Staatsausbau durch Kolonisation: Die planmäßige Anwerbung von Deutschen und ihre Ansiedlung im Russischen Reich unter Katharina II.


Seminararbeit, 2004
28 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Gliederung

1. Problemlage, Fragestellung und Arbeitsmethode

2. Die Geschichte der deutschen Präsenz im Zarenreich
2.1. Von der Kiewer Rus’ bis zum Herrschaftsantritt der Romanows
2.2. Zar Peter I. und die Errichtung der deutschen Sonderstellung
2.3. Von der Fremdenherrschaft Anna Ioannownas bis zur Ermordung Peters III

3. Anwerbung und Kolonisation: Massiver Zuzug deutscher Kräfte ins Russische Reich unter Katharina II.
3.1. Vorbemerkungen: Die Eckpfeiler der Kolonisationspolitik Katharinas II
3.2. Einschub: Deutsche in Kultur, Wissenschaft und Forschung
3.3. Die Berufungsmanifeste: Beginn einer planmäßigen Anwerbung
3.4. Maßnahmen gegen die Kolonistenwerbung Die russischen Kommissäre
3.5. Der Kolonialkodex als legislative Grundlage der Kolonisation
3.6. Die Entwicklung der staatlichen Kolonienverwaltung
3.7. Herkunft, Beweggründe, Berufs- und Sozialstruktur der deutschen Einwanderer
3.8. Eine erste Bilanz der deutschen Kolonisation und die Zäsur des Pugatschow-Aufstands
3.9. Die zweite Phase der Kolonisation: Deutsche im Schwarzmeerraum

4. Plan und Wirklichkeit: Ein Teilbilanz der russischen Kolonisationspolitik unter Katharina II.

5. Literaturangaben

1. Problemlage, Fragestellung und Arbeitsmethode

Die Geschichte der deutschen Siedler, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Aufrufen der Zarin Katharina II. gefolgt und Kolonien an der Wolga, im Schwarzmeerraum und anderen Teilen des russischen Reiches gegründet hatten, ist in den letzten Jahren wieder von zahlreichen Forschungen zum Gegenstand erhoben worden. Ausgelöst durch den vermehrten Rückstrom der Nachkommen dieser Kolonisten, der so genannten Aussiedler, in die Heimat ihrer Ahnen, hat diese Neubelebung eines alten Themas der deutschen Geschichtsschreibung viele traditionelle Wahrheiten relativiert beziehungsweise widerlegt. Dies hat insgesamt zu einer neutraleren Sicht auf die deutsche Kolonisation beigetragen, deren Kulturleistung anerkannt wird, ohne die Probleme zu vernachlässigen, deren Schwierigkeiten geschildert werden, ohne die Erfolge unerwähnt zu lassen.

Die vorliegende Arbeit versucht auf dieser Grundlage, einen Einblick in die Geschichte der deutschen Kolonisation auf russischem Boden zu liefern, wobei sie sich auf ihre Gründerjahre zur Regierungszeit Katharinas II. (1762-1796) beschränkt. Dieser zeitliche Rahmen spiegelt auch die Hauptintention wider: Nicht das Gemeindeleben und die Kultur der ersten deutschen Siedler in Russland – Aspekte, die an anderer Stelle umfassend behandelt wurden – bilden hier den Angelpunkt, sondern vielmehr die Gründe, Schwierigkeiten und Erfolge der Kolonisation aus der Sicht des russischen Staates. Dabei werden jedoch wiederholt Perspektivwechsel auf die Auswirkungen der russischen Siedlungspolitik auf die angeworbenen Bauern und Handwerker möglich und zu einem tieferen Verständnis auch notwendig sein.

Bevor es jedoch an die Schilderung der Abläufe und Zusammenhänge der Kolonisation geht, soll in einem ersten Teil die Vorgeschichte der deutschen Präsenz im russischen Reich dargelegt werden. Dies soll zum einen dem Eindruck entgegenwirken, dass die deutsch-russische Geschichte erst mit den Berufungsmanifesten der Kaiserin Katharina ihren Anfang genommen hat, zum anderen auch helfen, übergeordnete Zusammenhänge und Tendenzen dieser Kulturgemeinschaft zu erkennen, die sich auch im Verlauf der planmäßigen Ansiedlung von Deutschen in Russland wiederfinden lassen.

2. Die Geschichte der deutschen Präsenz im Zarenreich
vor dem Herrschaftsantritt Katharinas II.

2.1. Von der Kiewer Rus’ bis zum

Herrschaftsantritt der Romanows

Die frühesten deutschen Spuren im russischen Raum lassen sich für die Zeit der Kiewer Rus’ nachweisen. Schon damals war es der Ruf einer russischen Fürstin, der die ersten Träger deutscher Kultur und lateinischen Glaubens – Missionare unter dem späteren Magdeburger Erzbischof Adalbert – nach Russland holte. Die griechisch getaufte Interimsherrscherin Olga (945-961) wollte damit nicht nur eine größere kirchliche Autonomie gegenüber Byzanz erwirken, sondern auch einen politisch-kulturellen Anschluss an die nord- und westeuropäischen Reiche, vor allem an das Otto des Großen (912-973). Nachdem jedoch Wladimir der Heilige (980-1014), Olgas Enkelsohn, das aufstrebende Großfürstentum in einem Taufakt unlösbar mit der griechisch-orthodoxen Kirche verbunden hatte, waren auf dem Hintergrund der Kirchenspaltung weitere lateinisch-deutschen Missionsversuche undenkbar geworden.

Russland, das geheimnisvolle Riesenreich im europäischen Osten, beschäftigte zunehmend die Phantasie der fürstlichen Familien im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Jedoch scheinen dynastische Verbindungen eher episodenhaft verlaufen zu sein. Zahlreiche Chroniken betonen die sagenhaften Reichtümer des Landes, die mit der Zeit auch die Aufmerksamkeit der mitteleuropäischen Kaufleute auf sich zogen. Vor allem Kiew zog sie durch die Pracht und Fülle seiner russischen, orientalischen und byzantinischen Waren an. »Es ist anzunehmen, dass [auch] Deutsche kontinuierlich auf den Kiewer Handelsplätzen anwesend waren.«[1] In ihrer Nähe ließen sich bald katholische Geistliche und Mönche nieder, die jedoch nicht missionieren durften. Mit dem Einfall der Mongolen im südrussischen Raum und der Zerstörung Kiews (1240) verlieren sich schließlich alle Spuren deutscher Präsenz im Kiewer Großfürstentum.

Weniger schemenhaft sind die Zeugnisse aus der Zeit der Handelsbeziehungen der deutschen Hanse mit Nowgorod: Erhaltene Urkunden geben Auskunft über das Leben der mercatores teutonici, von den Einheimischen als gosti (Gäste) bezeichnet, in den nordrussischen Städten. Gut dokumentiert ist z.B. die rechtliche Exterritorialität des gostinyj dvor, des deutschen Gästehofs in Nowgorod. Mit Eröffnung des dortigen Hansekontors hatten sich die Deutschen auch das Recht gesichert, eine eigene Kirche (St. Peter) zu errichten. Weil Heiratsbeziehungen zwischen Gästen und Einheimischen möglich waren, wird es auch zu festen Ansiedlungen gekommen sein, über deren Umfang jedoch wenig bekannt ist.

Als das Moskauer Großfürstentum unter Iwan III. (1462-1505) in großangelegten Kriegszügen begann, das auf Russland lastende tatarische Joch abzuwerfen und die in Teilfürstentümer zersplitterte russische Erde zu »sammeln«, spielten deutsche Handwerker eine gewichtige Rolle bei der Herstellung von Geschützen, Munition und Sprengsätzen; deutsche Händler lieferten hierfür Blei, Kupfer und Salpeter. Der 1489 geschlossene Freundschaftsbund zwischen Iwan III. und Kaiser Friedrich III. ebnete den Weg deutscher Reisender und Kaufleute ins ferne Moskowitien. Vermutlich entstand bereits in dieser Zeit im Nordosten Moskaus eine Fremdenvorstadt, die später aufgrund der Dominanz der deutschen und der ihr verwandten Sprachen als nemeckaja sloboda in den Urkunden auftaucht. Unter Iwan IV. (1533-1584) wurden hier zahlreiche aus deutschen Landen eingewanderte Facharbeiter, vor allem Kriegstechniker, angesiedelt – später auch Kriegsgefangene aus Livland.

Mit dem Herrschaftsantritt der Romanows (1613), die das traditionelle politische Kraftfeld zwischen Skandinavien und Byzanz zugunsten einer deutlichen West-Ost-Orientierung aufbrachen, begann in Russland eine lange Phase der ausländerfreundlichen Politik. Mit den Ländern im Westen des Zartums wurden rege Handelsbeziehungen aufgebaut und dynastische Verbindungen geknüpft. Die planmäßige Ansiedlung fremder Wirtschaftsfachkräfte und Militärs, aber auch Ärzte, Gelehrte und Handwerker in den russischen Städten, vor allem aber in der Nähe des Moskauer Zarenschlosses, wurde wieder aufgenommen und intensiviert. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts hatte sich die deutsche Vorstadt zu einem prosperierenden Zentrum des hauptstädtischen Lebens entwickelt, zu einem sozialen Mikrokosmos westeuropäischer Sprachen und Sitten.

2.2. Zar Peter I. und die Errichtung

der deutschen Sonderstellung

Die ersten Schritte aus dem steifen Zeremoniell des Hofes in die lebendige Atmosphäre fremder Sprachen und Sitten, in die Welt der westeuropäischen Zivilisation, machte Zar Peter I. bereits in seiner Jugend, als er ständiger Gast in der Moskauer Fremdenvorstadt war. In ihrer kulturellen und sozialen Exterritorialität gewann er ein besseres Verständnis für seine Zeit und seine Umwelt und konnte die Grundideen seiner späteren Politik konkretisieren: Öffnung des Russischen Reiches nach Westen und Anschluss an den dortigen wissenschaftlichen und technischen Fortschritt. Auf mehreren Europareisen holte sich der junge Zar Anregungen zur Modernisierung des Staatswesens. Der energische Umwälzungsprozess, den der ungestüme Monarch sodann in Gang setzte, wäre nicht denkbar ohne die fähigen europäischen Kräfte, die er im Westen rekrutierte. Vor allem den Deutschen brachte Peter I. große Achtung und persönliche Sympathie entgegen, so dass sich ihr Ansehen und Einfluss sowie bald auch ihre Zahl auf russischem Boden so stark vermehrten, dass sie eine Sonderrolle einzunehmen begannen.

Die zunehmende Abkehr von der altmoskowitischen Herrschertradition bescherte dem Zaren schon früh eine breite Opposition. In dem sich abzeichnenden Machtkampf konnten die Ausländer als Träger der petrinischen Reformen kaum unbeteiligt bleiben, zumal die reaktionären Kräfte ihre Abneigung gegen fremdländische Einflüsse nicht verhehlten. Vor allem die Altgläubigen unter dem einflussreichen Patriarchen Joakim wandten sich gegen die vermeintlichen Ketzer, die eine Gefahr für die Reinheit des Glaubens darstellten. Vereinzelt kam es zu religiösen Repressionen gegen die Fremdgläubigen, bis hin zu Gefängnis und Folter. Vorläufiger Höhepunkt dieser Anfeindungen war der letzte Strelitzenaufstand von 1698. In Abwesenheit des in Europa weilenden Zaren verbreiteten seine Gegner das Gerücht, er sei in der Fremde verstorben. Die Schuld am Tod des Zaren wurde den verderblichen Ratschlägen der Deutschen zugeschrieben. Die aufgeladene Stimmung drohte sich in einem Pogrom der deutschen Vorstadt zu entladen, was nur durch die schnelle Rückkehr des Zaren und sein drakonisches Durchgreifen verhindert wurde. Die Strelitzen wurden liquidiert, die Altgläubigen in die Verbannung abgedrängt. Ihr Klagen über den zerstörerischen Einfluss der Fremden dauerte jedoch an und wurde in Krisenzeiten immer wieder laut.

Zum Ende des 17. Jahrhunderts war die deutsche Vorstadt soziologisch geprägt vom westeuropäischen Protestantismus, und zwar vielfach in seiner entschiedensten, fundamentalistischen Form. Seine Verfechter, von den Autoritäten in der Heimat nicht geduldet, waren zumeist risikofreudige, religiös und ökonomisch hochmotivierte Personen, die sich schnell in einer für sie selbst und die neue Umwelt so vorteilhaften Weise in das soziale und Wirtschaftsleben des Moskauer Reiches einpassten. Rückständig und extrem aufbaufähig zugleich, bot es einen fruchtbaren Boden für den protestantischen Merkantilismus, das Manufakturwesen und die frühkapitalistischen Wirtschafts- und Gewinnformen. Unter diesen Vorzeichen konnten sich Deutsche, die in dieser Zeit hauptsächlich aus den angrenzenden Ostseeprovinzen stammten, ganze Berufssparten erobern und waren in den Zünften der Bäcker, Uhrmacher und Goldschmiede sowie in manchen akademischen Berufen (Apotheker und Ärzte) überproportional vertreten. Desweiteren waren viele hochrangige Militärs deutscher Abstammung. Die Unterscheidung fällt jedoch zuweilen schwer, weil viele Ausländer, die sich in der sloboda mit den die Mehrheit bildenden Deutschen kulturell und familiär vermischt hatten, im Bewusstsein der russischen Zeitgenossen als » nemzy « (Deutsche) galten.

Die vernichtende Niederlage gegen die Schweden in der Schlacht von Narwa (1700) führte Peter I. nicht nur die Rückständigkeit des russischen Heereswesens vor Augen, sondern auch die Notwendigkeit, das Versorgungssystem, das Transportwesens, kurz: die gesamte Infrastruktur des russischen Reiches den Bedürfnissen einer modernen Großmacht anzupassen. Für diese Aufgaben waren ausländische Fachkräfte unabdingbar, deren systematische Anwerbung mit dem Berufungsmanifest vom 16. April 1702, dem ersten des Zarenreichs, eingeleitet wurde. Auf den Prinzipien von politisch-ökonomischer Nützlichkeit und religiöser Toleranz basierend, wandte es sich in erster Linie an Militärs (die sogar eine eigene Gerichtsbarkeit erhielten), des weiteren an Kaufleute und Künstler aller Art und schließlich Beamte.

Das Manifest und die Werbeanstrengungen der russischen Auslandsvertretungen ließen bald die ersten Kontingente von Einwanderern ins Land einströmen. Darunter waren Ingenieure, Schiffsbauer, Schmiede und Segelmacher, die entscheidend am Aufbau der russischen Ostseeflotte partizipieren sollten; für das Landheer wurden Sprengmeister und Vertreter metallverarbeitender Berufe angeworben, ebenso groß war der Bedarf an Berg- und Zechenarbeitern aller Art. Auch hat in diesen Jahren eine große Zahl ausländischer und hier vor allem deutscher Gelehrter, Lehrkräfte und Ärzte eine namhafte Rolle in der wissenschaftlich-technischen Entwicklung des riesigen Reiches gespielt.[2] Peter I. bemühte sich persönlich und mit Nachdruck, »alle Barrieren abzubauen, die Ausländer vom Übertritt in russische Dienste abhalten könnten«.[3] Seine persönliche Haltung war dabei so betont ausländerfreundlich, dass er nicht selten seine eigenen Landsleute brüskierte.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts verlagerte sich das Schwergewicht der deutschen Präsenz in Russland in die 1703 gegründete neue Reichshauptstadt St. Petersburg. Architektonisch vorwiegend holländischen und deutschen Vorbildern verpflichtet, war ihr von Anfang an auch sonst ein deutlich westliches Gepräge eigen. Schon bald entstand hier eine eigene nemezkaja sloboda mit einem relativ autarken Gemeindeleben, das wie in Moskau vom evangelischen Element dominiert wurde. Nachdem der Zar auch seinen Hof nach St. Petersburg transferiert hatte, zog das aufgewertete Umfeld weitere deutsche Kräfte aus den verschiedensten Berufsgruppen – darunter Handwerker, Künstler, Bildhauer und Kaufleute – an. Mit der Städtereform (Schaffung von Stadtmagistraten) und der Verwaltungsreform (Bildung von Fachministerien bzw. Kollegien) begann auch die Anwerbung von Verwaltungsfachleuten. Seit 1710 betrieb Peter I. eine systematische Heiratspolitik mit protestantischen deutschen Fürstenhäusern. Mit diesen neuen Mitgliedern des Hauses Romanow und ihrem Gefolge gewannen die Petersburger Deutschen an Glanz und Würde.[4]

Im Zweiten Nordischen Krieg war das petrinische Reich mit den Ostseeprovinzen Estland und Livland auch um ein leistungsfähiges, sozial wie politisch effizient organisiertes deutsches Bürgertum reicher geworden. Der Zar setzte großes Vertrauen in die deutschbaltischen Kräfte und war daher auf die Aufrechterhaltung ihrer hergebrachten Strukturen bedacht. Ein reger Strom leistungsfähiger Deutschbalten begann nun ins Innere Russlands abzufließen. Der deutsch-baltische Adel stellte bald einen namhaften Anteil innerhalb der russischen Verwaltung, des Militärwesens und der Diplomatie.

2.3. Von der »Fremdenherrschaft« Anna Ioannownas
bis zur Ermordung Peters III.

Nach dem unerwarteten Tod Peters des Großen am 8. Februar 1725 war die Frage der Nachfolge ungeklärt geblieben. Auf halbem Wege der großen Umwälzung führerlos geworden, wurde der russische Staat für Jahrzehnte zum Spielball von Intrigen und Machtkämpfen, an denen das deutsche Element am Hofe bedeutende Anteil hatte. In den Sukzessionskämpfen standen sich die alte moskowitische Hocharistokratie, die unter dem Reformzaren ihre angestammte Macht eingebüßt hatte, und die an ihre Stelle getretene neue Klasse von Dienstadeligen und anderen Emporkömmlingen gegenüber, die sich auf die überwiegend von ausländischen Offizieren geführten Garderegimenter stützen konnte. Nach den kurzen Regierungszeiten von Katharina I., Peters Witwe, und seinem früh verstorbenen Enkel Peter II. war die Situation eingetreten, dass dank der Heiratspolitik des großen Zaren kein Nachfolger von russischem Adel und Namen mehr zur Verfügung stand: Alle in Betracht kommenden Mitglieder des Hauses Romanow waren mit fremden Fürstenhäusern verbunden.

Die Wahl des Obersten Geheimen Rates, eines von Katharina I. eingerichteten Gremiums, fiel auf Anna Ioannowna, jüngere Tochter des Zarenbruders Ioann Alexejewitsch und Witwe des Herzogs von Kurland. Der Versuch, die Krönung der unbedeutenden Herzogin an gewisse Bedingungen zu knüpfen, welche die Beschränkung der Autarkie zugunsten einer oligarchisch-konstitutionellen Monarchie bedeutet hätten, endete im Staatsstreich Annas und ihrer deutschen Günstlinge. Damit brach ein rohes und ungezügeltes Regime über Russland ein, eine als schmachvoll empfundene Periode der deutschen Fremdherrschaft.[5] Um die Kosten des sinnlos expandierenden Hoflebens zu decken, wurde die russische Bauernschaft ausgepresst – nicht selten unter Anwendung von Folter und Haft. Es herrschte ein Klima von Verleumdung, Denunziation und Verfolgung, viele tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner wurden verbannt oder hingerichtet.

[...]


[1] Fleischhauer, Ingeborg: Die Deutschen im Zarenreich, S. 19

[2] Eine intensive Anwerbungskampagne deutscher Gelehrter setzte mit der Idee zur Gründung einer kaiserlichen Akademie der Wissenschaften ein, die Zar Peter I. seit seinem Besuch der Pariser Académie des Scientes im Jahr 1717 entwickelte. Als die Akademie 1725, dem Todesjahr des Zaren, offiziell eröffnet wurde, wies sie bereits einen soliden Bestand weltbekannter Mitglieder auf.

[3] Fleischhauer, Ingeborg: Die Deutschen im Zarenreich, S. 51

[4] Nach zweihundertjährigem Bestehen der Stadt, vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, hatte ihre deutsche Bevölkerung die stattliche Höhe von 70 000 Einwohnern erreicht.

[5] Der deutschrussische Publizist Alexander Herzen schrieb über diese Zeit: „Was für eine seltsame Epoche! Der kaiserliche Thron glich dem Bette der Kleopatra. Ein Haufe Oligarchen, Fremde, Panduren, Favoriten führten in nächtlicher Weile einen Unbekannten, ein Kind, eine Deutsche herbei, erhoben sie auf den Thron, beteten sie an und verteilten in ihrem Namen Knutenhiebe an alle, welche Widerspruch erregten. Kaum hatte der Erwählte Zeit gehabt, sich an allen Genüssen seiner unmäßigen und absurden Macht zu berauschen und seine Feinde zur Zwangsarbeit oder zur Folter zu verurteilen, als die nachfolgende Leere schon einen anderen Prätendenten hervorbrachte und den gestern Erwählten mit seiner ganzen Umgebung in den Abgrund stürzte. Die Minister und Generale von heute wanderten morgen, mit Ketten beladen, nach Sibirien.“ (Zitat nach Fleischhauer, S. 70)

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Staatsausbau durch Kolonisation: Die planmäßige Anwerbung von Deutschen und ihre Ansiedlung im Russischen Reich unter Katharina II.
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Osteuropäische Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar "Aufgeklärter Absolutismus im Russischen Reich: Katharina II. in vergleichender Perspektive"
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
28
Katalognummer
V23175
ISBN (eBook)
9783638263474
Dateigröße
671 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Arbeit werden neben deutschen auch andere Kolonistengruppen berücksichtigt und z.T. neuere Forschungsergebnisse vorgestellt. Zitatweise ist ein Bericht des deutschen Kolonisten C. G. Züge eingeflossen. Dichter Text - kleine Schrift.
Schlagworte
Staatsausbau, Kolonisation, Anwerbung, Ansiedlung, Katharina, Hauptseminar, Absolutismus, Deutsche, Russlanddeutsche, Russisches Reich, Aufklärung, Wolgadeutsche, Schwarzmeerdeutsche, Kolonisten, Ukraine, Russland, Katharina die Große, Siedler, Zarin, Zaren, Aussiedler, Kulturleistung, Siedlungspolitik, Kolonisationspolitik, Auswanderer, Spätaussiedler, Kultur, Probleme
Arbeit zitieren
Eduard Luft (Autor), 2004, Staatsausbau durch Kolonisation: Die planmäßige Anwerbung von Deutschen und ihre Ansiedlung im Russischen Reich unter Katharina II., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23175

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