„Waffen! Waffen! Man haut und schießt die Schutzbürger vor dem Schlosse zusammen!“ Dieser und ähnliche Rufe erschallten laut den Aufzeichnungen des Karl August Varnhagen von Ense am Nachmittag des 18. März 1848 in den Straßen Berlins und markierten den Beginn der Widerstandsaktionen der Bevölkerung gegen das preußische Militär. Unzählige Barrikaden wurden aus allen gerade verfügbaren Materialien errichtet, Waffenläden von der Menge gestürmt, kleinere Militärposten in entfernten Stadtteilen ausgehoben. Teilweise nur mit Steinen bewaffnet, kämpften Berliner Bürger aller sozialen Schichten Seite an Seite gegen die besser ausgerüsteten und gedrillten preußischen Truppen. Die blutigen Straßenkämpfe zogen sich bis in die frühen Morgenstunden des folgenden Tages hin und forderten auf beiden Seiten viele Menschenleben. Am 19. März befahl der wankelmütige König den Abzug seiner eigentlich siegreichen Truppen und verhalf der schon gescheiterten Revolution in Berlin damit doch noch zum Sieg.2 Die Tragweite dieses, von Siemann als „symbolisch“3 bezeichneten Sieges der Berliner Bevölkerung ist nicht hoch genug einzuschätzen und so kommt den Ereignissen vom 18./19. März eine besondere Bedeutung im Geflecht der Geschehnisse der Revolution von 1848 zu.
Was jedoch führte zum ‚heroischen Kampf’ der Berliner gegen die Truppen des Königs?
Was veranlasste die minder bewaffneten Bürger den Kampf mit dem gut ausgebildeten Militär aufzunehmen? Was war im Bewusstsein der Berliner am 18. März 1848 anders als an den Tagen, Wochen und Monaten zuvor, dass sie im Barrikadenkampf mit den geschulten Soldaten ihr Leben aufs Spiel setzten?
Kerngedanke dieser Frage ist die Suche nach einer Erklärung für die Handlungsmotivation von Akteuren in krisenhaften Situationen, was neben der Problematik der Definition, die größte Schwierigkeit der Revolutionsforschung darstellt. Genauer formuliert: Wie wird aus Demonstranten, die friedlich für durchaus unterschiedliche Ziele auf die Straße gehen, eine ‚Masse’, die zur Erreichung dieser Ziele gemeinsam das eigene Leben einsetzt. Vor dem Hintergrund der Wechselwirkung von Struktur und Ereignis kommt der Antwort auf diese Frage höchste Priorität zu, beschreibt sie doch den eigentlichen auslösenden Faktor der Veränderung und damit der Revolution.4 Die vorliegende
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Wesen der Revolution – Versuch einer Charakterisierung
3. Die Theorie der Revolution
3.1. Rational Choice plus Hoffnung auf Erfolg?
3.2. Lösungsversuch durch Annahme einer Bedrohungssituation
4. Die Amerikanische Revolution – Lexington und Concord
5. Die Französische Revolution – Der Sturm auf die Bastille
6. Die Revolution von 1848 – Berlin, 18. – 19. März 1848
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Handlungsmotivation von Akteuren in krisenhaften Situationen, speziell zu Beginn von Revolutionen. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, wie aus friedlichen Demonstranten eine Masse wird, die zur Durchsetzung ihrer Ziele das eigene Leben einsetzt, wobei als erklärender Faktor die Wahrnehmung einer akuten "Bedrohungssituation" im Wechselspiel zwischen Struktur und Ereignis postuliert wird.
- Charakterisierung des Phänomens Revolution
- Kritische Auseinandersetzung mit der "Rational Choice"-Theorie
- Bedeutung von krisenhaften Bedrohungswahrnehmungen für menschliches Handeln
- Analyse der Amerikanischen Revolution anhand der Bedrohungsthese
- Untersuchung der Französischen Revolution und der Erstürmung der Bastille
- Betrachtung der Berliner Revolution von 1848 als historisches Fallbeispiel
Auszug aus dem Buch
3.2. Lösungsversuch durch Annahme einer Bedrohungssituation
Die Frage nach der Handlungsmotivation der Akteure wurde Eingangs schon als ein Kernproblem der Revolutionsforschung charakterisiert und die Schwierigkeit ihrer Lösung in den nachfolgenden Untersuchungen verdeutlicht. Der Autor hält, wie schon erwähnt, die Theorie von Bourdieu für am meisten geeignet um Revolutionen zu beschreiben. Dabei synchronisiert das „kritische Ereignis“ eine Vielzahl verschiedener latenter Krisen, was letztendlich zum „kritischen Moment“ führt und damit zu einer großen Krise, oder Revolution.
Wie jedoch funktioniert das „kritische Ereignis“? Wie verläuft die Synchronisierung der unterschiedlichen Krisen? Was leitet die Handlungen der beteiligten Akteure? Auf diese Fragen, die im Ganzen das Kernthema dieser Arbeit bezeichnen, kann Bourdieu entweder nicht antworten, oder er überlässt sie dem historischen Zufall. Diese Erklärungslücke kann mit Rod Ayas Annahme von einer vorliegenden Situationslogik der Handlungen geschlossen werden, d.h. dass das Wechselspiel von Aktion und Reaktion zwischen den beteiligten Akteuren in der krisenhaften Situation ein plausibles Grundgerüst für die Analyse der „kritischen Ereignisse“ bildet. Er kann jedoch nicht mit seiner Handlungstheorie von „rational choice“ plus „Hoffnung auf Erfolg“ überzeugen.
Unter Berücksichtigung dieser Prämissen, gelangt der Autor zu der Überzeugung, dass die Handlungen, der am „kritischen Ereignis“ beteiligten Akteure, nicht einer bestimmten grundlegenden Geisteshaltung in Bezug auf Entscheidungen unterliegen, sondern vielmehr Ausdruck einer spezifischen Wahrnehmung der Situation sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt die Ereignisse in Berlin am 18./19. März 1848 vor und formuliert die zentrale Fragestellung nach der Motivation von Akteuren, in krisenhaften Situationen ihr Leben für revolutionäre Ziele einzusetzen.
2. Das Wesen der Revolution – Versuch einer Charakterisierung: Hier wird der Revolutionsbegriff vor dem Hintergrund der These des Autors charakterisiert, wobei die Amerikanische, Französische und Berliner Revolution als „Bürgerliche Revolutionen“ typologisiert werden.
3. Die Theorie der Revolution: Dieses Kapitel diskutiert verschiedene Revolutionstheorien, insbesondere das Konzept von Bourdieu, und entwickelt die eigene These der „Bedrohungssituation“ als Alternative zur kritisierten Rational-Choice-Theorie.
4. Die Amerikanische Revolution – Lexington und Concord: Die Analyse zeigt auf, wie durch drei spezifische Krisen ein Bedrohungsszenario entstand, das im Gefecht von Lexington und Concord als kritischem Ereignis gipfelte.
5. Die Französische Revolution – Der Sturm auf die Bastille: Hier wird untersucht, wie die Wahrnehmung von Hunger, politischer Unterdrückung und militärischer Bedrohung zur Erstürmung der Bastille als Ventil der Gewalt führte.
6. Die Revolution von 1848 – Berlin, 18. – 19. März 1848: Das Kapitel wendet die Bedrohungsthese auf die Berliner Ereignisse an, wobei die Eskalation auf dem Schlossplatz und der Barrikadenbau im Zentrum der Analyse stehen.
7. Fazit: Die Arbeit schließt mit dem Ergebnis, dass die Annahme einer Bedrohungssituation in Verbindung mit der Theorie Bourdieus eine plausible Erklärung für die Handlungsmotivation in Revolutionen bietet.
Schlüsselwörter
Revolution, Bedrohungssituation, Handlungsmotivation, Rational Choice, Kritisches Ereignis, Pierre Bourdieu, Amerikanische Revolution, Französische Revolution, Revolution 1848, Berlin, Barrikadenbau, Struktur, Ereignis, Krisenforschung, Politische Freiheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die psychologischen und situativen Motive, die Menschen dazu bewegen, sich an Revolutionen zu beteiligen und dabei ihr Leben aufs Spiel zu setzen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind Revolutionstheorien, die Wechselwirkung von Struktur und Ereignis sowie die Analyse historischer Wendepunkte in den USA, Frankreich und Deutschland.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Arbeit sucht nach einer Erklärung dafür, wie aus friedlichen Demonstranten eine Masse wird, die gemeinsam für die Erreichung ihrer Ziele kämpft, und führt dies auf eine wahrgenommene Bedrohungssituation zurück.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf die soziologische Theorie von Pierre Bourdieu und verknüpft diese mit einer Analyse der Situationslogik, um die Handlungen der Akteure in krisenhaften Momenten zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert drei historische Fallbeispiele: Die Amerikanische Revolution (Lexington und Concord), die Französische Revolution (Sturm auf die Bastille) und die Berliner Märzrevolution von 1848.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Publikation am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Revolution, Bedrohungssituation, Handlungsmotivation, Kritisches Ereignis und Politische Freiheit.
Warum kritisiert der Autor die "Rational Choice"-Theorie?
Der Autor sieht einen Widerspruch in der Annahme von rationalem Handeln auf Basis von Nützlichkeit, das gleichzeitig durch irrationale Hoffnungen bestimmt wird, und hält diesen Ansatz für revolutionäre Situationen für unzureichend.
Wie wird das "kritische Ereignis" in der Arbeit definiert?
Das kritische Ereignis ist ein Moment, in dem durch die Synchronisierung latenter Krisen die gewohnte Ordnung durchbrochen wird und Akteure gezwungen sind, sich durch offene Gewalt für eine Seite zu entscheiden.
- Arbeit zitieren
- Thomas Grunewald (Autor:in), 2009, Versuch der Erklärung von Handlungen der Akteure am Beginn von Revolutionen durch die Annahme einer ‚Bedrohungssituation’, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231561