Die charakterliche Vielfalt des Fuchses im Mittelniederdeutschen Prosa-Äsop


Hausarbeit, 2013

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Fuchs als stereotypes Wesen

2. Die verschiedenen Charaktereigenschaften des Fuchses
2.1 Listig aus einem Grund – Habgier
2.2 Listig aus einem Grund – eigener Vorteil
2.3 Listig aus einem Grund – Bedrohung
2.4 Listig ohne erkennbaren Grund
2.5 Das Urteil anderer Tiere

3. Der hochmütige Fuchs

4. Der kluge Fuchs

5. Die charakterliche Vielfalt des Fabel-Fuchses

1. Der Fuchs als stereotypes Wesen

„Der Physiologus spricht über den Fuchs, dass er ein listig Wesen sei ganz und gar.“[1] Diese Übersetzung liefert uns Otto Seel aus dem im 2. bis 4. Jahrhundert nach Christi Geburt in Griechenland entstandenen Physiologus.[2] Die Schrift überliefert Charakteristika von verschiedenen Tieren und weist ihnen bestimmte Verhaltensweisen zu. Ein weiteres prominentes Beispiel für die Zuordnung der Listigkeit zum Fabeltier „Fuchs“ ist die Fabeldichtung „Reynke de Vos“, dessen mittelniederdeutsche Fassung 1489 in der Lübecker Mohnkopfdruckerei gedruckt worden ist. Reynke ist der Mittelpunkt der Erzählung und stört die Tierwelt durch seine listigen Betrügereien, kann aber jeglicher Verurteilung für seine Missetaten entgehen und wird am Ende zum Kanzler aller Tiere ernannt.[3] Aber auch Kinder- und Volkslieder, wie „Fuchs du hast die Gas gestohlen“ bezeichnen das stereotype negative Bild des Fuchses. Auch der Magdeburger Prosa-Äsop, auf den sich diese Arbeit bezieht, hält viele Fuchs-Fabeln mit stereotyp gezeichnetem Fuchs bereit. Ziel der Arbeit ist es, die Fabeln des Magdeburger Prosa-Äsop vergleichend auf die charakterlichen Eigenschaften des Fuchses in den verschiedenen Fabeln hin zu überprüfen und eventuelle Abweichungen von dem stereotypischen Fabel-Fuchs herauszuarbeiten. Da speziell zur Fuchs-Darstellung im Magdeburger Prosa-Äsop keine Sekundärliteratur existiert, liegt der Fokus auf dem Vergleich der Fabeln aus der Primärliteratur von Brigitte Derendorfs Magdeburger Prosa-Äsop. Dabei wurden sämtliche Fabeln, in denen der Fuchs eine Rolle spielt, begutachtet und eine Auswahl zur Anführung von Beispielen getätigt. Anschließend konnten Kategorien hinsichtlich der charakterlichen Eigenschaften gebildet und systematisch analysiert werden.

2. Die verschiedenen Charaktereigenschaften des Fuchses

Im Mittelniederdeutschen Prosa-Äsop, wird der Fuchs in den Fabeln durch unterschiedliche charakterliche Eigenschaften gekennzeichnet. In vielen dieser Fabeln begeht der Fuchs eine List, die jedoch aus unterschiedlichen Motiven erfolgt. Interessant hierbei ist, dass es nicht auf die Motivation der List ankommt, ob und wie der Fuchs am Ende für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wird. Die Klugheit des Fuchses geht fast immer mit seiner Listigkeit einher, ist jedoch kein Garant, dass nicht auch er auf andere Tiere hereinfällt oder selbst Opfer seiner Durchtriebenheit wird. Es existieren aber auch Fabeln, in denen der Fuchs seine Klugheit ohne listige Hintergedanken einsetzt. Nicht zuletzt haftet dem Fuchs Hochmut an, den er sowohl anderen, als auch sich selbst immer wieder unter Beweis stellt.

2.1 Listig aus einem Grund heraus – Habgier

Die Habgier des Fuchses wird in den Fabeln des Mittelniederdeutschen Prosa-Äsops grundsätzlich durch seinen Futterneid motiviert. Durch verschiedene Streiche gelingt es dem Fuchs, seine Ziele zu erreichen, jedoch wirken sich diese unterschiedlich auf den Ausgang der Fabeln für den Fuchs aus.

In „De xiii. fabule van deme arne unde van deme vosse.“[4] begehrt der Fuchs ein Stück Käse, das ein Rabe in seinem Schnabel trägt und überlistet ihn folgendermaßen: „Alle mine

daghe sach ik ne voghel, de di in schonheit gelik was, wente dine vedderen ungelik mer schirren wen de pauwen stert, unde dine ogen schirren so de sterne, unde wol kan to vullen beschriven de gnade dines snavels. Hir umme, were dine stemme sote to horende, so wet ik nicht, wol de vogel is, de di gelik is in schonheit.“[5] Durch das Schmeicheln des Fuchses beginnt der Rabe erneut zu „singen“ und lässt das Stück Käse in seinem Schnabel dadurch zu Boden fallen. Der Fuchs wird für seinen anschließenden Diebstahl nicht zur Rechenschaft gezogen und bekommt ohne jegliche Strafe das durch List erhaltene Stück Käse. Aber nicht nur der Diebstahl ist unmoralisch, sondern auch die vorhergehende Heuchelei dem Raben gegenüber. Jedoch lässt sich die Klugheit des Fuchses, die mit seiner List einhergeht, in dieser Fabel nicht bestreiten. Er erreicht sein Ziel ohne Schaden davonzutragen.

Interessant ist es im Folgenden die Fabel „De iii. fabule van deme vosse unde van deme hannen.“[6] zu betrachten, da der Fuchs in dieser das gleiche Motiv hat, für ihn aber einen vollkommen anderen Ausgang bereithält: Auch hier begehrt der Fuchs etwas zu fressen, jedoch keinen leblosen Gegenstand, sondern einen Hahn. Der Fuchs schmeichelt sich auch hier mit geheuchelter Freundlichkeit bei dem Hahn ein und sagt, er könne schön singen, und wolle diesen Gesang gerne hören. Durch das Gewähren der Bitte abgelenkt, wird der Hahn das Opfer des Fuchses, der ihn mit sich fortträgt. Anders als in der vorherigen Fabel behält der Fuchs seine Beute nicht, sondern verliert diese, indem er selbst auf die List des Hahnes hereinfällt: „Also de hane dat ruchte horde, sede he to deme vosse: "Horstu, vrouwe, wat de grave bure segghen. Dar umme segghe to en: Ik dreghe mynen hanen unde nicht juwen, des kamet juw nicht to. " Alse nu de vos wolde spreken, do quam em de hane uth deme munde unde brukede siner vluchte unde quam up enen hoghen bom, dar he vor deme vosse geledet was, unde sprak to deme vosse: " Du luchst, min here her vos, du luchst, ik bin der bure unde nicht din. "[7] Die List des Hahnes erwirkt genau den gleichen Ausgang, wie die List des Fuchses auf den Raben in der vorigen Fabel. Der Fuchs geht aus dieser Fabel nicht wie bei so vielen anderen als der kluge Kopf hervor und reflektiert darüber auch im folgenden Satz: „Do sloch de vos sik sulven bi den mund unde sede: "0 du bose mund, wat is dat du sechst? Wo grot du sprekest. Haddestu nicht ghespraken, du haddest dynen rof wol beholden.“[8] Er redet von seinem „rof“, den er durch sein Verhalten in der Fabel nicht behalten kann, da er auf die List eines anderen hereinfällt und dadurch seine Beute verliert. Der Fuchs sieht sich also auch selber als listiges, kluges Tier, dem es egal ist, wenn es anderen unrechtmäßig ihre Beute klaut, ja sogar mit dem Leben anderer Tiere spielt, wie man es auch in nachfolgenden Fabeln erkennen kann.

Dass Tiere in freier Natur Opfer anderer Tiere werden, die sich von ihnen ernähren, ist nicht verwunderlich, jedoch muss in Fabeln durch die anthropomorphisierten Tierfiguren von einer anderen Sichtweise auf die Tiere ausgegangen werden. Dadurch, dass der Fuchs über seinen verfehlten Beutezug reflektiert, und sich über seine eigene Dummheit ärgert, muss davon ausgegangen werden, dass auch sein restliches Verhalten nicht nur von seinen tierischen Trieben geleitet wird, sondern dass er es bewusst in Kauf nimmt, wenn ein Tier durch ihn zu Schaden kommt.

[...]


[1] Seel, O. (1960). Der Physiologus. Zürich: Artemis Verlag, S. 26.

[2] Vgl. Henkel, Nikolaus: Studien zum Physiologus im MA. Tübingen: Niemeyer, 1976, S. 2.

[3] Proseminar „Mittelniederdeutsche Fabeldichtung“ bei Robert Langhanke M.A. am 22.01.2013.

[4] Derendorf, Brigitte: Der Magdeburger Prosa-Äsop. Köln, Weimar und Wien 1996 (Niederdeutsche Studien. Bd. 35), S. 302.

[5] Derendorf, Brigitte: Der Magdeburger Prosa-Äsop. Köln, Weimar und Wien 1996 (Niederdeutsche Studien. Bd. 35), S. 303.

[6] Derendorf, Brigitte: Der Magdeburger Prosa-Äsop. Köln, Weimar und Wien 1996 (Niederdeutsche Studien. Bd. 35), S. 376.

[7] Derendorf, Brigitte: Der Magdeburger Prosa-Äsop. Köln, Weimar und Wien 1996 (Niederdeutsche Studien. Bd. 35), S. 377.

[8] Ebd.

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Details

Titel
Die charakterliche Vielfalt des Fuchses im Mittelniederdeutschen Prosa-Äsop
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V231533
ISBN (eBook)
9783656482123
ISBN (Buch)
9783656482130
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vielfalt, fuchses, mittelniederdeutschen, prosa-äsop
Arbeit zitieren
Lena-Marie Peter (Autor), 2013, Die charakterliche Vielfalt des Fuchses im Mittelniederdeutschen Prosa-Äsop, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231533

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