Menschenwürde vs. Tierwürde. Wagners Erkenntnisbegriff und seine Anwendung auf den Menschen und andere Lebewesen


Hausarbeit, 2012

9 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wagners Erkenntnisbegriff

3. Sprach- und Erkenntnisfähigkeit von Tieren

4. Tierwürde

5. Erkenntnisfähigkeit von Kleinkindern und schwer geistig Behinderten

6. Erweiterung oder Einschränkung des Würdebegriffs?

7. Quellen und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie!“[1] Mit diesem Satz spricht Schiller in seinem Gedicht „Die Künstler“, zwar nur selbige an, aber man kann es auch gut als eine Aufforderung an alle Menschen sehen, die ihnen zuteil kommende Würde und die der anderen Menschen zu achten und zu schützen. Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass dem Mensch Würde zugesprochen wird? Gibt es eine Begründung warum gerade wir eine besondere Art der Würde, nämlich die Menschenwürde besitzen und somit eine Sonderstellung unter den Lebewesen einnehmen? Hans Wagner nimmt sich dieser Frage in seinem Spätwerk „Die Würde des Menschen“ an und führt eine mögliche Begründung an. Es soll nun geprüft werden, ob seine Begründung wirklich nur auf den Menschen und somit auch auf alle Menschen oder auch auf andere Lebewesen zutrifft. Die in dieser Diskussion oftmals angeführten präferenzutilitaristischen Gründe werden hier nicht weiter berücksichtigt.

2. Wagners Erkenntnisbegriff

Wagner beginnt damit die Frage nach der Würde des Menschen als die wichtigste Frage der praktischen Philosophie zu erklären, sagt allerdings gleich, dass der Grundstein für die Beantwortung dieser Frage bereits in der, der praktischen Philosophie vorausgehenden, Erkenntnistheorie liegt.[2] Hier geht er gleich auf den einmaligen Charakter der menschlichen Erkenntnis ein, schreibt er doch:

[…] gibt es Erkenntnis und Erkenntnisse in der Welt nur soweit Menschen sie hervorbringen; Erkenntnisse sind ausschließlich Produkte von Menschen; Menschen sind der ausschließliche Grund dafür, daß es Erkenntnisse in der Welt gibt – neben den Dingen, die den Gegenstand für diese Erkenntnisse bilden oder doch bilden können.[3]

Er stellt hier also die These auf, dass es Erkenntnis nur durch den Menschen gibt, stellt allerdings auch gleich die kritische Frage: „haben wirklich nur wir Menschen Erkenntnisse, soll man Tieren, insbesondere höheren Tieren jede Fähigkeit zu Erkenntnissen absprechen können?“[4] Hier kann man ihn kritisieren, da er zwar diese, berechtigte, Frage einwirft, sie allerdings dann wieder fallen lässt, er begnügt sich damit zu sagen, dass der Erkenntnistheoretiker dies als Warnung sehen muss, sie allerdings erst später beseitigen kann.[5] Doch von was reden wir überhaupt, wenn wir von Wagners Begriff der Erkenntnis sprechen? „Einen Gegenstand erkennen, das heißt erfassen, was er ist, wie er (hinsichtlich der verschiedenen Kategorien) ist, welche Relationen ihn innerlich aufbauen und in welchen Relationen er zu anderem steht.“[6] Von deren Gültigkeit kann man nur dann sprechen, „wenn in ihr der Gegenstand als das erfaßt wird, was er, und so erfaßt wird, wie er an sich selber ist.[7] Die Erkenntnis hängt einzig und allein vom Denken ab, alle Wahrheit oder Falschheit wird erst dadurch erkannt. „Wenn es Erkenntnis, Wissen, Wissenschaften gibt, so erweisen sie sich, woimmer es um ihre Gültigkeit und Wahrheit geht als Denken.“[8]

3. Sprachfähigkeit von Tieren

Wenn man nun also das Denken als Grundlage der Würde sieht, stellt sich jedoch die Frage, ob auch sprachlose Wesen denken, bzw. wie sie denken. Wenn wir denken dann geschieht dies mithilfe unserer Sprache, wir „sprechen“ innerlich mit uns. Kleinkinder jedoch, die noch nicht sprechen können, sind dann vom Würdebegriff abgeschirmt, da ihnen durch ihre Sprachlosigkeit auch das Denkvermögen und somit die Grundlage für Würde fehlt. In die selbe Sparte kann man schwer geistig behinderte Menschen stecken. Doch darauf kommen wir später zu sprechen. Auf der anderen Seite stellt sich hier wieder die Frage, was mit nichtmenschlichen Tieren ist. Hans Werner Ingensiep und Heike Baranzke stellen in ihrem Buch „Das Tier“ verschiedene Positionen zu diesem Thema vor, unter anderem folgende: „Als Hauptargument gegen ein Denken der Tiere werde meist die Notwendigkeit des Besitzes von Sprache als Vorrausetzung für Denken angeführt. […] Wieso aber sollte Sprache die Vorrausetzung für Bewusstsein sein […]?“[9] Es wird niemand leugnen, dass Menschenaffen miteinander kommunizieren, dies tun sie auch über eine Sprache, auch wenn selbige nicht so ausgereift sein mag wie die unsere. Manche von ihnen sind in der Lage ein sprachliches Niveau zu erreichen, dass unserem in der Alltagssprache gleicht. Sie kommunizieren im Unterschied dazu dann allerdings mit Zeichen und nicht mit gesprochenen Worten. Doch ist diese Art der Kommunikation auch komplett auf unserem Niveau? Es kann laut Christian Thies erst dann von einem argumentativen Diskurs gesprochen werden, wenn reine Begriffe als „Gründe“ eingesetzt werden, was den Menschenaffen nicht möglich sei.[10]

Man kann nun zu der Annahme gelangen, dass es eine Sprache vor der Sprache geben muss, von Markus Wild „Mentalsprache“[11] genannt. Mithilfe dieser Metasprache ist es uns (und eventuelle auch anderen Tieren) möglich zu sprechen und eine „richtige“ Sprache zu erlernen. Auch Darwin dachte schon an eine ähnliche Theorie, da er annahm, dass die Sprache der Menschen nur eine evolutionäre Erweiterung eines, immer noch von den meisten Tieren benutzten, Zeichensystems ist.[12] Einen interessanten Versuch dazu führte M. Louis Herman mit Delfinen durch. Dabei wurde versucht den Meerestieren eine, auf computererzeugten Tönen basierende, Sprache beizubringen. Dadurch, dass die Delfine eigenständig semantisch und syntaktisch richtige Sätze bilden konnten, kann man ableiten, dass sie nicht einfach nur eine Sprache nachahmen, sondern „wissen“ wie sie die Worte verwenden müssen.[13]

4. Tierwürde

Wendet man Wagners Schluss nun also rückwärts an, indem von Sprache, über Denken, zur Erkenntnisfähigkeit und somit zur Würde kommt müsste man gewissen intelligenten nichtmenschlichen Tieren ebenfalls eine Würde zugestehen. Er selbst geht einer, damit einhergehenden, ähnlichen Frage nach: „Können wir tatsächlich Pflichten gegenüber Tieren haben? […] Können Tiere tatsächlich Rechte haben, Rechtsansprüche an uns Menschen?“[14] Er sagt, dass wir nur durch unsere Menschenwürde und nicht durch ihre Rechte oder eine Art von Würde, die ihnen zukommen würde, wir sie nicht unseren Lüsten ausgeliefert lassen dürfen, da wir sonst gegen unsere Würde verstoßen würden.[15] Auch Kant vertrat schon die Ansicht, dass ein Mensch der Tiere quält, seiner nicht würdig und entgegen seiner Pflicht handelt.[16] Wagner schreibt zwar auch, dass „[…] die menschliche Spezies wie jede andere lebende Art ein Produkt der Natur ist.“[17] Der Unterscheid aber und somit der Grund für die menschliche und nur für die menschliche Würde ist, dass „[…] der Mensch, und er allein, nicht nur Naturstück sondern ebensosehr auch Subjekt ist.“[18] Alle Gedanken eines jeden Menschen soll auf eine „Geltungs-(Wahrheits-) Differenz“ zurückzuführen sein. Er ist sich über den minimalistischen Charakter dieses Beweises im Klaren, sieht ihn aber auch gleich als Stärke desselbigen an. Einstein soll gesagt haben, dass wenn man etwas nicht einfach erklären kann, was Wagner hier, mit diesem minimalistischen Schluss tut, man es selbst nicht richtig verstanden hat. Es ist allerdings auch ein Ausflucht sich der Kritik zu stellen, denn was ist mit der Tatsache, dass einige Tiere dazu fähig sind sich selbst als Subjekt wahrzunehmen, einigen Menschen diese Fähigkeit jedoch verwehrt bleibt? Und kann man wirklich sicher sagen, dass es einigen Tieren, selbst wenn man ihnen nur simplere Gedanken zugesteht, nicht auch auf die wirkliche Verifizierbarkeit ihrer Gedanken ankommt. Würden dies nicht der Fall sein, würde es ihr Leben und den Kampf mit eventuellen natürlichen Feinden, die Futtersuche und das soziale Zusammenleben doch erheblich erschweren. Auf diese gerade angesprochenen Menschen kommen wir nun genauer zu sprechen.

[...]


[1] Schiller, Friedrich. (1786-1795). Die Künstler. http://www.textlog.de/schiller-gedichte-die-kuenstler.html. Zugriff: 05.04.2012 13:41 Uhr

[2] Wagner, Hans. (1992). Die Würde des Menschen. Würzburg. S. 138.

[3] Ebenda.

[4] Wagner, Hans. (1992). Die Würde des Menschen. Würzburg. S. 139.

[5] Ebenda.

[6] Ebenda. S. 213.

[7] Ebenda. S. 227.

[8] Ebenda. S. 226.

[9] Baranzke, Heike; Ingensiep, Hans Werner. (2008). Das Tier. Stuttgart. S. 62.

[10] Thies, Christian. (2004). Einführung in die philosophische Anthropologie. Darmstadt. S. 103.

[11] Wild, Markus. (2008). Tierphilosophie zur Einführung. Hamburg. S. 81.

[12] Darwin, Charles. (1966). Die Abstammung des Menschen. Stuttgart. S.106 ff.

[13] Herman, M. Louis; Pack, Adam A; Morrel-Samuels, Palmer. (1993). “Representational and Conceptual Skills of Dolphins”. In: Language and Communication. Comparative Perspectives. S. 403 ff.

[14] Wagner, Hans. (1992). Die Würde des Menschen. Würzburg. S. 367.

[15] Ebenda. S. 367f.

[16] Kant, Immanuel. (1797). Metaphysik der Sitten. In : Kants Werke, Band VI. Erlangen. S. 443.

[17] Wagner, Hans. (1992). Die Würde des Menschen. Würzburg. S. 346.

[18] Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Menschenwürde vs. Tierwürde. Wagners Erkenntnisbegriff und seine Anwendung auf den Menschen und andere Lebewesen
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
9
Katalognummer
V231642
ISBN (eBook)
9783656478119
ISBN (Buch)
9783656479789
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Wagner, Würde, Menschenwürde, Tier, Tierwürde, Sprache, Erkenntnisfähigkeit, Würdebegriff, Dawrin, Wild, Thies
Arbeit zitieren
Robin Materne (Autor), 2012, Menschenwürde vs. Tierwürde. Wagners Erkenntnisbegriff und seine Anwendung auf den Menschen und andere Lebewesen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231642

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