Phonétique en chantant. Aussprache und Aussprachetraining im gymnasialen Fremdsprachenunterricht Französisch mit dem Medium Chanson


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
45 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Laissons-nous chanter

2. La phonétique en chantant
2.1 Warum Aussprache im Fremdsprachenunterricht Französisch schulen?
2.2 Welche phonetischen, phonologischen und prosodischen Besonderheiten der französischen Sprache stellen für den germanophonen Lerner Schwierigkeiten dar?
2.3 Warum Aussprache und Aussprachetraining mit Musik durchführen?
2.4. Wie das Chanson im Fremdsprachenunterricht einsetzen?
2.4.1 Rahmenbedingungen und Organisation
2.4.2. Die Nasalvokale, und
2.4.2.1 Problemaufriss
2.4.2.2 Übungsmethode
2.4.3. Satzphonetik
2.4.3.1 Problemaufriss
2.4.3.2 Übungsmethode

3 Welche Problemfelder können sich auftun?

4 Anhangsverzeichnis
Ia Arbeitsblatt Un petit cochon
Ib Erwartungsbild Un petit cochon
IIa Arbeitsblatt Bilder
IIb Erwartungsbild Bilder
IIIa Arbeitsblatt Victime de la mode
IIIb Erwartungsbild Victime de la mode
IIIc Tafelbild Victime de la mode
IVa Tafelbild Un, deux, trois
IVb Erwartungsbild Un, deux, trois
IVc CD La phonétique. Audition, prononciation, correction
Va Arbeitsblatt Les mots bleus
Vb Erwartungsbild Les mots bleus
Vc CD Thierry Amiel Paradoxes

5 Literaturverzeichnis

1 Laissons-nous chanter

„Quand vous écoutez une langue étrangère, même si vous ne la comprenez pas, vous en recevez une impression sonore, comme lorsque vous écoutez de la musique.”1 Sprache und Musik leben von ihrer auditiven Wahrnehmung und mündlichen Realisierung, zwei Fertigkeiten, die jedes Kind in seiner Muttersprache als allererstes erwirbt und die auch für das Erlernen einer Fremdsprache unerlässlich sind. Doch gerade diese primären Fertigkeiten des Hörens und Sprechens bereiten im Fremdsprachenunterricht2 Französisch germanophonen Lernern einige Schwierigkeiten. Die Nähe von Sprache und Musik bietet eine Möglichkeit, Hör- und Aussprachetraining im FSU Französisch unter Zuhilfenahme des französischen Chansons durchzuführen. Anliegen der vorliegenden Arbeit ist es, die Integration von Musik3 in den phonetikorientierten FSU Französisch anhand von ausgewählten Problemfeldern und Übungsmethoden aufzuzeigen. Der Schwerpunkt liegt auf der Aneignung, Förderung und Festigung von auditiven und artikulatorischen Fähigkeiten in der Fremdsprache durch Chansons, ohne deren Einsatzmöglichkeiten in weiteren Domänen wie Grammatik- oder Lexikarbeit anzusprechen. Es sollen keine vollständigen Unterrichtsplanungen aufgestellt, sondern zu ausgewählten phonetischen, phonologischen und prosodischen Besonderheiten Vorschläge und Empfehlungen für den Lehrenden zur Einbindung von Musik in den FSU gegeben werden. Auf Korrektur- und Bewertungsmöglichkeiten wird im Detail nicht eingegangen. Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf den gymnasialen Fremdsprachenunterricht Französisch. Es erfolgt keine Aufgliederung in einzelne Klassen- und Altersstufen an sich, sondern nach den Kompetenzniveaus des CECR.4

2. La phonétique en chantant

2.1 Warum Aussprache im Fremdsprachenunterricht Französisch schulen?

Erst durch das Sprechen erwirbt jedes Kind seine Muttersprache. Ihm ist der mündliche Code bekannt, bevor es diesen, durch Lesen und Schreiben, mit einem schriftlichen Code verknüpfen kann.

Doch impliziter Spracherwerb, der ungesteuert und unbewusst abläuft, zieht den Verlust einer gewissen „sprachlichen Unschuld“ mit sich.5 Dem Fremdsprachenlerner ergeht es zu Beginn des Fremdsprachenerwerbs ähnlich wie dem Kind. Vom ersten Tag des gesteuerten und bewussten Erlernens einer Fremdsprache an, kommt er in den direkten Kontakt mit ihren phonetischen, phonologischen und prosodischen Besonderheiten. Ihm erscheinen diese zunächst unbekannt, da sie in seiner eigenen Muttersprache nicht vorhanden sind.

Mit dem Verlust der „sprachlichen Unschuld“ erfasst der Lerner eine Fremdsprache immer im Vergleich zu seiner Muttersprache. Da diese Sprachwahrnehmung eng mit der Sprachproduktion verbunden ist, ist es selbstverständlich und grundsätzlich für den modernen FSU, bewusst auf die Problematik der Aussprache einzugehen. Denn Aussprache ist sowohl bei der Sprachwahrnehmung als auch bei der Sprachproduktion allgegenwärtig. Der Akt des Sprechens impliziert sofort die Art des Aussprechens, die wiederum einen entscheidenden Einfluss auf das Verstehen und die Qualität der zu übermittelnden Information ausübt. Ohne eindeutige und korrekte Aussprache kommt eine mündliche Kommunikation, die im Austausch von Information eben durch die Sprache besteht, schnell ins Stocken, im Extremfall völlig zum Erliegen.

Da das höchste Ziel des modernen FSU in der Aneignung der kommunikativen Kompetenz in der jeweiligen Fremdsprache besteht, und diese „sur une série de distinctions phonologiques sur lesquelles vont s’élaborer des distinctions grammaticales et lexicales“6 beruht, muss dem Ausspracheunterricht, im weitesten Sinne dem Phonetikunterricht, im FSU eine nicht zu vernachlässigende Rolle beigemessen werden. Im sächsischen Lehrplan Gymnasium Französisch 2004 wird diesem Ziel Rechnung getragen, wenn es heißt: „[…] die Schüler [erwerben] die Grundlagen einer differenzierten Kommunikations- und Diskursflhigkeit.“7

Allerdings positioniert sich der Lehrplan von 2004 nicht zur Rolle der Aussprache im FSU und gibt keinen Hinweis auf die Vermittlung von Lehrinhalten an, die die phonetischen, phonologischen und prosodischen Besonderheiten der französischen Sprache betreffen. In den Klassenstufen der Sekundarstufe I wird zwar auf das

„Anwenden der korrekten Aussprache der erlernten Norm“8 hingewiesen, mit dem Ziel „französische Laute und Intonationsmuster im Satz unterscheiden“9, nachbilden und beherrschen zu können, eine inhaltliche Präzisierung fehlt jedoch. Nicht nur der sächsische Lehrplan äußert sich zurückhaltend zum Thema Aussprache im FSU, auch Lehrer scheinen auf die bewusste Behandlung von phonologischen, phonetischen und prosodischen Merkmalen der französischen Sprache verzichten zu wollen. Einerseits gibt es nur wenige Übungsschwerpunkte in Lehrwerken und abwechslungsreiches Zusatzmaterial10, anderseits wird die Vermittlung von Aussprache, Phonetik im Allgemeinen, als schwierig empfunden und daher oft unterschätzt oder vernachlässigt:

Discipline vécue à la fois comme difficile et indispensable, la phonétique a tenu, dans la didactique, une place toujours singulière: tantôt éminente, tantôt subalterne, jamais anodine. Redoutée, fascinante, elle s’incarne pédagogiquement et sociologiquement, pour l’apprenant comme pour le béotien, dans l’une des valeurs les plus hautes de la pratique langagière: la prononciation.11

Die Marginalisierung der Phonetik und die geringe Beachtung eines bewussten Aussprachetrainings im FSU rührt auch von der Annahme her, dass allein das „bain linguistique“12, dem der Schüler im FSU begegnet, ausreiche, um eine korrekte französische Aussprache und Intonation zu erlangen.

Allerdings haben Untersuchungen gezeigt, dass systematische Ausspracheübungen im FSU unabdingbar und sehr förderlich sind, unabhängig davon, ob der Lernende die Fremdsprache vor oder nach der Pubertät erlernt13.

Die Behauptung, ein Akzent habe keinen Einfluss auf die Kommunikation zwischen Muttersprachler und Fremdsprachler, kann, wie bereits angedeutet, nicht bestätigt werden. Jeder Akzent oder jedes abwandelnde Aussprechen von Wörtern führt zu Problemen bei der Dekodierung der übermittelten Nachricht und kann eine Unterbrechung oder das Abbrechen des Gespräches nach sich ziehen.14 Die phonetischen, phonologischen und prosodischen Besonderheiten der französischen Sprache können in einem kommunikativen FSU nicht nur durch ihre „bloße“ Prlsenz, „nebenbei“ erlernt werden, sondern bedürfen einer bewussten und systematischen Vermittlung.

2.2 Welche phonetischen, phonologischen und prosodischen Besonderheiten der französischen Sprache stellen für den germanophonen Lerner Schwierigkeiten dar?

Die französische Sprache wird von deutschen Lernenden oftmals als „schwere“ Sprache empfunden und bereitet, im Gegensatz zur englischen, beim Erlernen größere Probleme.15

Gleich zu Beginn des Erlernens der französischen Sprache fällt ihnen auf, dass im Französischen nicht so geschrieben wird wie man spricht, sondern eine Diskrepanz zwischen Phonie und Graphie herrscht. Diese ist dem deutschen Muttersprachler in jener Art und Weise höchstens aus Fremdwörtern bekannt. Der teilweise große Unterschied zwischen Lautung und Schreibung wird nicht nur von Schülern als verwirrend, sondern auch von Lehrern als kaum lehrbar empfunden.16

Aus diesem Phonie-Graphie-Gefälle ergeben sich weitere Problemfelder, von denen besonders die für das Französische typischen Nasalvokale hervortreten, sowie die Halbvokale [ɥ], [j] [w], der Laut [ɲ], das Phonems [wa] und die Nicht-Realisierung der meisten endständigen Konsonanten. Darüber hinaus spielt die Opposition von stimmhaften und stimmlosen Lauten, besonders auch bei dem Phänomen der liaison, eine entscheidende Rolle. Konsonanten werden im Französischen nicht behaucht und der Glottisschlag kommt nur in Ausnahmefällen vor.

Um die Laute korrekt artikulieren zu können, muss der Lernende sich daher bewusst machen, wie diese gebildet werden. Natürlich sind und sollen Lehrer und Schüler keine Phonetiker sein oder werden, doch die Aneignung neuer Laute und Phoneme erfordert oftmals eine genaue Beschreibung dieser, was ein bewusstes Arbeiten mit dem Artikulationsapparat einschließt.17 Denn Aussprache lässt sich nicht aneignen oder verfeinern, wenn man sie nicht mit seinem Artikulationsapparat realisiert. Es sei jedoch darauf hingewiesen, das „Sprechbewegungen hoch automatisiert und nicht ohne weiteres steuerbar [sind]. Die Bildung neuer Laute gelingt selbst dann nicht immer, wenn sie schon perzeptiv unterschieden werden“18 können, da gewisse muttersprachliche Muster bereits eingeprägt sind.

Neben diesen segmentalen Auffälligkeiten charakterisieren vor allem auch die Suprasegmentalia, wie Akzentuierung, Rhythmus und Intonation die französische Sprache im Besonderen. Französische Sätze erscheinen dem Lerner als ein ganzes Wort ohne Wortgrenzen, vor allem germanophone Muttersprachler kennen dieses Assimilationsphänomen nicht. Was die einzelnen Laute / Phoneme auf der Ebene des isolierten Wortes sind, sind die prosodischen Elemente auf der Ebene des ganzen Satzes und der verbundenen Rede ± sie tragen entscheidend zum Gelingen der Kommunikation in der Zielsprache bei. Ihre Beherrschung ist sowohl für das Hörverständnis, als auch für eine korrekte Aussprache unablässig.

Die Ebene der Phonem-Graphen-Zuordnung stellt die Basis für die Realisierung ganzer Wörter dar, welche in ihrer Kombination zu kurzen, später längeren Sätzen und Sprechpartien die dritte Ebene der Kommunikation verwirklichen, die für einen der kommunikativen Kompetenz verpflichteten FSU eindeutig die wichtigste Ebene darstellt. Ohne die beiden vorangehenden Stufen ist diese jedoch nicht vermittel- und lernbar.19

Für den Fremdsprachenlerner sind die Besonderheiten der französischen Sprache durchaus einsichtig, doch feste auditive, artikulatorische und prosodische Muster, die dieser aus der deutschen Muttersprache kennt und eingeprägt hat, hindern ihn meist daran, schnell und problemlos die neuen „Muster“ der Zielsprache aufzunehmen. Dieses psychische Problem darf im FSU Französisch nicht verschwiegen und außer Acht gelassen werden, da es ebenfalls die Aneignung neuer Laut- und Prosodiemuster beeinträchtigt.20

Um die aufgezeigten Problemfelder im FSU Französisch zu bearbeiten, ist es notwendig von Anfang an und vor allem im Anfangsunterricht (A1, A2) systematisch an Aussprachefähigkeiten zu arbeiten. Doch auch im intermediären (B1, B2) und fortgeschrittenen Niveau (C1, C2) sollten Übungen zur Reaktivierung und Festigung eingeschoben werden, die für die Rezeption und Produktion von Lauten sensibilisieren. Da dem Erwerb einer korrekten Aussprache grundsätzlich ein geschultes Ohr vorausgehen muss, müssen auch Hörfähigkeiten konsequent entwickelt werden. Hörverständnis und Aussprachetraining sind also nicht voneinander isoliert zu betrachten, sondern zwei Seiten einer Medaille. Nur jene phonetischen, phonologischen und prosodischen Merkmale der französischen Sprache, die der Lernende eindeutig und sicher rezipieren kann, wird er auch eindeutig und sicher selbst produzieren können.

2.3 Warum Aussprache und Aussprachetraining mit Musik durchführen?

Die Vermittelung von, für die französische Sprache typischen segmentalen und suprasegmentalen Elemente, muss weder von den Lernenden, noch vom Lehrenden als kompliziert oder langweilig empfunden werden. Ein klares didaktisch-methodisches Vorgehen und abwechselungsreiche Übungen helfen, einen „Phonetikunterricht“ zu gestalten, der zwar zielgerichtet Hör- und Aussprachefertigkeiten in der Zielsprache schult, gleichzeitig aber auch die Motivation und den Spaß am Erlernen der französischen Sprache aufrecht erhält. Wichtig ist es auch, den Lernenden die Angst vor dem Sprechen in der Fremdsprache zu nehmen, ihnen zu zeigen, dass sie, selbst in der Anfangsphase, mit ihr sicher umgehen und sich korrekt ausdrücken können. Die Interaktion von Musik in den FSU, im Speziellen von Reimen und Chansons kann einen guten Beitrag dazu leisten. „Langue et musique sont étroitement liées depuis la nuit des temps.”21

Beide, Musik und Sprache, konstituieren sich aus einem „matériau sonore“22, aus einer linearen Folge von Lauten, die sich in Länge, Tonhöhe und Betonung unterscheiden, enthalten komplexe Zeichensysteme und folgen Regeln der Grammatik und des Syntax. Jede Art von Musik wird charakterisiert durch Rhythmus, Metrik und Takt, ebenso wie Sprache sich durch ihr eigene Prosodie auszeichnet, die sie von anderen Sprachen unterscheidet.

Es gibt wohl kaum einen Menschen, der Musik nicht gern hört, nicht den einen oder anderen Song mitsummt oder sogar lautstark mitsingt. Musik umgibt uns wie Sprache tagtäglich, heute mehr als je zuvor. „Musik ist heute Teil des Alltags der Jugendlichen, sei es, dass sie ein Instrument spielen, sei es, dass sie ein Interesse und Vorlieben für bestimmte Musikrichtungen oder Interpreten haben.“23

Im Lied werden Musik und Sprache vereinigt, es erlaubt dem Hörenden und Singenden, neue Laute und Phoneme kennen zu lernen, Silbenrhythmus und -fluss nachzuvollziehen und sich den Liedtext fast unbewusst einzuprägen. Darüber hinaus setzt ein Lied in der Zielsprache das Aussprachetraining in einen Rahmen, weil es Laute / Phoneme und Prosodieelemente nicht isoliert darbietet, sondern in einem zusammenhlngenden „Fluss“ prlsentiert, so wie auch Sprache rezipiert und produziert wird. Anderseits ist unbestritten, dass durch den Einsatz von Musik die Behaltensleistung gefördert wird und die Aktivierung der beiden Gehirnhälften zu einem ganzheitlichen Lernen führt, das in besonderer Weise behaltensfördernd wirkt.24 Viele französische Chansons, aber auch einfache Kinderreime, die eine Vorstufe des Liedes darstellen, erweisen sich als vorteilhaft für den Erwerb einer korrekten französischen Aussprache25 und Prosodie. Gleichzeitig erlauben sie einen Einblick in das kulturelle und gesellschaftliche Leben Frankreichs, können zur Erarbeitung grammatischer Phänomene und zur Wortschatzbereicherung dienen.26 Aus dem eigenen FSU der Schulzeit, gleich in welcher Sprache, ist sicher bekannt, dass Wortspiele und Lieder in der Zielsprache am längsten im Gedächtnis bleiben.27 „Elle [la chanson!] est langue, elle est culture, elle est plaisir et elle peut être moyen pédagogique.“28

2.4. Wie das Chanson im Fremdsprachenunterricht einsetzen?

2.4.1 Rahmenbedingungen und Organisation

Der Einsatz des Chansons im FSU kann wie bereits angedeutet, sehr vielfältig sein, trotzdem scheint er in diesem nur wenig integriert zu werden.29

Vor allem für die Fertigkeit des Hörens stellt das Chanson ein abwechslungsreiches Medium zu den sonst üblichen Dialogtexten aus Lehrbüchern dar. Chansons sind authentisches Kulturgut der französischen und der frankophonen Welt, sie sollten daher auch die typische Aussprache vermitteln können. Der Lehrende sollte jedoch darauf achten, dass vorrangig die Aussprache des français standard, wie es an Schulen in Frankreich und im Ausland gelehrt und gelernt wird, vermittelt wird, gleich welche Methode und welches Medium er dafür einsetzt.

Gezieltes Aussprachetraining im FSU zu betreiben, erfordert die Setzung von Schwerpunkten, denn das Französische erweist sich bezüglich seiner phonetischen, phonologischen und prosodischen Besonderheiten als sehr komplex und könnte den Lernenden, vor allem in der Anfangsphase, „überfordern“. Nur bestimmte, vom Fremdsprachenlerner mehr oder weniger bewusst wahrgenommene Phänomene sind tatsächlich für das Hörverständnis, die korrekte Aussprache und letztendlich für eine gelungene Kommunikation von Bedeutung.

Die Auseinandersetzung mit der französischen Sprache wird sich folglich um Themen drehen, die sich mit jenen phonologischen und prosodischen Merkmalen des Französischen beschäftigen, die im deutschen nicht existieren oder nicht auf diese Art und Weise, wie es in die Zielsprache geschieht, realisiert werden. Für germanophone Französischlerner müssten die zu behandelnden Themen die unter 2.2 genannten Problemfelder abdecken.

Die Bestimmung der phonetischen, phonologischen und prosodischen Problemschwerpunkte beeinflusst die Auswahl des einzusetzenden französischen Liedgutes, denn nicht jedes Chanson beinhaltet im repräsentativen Maße das Phänomen, welches in einer Phonetikeinheit des FSU tatsächlich im Mittelpunkt stehen soll. Gleichzeitig muss dem Lehrenden bewusst sein, dass er Lieder wählen sollte, die auch inhaltlich wie musikalisch seine Zielgruppe ansprechen und nicht aufgrund des Vorhandenseins vieler Nasalvokale zum Einsatz kommen. Für Schüler kleinerer Klassenstufen (5./6. Klasse) eignen sich einfache Kinderlieder und -reime, ergänzend auch Zungenbrecher, die ebenfalls durch eine bestimmte Rhythmik gekennzeichnet sind und „Problemlaute“ oder „-phoneme“ akkumuliert enthalten. Einfache moderne, aber auch klassische Songs könnten in den Klassen 8, 9 und 10 verwendet werden, wobei Rap und Hip Hop sich besonderer Beliebtheit erfreuen. In der Oberstufe können ohne Bedenken auch einmal Klassiker des französischen und frankophonen Chansons Einzug halten, wie von Jacques Brel, Georges Brassens und Barbara, neben modernen Stücken des nouvelle chanson française des beginnenden 21. Jahrhunderts. Mit der Betrachtung der Zielgruppen, deren Lernvoraussetzungen und Ziele, die der Lehrende mit dem Chanson erreichen möchte, schränkt sich die Auswahl an einsetzbarem Liedmaterial ein. Der Lehrende muss geeignete Text- und Tonmaterialien besorgen, was in Zeiten der Internetnutzung keine Schwierigkeit mehr darstellen sollte.

Ein Chanson dauert durchschnittlich zwischen zwei und drei Minuten, es sollte daher berücksichtigt werden, dass mehrmaliges Hören notwendig sein wird, und die Aufmerksamkeit bei den Schülern, zumindest für das Erkennen bestimmter phonologischer Phänomene, mit zunehmender Spieldauer des Liedes schwinden kann. Aussprache- und phonetikorientierte Unterrichtseinheiten sollten daher, wenn vor allen Dingen mit authentischen, komplexen Tonmaterialien gearbeitet wird, vorher gut durchdacht werden. Eine phonetikorientierte Unterrichtspartie, gleich ob sie mit zusätzlichen Medien wie dem Chanson geplant und durchgeführt wird, oder nicht, sollte auch das Kennen und die Anwendung der internationalen Lauttranskription nach der A.P.I. (Association Phonétique Internationale) integrieren.

Die Transkriptionszeichen der einzelnen Laute muten teilweise für den Lerner ungewohnt an, weil deren Graphie nicht mit den normalen Buchstaben der eigenen Muttersprache sowie der Fremdsprache korrespondieren. Sie definiert sich nur über die Phonie, die ihr zugeordnet ist. Letztendlich lassen sich diese Konventionen aber problemlos in den FSU einbringen. Natürlich können bestimmte Laute einer Sprache auch mit beliebigen anderen Zeichen wiedergegeben werden, die z. B. der Lippenstellung ähneln. Doch mit dem internationalen Transkriptionsinventar erlangen die Lernenden auch die Fähigkeit, selbst Wörter richtig auszusprechen, die sie vorher noch nicht gehört und geschrieben haben. Jedes beliebige Wort, das sie im Wörterbuch nachschlagen, kann somit korrekt in phonetischer Weise gelesen und ausgesprochen werden - und diese Kompetenz beschränkt sich nicht nur auf die französische Sprache! Vorausgesetzt sei selbstverständlich, dass die Schüler wissen, wie der entsprechende Laut richtig gebildet und artikuliert wird. Um dieses zu erreichen, folgt jede phonetik- und ausspracheorientierte Unterrichtssequenz einem Grundschema:

1. Sensibilisierungsphase: Sie dient der Vorstellung bestimmter ausgewählter Artikulations- und Prosodiephänomene der französischen Sprache.30
2. Phase des diskriminierenden Hörens: Diese Phase kann wohl als Kernphase im Aneignungsprozess bezeichnet werden, da die Diskrimination von bestimmten Lauten aus einer Menge zahlreicher verschiedener (fremdsprachlicher) Laute, nicht nur eine kognitiv hoch anspruchsvolle Tltigkeit ist, sondern weil nur das „richtige“ (Heraus-) Hören von Lauten auch ein „richtiges“ Artikulieren dieser zur Folge haben kann.
3. Aneignungsphase: Im Anschluss an die auditive Lautdiskrimination muss die Bildung der Problemlaute mit dem Artikulationsapparat trainiert werden. An dieser Stelle kann der Einsatz von Bildern, die die Artikulationsorte im Sprechorgan zeigen, erfolgen. Für die jüngeren Schüler bieten sich unterstützend Lippenstellungen, Hand- und Mundbewegungen an, die die Bildung der Laute verdeutlichen.
4. Übungsphase 1: Die diskriminierten und bewusst artikulierten Laute werden in dieser Phase mit einfachen Systematisierungsübungen mündlich wiederholt und somit gefestigt.
5. Phase der Phonie-Graphie-Korrespondenzen: Diese Phase leistet den Schritt von der Phonie der Laute zu deren graphischen Umsetzung in der französischen Orthographie. Wichtig ist, diese eindeutig zu klären, wobei die Beschreibung der Laute im graphischen Sinne auch mit Hilfe der Transkription bekannt sein sollte.
6. Übungsphase 2: Die Phonie-Graphie-Beziehungen werden in abschließenden Übungen allmählich verinnerlicht und das Zuordnungssystem damit automatisiert.“31 Diese Phase bietet auch die Möglichkeit die Schüler kreativ werden zu lassen und zu überprüfen, ob sie die Problemlaute tatsächlich richtig perzepieren, artikulieren und schriftlich abbilden können.

Übungen mit ludischem Charakter, eignen sich sicherlich am besten für die Festigung von Lautartikulation und Verschriftlichung. Einsichtig wird nach diesem „Verlaufsplan“ auch, dass das Chanson zwar in allen genannten Phasen eine Rolle spielen kann, aber in den Phasen der Sensibilisierung, der Lautdiskriminierung und Zuordnung von Phonie und Graphie der Laute besonders hervortritt.

[...]


1 Léon, Monique; Léon, Pierre: La prononciation du français, Paris (Armand Colin) 2004, S. 72.

2 Im Folgenden steht FSU für die Bezeichnung Fremdsprachenunterricht.

3 Unter Musik sollen hier zusammenfassend einfache Kinderlieder und -reime (comptines) und Chansons im weiten Sinne verstanden werden.

4 CECR: Cadre Européen Commun de Référence pour les langues: Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen.

5 Segermann, Krista: „Die Beziehung zwischen Klanggestalt und Schriftgestalt: Störfaktor oder Lernhilfe?“, in: Französisch heute 2, 2004, S. 184.

6 Abry, Dominique; Veldeman-Abry, Julie: La phonétique. Audition, prononciation, correction, Paris (CLE International), 2007, S. 7.

7 Freistaat Sachsen, Sächsisches Staatsministerium für Kultur: Lehrplan Gymnasium Französisch, 2004, S. 3.

8 Freistaat Sachsen, Sächsisches Staatsministerium für Kultur: Lehrplan Gymnasium Französisch, 2004, S. 11, 16, 20, 25, 28, 31, 37, 43, 47.

9 Ebd., S. 7, 13, 23, 27, 33, 40; In Klasse 5/6 (Französisch als vorgezogene zweite Fremdsprache) bzw. 6/7 (Französisch als zweite Fremdsprache) sollen die Lernenden für akustische Besonderheiten wie für besonders betonte Wörter oder Stimmvariationen sensibilisiert werden. Dieser Lehrinhalt deckt jedoch nicht den ganzen Bereich der Aussprache ab.

10 Vgl. Hirschfeld, Ursula: „Ausspracheübungen”, in: Bausch, Karl-Heinz; Christ, Herbert; Krumm, Hans-Jürgen (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachenunterricht, Tübingen und Basel (A. Franck) 2003, S. 277.

11 aus: Porcher, L.: „Simples propos d’un usager“, in: Études de linguistique appliquée no 66, 1986, S. 135, zitiert nach: Abry, Dominique; Veldeman-Abry, Julie: La phonétique. Audition, prononciation, correction, Paris (CLE International), 2007, S. 7.

12 Hermeline, Laurent: „Phonétique: Les notions essentielles”, in: Le français dans le monde 318, 2001, S. 27.

13 Vgl. ebd., S. 27.

14 Eigene Erfahrungen an Sprachschulen in Frankreich bestätigen diese Beobachtungen, wobei vor allem die Übertragung von muttersprachlichen Intonations- und Rhythmusmustern auf die französische Sprache teilweise zu großen Verständnisschwierigkeiten führen.

15 Vgl. Simons, Mathea; Decco, Wilfried: „Comment vaincre l’anxiété en classe de langue?”, in: Le français dans le monde 352, 2007, S. 41: „Certaines langues, comme l’anglais et l’espagnol, permettent plus rapidement une communication élémentaire sans obstacles (…). D’autres langues, tels le français, l’allemand ou le russe, confrontent d’emblée les apprenants avec des éléments divers qui compliquent la formation des phrases correctes.”

16 Vgl. Segermann, Krista: „Die Beziehung zwischen Klanggestalt und Schriftgestalt: Störfaktor oder Lernhilfe?“, in: Französisch heute 2, 2004, S. 184.

17 Das gilt selbstverständlich nur in dem Maße, wie es für die Aneignung und Produktion der spezifischen Laute / Phoneme durch die Schüler tatsächlich nötig ist. Schüler müssen nicht den Aufbau des Sprechapparates in allen seinen Details und Fachtermini kennen.

18 Hirschfeld, Ursula: „Ausspracheübungen“ in: Bausch, Karl-Heinz; Christ, Herbert; Krumm, Hans-Jürgen (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachenunterricht, Tübingen und Basel (A. Franck) 2003, S. 277.

19 Vgl. Segermann, Krista: „Die Beziehung zwischen Klanggestalt und Schriftgestalt: Störfaktor oder Lernhilfe?“, in: Französisch heute 2, 2004, S. 185.

20 Vgl. Hirschfeld, Ursula: „Ausspracheübungen“, in: Bausch, Karl-Heinz; Christ, Herbert; Krumm, Hans-Jürgen (Hrsg.): Handbuch Fremdsprachenunterricht, Tübingen und Basel (A. Franck) 2003, S. 278.

21 Vignaud, Marie-Françoise: „De la musique des mots à la musique des textes“, in: Der fremdsprachliche Unterricht Französisch 57, 2002, S. 28.

22 Calvet, Louis-Jean: La chanson dans la classe de français langue étrangère, Paris (CLE International) 1980, S. 6.

23 Leupold, Eynar: „Musique & Cie“, in: Der fremdsprachliche Unterricht Französisch 57, 2008, S. 5.

24 Vgl. ebd. S. 6.

25 Vgl. Houari, Leila: „Phonétique et Chanson“, in: Le français dans le monde 276, 1995, S. 42.

26 Von Renate Klenk-Lorenz wird das Chanson aus diesen Gründen auch als Hypermedium bezeichnet.

27 Vgl. Calvet, Louis-Jean: La chanson dans la classe de français langue étrangère, Paris (CLE International) 1980, S. 5.

28 Houari, Leila: „Phonétique et Chanson“, in: Le français dans le monde 276, 1995, S. 42. 9

29 Vgl. Mathelart, Bruno; Gilbert, Jacqueline: „Le karaoké“, in: Le français dans le monde 320, 2002, S. 37.

30 In Anlehnung an Patéli, Maro: „Phonétique et formation continue“, in: Le français dans le monde 318, 2001, S. 30.

31 Segermann, Krista: “Die Beziehung zwischen Klanggestalt und Schriftgestalt: Störfaktor oder Lernhilfe?“, in: Französisch heute 2, 2004, S. 188.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Phonétique en chantant. Aussprache und Aussprachetraining im gymnasialen Fremdsprachenunterricht Französisch mit dem Medium Chanson
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Romanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Aussprache und Aussprachetraining im Fremdsprachenunterricht
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
45
Katalognummer
V231437
ISBN (eBook)
9783656496588
ISBN (Buch)
9783656497455
Dateigröße
955 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit zeigt: Warum sollte Aussprache im Unterricht geschult werden? Welche Schwierigkeiten ergeben sich für germanophone Lerner? Warum ist Aussprache durch/mit Musik empfehlenswert? Wie lässt sich das Chanson einsetzen? Welche Probleme können sich auftun? Anhand ausgewählter phonet., phonolog. und prosod. Besonderheiten des Frz. werden für den Anfänger- und Fortgeschrittenenunterricht Übungsmöglichkeiten und -materialien angeboten. Der Dozent schätzte ein: "Eine sehr schöne, detaillierte und einfallsreiche Arbeit (...), an der inhaltlich absolut nichts auszusetzen ist."
Schlagworte
Französisch, Aussprache, Aussprachetraining, Musik, Chanson, Gymnasium, Anfänger, Fortgeschrittene, Phonetik, Phonologie, Prosodie, Fremdsprachenunterricht, Übungsbeispiele
Arbeit zitieren
Sindy Hildebrand (Autor), 2008, Phonétique en chantant. Aussprache und Aussprachetraining im gymnasialen Fremdsprachenunterricht Französisch mit dem Medium Chanson, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231437

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