Mit Humor durch die Lesestunde

Wo verstecken sich der Witz und die Ironie in einer Schulbibliothek?


Studienarbeit, 2013

39 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung Witz und Schulbibliothek – passt das zusammen?

2 Der Witz
2.1 Die Entstehung eines Witzes
2.2 Bauform und Struktur des Witzes
2.3 Der Bedeutungswandel des Witzes
2.4 Nachbargattungen des Witzes
2.4.1 Die Anekdote
2.4.2 Der Schwank

3 Humor in der Literatur
3.1 Humor in der Literatur der Antike
3.2 Die ersten Volksbücher
3.3 Die Satire
3.4 Der Schelmenroman
3.5 Das Volksstück (Ferdinand Raimund und Johann Nestroy)
3.6 Volksstück und Parodie (Karl Valentin, Christian Morgenstern)
3.7 Österreichische Autoren nach 1945 (Helmut Qualtinger)

4 Der lyrische Humor
4.1 Klanglyrik
4.2 Buchstaben- und Reimspiele
4.3 Verkehrte Welt und Parodie
4.4 Lügengedichte
4.5 Lachende Moral
4.6 Komische Erzählgedichte

5 Humor in Kinderbüchern
5.1 Das Vorschulalter (Heinrich Hoffmann, Wilhelm Busch)
5.2 Erstes Lesealter (Heinz Janisch, Christine Nöstlinger)
5.3 Ab der 3. Schulstufe (Edmund Jacoby, Erich Kästner, Astrid Lindgren, Otfried Preußler)

6 Die Bibliothek als Thema von Kinderbüchern
6.1 Erstes Lesealter (Ch. Holtei, J. M. Perschy, L. Pauli)
6.2 Ab der 6. Schulstufe (Franz Sales Sklenitzka)

7 Resümee

8 Literaturverzeichnis

9 Anhang:

Stundenbild: „Die Mausefalle“ (Christian Morgenstern)

1. Einleitung: Witz und Schulbibliothek –passt das zusammen?

Wer hört nicht gern einen guten Witz – und ärgert sich darüber, dass er die meisten Witze rasch wieder vergisst? Denn, wer bewundert nicht denjenigen Zeitgenossen, der die Witze gleichsam aus dem Ärmel schütteln kann und dem bei jeder Gelegenheit und zu jedem Stichwort der passende Witz einfällt.

Warum sollte also ein guter Witz nicht auch gern gelesen werden? Auch im täglichen Schulunterricht ist es sicherlich kein Nachteil, wenn eine Situation mit Humor gelöst oder aufgelockert wird. Ein guter Witz oder ein gefälliges Bonmot sind durchaus dazu angetan, eine unangenehme Situation zu entspannen, jemanden aufzuheitern und Farbe in die eine oder andere Unterrichtsstunde zu bringen. Eine Lehrperson, die auf Aussagen von Schülern und Schülerinnen schlagfertig antworten kann, sei es bei einer Prüfung oder im täglichen Unterrichtsgespräch, wird in den Augen ihrer Schützlinge sicherlich besser dastehen, als jemand, der in denselben Situationen ernst und einfallslos reagiert.

Es ist daher unumgänglich, dass Humor und Witze – in erzählter oder auch geschriebener Form – im täglichen Unterricht vorkommen, also auch in einer Schulbibliothek. Gerade hier sind Bücher, in denen man Witze oder lustige Anekdoten lesen kann, bei den Kindern sehr beliebt. Diesen Umstand machen sich auch Jugendmagazine (Spatzenpost, Kleines Volk, JÖ, Topic, Philipp – Magazine, Yep) zunutze und bringen in jeder Ausgabe eine oder mehrere Seiten, bei denen es um Comics und Humor geht.

2. Der Witz

2.1 Die Entstehung eines Witzes

Witze werden normalerweise mündlich weitergegeben. Daneben gibt es gedruckte Witze in Zeitungen, Zeitschriften oder Büchern, die ganze Witzsammlungen enthalten. Diese beiden Arten, der mündliche und der gedruckte Witz, beeinflussen einander gegenseitig. Da dem gedruckten Witz jedoch die Spontaneität seines mündlich erzählten Gegenstücks abgeht, fehlt ihm etwas Wesentliches und er reizt nur selten zum Lachen. Ein Witz ist anonym, denn niemand weiß, wer ihn erfunden hat und wie er entstanden ist. Trotzdem kann sich ein Witz von Erzähler zu Erzähler weiter entwickeln und sich dem Milieu und der Lokalität anpassen (vgl. Röhrich, 1980, S. 29 – 31).

2.2 Bauform und Struktur des Witzes

Wichtigstes Bauprinzip des Witzes ist seine Knappheit und Kürze. Er besteht aus zwei Teilen, der Erzählung und der Pointe. Eine Erzählung ohne Pointe ist kein Witz, ebenso wie eine Pointe allein keinen Witz ausmacht.

Die erzählende Person muss also immer darauf achten, die Pointe des Witzes nicht vorweg zu nehmen, da ansonsten der Sinn und Zweck des Witzes, nämlich das Gegenüber zu erheitern, nicht erreicht werden kann. Die Pointe bedeutet ein abruptes Ende des Witzes, dies ist ein grundlegender Unterschied zum Schwank, der gemächlich ausklingt (vgl. ebd., S. 10).

2.3 Der Bedeutungswandel des Witzes

Das mittelhochdeutsche Wort „witze“ stammt aus dem Wortfeld „Wissen“ und meint etwas viel Allgemeineres als das, was wir heute verstehen, nämlich „Verstand, Klugheit, Weisheit“. Es ist auch interessant, sich mit den Wörtern, in denen das Wort „Witz“ vorkommt, auseinander zu setzen:

Der „Aberwitz“ ist eigentlich gar kein Witz, er verhält sich zum Witz wie der Glaube zum Aberglauben.

„Mutterwitz“ wird jenen Personen zugeschrieben, die einen gesunden Hausverstand haben, also eine Fähigkeit, die man wohl braucht, um Witze zu „kreieren“, man ist also „gewitzt“ genug dazu.

Eine vorlaute, kecke Person schließlich wird auch oft als „vorwitzig“ bezeichnet (Wahrig, 1975, Spalte 4049); „Vorwitz“ beruht nämlich auf einem Mangel an Erfahrung.

Das Wort „witzig“ verengte sich bald zur Bedeutung von „geistreich“, was geistige Beweglichkeit, geschwinde Gedankenverbindung und die Fähigkeit des Assoziierens voraussetzt.

Im gegenwärtigen Sprachgebrauch versteht man unter „Witz“ eine kurze Erzählung, die in einer Pointe gipfelt und die zum Lachen anregt (vgl. ebd., S. 4-5).

2.4 Nachbargattungen des Witzes

2.4.1 Die Anekdote

Meistens beschäftigen sich Anekdoten mit bestimmten, historisch belegbaren Personen und sie beschreiben merkwürdige Begebenheiten aus deren Leben (vgl. ebd., S. 6 – 7).

Jedoch nicht jede komische Erzählung um eine historische Figur ist zwangsweise eine Anekdote. Erzählungen von Till Eulenspiegel etwa, bei dem es sich um eine historische Figur handelte, sind Schwänke (vgl. ebd., S. 8).

Ein Beispiel für eine Anekdote:

Als Caruso in den USA auf einer Gastspielreise war, hatte sein Auto eine Panne. Während der Fahrer die Panne behob, betrat Caruso das nahe gelegene Haus eines Farmers.

„ ,Ich bin Caruso’, sagte der Sänger schlicht zu dem Farmer, der ihn gastfreundlich empfing.

,Was, Sie sind wirklich Caruso?’ (!) fragte der Farmer. ,Der berühmte Caruso?’

Caruso, stolz, daß (!) man ihn selbst auf dem Lande kannte, bejahte.

,Mutter, Kinder, kommt!’ (!) rief der Farmer. ,Caruso ist hier bei uns, der berühmte Inselbewohner Robinson Caruso!’ “ (ebd., S. 7 – 8)

2.4.2 Der Schwank

Er ist länger als die Anekdote und nicht unbedingt auf eine Schlusspointe hin ausgelegt. Der Schwank reiht mehrere Situationen hintereinander und nimmt die Pointe schon im Vorspann vorweg. Zu den Schwänken werden neben den schon erwähnten Eulenspiegelgeschichten auch jene der Schildbürger gezählt. Allen gemeinsam ist, dass es nicht auf ein abschließendes, spontanes Lachen ankommt, sondern auf schmunzelndes Nachdenken und Überdenken der erzählten Begebenheit.

Im Gegensatz zum Witz, der fast immer in der Gegenwart erzählt wird, ist die Erzählform des Schwanks meist die Vergangenheit (vgl. ebd., S. 8 – 10).

3. Humor in der Literatur

3.1 Humor in der Literatur der Antike

Besonders in Zeiten, in denen es den Menschen nicht so gut ging, suchten sie einen Ausgleich zum täglichen Kampf um die Existenz. Dies konnte in Form von Witz, Ironie, Spott oder anderen Belustigungen, die die Menschen aufheitern sollten, sowohl von der Bühne herab oder in Form von Literatur, geschehen.

Schon von den Griechen wissen wir, dass nicht nur Tragödien aufgeführt wurden, sondern, dass in ihren großartig angelegten Theatern, wie wir sie heute noch am Fuße der Akropolis in Athen in Form des „Odeion“ oder beispielsweise in Delphi, in Dodona oder in Epidauros finden, auch Komödien aufgeführt wurden, um das Publikum zu erfreuen (Schoder, 1975, S. 31, 33, 49 und 66).

Während der attischen Zeit (480 – 320 v. Chr.) „entwickelte sich die alte Komödie mit ihrer Zeitkritik durch Aristophanes, Eupolis u. Kratinos. Im 4. Jh. verlor das öffentliche Leben an Bedeutung; darum beschränkte sich die mittlere Komödie mehr auf Mythenparodie und literar. Spott.“ Am Anfang der hellenistischen Zeit (320 -30 v. Chr.) „stand noch eine Blüte der neuen Komödie (Nea) in Athen mit ihrer lebensvollen Darstellung des Bürgertums (Menander, Philemon) (Großes modernes Lexikon in 12 Bänden, 1983, Band 5, S. 41).

Denselben Philemon finden wir auch bei den Römern wieder, welche die griechischen Vorbilder kopieren. Diese Übernahme der griechischen Vorbilder nennt man Palliata(benannt nach dem Pallium, dem griechischen Gewand). Hier finden wir die auf „der die Palliata kennzeichnenden Stufe der Verwendung griechischer Vorbilder, die sich mit der treuherzigen Autorenangabe der Plautinischen Dreigroschenkomödie charakterisieren läßt (!): ,Philemo scripsit, Plautus vortit barbare […].“ (Kindlers Literaturlexikon, 1974, Band 1, S. 127)

(„Philemon schrieb es, Plautus übersetzte es“; gemeint ist aus dem Griechischen ins Lateinische). Denn „während es vorher eine nennenswerte Literatur nicht gab, übertrugen jetzt Dichter Formen u. Arten griech. Dichtung (Tragödie, Komödie, Epos) in die latein. Sprache […].“ […] „Nur die Satire entwickelte sich erst in Rom zu ihrer Eigenart (Lucilius) u. wurde als röm. empfunden.“ (Großes modernes Lexikon in 12 Bänden, 1983, Band 10, S. 72)

3.2 Die ersten Volksbücher

Nach diesem kurzen Exkurs in die Antike finden wir uns in der deutschen Literatur des 16. Jahrhunderts wieder. Damals entstanden die ersten Volksbücher, die dem gesteigerten Lesebedürfnis des Volkes, das durch die Erfindung des Buchdrucks (um 1450) entstanden war, abhalfen (vgl. Brenner / Bortenschlager, 1999, S. 62).

Die beliebtesten dieser Volksbücher waren „Till Eulenspiegel“ (1515), „Faust“ (1587) und „Die Schildbürger“ (1598).

„In diesen drei wurden allerlei volkstümliche Märchen, Sagen und Schwänke kunstvoll in einem Rahmen zusammengefaßt (!)“: Im ,Till Eulenspiegel’ (aus dem Braunschweigischen) wurde ein Kranz der tollsten Streiche um den Meister aller Narreteien gewoben, in den ,Schildbürgern’ die ,Klugheit’ einer ganzen Bürgerschaft verherrlicht und in der ,Historia von D. Johann Fausten […]’ eine historische Abenteuergestalt […] vorgeführt […].“ (Krell / Fiedler, 1971, S. 73)

„ ,Till Eulenspiegel’ war das beliebteste Volksbuch. Verschiedene Erzählungen wurden auf den Helden übertragen […]. Der Witz besteht darin, dass Eulenspiegel die Befehle wörtlich ausführt und so Schabernack treibt. Er ist das Abbild des Bauern, der sich an den ihn verachtenden Städtern durch geheuchelte Einfalt rächt.“ (Brenner / Bortenschlager, 1999, S. 63)

Das Volksbuch „Die Schildbürger“ „wurde ursprünglich das ,Lalenbuch’ genannt. Erst in späterer Zeit wurden alle die gesammelten Streiche eines hochweisen Rates auf die Stadt Schilda übertragen. Es richtet sich gegen kleinbürgerliche Torheit und verwaltungsmäßige Dummheit.“ (ebd., S. 64)

Es spricht für die sprachliche und inhaltliche Qualität dieser ersten Volksbücher, dass man sie auch heute noch in vielen Schulbibliotheken antreffen kann und dass die Geschichten über Till Eulenspiegel und die Schildbürger noch heute Anklang bei den Schüler/innen finden.

3.3 Die Satire

Unter „Satire“ versteht man „eine Literaturgattung, die durch Ironie u. spöttische Übertreibung menschl. Schwächen, polit. Ereignisse u. ä. kritisiert;“ sie „geißelt, verspottet gewisse Auswüchse unserer Gesellschaft.“ (Wahrig, 1975, Spalte 3132)

„Zu besonderer Bedeutung gelangt sie immer beim Zusammentreffen zweier gegensätzlicher Weltanschauungen, zum Beispiel in der Reformationszeit, im Barock oder in der Aufklärung. Noch ehe die großen Satiriker des 16. Jahrhunderts auftraten, war die Satire bereits in den Fastnachtspielen und in der Tierdichtung heimisch geworden.“ (Brenner / Bortenschlager, 1999, S. 77)

Ein besonders eifriger Vertreter dieser Zunft war Hans Sachs (1494 – 1576), der nicht weniger als 85 Fastnachtspiele schrieb. Stellvertretend für alle anderen sei hier „Der fahrende Schüler im Paradeis“ erwähnt: In diesem Spiel wird gezeigt, wie „ein Schalk (ein Student) einer leichtgläubigen Bäuerin Geld, Kleidung und Lebensmittel für ihren im Himmel frierenden und hungernden Mann herauslockt.“ (ebd., S. 80) Als ihm ihr zweiter Mann wutentbrannt nachreitet, verliert er auch noch das Pferd an ihn (vgl. ebd., S. 80).

3.4 Der Schelmenroman

In der Zeit des Barocks entstand als Gegenströmung zum heroisch – galanten Roman der Schelmenroman, in welchem die Streiche von schlauen Burschen aus den unteren Volksschichten geschildert werden. Der wichtigste Vertreter in Deutschland ist Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen (1621 – 1676) mit seinem Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus“ (vgl. ebd., S. 102 – 103).

3.5 Das Volksstück

Zur Zeit des Biedermeier, im so genannten Vormärz, erlebt das Volksstück eine neue Blüte. Dieses „stammt in direkter Linie vom italienischen Volksstück ab. Mittelpunkt ist der Hanswurst (Harlekin), dem zur Seite Colombine (im Wiener Volksstück das Dienstmädchen und Hanswursts Geliebte) steht; er ist schlau und gefräßig; immer sprechen die beiden Mundart, während das ideale Liebespaar hochdeutsch redet.“ (ebd., S. 223)

Der erste bekannte Hanswurst – Darsteller war Josef Stranitzky (vgl. ebd., S. 223).

Bei Ferdinand Raimund (1790 – 1836) und Johann Nepomuk Nestroy (1801 – 1862) finden wir die drei Richtungen des Wiener Volksstückes:

„1. Die Zauberposse, die durch zwei Spielebenen gekennzeichnet ist: die irdische der Menschen und die überirdische der Feen und Geister. Musik und Gesang sind […] ein integrierender Bestandteil der Posse, ebenso wie der Hanswurst.
2. Das Volksstück, eine ,entwunderte Zauberposse’ ohne Geister und Feen.
3. Die Parodie, die von den Stücken des Hofburgtheaters lebt, deren Stil oder Inhalt sie ins Lächerliche zieht.“ (ebd., S. 224)

Ferdinand Raimunds bekannteste Werke sind „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“, „Der Diamant des Geisterkönigs“, „Der Bauer als Millionär“, „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ sowie „Der Verschwender“.

Zu Johann Nestroys beliebtesten Werken zählen „Der böse Geist Lumpazivagabundus“, „Einen Jux will er sich machen“, „Der Talisman“ und „Der Zerrissene“ (vgl. ebd., S. 224 – 231).

Die Aufführungsorte dieser Volksstücke befanden sich in den damaligen Vororten von Wien: das Theater an der Wien, das Theater in der Josefstadt und das Theater in der Leopoldstadt (vgl. ebd., S. 224).

3.6 Volksstück und Parodie

„Um die Mitte des 19. Jahrhunderts emanzipiert sich das Volksstück vom Volkstheater als Institution und wird eine eigenständige literarische Gattung. […] Volksstückhafte Elemente kann man z. B. bei Frank Wedekind (1864 – 1918), Karl Valentin (1882 – 1948), Gerhart Hauptmann (1862 – 1946) und Friedrich Dürrenmatt (1921 – 1990) feststellen (Rainer et al., 1995, S. 216 – 217).

Besonders Karl Valentin sei hier erwähnt. Nach einer Schreinerlehre besuchte er eine Münchner Varietéschule, seine ersten Vorstellungen waren jedoch ohne großen Erfolg. Später erfolgten Auftritte mit seiner Partnerin Lisl Karlstadt, wobei immer sein hintergründiger Humor im Mittelpunkt stand. (vgl. Schulte, 1990. Band 2, S. 648) Schon die Namen seiner Monologe, Couplets, Dialoge und Stücke („Ich bin ein armer magerer Mann“, „Der schneidige Landgendarm“, „Das Christbaumbrettl“ oder „Der Herr Friedensengel – ein philosophisches Steitgespräch“) (Schulte, 1990, Band 1, S. 5 – 9) lassen Leser und Zuschauer erahnen, welche geballte Ladung an Humor und Witz auf ihn zukommt.

Christian Morgenstern (1871 – 1914) schuf seine Parodien, die er bis zur Groteske steigerte, gleichsam als Antwort auf den vorherrschenden Naturalismus seiner Zeit. Stellvertretend für sein Gesamtwerk seien hier die „Galgenlieder“ genannt, „formschöne Gedichte mit grotesk – lustigem oder verrücktem Inhalt“ (Brenner / Bortenschlager, 1999, S. 369), in welchen er mit „Fisches Nachtgesang“ und „Die Trichter“ die visuelle Lyrik vorwegnahm.

3.7 Österreichische Autoren nach 1945

„Zum Teil an alte Traditionen anknüpfend (Nestroy, Brecht, Horváth, Fleißer), zum Teil neue dramatische Formen (Straßentheater, Dokumentartheater, Fernsehspiel) suchend und ausprobierend, verfassen nach 1945 österreichische Autoren Volksstücke. Diese dienen entweder der Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit oder beschreiben die gegenwärtige soziale und politische Realität der unteren Schichten oder von Randgruppen. […] (Helmut Qualtinger, 1928 – 1987, Wolfgang Bauer, geb. 1941, […], Felix Mitterer, geb. 1948).“ (Rainer et al., 1995, S. 217)

„Der Schauspieler, Kabarettist und Schriftsteller Helmut Qualtinger (1928 – 1987) verfaßt (!) 1961 gemeinsam mit Carl Merz den Einaktermonolog Der Herr Karl, das Portrait eines spießerhaften Opportunisten und eine Analyse der kleinbürgerlichen Wurzeln des Faschismus.“ (Rainer et al., 1995, S. 456)

Einige Textbeispiele mögen den schwarzen, hintergründigen, spießigen und selbstgerechten „Humor“ des Herrn Karl, den man oft erst beim zweiten Lesen / Hören entlarvt, aufzeigen:

„Das war eine furchtbare Zeit damals. So unruhig. De Menschen waren zornig. Verhetzt. Fanatiker. Man hat nie gewußt (!), welche Partei die stärkere ist. Man hat sich nicht entscheiden können, wo man sich hinwendet, wo man eintritt…“ (Erbacher, 1980, S. 221)

„[…], de ganzen Bundeskanzler … wia’s da warn … der Sep… der Bur… der Scho… is ja wurscht … aber bein Heirigen – da hat’s Persönlichkeiten geben! Petzner – Masl, Woitschkerlbuam, Korschinek – Vickerl, Nezwerka – Pepi. Is Ihna des a Begriff?“ (ebd., S. 222 / 223)

Über eine neue Bekanntschaft erzählt er in seinem Monolog: „… in gleichen Alter war ma aa – bitte, sie war Brillenträgerin, aber ein sehr liebenswerter Mensch. […] Sie war Bedienerin. Aber sonst sehr reinlich.“ (ebd., S. 232)

„I schlaf ja guat. Net immer, natirlich … Manchmal, wann i so lieg, hör i die Rettung vorbeifahrn … tatüü … dann denk i ma nur: Karl, du bist’s net …“ (ebd., S. 237)

„Die Autoren entlarven mit dem aggressiv – satirischen Text, der in der Tradition von Nestroy, Kraus und Horváth steht, die Lebenslüge der Zweiten Republik, ,der zufolge Österreich nichts mit der Zeit des Nationalsozialismus […] zu tun hatte, sei es doch dessen erstes Opfer gewesen.“ (Rainer et al., 1995, S. 456)

Ebenso hintergründig, aber eher dem Humor zugewandt sind Qualtingers Dialoge des Herrn Travnicek mit seinem Freund:

,Tranvnicek Opus 9’ handelt von einer Gruppenreise in die Sowjetunion:

„FREUND Wo sind Sie angekommen?

TRAVNICEK In Moskau.

FREUND Was sagen Sie zu Moskau, Travnicek?

TRAVNICEK Des is ka Stadt zum Ankommen.

[…]

FREUND Wie hat das Hotel ausgeschaut?

TRAVNICEK Wie das Hotel Imperial.

FREUND Nach der Russenbesetzung?

TRAVNICEK Na; so hat’s erst ausg’schaut wie mir wegg’fahrn sein.

[…]

FREUND Ich verstehe ihre Motive, Travnicek. Sie wollten sich für das Jahr 45 revanchieren?

TRAVNICEK Aber na, wir benehmen uns überall so, wo mir hinkommen.

(Erbacher, 1980, Seite 84 – 86)

,Travniceks Weihnnachts – Einkäufe’:

FREUND Was, Travnicek, denken Sie, wenn Sie Weihnachts – Einkäufe machen?

TRAVNICEK I denk, was das kostet.

[…]

FREUND Was pflegten Sie zu Weihnachten zu kriegen?

TRAVNICEK Watschen.

FREUND Wie das, Travnicek?

TRAVNICEK Ich pflegte den Baum anzuzünden.

[…]

(Über die Weihnachtsbeleuchtung)

FREUND Wenn Sie’s so funkeln und leuchten sehen, Travnicek, was wünschen Sie sich?

TRAVNICEK An Kurzschluß (!)“

(Erbacher, 1980, S. 95 – 97)

4. Der lyrische Humor

„Der praxisbezogene Versuch einer Systematisierung der Phänomene des lyrischen Humors erkennt sechs Genres:

1. Klanglyrik,
2. Buchstaben- und Reimspiele,
3. Verkehrte Welt und Parodie,
4. Lügengedichte
5. Lachende Moral,
6. Komische Erzählgedichte.“ (Helmers, 1971, S. 37)

4.1 Klanglyrik

Bei der Klanglyrik dominiert eine im Lautbereich erzeugte Komik. Dies kann durch Variation von Anfangs- oder Binnenkonsonanten oder durch Vertauschung von Vokalen oder Konsonanten geschehen. Wir unterscheiden dabei abstrakte und konkrete Lautgedichte sowie Lautspiele und andere Sprachspiele (ebd., S. 38).

Ein Beispiel für ein abstraktes Lautgedicht ist „Das große Lalula“ von Christian Morgenstern (1. Strophe):

Kroklowafzi? Semememi!

Seiokrontro – prafriplo:

Bifzi, bafzi; hulalemi:

quasti basti bo …

Lalu lalu lalu lalu la! (Morgenstern, 1962, S. 23)

Die Struktur dieses Lautgedichtes wird grundsätzlich durch Konsonanten- und Vokalvariationen gebildet. Durch die Benutzung orthographischer Zeichen (Rufzeichen, Fragezeichen) werden semantische Scheineffekte erzielt, die die Musikalität hervorheben. Es wird aber auch sichtbar, dass es sich hierbei keineswegs um den Humor des Kindes handelt und es liegt am erwachsenen Leser, für welchen Effekt er sich bei diesem Lautgedicht entscheidet (vgl. Helmers, 1971, S. 40 – 41).

Ein weiterer Vertreter der Klanglyrik ist Ernst Jandl (1925 – 2000), der als erfolgreichster Vertreter der experimentellen Poesie gilt. Seine bevorzugten sprachlichen Merkmale sind

- die Vokalhäufung (Bsp. in „ottos mops“: „ottos mops klopft / otto: komm mops / …“)
- die Vokalrundung (Bsp. in „die mutter und das kind“: „üch / wüll / spülen // spül düch / meun künd“)
- der Vokalausfall (Bsp.: „schtzngrmm / schtzngrmm /t-t-t-t / t-t-t-t/ …“)
- die Konsonantenvertauschung (Bsp. in „lichtung“: manche meinen / lechts und rinks kann man nicht velwechsern. / werch ein illtum!“)
- die Sprachmischung (Bsp. in „calypso“: „ich was not yet in brasilien / nach brasilien / wulld ich laik du go“) (vgl. Rainer et al., 1995, S. 453 – 454)

4.2 Buchstaben- und Reimspiele (Beispiele)

4.2.1 Das Buchstabenspiel Renizupak („Kapuziner“ von hinten gelesen) hat die Vorgabe, bei einem beliebigen Wort zuerst immer mehr Buchstaben am Wortanfang wegzulassen und diese im zweiten Teil des Spiels wieder Buchstabe für Buchstabe hinzuzufügen, bis das ganze Wort wieder vorhanden ist:

Kapuziner – apuziner – puziner – uziner – ziner – iner – ner – er – r – er – ner – iner – ziner – uziner – puziner – apuziner – Kapuziner (vgl. Helmer, 1971, S. 69)

4.2.2 Es gibt eine große Anzahl verschiedener Reimspiele:

4.2.2.1 Kettenreime:

Die einfachste Form des Kettenreims beginnt mit „Es war einmal…“; danach wird zum letzten Wort der Zeile ein anderes Wort gesucht, das sich mit ihm reimt:

„Es war einmal ein Mann,

Der hatte einen Schwamm.

Der Schwamm war ihm zu naß (!),

Da ging er auf die Gaß. (!) […]“ (vgl. ebd., S. 72)

4.2.2.2 Schüttelreime:

Bei diesem Reim wird die sprachliche Information durch einen Buchstabentausch umgekehrt:

„Ich wag’ mich nicht an Inge ’ran:

Sie kommt gleich mit dem Ringe an.“ (vgl. ebd., S. 75)

4.2.2.3 Limericks:

Der Limerick, benannt nach der gleichnamigen Stadt in Irland, stammt aus dem und beschränkt sich beinahe ausschließlich auf das englische Sprachgebiet. Er besteht aus fünf Zeilen, von denen die dritte und vierte Zeile kürzer sind. Das Reimschema lautet a a b b a.

„There was a young lady from Riga,

Who smiled as she rode on a tiger.

They returned from the ride

With the lady inside,

And a smile on the face of the tiger.“ (vgl. ebd., S. 78)

4.3 Verkehrte Welt und Parodie

Ein Problem der Verkehrten Welt ist die Notwendigkeit, diese Verkehrtheit zu signalisieren, damit sie nicht als Unfähigkeit zur sprachlichen Kommunikation missdeutet wird.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die „verkehrte Welt“ darzustellen:

- Durch syntaktische Umstellung:

„Vorigen Handschuh verlor ich meinen Herbst.

Da ging ich ihn finden, bis ich ihn suchte. […]

- Durch Zusatz oder Ersatz:

Es werden zusätzliche Elemente zu den „normalen“ Aussagen eingebaut:

„Dunkel war’s, der Mond schien helle,

Schneebedeckt die grüne Flur,

Als ein Wagen blitzeschnelle

Langsam um die Ecke fuhr.“ […]

- Durch logische Umstellung:

In seinem Kindergedicht „Die sonderbare Stadt Tempone“ benützt James Krüss die logische Umstellung, um Vorgänge in ihr Gegenteil zu verkehren. Das Lesen eines Buches sieht dann so aus:

„Bücher liest man dort vom Ende

Bis zum Anfang mit Genuß (!).

Und dann bringt man sie zum Händler,

Der das Buch bezahlen muß (!).“

- Durch Verfremdung:

Ein modernes Beispiel der Anwendung der Verfremdung ist die „verkehrte welt der namen und begriffe“ von Jens Gerlach:

„die sonne regnet und die schwalbe gräbt

die kilometersteine heißen riffe

die wolke leuchtet und der maulwurf schwebt

die nacht wird tag und tag wird nacht genannt […]“ (vgl. ebd., S. 88 – 97)

[...]

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Details

Titel
Mit Humor durch die Lesestunde
Untertitel
Wo verstecken sich der Witz und die Ironie in einer Schulbibliothek?
Hochschule
Pädagogische Akademie des Bundes in der Steiermark
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
39
Katalognummer
V231558
ISBN (eBook)
9783656477136
ISBN (Buch)
9783656477242
Dateigröße
17864 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
humor, lesestunde, witz, ironie, schulbibliothek
Arbeit zitieren
Dipl. Päd. Mag. phil. Waltraud Calvi-Hatz (Autor:in), 2013, Mit Humor durch die Lesestunde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231558

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