Die Protagonisten des Films "Blade Runner" und der Lacan‘sche Blick in den Spiegel

"Each half lacks what the other has"


Hausarbeit, 2013
11 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Das „Spiegelstadium“ nach Lacan

3. Rick Deckard versus Roy Batty
3.1. Die Figur des Rick Deckard
3.2. Die Figur des Roy Batty

4. Betrachtung der beiden Protagonisten unter Berücksichtigung des Lacanschen Prinzip des Spiegelstadiums

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der unter der Regie von Ridley Scott entstandene Film Blade Runner ist seit Veröffentlichung der ersten Version 1982[1] Basis vieler Interpretationen. Das Thema künstliches Leben wird im Film durch die Produktion sogenannten Replikanten[2] aufgegriffen. Eine Betrachtung des Films aus Sicht der philosophischen Anthropologie liegt daher nahe. Die Darstellung des perfekten künstlich erstellten Menschen sorgt dafür, dass sowohl Zuschauer als auch Filmkritiker das präsentierte Menschenbild hinterfragen[3].

Eine Theorie, die sich zur Untersuchung des Films anbietet, ist die von Jacques Lacan entwickelte Theorie des Spiegelstadiums. Diese besagt, dass sich das „Ich“ jeder Person im Kindesalter in „Ideal-Ich“ und „(Sozial-) Ich“ spaltet. Dies geschieht beim Blick in den Spiegel im Alter von sechs bis achtzehn Monaten. Das Kind erkennt, dass sein eigener Körper dem im Spiegel erblickten Ideal nicht entspricht und dies führt zu einem Gefühl der Unvollkommenheit und dem Streben nach dem „Ideal-Ich“[4].

Die beiden Protagonisten des Films Deckard und Roy sind nicht nur Repräsentanten der im Film unterteilten Gruppen (Replikanten, Nicht-Replikanten), sondern weisen im Laufe des Films eine Entwicklung auf, die naheliegt, dass die beiden eine miteinander verflochtene Abhängigkeitsbeziehung haben. Der Anblick des jeweils anderen bündelt in beiden Figuren Träume und Ängste und sie bilden ein untrennbares Geflecht[5]. Diese Arbeit untersucht nun die Frage danach, wie diese beiden Figuren das Bild des Lacanschen Spiegelstadiums abbilden. Bilden Replikant und Blade Runner durch die gegenseitige Auffüllung der Mängel des anderen das „Ideal-Ich“?

2. Das „Spiegelstadium“ nach Lacan

Das sogenannte „Spiegelstadium“[6] ist eine durch den französischen Philosophen und Psychoanalytiker Jacques Lacans entwickelte Grundannahme in dessen Werken zum Entwicklungsprozess des Menschen[7]. Vereinfacht lässt sich der als „Spiegelstadium“ bezeichnete Entwicklungsprozess folgendermaßen darstellen:

Wird ein sechs bis achtzehn Monate altes Kind vor einen Spiegel gesetzt, so ist es in der Lage, sein Spiegelbild als sich selbst zu erkennen. Da es jedoch zuvor seinen Körper immer nur in Teilen (z.B. Hand, Bein) gesehen hat und ihn als „fragmentiert“[8] empfunden hat, kann es sich mit dem Spiegelbild zunächst nicht identifizieren. Die Koordinationsfähigkeit und die Kontrolle über den eigenen Körper des Kindes sind noch nicht vollständig ausgebildet. Im Spiegel erkennt das Kind jedoch sich selbst als ein ein Ganzes („whole“[9] ), das im Kontrast zu seinem fragmentierten Körper („fragmented body“[10] ) steht. Der Anblick dieses Ganzen führt zunächst dazu, dass das Kind mit seiner eigens empfundenen Unvollständigkeit konfrontiert wird und in eine Rivalität mit dem eigenen (perfekten) Spiegelbild tritt. Diese kann nur überwunden werden, indem das Kind beginnt, sich mit dem eigenen Spiegelbild zu identifizieren und versucht, dieses Bild von sich als „Ideal- Ich“[11] anzustreben. Da das Kind aber im Spiegel eine körperliche Einheit sieht, die es an sich selbst nicht empfindet, findet an dieser Stelle eine Entfremdung statt, die zur Spaltung des Subjekts[12] in „Ideal-Ich“ und „(soziales) Ich“ führt[13]. Durch den Blick in den Spiegel und das Erkennen des perfekten „Gegenübers“ werden dem Kind die eigenen Mängel klar. Es fühlt sich unvollkommen und versucht die „Lücke“ zu schließen, indem es nach dem „Ideal-Ich“ strebt. Eine Identitätskrise ist die Folge. Das Subjekt ist von nun an zweigeteilt und durch ein Streben nach Perfektion gekennzeichnet[14]

Das Konzept des Spiegelstadiums lässt sich von seiner Rolle in der Entwicklung eines Kleinkindes ausweiten auf seine Rolle im Identitätsverständnis jedes Menschen. Selbstidentifizierung und Selbstidentifikation entstehen durch den Prozess der Abgrenzung[15].

„The mirror stage is far from a mere phenomenon which occurs in the development of a child. It illustrates the conflictual nature of the dual realationship.”[16]

3. Rick Deckard versus Roy Batty

3.1. Die Figur des Rick Deckard

„The hero, the hard-boiled investigator, is sent on a quest whose final outcome involves discovering that he himself was from the very beginning implicated in the object of his quest.”[17]

Rick Deckard verkörpert den Filmtitel: er ist „Blade Runner“. Als Blade Runner ist es seine Aufgabe, die auf der Erde illegalen Replikanten „in den Ruhestand zu versetzen“[18]. Eigentlich schon selbst im Ruhestand, wird Deckard von seinem ehemaligen Boss Bryant in dessen Büro zitiert und genötigt, einen letzten Blade Runner Job zu übernehmen. Er soll sich um vier illegal auf die Erde gekommene Replikanten kümmern, sie auslöschen[19]. Da sich die Replikanten jedoch schwer von Menschen unterscheiden lassen und somit eine hervorragende Tarnung besitzen, muss Deckard den speziell entwickelten „Voight-Kampff-Test“[20] anwenden, um ihre Identität auszumachen. Konfrontiert mit der Replikantin Rachael, die als Experiment selbst nicht weiß, dass sie kein Mensch ist[21], ist Deckard gezwungen, über seine eigene Identität nachzudenken. Rachael stellt ihm provokante Fragen und macht ihn auf seine eigene nicht bewiesene Identität als Mensch aufmerksam („You know that Voight-Kampff-Test of yours, did you ever take that test yourself?“[22] ). Die Präsenz der nahezu perfekten Replikanten und seine Aufgabe diese zu töten, lassen in ihm moralische Zweifel und auch Selbstzweifel entstehen. Ist Deckard anfangs der selbstsichere Science-Ficiton-Held, der die Welt vor den gefährlichen fremden Kreaturen retten soll, so gerät er im Laufe des Films immer mehr selbst ins Schussfeuer – und zwar in sein eigenes. Er zweifelt an seiner eigenen Identität, beginnt seine blutigen Morde zu bereuen und entwickelt Gefühle für Rachael[23].

[...]


[1] Vgl. Scott Bukatman: Blade Runner. London 1997. S. 8f.

[2] Parfen Laszig: Der Glanz im Auge des Replikanten. Blade Runner – Regie: Ridley Scott. In: Parfen Laszig (Hrsg.): Blade Runner, Matrix und Avatare: Psychoanalytische Betrachtung virtueller Wesen und Welten im Film. Berlin/Heidelberg 2013. S. 73.

[3] J. P. Telotte: Human Artifice and the Science Fiction Film. S. 44ff. In: University of California Press (Hrsg.): Film Quarterly 36 (1983) H. 3, S. 44-51.

[4] Vgl. Dylan Evans: An introductory dictionary of Lacanian psychoanalys. London 1996. S. 115.

[4] Ebd. S. 115.

[5] Vgl. Joseph Francavilla: The Android as Doppelgänger. In: Judith B. Kerman (Hrsg.): Retrofitting Blade Runner : issues in Ridley Scott's Blade Runner and Philip K. Dick's Do Androids Dream of Electric Sheep?. Ohio 1997. S. 11.

[6] Christoph Braun: Die Stellung des Subjekts. Lacans Psychoanalyse. Berlin 2008. S. 29.

[7] Vgl. ebd. S. 29ff.

[8] Vgl. ebd. S. 33.

[9] Evans: An introductory dictionary of Lacanian psychoanalys. S. 115.

[10] Ebd. S. 115.

[11] Braun: Die Stellung des Subjekts. S. 29.

[12] Vereinfacht gesagt steht der Begriff Subjekt zunächst einmal für ein menschliches Wesen. Vgl. Evans: An introductory dictionary of Lacanian psychoanalysis. S. 195f.

[13] Vgl. Evans: An introductory dictionary of Lacanian psychoanalys. S. 115f.

[14] Vgl. Braun: Die Stellung des Subjekts. S.29ff.

[15] Vgl. ebd. S. 29.

[16] Lacan: Autres Écrits. Paris 2001. S. 17. Zit. nach: Evans: An introductory dictionary of Lacanian psychoanalysis. S. 115.

[17] Slavoj Žižek: Tarrying with the Negative. Kant, Hegel and the critique of Ideology. Durham 1993. S. 10.

[18] Vgl. BLADE RUNNER – FINAL CUT, USA 2007, R: Ridley Scott. TC 0:0:34-0:01:30.

[19] BLADE RUNNER – FINAL CUT. TC 0:11:41-0:13:20.

[20] Ebd. TC 0:14:05-0:14:13.

[21] Ebd. TC 0:21:25-0:22:18.

[22] Ebd. TC 1:06:05-1:06:10.

[23] Vgl. Žižek: Tarrying with the Negative. S. 11.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Protagonisten des Films "Blade Runner" und der Lacan‘sche Blick in den Spiegel
Untertitel
"Each half lacks what the other has"
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Conditio Humana
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
11
Katalognummer
V231301
ISBN (eBook)
9783656478188
ISBN (Buch)
9783656480099
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Filmwissenschaft, Blade Runner, Ridley Scott, Roy Batty, Rick Deckard, Jacques Lacan, Theorie des Spiegelstadiums, Replikant
Arbeit zitieren
Ilka Eliana Knigge (Autor), 2013, Die Protagonisten des Films "Blade Runner" und der Lacan‘sche Blick in den Spiegel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231301

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