Ein Unternehmen, das sich in der heutigen Zeit der freien Marktwirtschaft und dem daraus resultierenden Wettbewerb von seinen Konkurrenten absetzen will, ist gewählt seine Investitionen so präzise wie möglich zu planen. Dabei wäre es jedoch fatal für das Unternehmen sich nur mit den Risiken einer Investition zu beschäftigen, sondern es muss auch etwaige Chancen erkennen können und diese für sich nutzen. Die Realoptionsanalyse ist ein Verfahren, das diese Brücke zwischen Risiko und Chance in bestimmten Fällen zu schlagen vermag. Jedoch lässt die gängige Literatur darauf schließen, dass in den letzten Jahrzehnten geteilte Meinungen bezüglich der Bewertungsverfahren entstanden sind. Während einige davon ausgehen, dass klassische Bewertungsverfahren, wie der passive Kapitalwertansatz (NPV), den Wert von Investitionen unter Unsicherheit, systematisch unterbewerten, wird auch die Meinung vertreten, dass der Realoptionsansatz (ROA) dazu führen kann, einen viel zu hohen Wert anzusetzen. Dies wäre der Fall zu Beginn der New Economy gewesen. Anfang des Jahrtausends wurden auf diese Weise Start-Up Unternehmen, insbesondere im IT-Bereich, systematisch überbewertet. Wie das Ganze ausging ist weitestgehend bekannt. Dieses Beispiel sollte allerdings nicht nur dazu dienen das Bewertungsverfahren zu kritisieren, sondern mehr dazu beitragen, die Fehlerquellen zu identifizieren, die in der Zukunft vermieden werden können. Es gilt also nicht nur stur an einem Bewertungsverfahren fest zu halten, sondern abzuwägen welche Methode sich für das gegebene Projekt am besten eignet. Ferner sind viele Projekte mit anderen Verfahren kaum risikoadäquat und realitätsnah zu bewerten. Man denke nur an sequentielle Investitionen.
Das Ziel dieser Arbeit ist deshalb die Auseinandersetzung mit dem ROA als Bewertungsverfahren und dessen kritische Betrachtung. Es soll darüber Klarheit entstehen, dass neben der Komplexität des Verfahrens trotzdem Möglichkeiten bestehen, diesen projektspezifisch einzusetzen und daraus Vorteile zu ziehen. Ferner soll jedoch auch erkannt werden, wann die Komplexität den Nutzen übersteigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Verfahren der Investitionsbewertung
2.1 Übersicht
2.2 Dynamische Verfahren
2.2.1 Interne Zinsfußmethode und Annuitätenmethode
2.2.2 Die Kapitalwertmethode
2.2.2.1 Net Present Value
2.2.2.2 Free Cash-Flows
2.2.2.3 Kapitalisierungszinssatz
2.2.2.3.1 Weighted Average Cost of Capital (WACC)
2.3 Risiko- und Entscheidungsanalyse
2.3.1 Entscheidungsbaumanalyse
2.3.2 Sensitivitätsanalysen
2.3.3 Simulation
2.4 Zusammenfassung
3. Realoptionen
3.1 Grundlagen
3.2 Finanzoptionen
3.2.1 Definition
3.2.2 Eigenschaften von Finanzoptionen
3.3 Analogie von Realoptionen zu Finanzoptionen
3.4 Klassifizierung von Realoptionen
3.4.1 Flexibilitätsoptionen
3.4.2 Verbundoptionen
4. Bewertung von Realoptionen
4.1 Optionspreistheoretische Modelle
4.1.1 Stochastische Prozesse und weitere Annahmen
4.1.2 Replikationsportfolio und risikoneutrale Bewertung
4.1.3 Das Binomial-Modell nach Cox/Ross/Rubinstein
4.1.4 Das Black & Scholes Modell
4.2 Bestimmung der Inputparameter
4.2.1 Basiswert
4.2.2 Ausübungspreis
4.2.3 Verfallzeit der Option
4.2.4 Risikofreier Zins
4.2.5 Wert der entgangenen Erträge
4.2.6 Volatilität der Erträge
4.3 Fallbeispiele
4.3.1 Bewertung mit Black & Scholes
4.3.2 Bewertung mit dem Binomial-Modell nach Cox/Ross/Rubinstein
5. Kritische Würdigung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit der Realoptionsanalyse (ROA) als Verfahren zur Investitionsbewertung auseinander. Das primäre Ziel ist es, die Komplexität des Verfahrens aufzuzeigen und zu untersuchen, wann ein Einsatz trotz der methodischen Anforderungen sinnvoll ist und welche Vorteile gegenüber klassischen, passiven Bewertungsansätzen wie dem Kapitalwertverfahren (NPV) bestehen.
- Kritische Analyse klassischer versus dynamischer Investitionsbewertungsverfahren
- Herleitung und Funktionsweise der Realoptionsanalyse in Analogie zu Finanzoptionen
- Methodische Bewertung von Realoptionen mittels stochastischer Modelle (Black & Scholes, Binomialmodell)
- Bestimmung und Problematik bei der Ermittlung relevanter Inputparameter für Realoptionen
- Praktische Anwendungsbeispiele zur Veranschaulichung der Entscheidungsfindung unter Unsicherheit
Auszug aus dem Buch
3.1 Grundlagen
Ein grundlegendes Problem der klassischen Kapitalwertmethode liegt in der Annahme, dass Investitionen nur zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden. Tatsächlich können Investitionen gestaffelt erfolgen. In diesen Fällen liefert der Kapitalwert lediglich den Barwert ohne die Berücksichtigung von weiteren, möglichen Chancen, die sich dadurch ergeben, dass das Management auf zufällig eintretende Umweltereignisse reagieren kann. Diese Handlungsflexibilität wiederum hat einen Wert, der mit Hilfe von Realoptionen erfasst werden kann. Der Kapitalwert ohne den Optionswert geht somit in bestimmten Fällen mit einer systematischen Unterbewertung von Investitionsvorhaben einher.
Der Begriff Realoption geht zurück auf den von Stewart Myers im Jahre 1977 veröffentlichten Artikel „Determinants of Corporate Borrowings“. Demnach definiert er einen Teil der Vermögensgegenstände eines Unternehmens als „Real Assets“ und den Teil der Vermögensgegenstände, die von weiteren Investitionen abhängen als „opportunities to purchase real assets on possibly favorable terms“(Myers 1977). Die Auszahlungsstrukturen dieser Vermögensgegenstände ähneln der einer Finanz-Call-Option. Als deutliche Beispiele führt Myers in etwa Marketingaufwendungen und Ausgaben für F&E an.
Realoptionen sind in Analogie zu Finanzoptionen als Wahlmöglichkeiten bzw. Rechte zu verstehen. Sie ermöglichen dem Optionsinhaber bei Eintreten eines bestimmten Umweltzustandes sich für oder gegen eine Investition zu entscheiden. Solche Umweltzustände können bspw. neue Informationen über projektabhängige Faktoren wie Marktpreise oder Absatzmengen sein. Folglich hat der Investor die Wahl ob er ein Projekt erweitern, aufschieben oder gar abbrechen soll. Der Einbezug der Wahlmöglichkeiten in die Bewertungsmethode schlägt sich sodann nicht nur als risikobegrenzend nieder, sondern ermöglicht die Expansion des Gewinnpotentials und der daraus resultierenden Wettbewerbsfähigkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Investitionsbewertung unter Unsicherheit ein und skizziert das Ziel der Arbeit, den Realoptionsansatz kritisch zu bewerten.
2. Verfahren der Investitionsbewertung: Es wird ein Überblick über statische und dynamische Verfahren gegeben, wobei der Fokus auf der Kapitalwertmethode und der Risikoanalyse liegt.
3. Realoptionen: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen der Realoptionen, stellt die Analogie zu Finanzoptionen her und klassifiziert die verschiedenen Arten von Realoptionen.
4. Bewertung von Realoptionen: Hier werden die mathematischen Modelle (Binomial-Modell, Black & Scholes) zur Bewertung von Realoptionen sowie die Bestimmung der notwendigen Inputparameter detailliert behandelt.
5. Kritische Würdigung und Fazit: Das abschließende Kapitel fasst die Vor- und Nachteile der Realoptionsanalyse zusammen und würdigt die praktische Umsetzbarkeit des Verfahrens.
Schlüsselwörter
Investitionsbewertung, Kapitalwertmethode, Realoptionen, Finanzoptionen, Entscheidungsanalyse, Volatilität, Black & Scholes, Binomial-Modell, Risiko, Unsicherheit, Flexibilitätsoptionen, Verbundoptionen, Investitionsentscheidungen, Monte-Carlo-Simulation, Bewertungsmodelle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit Methoden zur Bewertung von Investitionsprojekten, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem Vergleich zwischen klassischen Kapitalwertmodellen und dem Realoptionsansatz liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die klassische Investitionsrechnung, die Risikoanalyse, die mathematische Optionspreistheorie und deren Übertragbarkeit auf reale unternehmerische Investitionsoptionen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Realoptionsansatz, um zu klären, unter welchen Bedingungen die methodische Komplexität dieses Ansatzes gegenüber traditionellen Verfahren einen echten Mehrwert für Investitionsentscheidungen bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Bewertung verwendet?
Die Arbeit analysiert insbesondere optionspreistheoretische Modelle wie das Black & Scholes-Modell sowie das Binomial-Modell nach Cox/Ross/Rubinstein und deren Anwendung zur quantitativen Bewertung von Managementflexibilität.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Übersicht der klassischen Verfahren, die theoretische Fundierung der Realoptionen, eine mathematische Herleitung der Bewertungsmodelle sowie die praktische Bestimmung kritischer Werttreiber und Inputparameter.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Kapitalwert, Realoptionen, Volatilität, Optionspreistheorie, Investitionsentscheidungen und Unsicherheit geprägt.
Wie unterscheidet sich die Realoptionsanalyse vom passiven Kapitalwertansatz?
Während der passive Kapitalwertansatz Investitionen als starre Einmalentscheidungen bewertet, ermöglicht die Realoptionsanalyse die Berücksichtigung von Handlungsflexibilität, wie etwa Optionen zum Aufschub, zur Erweiterung oder zum Abbruch von Projekten.
Warum spielt die Volatilität eine so zentrale Rolle bei der Bewertung von Realoptionen?
Die Volatilität dient als Maß für die Unsicherheit und ist gleichzeitig eine „Chancenkennziffer“. Da Optionen asymmetrische Auszahlungsstrukturen aufweisen, steigt ihr Wert mit zunehmender Volatilität, da das Gewinnpotenzial bei positiven Entwicklungen steigt, während das Risiko nach unten begrenzt ist.
- Arbeit zitieren
- David Iusow (Autor:in), 2013, Investitionsbewertung unter Einsatz von Realoptionsmodellen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231370