Das Gefühl der Scham scheint jedem Menschen bekannt zu sein und ist trotzdem für uns Menschen eine einzigartige Empfindung, die kein anderes Lebewesen in dem Maße spüren kann. Das Schamgefühl überkommt einen, trifft die jeweilige Person tief im Inneren und gilt als Ausgangspunkt für diverse andere Gefühle wie beispielsweise für die Verlegenheit (vgl. Lipps 1941: 31f.). Obwohl das Schamgefühl schwer zu deuten ist und eine Definition erst recht strittig wäre, scheint es bei vielen Menschen eher als unbeliebtes Gefühl eingeordnet zu werden, welches mit dem Wunsch verbunden ist, auf der Stelle zu verschwinden. Die Konnotationen sind meist eher negativ (vgl. Baer/ Frick-Baer 2000: 9ff.). Auf der anderen Seite kann Scham oder Verlegenheit aber auch als Signal oder Warnhinweis verstanden werden, wenn beispielsweise die gewünschte Distanz zwischen zwei Menschen nicht eingehalten wird oder Intimitätsgrenzen verletzt werden (vgl. Hilgers 2013: 20f.).
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Im Weiteren soll im Hauptteil das Phänomen des Wortes „Nein“ vor dem Hintergrund von Scham und Verlegenheit näher betrachtet werden. Warum bringe ich mein Gegenüber dazu, aus Scham nicht „Nein“ sagen zu können oder nur schamhaft bzw. verlegen „Nein“ zu sagen? Warum erzeuge ich generell eine Scham- oder Verlegenheitssituation, die mein Gegenüber als unangenehm empfindet?
Im letzten Teil meiner Arbeit werde ich ein Fazit ziehen, wobei ich zentrale Punkte meiner Analyse nochmals kurz darstelle. Wichtig wird hier vor allem der Feldbegriff des Lernens sein, der von dem Psychologen Kurt Lewin geprägt wurde. Neben vielen anderen wichtigen Aspekten ging es Kurt Lewin auch um den bewussten Widerspruch, die Verneinung und um die Handlungsfreiheit des Menschen. Die Möglichkeit und Fähigkeit, ein „Nein“ hervorzubringen, obwohl bei Befolgung eine positive Verstärkung in Aussicht steht, die Kritikfähigkeit und die Reflexionsfähigkeit von Menschen sind für ihn der Inbegriff von demokratischem Verhalten und Handeln (vgl. Lewin 1982: 174f).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Scham und Verlegenheit
3. Scham und Verlegenheit in der Kommunikation
3.1. Einfluss und Motive
3.2. Das Wort „Nein“
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychologischen und interaktionellen Dynamiken von Scham und Verlegenheit im Kontext der Kommunikation. Ziel ist es zu ergründen, warum Menschen ihr Gegenüber gezielt in solche emotionalen Zustände versetzen, um die Abgabe einer negativen Antwort, insbesondere eines „Neins“, zu unterbinden.
- Phänomenologie der Gefühle Scham und Verlegenheit
- Einfluss feindseliger Gefühle auf die zwischenmenschliche Interaktion
- Manipulation durch Schamzuweisung in der Kommunikation
- Bedeutung der Handlungsfreiheit und der Fähigkeit zur Verneinung
- Zusammenhang zwischen Vertrauen, Bindung und emotionaler Verletzlichkeit
Auszug aus dem Buch
3.2. Das Wort „Nein“
Wenn Scham- oder Verlegenheitsgefühle in der Kommunikation gezielt eingesetzt werden, können Mitmenschen dahingehend beeinflusst werden, dass sie gewisse Ansichten oder Meinungen, die sie zuvor hatten, ändern oder zumindest nicht mehr kundtun. Diese Unterlassung durch Schamzuweisung oder das Verlegenmachen kann sich auch auf eine Verneinung beziehen, die dann nicht mehr vorgebracht wird. So wird in einer verlegenen Situation auf die Möglichkeit des Widerspruchs oder des Einwandes eher verzichtet, da der Wunsch nach der Flucht aus der Situation, aus dem Umfeld des Gegenübers groß ist und ein Widerspruch diese Flucht unwahrscheinlicher macht. Auf Widerspruch würde in der Regel mindestens eine Verlängerung des Gesprächs folgen. Das Schamgefühl kann darüber hinaus gänzlich an einer Antwort oder an weiterer Kommunikation hindern, da es den Beschämten vom Sprechen abkommen lassen kann und vergessen lässt, was zuvor gesagt werden wollte (vgl. Baer/ Frick-Baer 2000: 9). Widerspruch oder ein „Nein“ wären damit gänzlich hinfällig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Scham und Verlegenheit als menschliche Empfindungen ein und umreißt die Fragestellung bezüglich ihrer Rolle in der zwischenmenschlichen Kommunikation.
2. Scham und Verlegenheit: Das Kapitel differenziert zwischen den Begriffen Scham und Verlegenheit, beleuchtet deren Entstehung sowie ihre Funktion als psychologischer Schutzmechanismus oder Signal.
3. Scham und Verlegenheit in der Kommunikation: Hier wird analysiert, wie diese Gefühle in sozialen Interaktionen gezielt hervorgerufen werden können, um das Gegenüber in seinem Kommunikationsverhalten zu beeinflussen.
3.1. Einfluss und Motive: Dieser Unterabschnitt untersucht die psychologischen Motive, die hinter der bewussten Erzeugung von Scham stehen, und wie diese zur Ausübung von Macht und Manipulation eingesetzt werden.
3.2. Das Wort „Nein“: Dieses Kapitel betrachtet spezifisch, wie Scham und Verlegenheit genutzt werden, um eine Verneinung des Gegenübers zu verhindern und dessen Handlungsfreiheit einzuschränken.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und diskutiert, wie ein reflektierter Umgang mit diesen Gefühlen im Sinne von Kurt Lewins Feldtheorie zu demokratischem Handeln führen kann.
Schlüsselwörter
Scham, Verlegenheit, Kommunikation, Interaktion, Manipulation, Verneinung, Handlungsfreiheit, Macht, Feldtheorie, Selbstbild, Identität, soziales Gefühl, Emotion, Reflexion, Vertrauen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Emotionen wie Scham und Verlegenheit in der Kommunikation gezielt genutzt werden, um das Verhalten anderer Menschen zu steuern und deren Handlungsfreiheit zu beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die phänomenologische Betrachtung von Scham und Verlegenheit, die Mechanismen der sozialen Manipulation sowie die Bedeutung von Widerstand und Verneinung für die demokratische Handlungsfähigkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, warum Personen ihr Gegenüber dazu bringen, aus Scham oder Verlegenheit eine ablehnende Antwort oder ein „Nein“ zu unterlassen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit basiert auf einer phänomenologischen Sichtweise und stützt sich primär auf existenzphilosophische sowie psychologische Ansätze, insbesondere die Arbeiten von Hans Lipps und die Feldtheorie von Kurt Lewin.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Scham- und Verlegenheitsgefühlen, deren instrumentellen Einsatz zur Manipulation in der Kommunikation und die Blockade der Fähigkeit, eine klare Verneinung auszusprechen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Scham, Verlegenheit, Kommunikation, Macht, Manipulation und Handlungsfreiheit charakterisieren.
Inwiefern beeinflusst eine enge Bindung die Wirkung von Scham?
In engen Beziehungen ist die Barriere für ein „Nein“ höher, da die Befürchtung besteht, dass eine Ablehnung als persönlicher Vertrauensbruch oder Wertverlust interpretiert werden könnte, was das Schamgefühl verstärkt.
Warum spielt das „Nein“ eine so entscheidende Rolle im demokratischen Handeln?
Laut Kurt Lewin ist die Fähigkeit zur Verneinung und zum Widerspruch ein essenzieller Bestandteil der Handlungsfreiheit und Reflexionsfähigkeit, die für ein demokratisches Miteinander unerlässlich sind.
Kann Scham auch eine positive Funktion haben?
Ja, sofern sie nicht zur Manipulation missbraucht wird, kann Scham als Signal oder Warnhinweis fungieren, das den Menschen zur Selbstreflexion und zum Lernen anregt.
- Quote paper
- Philipp Fronhoffs (Author), 2013, Scham und Verlegenheit in der Kommunikation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231439