Die histrionische Persönlichkeitsstörung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
15 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. BEGRIFFLICHE GRUNDLEGUNGEN
1.1. STATT EINEM VORWORT EINE DEFINITION: ZUM BEGRIFF DER PERSÖNLICHKEIT
1.2. EINFÜHRUNG IN DAS THEMA „HISTRIONISCHE PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG“

2. ZUR HISTRIONISCHEN PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG
2.1. MERKMALE
2.2. HISTRIONISCHE PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG NACH DEM DSM - IV
2.3. HISTRIONISCHE PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG NACH DEM ICD

3. DER KOMMUNIKATIONSSTIL HISTRIONISCHER PERSÖNLICHKEITEN

4. ERKLÄRUNGSANSÄTZE FÜR DIE ENTSTEHUNG EINER HPS
4.1. DER TIEFENPSYCHOLOGISCHE ERKLÄRUNGSANSATZ
4.2. DER KOGNITIVE UND DER ROLLENTHEORETISCHE ERKLÄRUNGSANSATZ

5. PSYCHOSOZIALE FOLGEN

6. SCHLUSS

1. BEGRIFFLICHE GRUNDLEGUNGEN

1.1. Statt einem Vorwort eine Definition: Zum Begriff der Persönlichkeit

Die unermessliche Vielfalt menschlicher Erscheinungen hat den Menschen gedrängt, Ordnung zu schaffen, die Phänomene seiner Welt nach Klassen, Gattungen, Arten und Typen zu gruppieren. Wir haben bei der Lehrveranstaltung „Persönlichkeitstheorien“ den Begriff der Persönlichkeit definiert als „ein bei jedem Menschen einzigartiges, relativ stabiles und den Zeitablauf überdauerndes Korrelat des Verhaltens“ (vgl. Tewes & Wildgrube 1999, S. 273). Ich glaube, dass es am Anfang des heutigen Referates lohnenswert ist, diese Definition erneut zu reflektieren. Unter „Verhaltenskorrelat“ werden unterschiedliche Aspekte wie Bedingung, Ordnung, System, Produkt oder Abstraktion des Verhaltens und Erlebens verstanden. Die Persönlichkeit ist also nicht das Verhalten und Erleben selbst, sondern vielmehr ein Gefüge von Dispositionen. Zu diesen Dispositionen gehören zum einen die Merkmale des offenen, objektiv registrierbaren Verhaltens, zum anderen aber auch Merkmale der Kognition, Emotion und Motivation. Das jeweilige Dispositionsgefüge ist bei jedem Menschen einzigartig (vgl. Tewes & Wildgrube 1999, S. 273). Für uns ist nun weiterhin von Bedeutung, dass bspw. aktuelle Stimmungslagen o.ä. per definitionem keine Persönlichkeitsmerkmale darstellen. Nur diejenigen Merkmale, die zum einen zeitlich überdauernd konstant bleiben und zum anderen situationsstabil sind, werden als Persönlichkeitsmerkmale bezeichnet. Wir sollten uns bei der folgenden Darstellung der histrionischen Persönlichkeitsstörung zudem stets bewusst sein, dass es sich bei Begrifflichkeiten wie „Persönlichkeit“ um keine real existierenden Entitäten handelt, sondern dass die Persönlichkeit eine „hypothetische Konstruktion ist, dessen hinreichende, empirisch kontrollierte Präzisierung -wenn überhaupt- erst in ferner Zukunft zu erwarten ist“ (Tewes & Wildgrube 1999, S. 273). Dies war meines Erachtens die Quintessenz unserer Diskussion um den Begriff der Persönlichkeit. Ich habe mich zur Darstellung dieser teilweise bereits bekannten Sachverhalte entschlossen, weil ich es gerade bei der Untersuchung von Persönlichkeits st ö rungen für wichtig halte, dass wir uns bewusst machen, dass Typologisierung und Kategorisierung stets zu stereotypem Denken verführen (vgl. Guss 1997, S. 155). Man kann nicht oft genug darauf hinweisen, dass jede Kategorie stets auch eine bestimmte methodologische Vorstellung darüber einschließt, wie man wissenschaftlich vorzugehen hat, um einen Gegenstand adäquat zu erfassen (vgl. Holzkamp 1985, S. 27f.).

1.2. Einführung in das Thema „Histrionische Persönlichkeitsstörung“

Unter Persönlichkeitsstörungen versteht man eine „umfassende Gruppe (d.h. Kategorie, Anm. d. Verf.) von Fehlanpassungen der Persönlichkeit, die als Krankheitsgruppe weder den Neurosen noch den Psychosen zugerechnet werden kann“ (Tewes & Wildgrube 1999, S. 275). Dabei weisen die Krankheitsbilder gewisse Assoziationen zu den psychotischen und neurotischen Erkrankungen auf, ohne jedoch deren Intensität der Symptomausprägung zu erreichen. Im folgenden werden wir die histrionische oder hysterische Persönlichkeit näher untersuchen. Gerade bei dieser Störung der Persönlichkeit ist es gleichermaßen interessant wie amüsant, einen Blick in die Geschichtsbücher zu werfen. Im Jahre 1900 v. Chr. wurden die Symptome der Hysterie als gynäkologische Erkrankung beschrieben (griech. Hystéra = Gebärmutter). Ihre Ursache führten die Gelehrten des Altertums auf ein Umherwandern der Gebärmutter im Körper zurück. Diese Vorstellung vom wandernden Uterus, der sich auf der Suche nach Kindern im Körper befindet, hielt sich über Jahrtausende. Hysterie galt seit dieser Begründung als reine Frauenkrankheit. Im Mittelalter wurde die Auffassung vertreten, dass hysterische Symptome eine Folge der Berührung des Teufels seien (vgl. Schneewind 1992, S. 103 ff.). Siegmund Freud will 1896 an die bedeutsame Entdeckung seines Mentors Josef Breuer anknüpfen, dass „die Symptome der Hysterie ihre Determinierung von gewissen traumatisch wirksamen Erlebnissen des Kranken herleiten, als deren Erinnerungssymbole sie im psychischen Leben desselben reproduziert werden“ (Freud 1896, S. 54). Nach seiner Ansicht entsteht dieses Leiden auf der Grundlage bestimmter Persönlichkeitsmerkmale durch unbewusste Konflikte (v.a. durch Verdrängung sexueller Bedürfnisse) in der Kindheit. Die Hysterie als Erinnerungssymbol an ein traumatisches Erlebnis? Wenden wir uns zur (vorläufigen) Beantwortung dieser Frage dem heutigen Stand der Forschung zu.

2. ZUR HISTRIONISCHEN PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG

2.1. Merkmale

Im Jahre 1980 wurde der Begriff der „hysterischen Persönlichkeitsstörung“ abgeschafft. Das Adjektiv „hysterisch“ hat sich zuvor in der Alltagssprache der Menschen als ein wenig schmeichelhaftes Attribut für Frauen der gesellschaftlichen Oberschicht eingebürgert. Ganz im Sinne Wittgensteins akzeptierte man, dass die Bedeutung eines Wortes seinem Gebrauch in der Sprache entspricht. So versuchten Wissenschaftler eine treffendere Bezeichnung zu finden. Man stellte fest, dass die theatralische Darstellung von Emotionen ein recht konstanter Zug der sogenannten „Hysteriker“ zu sein schien. „Hysterie“ wurde durch den neuen Begriff der „histrionischen Persönlichkeitsstörung“ ersetzt. „Histrionisch“ kommt von dem lateinischen Wort „histrio“, welches einen Theaterschauspieler bezeichnet. Die Hysterie (oder jetzt: histrionische Persönlichkeitsstörung) vereint Symptome, die teilweise eine gewisse Ähnlichkeit mit der progressiven Paralyse aufweisen. So treten bei der histrionischen Persönlichkeitsstörung auch Gedächtnisausfälle, Lähmungserscheinungen, Ohnmachtsanfälle, Blindheit usw. auf, was dazu führte, dass sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts überwiegend Mediziner mit dieser Krankheit beschäftigten.

Die Hauptmerkmale der HPS sind neben einer übermäßigen, dysfunktionalen Emotionalität vor allem Dämmerzustände, Wahnvorstellungen, Schrei- und Weinkrämpfe, sowie körperliche Beschwerden wie heftige Herz- und Magenschmerzen oder Zitteranfälle, die keine organischen Ursachen haben (vgl. Cohen 1997, S. 172). Zudem wird von einem ständigen Verlangen nach Aufmerksamkeit berichtet. Ein hervorragendes Beispiel dazu findet sich in Dostojewskis großem Roman „Die Brüder Karamasow“. Lisa, die Tochter einer wohlhabenden Beamtenwitwe, lässt Aljoscha rufen, dem sie vor einiger Zeit einen flammenden Liebesbrief geschrieben hat.

Als er bei Lisa eintrat, fand er sie in halbliegender Stellung auf dem Lehnsessel, in dem man sie umhergefahren hatte, als sie nicht mehr gehen konnte. Sie rührte sich nicht (…), aber ihr durchdringender, scharfer Blick war auf ihn geheftet. Ihre Augen brannten, ihr Gesicht war bleich. Aljoscha wunderte sich darüber, wie sehr sie sich innerhalb dreier Tage verändert hatte, ja abgemagert war. (…) „Warum sind sie so verstimmt?“ fragt Aljoscha.

„Im Gegenteil, ich bin sehr froh. Soeben erst habe ich darüber nachgedacht, wie gut es ist, dass ich ihnen geschrieben habe und nicht ihre Frau werde. Sie taugen nicht zu einem Ehemann!“. (…)

„Warum haben sie mich rufen lassen, Lise?“

„Ich wollte ihnen meinen Wunsch mitteilen, den ich habe. Ich wünschte, dass mich jemand marterte, dass er mich heiratete und mich dann marterte, mich betröge, mich verließe und fortzöge. Ich vermag es nicht glücklich zu sein! Ja, ich liebe das Böse. Immer möchte ich das Haus anzünden. (…) Ach, wie langweilig ist das alles!“. Sie machte eine Bewegung des Abscheus. (…) „Ach, wie wäre es schön, wenn alles aus wäre! Wissen Sie, Aljoscha, zuweilen nehme ich mir vor, schrecklich viel Böses zu tun. Lange würde ich es im stillen tun, und dann würden es plötzlich alle wissen. Alle würden mich umringen und würden mit Fingern auf mich weisen, und ich würde alle ansehen. Das müsste sehr angenehm sein!“ (…) „Aljoscha, besuchen sie mich häufiger!“ sagte sie plötzlich mit flehender Stimme. (…) „Wissen Sie, Aljoscha, wissen Sie, ich möchte … Aljoscha, retten Sie mich!“ Sie sprang plötzlich vom Lehnstuhl auf, stürzte auf ihn zu und umarmte ihn heftig. „Retten Sie mich!“ rief Sie stöhnend aus (…). „Aljoscha,“ rief sie außer sich, „warum lieben Sie mich gar nicht, warum lieben Sie mich gar nicht?“

„Doch, ich liebe Sie,“ antwortete Aljoscha mit großer Wärme. (…)

Sie riss sich plötzlich von ihm los. „Ich liebe niemanden. Hören Sie, nieman-den. Im Gegenteil, ich hasse. Gehen Sie (…)“.

Sobald Aljoscha sich entfernt hatte, klinkte Lisa das Türschloss wieder auf, öffnete ein wenig die Tür, steckte ihren Finger in die Türspalte und quetschte ihn aus allen Kräften, indem sie die Tür zuschlug und anzog (…) (Dostojewski 2000, S. 566 ff.)

Es gibt momentan zwei Diagnosesysteme, die bestimmte Kriterien für das Erkennen einer HPS enthalten: Das DSM-IV (Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen, 4. Ausgabe) und das ICD 10 (International Classification of Deseases 10).

2.2. Histrionische Persönlichkeitsstörung nach dem DSM - IV

Mindestens fünf der unten genannten Kriterien müssen zutreffen:

- Fühlt sich unwohl in Situationen, in denen er/sie nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht
- Die Interaktion mit anderen ist oft durch ein unangemessen sexuell verführerisches oder provokantes Verhalten charakterisiert
- Zeigt rasch wechselnden u. oberflächlichen Gefühlsausdruck
- Setzt durchweg die körperliche Erscheinung ein, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken
- Hat einen übertrieben impressionistischen, wenig detaillierten Sprachstil
- Zeigt Selbstdramatisierung, Theatralik und übertriebenen Gefühlsausdruck
- Ist suggestibel, d.h. leicht beeinflussbar durch andere Personen
- Fasst Beziehungen enger auf, als sie tatsächlich sind

2.3. Histrionische Persönlichkeitsstörung nach dem ICD 10

Mindestens drei der unten genannten Kriterien müssen zutreffen:

- Dramatisierung bzgl. der eigenen Person, theatralisches Verhalten, übertriebener Ausdruck von Gefühlen
- Suggestibilität, leichte Beeinflussbarkeit durch andere Personen oder Umstände
- Oberflächliche u. labile Affektivität
- Andauerndes Verlangen nach Aufregung
- Starkes Verlangen nach Anerkennung durch andere
- Aktivitäten, bei denen die betreffende Person im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht
- Unangemessenes und verführerisches in Erscheinung treten bzw. Verhalten
- Übermäßiges Interesse an körperlicher Attraktivität

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die histrionische Persönlichkeitsstörung
Hochschule
Hochschule Zittau/Görlitz; Standort Görlitz  (Studiengang Kommunikationspsychologie)
Veranstaltung
Störungen der Kommunikation
Note
1,4
Autor
Jahr
2002
Seiten
15
Katalognummer
V23158
ISBN (eBook)
9783638263382
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Persönlichkeitsstörung, Störungen, Kommunikation
Arbeit zitieren
Christoph Obermeier (Autor), 2002, Die histrionische Persönlichkeitsstörung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23158

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