kann, man denke an den Sufismus. (167)

Es gibt Hinweise darauf, dass sich in den letzten 500.000 Jahren menschlicher Entwicklung biologische Mechanismen entwickelt haben, die unsere soziale Kommunikationsfähigkeit steuern, und sie haben vermutlich mit körpereigenen Dopaminen, Endorphinen, Oxytocin, Serotonin und Vasopressin zu tun. In gewisser Weise sind Musik und Tanz also die Quintessenz menschlicher Techniken, um Informationen mit anderen Gehirnen auszutauschen und Gruppen zu formen. (169) Kein Wunder, dass Musik und Tanz weltweit zu beobachtende Verhaltensweisen im Kontext schamanischer Rituale sind. (166)

Prozeduren zur Vorbereitung von Ritualen

Seit Langem setzen Menschen gezielt bestimmte Verhaltensweisen ein, um Rituale vorzubereiten und alternative Bewusstseinszustände zu ermöglichen. (169) Auch bei schamanischen Ritualen kommen solche Verhaltensweisen zum Einsatz.

17 Fasten etwa kann bekanntermaßen Halluzinationen, Dissoziationen und Paranoia verursachen. (170)

17 Oft gehört sexuelle Enthaltsamkeit zur Vorbereitung für ein Ritual. (170) Dafür gibt es vermutlich gute biologische Gründe: Im Laufe der sexuellen Erregung werden sowohl das sympathische als auch das parasympathische Nervensystem aktiviert. Auf dem sexuellen Höhepunkt kollabiert das sympathische System, und das parasympathisch System wird dominant. Ganz gleich verhält es sich bei schamanischen Praktiken: Steigende Erregung bis zum Kollaps in einen Status, in dem das parasympathische System dominant ist. Sexuelle Erregung vor einem Ritual könnte bewirken, dass dieses für die schamanische Praxis notwendige Zusammenspiel gestört wird. (171)

if Schließlich können veränderte Bewusstseinszustände auch durch extreme körperliche Aktivitäten induziert werden, etwa durch stundenlanges Tanzen. Dabei wird das zentrale Opioid-System des Körpers aktiviert und die körpereigenen Regulationsmechanismen für die Körpertemperatur (Schwitzen) werden gestört, was die Freisetzung körpereigener Opioide bewirkt. Außerdem stimuliert körperlicher Stress (durch Verbrennungen, extreme Kälte oder Hitze, giftige Substanzen usw.) das sympathische Nervensystem, was wiederum zu einem parasympathisch dominanten Status führt und Endorphine freisetzt. (171)

Träume und schamanisch verändertes Bewusstsein

Nicht selten finden schamanische Rituale nachts statt: Zunächst wird der Schlaf durch stundenlanges Tanzen und Singen vermieden, anschließend fallen die Teilnehmenden in traumähnliche Zustände. (172) Solche Rituale können luzides Träume begünstigen, denn der REM- Schlaf wird dabei durch die zuvor hohe körperliche Aktivität verbessert. Beim luziden Träumen ist der Träumende bei vollem Bewusstsein, während er dennoch schläft. Zugleich ist es in diesem Zustand einfacher, mit dem Unbewussten zu kommunizieren, was eine größere Wahrnehmung von Information ermöglicht, die sonst vom Bewusstsein ausgefiltert werden.

REM-Schlaf kommt bei allen Säugetieren vor und ist als Gedächtnisprozess anzusehen, um Erfahrungen zu bewerten und Handlungsstrategien zu entwickeln, während Inhalte aus dem Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis übertragen werden. (172)

Seelenflug und Körper

Eine der zentralen schamanischen Erfahrungen ist der Seelenflug, bei dem die Seele den Körper verlassen soll. Ähnliche Erfahrungen werden von Menschen berichtet, die eine Nahtoderfahrung hatten oder klinisch tot waren (d. h. einen Kreislaufstillstand hatten).

Eine mögliche Theorie zur Erklärung dieses Phänomens besagt, dass es sich bei außerkörperlichen Erfahrungen um eine Synästhesie handelt, also um eine Kopplung von körperlich eigentlich getrennten Aspekten der Wahrnehmung: Dabei würden visuelle Bilder des eigenen Körpers mit der menschliche Fähigkeit kombiniert, sich injemand anderen hineinzuversetzen. (172) Die Seelenreise umfasst die Fähigkeit, die Sichtweise anderer auf einen selbst einzunehmen und sie real zu visualisieren, während das Selbst zugleich als vom Körper dissoziiert wahrgenommen wird. (173) Vermutlich sind solche außerkörperlichen Erfahrungen die Grundlage für weltweit verbreitete Vorstellungen von Geistern, Seelen und anderen übernatürlichen Phänomenen. Weil solche Erfahrungen sehr eindrücklich sind, scheinen sie zweifellos auf eine zweigeteilte Wirklichkeit hinzuweisen: Materie und Geist, Körper und Seele, diese und eine andere Welt. (174)

Denkbare wäre, dass sich diese Fähigkeit im Laufe der Evolution entwickelt hat, weil sie es uns Menschen z. B. ermöglicht, zukünftige Ereignisse vorherzusagen, sie real zu visualisieren und dadurch sinnvolle Entscheidungen zu treffen. (175)

Biologische Grundlage des schamanischen Bewusstseins

Das schamanische Bewusstsein dürfte eine spezifische Form eines veränderten Bewusstseinszustandes sein. Es lässt sich biologisch folgendermaßen charakterisieren: Zu beobachten sind hochsynchronisierte Gehirnwellenmuster, was auf eine Stimulation der Prozesse niedrigere Gehirnsysteme und auf ihre Integration in die Gehirnsysteme des höher entwickelten Frontaxkortex hinweist. Vereinfacht ausgedrückt: Funktionen des präsymbolischen Verstandes und des limbischen Systems (das wir mit allen Säugetieren teilen, und das für Gemeinschaftsbildung, Kooperation, soziale Beziehungen, zwischenmenschliche Bindungen etc. zuständig ist) werden mit den kognitiven Möglichkeiten des Frontalkortex synchronisiert und in diese eingebunden. Darum sind schamanische Bewusstseinszustände emotionaler als das Wachbewusstsein und zielen stark auf soziale Beziehungen und Gemeinschaft ab. (175ff.)

Fazit

Insgesamt könnte man also sagen, dass (kern-)schamanische Techniken in hervorragender Weise die im Laufe der Evolution entwickelten Möglichkeiten des menschlichen Organismus im Blick auf Kommunikation und Organisation von Gemeinschaft, im Blick auf psychosomatische Heilung und im Blick auf strategische Handlungsentscheidungen aufgreifen und adaptieren - und dass sie von körperlich, geistig und seelisch stabilen Menschen relativ gefahrlos und gewinnbringend für sich selbst angewandt werden können.

[...]


[1] Haringke Fugmann, Kern-Schamanismus aus theologischer Sicht. Mit einer Antwort von Paul Uccusic, Geschäftsführer der Foundation for Shamanic Studies Europa, Beiträge zur Erforschung religiöser und geistiger Strömungen, Band 5, 2013, vgl. http://www.buecher.de/shop/buecher/kern-schamanismus-aus-theologischer- sicht/fugmann-haringke/products_products/detail/prod_id/37759095/ (Stand: 18.6.2013).

An dieser Stelle möchte ich dringend dazu raten, diesen ersten Beitrag vor dem hier vorliegenden zu lesen. Nur so kann das Folgende ganz und gar verstanden werden, da ich die dort eingeführten Begriffe und Konzepte (Geister, spirits, NAW, obere, mittlere und untere Welt, autonome Imagination, imaginale Welt, das Imaginäre, Trance etc.) und theologischen Überlegungen hier nicht noch einmal erläutere.

[2] Weiterführende theologische Überlegungen dazu habe ich in meinem ersten Beitrag zum Thema (s. o.) behandelt.

[3] Mircea Eliade, Shamanism: Archaic techniques of ecstasy, New York, 1964.

[4] Michael Winkelman, Shamans and other „magico-religious healers“: A cross-cultural study of their origins, nature, and social transformation, Ethos, Vol. 18, 1990; ders., Shamans, priests, and witches. A cross-cultural study of magico-religious practitioners, Anthropological Research Papers, Nr. 44, Arizona, 1992; ders., und D. White, A cross-cultural study of magico-religious practitioners and trance states: Data base, in: D. Levinson, R. Wagner (Hg.), Human relations area files research series in quantitative cross-cultural data, Vol. 3, New Haven, 1987.

[5] Für was Folgende: Michael Winkelman, Shamanism and the Alteration of Consciousness, in: Etzel Cardena, Michael Winkelman (Hg.), Altering Consciousness. Multidisciplinary Perspectives, Volume 1: History, Culture, and the Humanities, Santa Barbara, Denver, Oxford, 2011, 159-180.

[6] Michael Winkelman, John Baker, Supernatural as natural: A biological approach to religion, Upper Saddle River, 2008.

[7] Für was Folgende: Michael Winkelman, Shamanism and the Alteration of Consciousness, in: Etzel Cardena, Michael Winkelman (Hg.), Altering Consciousness. Multidisciplinary Perspectives, Volume 1: History, Culture, and the Humanities, Santa Barbara, Denver, Oxford, 2011, 159-180.

[8] Nach einem Artikel von R. Gordon Wasson, Seeking the Magic Mushroom, Indians of Mexico (Rites and ceremonies), in: Live Magazin, 1957. Im Internet zu finden unter: http://books.google.de/books? id=Ji8EAAAAMBAJ&pg=PA100&redir esc=v#v=onepage&q&f=true (Stand: 20.3.2013).

36 von 36 Seiten

Details

Titel
Ist der Kern-Schamanismus empfehlenswert?
Untertitel
Mit einer Antwort von Roland Urban, stellvertretender Geschäftsführer der Foundation for Shamanic Studies Europe, und weiterer Korrespondenz
Hochschule
Augustana-Hochschule Neuendettelsau
Autor
Jahr
2013
Seiten
36
Katalognummer
V231292
ISBN (Buch)
9783656491354
Dateigröße
711 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
kern-schamanismus, antwort, roland, urban, geschäftsführer, foundation, shamanic, studies, europe, korrespondenz
Arbeit zitieren
Haringke Fugmann (Autor), 2013, Ist der Kern-Schamanismus empfehlenswert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231292

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