Erfahrungen von Frauen in Konzentrationslagern anhand ausgesuchter Autobiografien.

Alltag, Überlebensstrategien und geschlechtsspezifische Besonderheiten weiblicher Lagerinsassen.


Magisterarbeit, 2013

100 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Konzentrationslager“: Begriffserklärung und Geschichte
2.1 Der Begriff „Konzentrationslager“
2.2 Die Geschichte der Frauenkonzentrationslager
2.3 Weitere Frauenkonzentrationslager
2.4 Frauen im „Dritten Reich“ - Ideologie und Wahrnehmung
2.5 Frauen als Täterinnen

3. Die autobiografischen/biografischen Texte und ihre Autorinnen
3.1 Erlebnisberichte als Quellen? Möglichkeiten und Probleme
3.2 Die Autorinnen

4. Das Gemeinschaftsgefüge und die „Gesellschaft“ im Lager
4.1 Die Hierarchie im Lager
4.2 Die so genannten „Funktionshäftlinge“

5. Die verschiedenen Häftlingskategorien
5.1 Politische Häftlinge
5.2 Die Bibelforscherinnen
5.3 „Asoziale“ und „Kriminelle“
5.4 „Zigeunerinnen“ und Jüdinnen

6. Frauen in Konzentrationslagern
6.1 Ankunft im Konzentrationslager
6.2 Unterbringung und Arbeit
6.3 Die hygienischen Bedingungen
6.4 Sterilisation, Schwangerschaft, Sexualität
6.5 Überlebensstrategien

7. Sexuelle Gewalt und medizinische Versuche
7.1 Sexuelle Übergriffe und Lagerbordelle
7.2 Medizinische Experimente an Häftlingen in Ravensbrück

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Als die Sonne sinkt, stehen wir wieder vor dem Bad. Nicht wir, sondern eine Gruppe unmöglich angezogener Menschen. [...] Wir sind keine Frauen mehr und keine Menschen. Jede hat ihre Lagernummer erhalten, und somit ist sie in die große Schar der Rechtlosen und Namenlosen aufgenommen.”1

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann für viele Frauen ein langer Leidensweg durch Gefängnisse und Konzentrationslager. Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück war das größte Lager für weibliche Häftlinge auf dem damaligen, deutschen Reichsgebiet. Eine Rekonstruktion der Geschichte dieses Lagers ist aufgrund der dünnen Quellenlage zu großen Teilen nur durch die Berichte von ehemaligen Häftlingen, Aussagen des ehemaligen Personals sowie der Überlebenden, denen in dieser Arbeit die meiste Aufmerksamkeit zuteil werden soll, möglich. Ein großer Teil der Lagerakten wurde kurz vor der Auflösung und Befreiung des Lagers von der SS vernichtet.2 Die Angaben über die Zahl der inhaftierten Frauen sind daher unterschiedlich. Während in einigen Forschungsarbeiten von etwa 132.000 Frauen gesprochen wird,3 ist in anderen Arbeiten von ungefähr 123.000 Frauen, Mädchen und Kinder die Rede, welche während den Jahren 1939 und 1945 in Ravensbrück inhaftiert gewesen sein sollen.4 Wieder andere Forschungsarbeiten geben die Gesamtzahl der inhaftierten Frauen mit „über 100 000“5 an. Auch die Anzahl der Frauen, die in diesem Lager ums Leben gekommen sind, wird aufgrund der Quellenlage unterschiedlich hoch angegeben. Die Angaben variieren zwischen etwa 30.000 geschätzten Opfern6 und eher groben Umschreibungen wie „mehreren Zehntausenden“.7 Die tatsächliche Anzahl derer, die das Lager nicht überlebt haben, lässt sich nicht ermitteln. Zum einen gab es auch Entlassungen aus Ravensbrück, zum anderen wurden viele Frauen in Nebenlager, in die Rüstungsindustrie, oder auch in die Vernichtungslager wie beispielsweise Auschwitz und Bergen-Belsen verlegt.8 Allerdings wurde nur ein vergleichsweise geringer Teil der Häftlinge systematisch in den Gaskammern oder durch Erschießen ermordet. Die Forschung unterscheidet zwischen dem „direkten“ oder geplanten sowie „indirekten“ Mord.9 Der weitaus größere Teil der Frauen, die in dem Lager ums Leben kamen, erlagen den Folgen der katastrophalen Lebensbedingungen wie der unzureichenden Ernährung, den schlechten Arbeitsbedingungen, sowie der katastrophalen hygienischen Bedingungen.10 Besonders hervorzuheben sind hier die letzten Jahre des Lagers kurz vor der Befreiung. Nicht zuletzt führten ständige Ausbrüche von Epidemien zu einer dramatischen Reduzierung unter den gefangenen Frauen.11

Ziele und Probleme

Bei der Beschäftigung und Aufarbeitung von Themenbereichen aus der Zeit des Nationalsozialismus müssen wir uns der Problematik stellen, dass wir dabei sind die Grenze zwischen Zeitgeschichte und Geschichte zu überschreiten. Überlebende, aber auch aktiv handelnde sterben aus. Die Geschichtswissenschaft muss sich auf eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus einstellen, die ohne Zeitzeugen auskommt. Dennoch werden zukünftige Generationen Zugang zu einer umfangreichen Sammlung an Quellen haben wie sie, dem Nationalsozialismus zeitlich nähere, Generationen nie hatten. Möglich ist dies durch die Arbeit vieler Historiker und auch Journalisten, die Erfahrungen von Zeitzeugen in Form von Autobiographien, Interviews, aber auch Audio- und Videodokumenten gesammelt haben.12 Im Fokus dieser Magisterarbeit stehen Frauen, deren Alltag durch die Willkür der Nationalsozialisten und der verehrenden Umständen im Konzentrationslager Ravensbrück, aber auch in anderen Lagern bestimmt wurden und die ihre Erinnerungen, zum Teil selbst aber auch mit Hilfe von Journalisten und Autoren, niedergeschrieben haben. Ziel ist es, auf Basis der Berichte überlebender Frauen zu untersuchen welche Auswirkungen es hatte als Frau in einem solchen Lager leben und überleben zu müssen. Dabei ist es wichtig zu erwähnen, dass es nicht um eine Bewertung der zugefügten Grausamkeiten im Vergleich mit männlichen Inhaftierten und Opfern gehen soll. Es liegt mir fern zu bewerten ob eine Frau - rein objektiv - mehr leiden musste als ein Mann. Ziel soll vielmehr sein die Perspektive der Frauen zu erörtern und zu analysieren und die Wahrnehmung darzustellen, die sich vor dem Hintergrund des Geschlechts gewiss von einer männlichen Wahrnehmung unterscheidet, ebenso wie sich beispielsweise die Darstellung von inhaftierten Kindern grundsätzlich von denen der Erwachsenen unterscheiden würde. Obwohl in erster Linie Frauen als Opfer des Nationalsozialismus im Fokus dieser Arbeit stehen, soll zumindest skizzenhaft auch die Rolle von Frauen als Täterinnen sichtbar gemacht werden. Wer gehörte zu der Gruppe verantwortlicher und aktiv handelnder Täterinnen? Welche Funktionen führten sie in den Lagern aus und wie bestimmten sie den Alltag derer, über die sie bestimmten und die ihnen ausgeliefert waren?

Gemeinsame Erinnerungen

Trotz des Exkurses, der auch die Täterinnen kurz beleuchten soll, bleiben die Opfer der Konzentrationslager der wesentliche Kern dieser Arbeit. Um ihre Schicksale darzustellen sollen zunächst einige grundlegende Aspekte wie die Geschichte der Frauenkonzentrationslager, ihre Vorläufer und Organisation, betrachtet werden. Darüber hinaus soll auch die grundsätzliche Rollenvorstellung von Frauen unter den Nationalsozialisten kurz betrachtet und erläutert werden. Da diese Arbeit auch so genannte „geschlechtsspezifische“ Aspekte des Lageralltags behandelt, ist es sinnvoll auch das grundsätzliche Bild bzw. die „Rolle“ der Frau unter den Nationalsozialisten kurz zu erläutern. Wer waren die Frauen, die Opfer von Verfolgung und Unterdrückung im Nationalsozialismus wurden und welche Auswirkungen hatte die damalige Auslegung der Rolle der Frau ? Diese Fragen gilt es im Vorfeld zu klären bevor ich mich dem eigentlichen Kern der Arbeit nähere: Der Darstellung des Lebens und des Alltags der Frauen in Konzentrationslagern wie Ravensbrück und Bergen-Belsen. Die noch erhalten gebliebenen Fakten sollen dabei helfen, Bilder vom Alltag in den Lagern zu rekonstruieren. Dies geschieht mit Hilfe von einigen ausgewählten Erlebnisberichten ehemaliger Häftlinge. Zu nennen wären u.a. Germaine Tillion, deren Zeit in Ravensbrück am 21. Oktober 1943 begann und die sich aufgrund ihres Status als so genannte „Verfügbare“ auf der untersten Stufe der Lagerhierarchie befand. Dieser Status bedeutete, dass ein Häftling, zu jeder Zeit für jede beliebige Arbeit eingesetzt werden konnte.13 Neben Tillion habe ich mich außerdem mit dem Erinnerungen von Hildegard Schaeder, Margarete Buber- Neumann und Antonia Bruha beschäftigt. Diese und einige andere Erinnerungen sollen helfen eine Skizze des Alltags der Frauen zu zeichnen und verschiedene Schicksale unterschiedlicher Frauen darzustellen.

Neben Aspekten wie Unterbringung, Hygiene und Ernährung sollen schließlich auch verschiedene Überlebensstrategien der Häftlinge vorgestellt werden. Interessant ist dabei vor allem die Frage nach der Solidarität unter den Frauen. Welche Schutzmaßnahmen und Systeme gab es um den Terror und die Qualen möglicherweise erträglicher zu machen, den Alltag - soweit überhaupt mögliche - lebenswerter zu gestalten und schließlich auch um die Zeit im Lager einfach nur zu überleben? Der dokumentarische Ansatz dieser Arbeit ist sicherlich nicht ganz unproblematisch. Zeugenaussagen und vor allem natürlich die Erlebnisberichte der Überlebenden sind zunächst sicher stark subjektiv geprägt. Auch kann die Auswahl der hier verwendeten Biografien und Berichte gewiss nicht stellvertretend für die etlichen Insassen stehen, die nicht die Möglichkeit hatten das Geschehene selbst zu überliefern. Allerdings entsteht durch die Betrachtung einiger, ausgewählter Berichte eine Art Mosaik, welches einen durchaus umfangreichen Blick auf den Alltag der Frauen in den Lagern möglich macht. Ziel dieser Arbeit ist es nicht zum „Mitleiden“ mit den Überlebenden anzuregen. Auch wenn hier vorrangig die Zeit ihrer Inhaftierung dargestellt werden soll und das damit verbundene Leid sichtbar gemacht wird, sollen die Frauen nicht nur als Opfer begriffen werden. Gleichzeitig sollen die „Ravensbrückerinnen“14 natürlich nicht zu Heldinnen stilisiert werden. Vielmehr geht es darum die Frauen als Menschen wahrzunehmen, die sich in einer Ausnahmesituation befanden und versuchten zwischen Angst, Widerstand und möglicherweise auch Anpassung zu überleben.

2. „Konzentrationslager“: Begriffserklärung und Geschichte

2.1 Der Begriff „Konzentrationslager“

Bei der Betrachtung von Frauen in Konzentrationslagern bzw. im Nationalsozialismus im allgemeinen kommt der Sprache eine besondere Bedeutung zu. Ein Beispiel dafür wäre der Begriff „Häftling“. Dieser wird in dieser Arbeit ausschließlich im Zusammenhang mit weiblichen Häftlingen verwendet, ist von männlichen Häftlingen die Rede so wird dies entsprechend gekennzeichnet, gleiches gilt für die Begriffe „Insassen“ und „Gefangene“. Sprache spielte auch während des Nationalsozialismus eine besondere Rolle. Vor allem die bürokratische Sprache der Nationalsozialisten reduzierte Menschen auf verachtende Weise zu Objekten, oder Nummern.15 Bei der Beschäftigung mit einem Themenkomplex aus der NS-Zeit lässt sich die nationalsozialistische Sprache jedoch nicht immer umgehen, entsprechende Begriffe werden daher ebenfalls markiert (siehe „Asoziale“ oder „fremdrassig“). Der Begriff Konzentrationslager wird ferner nicht mit der offiziellen Schreibweise der Nationalsozialisten („K.L“), sondern mit der noch heute geläufigen Schreibweise KZ abgekürzt.

Besonders bei der Beschäftigung mit dem Themenkomplex der Konzentrationslager ergibt sich direkt zu Beginn eine wesentliche Schwierigkeit. Der Begriff „Konzentrationslager“ wird sowohl in den Erinnerungen der Überlebenden, als auch zum Teil in der Forschung oft unklar verwendet. Die Nationalsozialisten hatten ein überaus verzweigtes und komplexes System an verschiedenen Lagern geschaffen, die alle für verschiedene Zwecke gedacht waren.16 So gab es nicht einfach nur „Konzentrationslager“, sondern eine Vielzahl an verschiedenen Bezeichnungen für unterschiedliche Haftanstalten wie zum Beispiel so genannte „Ghetto Lager“, Polizeihaftlager, Sicherungslager oder Strafgefangenenlager.17 Dass der Begriff „Konzentrationslager“ dennoch meist synonym für die meisten nationalsozialistischen Lager verwendet wird, lässt sich damit begründen, dass die Lager bzw. das gesamte Lagersystem als zentrales Instrument des NS-Regimes angesehen wird.18 Da weder in der Erinnerungsliteratur, noch in der Forschung in der Regel detailliert zwischen den verschiedenen Lagern unterschieden wird, kommt es häufig zu Missverständnissen. Nicht alle jüdischen Häftlinge wurden sofort in den Vernichtungslagern ermordet, viele wurden zunächst zum Zweck der Zwangsarbeit in Konzentrationslager, oder Zwangsarbeitslager deportiert.19 Zudem existierten auch Überschneidungen innerhalb eines einzigen Lagers. Auschwitz war beispielsweise sowohl Vernichtungs-, als auch Konzentrationslager.20 Ravensbrück dagegen war bis zum Jahr 1944 kein Vernichtungslager im eigentlichen Sinne, obwohl viele der Gefangenen aufgrund der Folgen der zu verrichtenden Schwerstarbeit schlussendlich ebenso „vernichtet“ wurden. Erst im Jahr 1945 begann die systematische Tötung von kranken, oder körperlich geschwächten - und somit arbeitsunfähigen - Frauen durch die Verwehrung von Nahrung, Tötung durch Giftspritzen und Massenhinrichtungen. Ende des Jahres 1944 wurde zudem mit dem Bau einer Gaskammer begonnen. Bevor diese fertig gestellt war, wurden bis 1945 etwa 6.000 Häftlinge in provisorisch eingerichteten Gaskammern hingerichtet.21 Parallel zu den verschieden Formen der Lager gab es zudem auch Haftanstalten, die im engeren Sinne keine „Lager“ waren, aber ähnliche Strukturen aufwiesen.22 Eine strikte Abgrenzung des Begriffs „Konzentrationslager“ ist aufgrund des verzweigten Lagersystems schwierig. Obwohl die Hafterfahrungen von Frauen in Konzentrationslagern im Fokus dieser Arbeit stehen, können auch hier Überschneidungen nicht ganz ausgeschlossen werden. Oftmals ergeben sich diese allerdings auch aus den Quellen, da viele der ausgewählten Autorinnen mehrere Haftanstalten durchlaufen haben und die verschiedenen Bezeichnungen und Definitionen selbst nicht immer einhalten konnten. So durchlief Maria Zeh beispielsweise als so genannte „Politische“ mehrere Haftanstalten bis sie schließlich nach bereits zweieinhalb Jahren Einzelhaft nach Ravensbrück verlegt wurde.23 Dass nach vielen Jahren der Haft und aufgrund des teilweise großen, zeitlichen Abstandes zwischen Befreiung und Niederschrift der Erinnerungen oftmals keine genaue Abgrenzung zwischen den verschiedenen Haftanstalten durch die Autorinnen vorgenommen wird, ist daher durchaus nachvollziehbar.

Die Lager Esterwegen, Dachau und Oranienburg waren die ersten großen, „reichsdeutschen“ Konzentrationslager.24 In diese Konzentrationslager der ersten Phase kamen bis 1939 keine weiblichen Gefangenen, sie waren in Schutzhaftlagern, meist gesonderte Abteilungen in Gefängnissen, inhaftiert. Dazu gehörten u.a. das Gefängnis Gotteszell bei Schwäbisch Gmünd in Württemberg, Fuhlsbüttel bei Hamburg, Burg Hohenstein bei Bad Schandau in Sachsen, das Frauengefängnis in der Barnimstraße in Berlin, die Strafanstalt Aichach in Oberbayern, in der über 1.000 Frauen untergebracht waren, sowie das Arbeitshaus Moringen bei Göttingen.25

Konzentrationslager als nationalsozialistisches Machtinstrument

Widmen wir uns nun aber dennoch kurz dem tatsächlichen Begriff des „Konzentrationslagers“ und seiner Bedeutung. Die KZ dienten den Nationalsozialisten zunächst als Instrument zur Feindbekämpfung im Inneren des Reiches. Die ersten dieser Lager entstanden 1933 und der Terror der Lager wurde bewusst nach Außen getragen um eine abschreckende Wirkung zu erzielen.26 Ab 1934 entstanden größere Lager nach dem Vorbild des KZ Dachau. Jedes einzelne Lager bildete dabei ein eigenes, in sich geschlossenes, System obwohl alle Lager formell der SS unterstanden:

„In Wirklichkeit war ein 'Konzentrationslager' […] kein Lager, sondern eine Organisationseinheit des Systems, ein Komplex von Lagern, bestehend aus der Zentrale […] 'Schutzhaftlager', und mehreren […] 'Außenlagern', 'Kommandos', offiziell 'Arbeitslager' […] genannt“27.

Bereits 1933 richteten die Nationalsozialisten in Moringen, Stadelheim, Brauweiler und Gotteszell Frauenlager ein. Die Häftlings-Kategorien waren dabei ähnlich vielschichtig wie in anderen Konzentrationslagern:

„Die Farbe des Winkels verwies im Prinzip auf die Häftlings-Kategorie, zu der man gehörte: ein roter Winkel bedeutete 'Politischer Häftling' (unabhängig von der jeweiligen Nationalität); der violette Winkel gehörte den Bibelforscherinnen (Zeugen Jehovas) und der grüne den Kriminellen. Eine eigenartige Kategorie, die die Nazis 'Asoziale' nannten, erhielt den schwarzen Winkel. In dieser Kategorie waren die Zigeunerinnen zu finden [...]“28

Die KZ durchliefen im Laufe der nationalsozialistischen Herrschaft einen Wandel, stets angepasst an die jeweilige Situation im Reich und an die Anforderungen des Regimes. Die Forschung unterscheidet dabei meist zwischen drei unterschiedlichen Phasen in der Geschichte der KZ: Die Zeit von 1933 bis 1936, 1936 bis 1941 und schließlich 1942 bis zum Kriegsende.29 Der Anteil der jeweiligen Häftlingsgruppen änderte sich dabei regelmäßig. Während in den ersten Jahren in Ravensbrück beispielsweise überwiegend deutsche Frauen inhaftiert waren, stieg nach Ausbruch des Krieges der Anteil an Frauen aus den besetzten Ländern. Damit bildeten vor allem Polinnen und sowjetische Frauen die größte Häftlingsgruppe in Ravensbrück.30 Der Anteil an Jüdinnen unter den Gefangenen war bis 1942 vergleichsweise gering. Heinrich Himmlers Anweisung vom Oktober 1942 die Juden aus den reichsdeutsche Lagern zu deportieren, führte vor allem in Auschwitz zu einer Zunahme an jüdischen Gefangenen.31 Nach Transporten aus Auschwitz im Jahr 1944, sowie nach der Einlieferung osteuropäischer Jüdinnen, erhöhte sich die Anzahl der jüdischen Frauen in Ravensbrück.32 Die erste Phase kann als Sicherung und Festigung des Systems betrachtet werden. Während dieser Zeit dienten die KZ vor allem als Lager für politische Gegner des Regimes, aber auch so genannte „Asoziale“ und „Kriminelle“ wurden dort inhaftiert. In der zweiten Phase von 1936 bis 1941 wurden die Lager schließlich zunehmend für die Rüstungsindustrie und Kriegswirtschaft instrumentalisiert. Die dritte Phase war schließlich vor allem durch die Massenhinrichtungen geprägt.33 Die Unterteilung in verschiedene Phasen macht auch mit Blick auf die Lebensrealität der Häftlinge Sinn, da deren Überleben stark von den äußeren Umständen, welche direkte Auswirkungen auf die inneren Zustände der KZ hatten, abhing. So führten Gebietsverluste, Gebietsgewinne oder größere Verhaftungswellen immer wieder zu Veränderungen bei der Anzahl der Häftlinge, der Art der Zwangsarbeit und auch der grundsätzlichen Behandlung der Inhaftierten.34

2.2 Die Geschichte der Frauenkonzentrationslager

In „Schutzhaft“ genommene Frauen wurden ab Juni 1933 in dem Lager Moringen bei Göttingen inhaftiert. Dieses Lager war das erste, reine Frauenkonzentrationslager. Im März 1938 folgte schließlich die Verlegung der Frauen in das KZ Lichtenburg, nachdem sich Moringen mit der Zeit als zu klein heraus stellte. Ein Jahr später wurden die Frauen erneut verlegt: In das neu errichtete Frauen-KZ Ravensbrück35 („Als Hölle der Frauen ging das FKL Ravensbrück in die Geschichte der NS-Konzentrationslager ein.“36 )

Im nun folgenden Abschnitt soll die Entstehung und Entwicklung der Frauenkonzentrationslager näher dargestellt werden. In der bereits erwähnten ersten Phase der Konzentrationslager wurden verfolgte Frauen zunächst hauptsächlich in Gefängnissen inhaftiert. Neben Frauen, die wegen ihres vermeintlichen oder tatsächlichen Widerstandes inhaftiert wurden, waren unter den Insassinnen vor allem Frauen, die wegen ihrer politischen Gesinnung, ihrer religiösen Überzeugung, oder ihrer ethnischen Herkunft nicht in das Bild der Nationalsozialisten passten. Weitere Gründe für die Inhaftierung in Ravensbrück waren Kriminalität, oder „asoziales“ Verhalten, wobei hier keine rechtsstaatlichen Bestimmungen angewendet wurden: „Ein Witz über Hitler, Hilfe für Verfolgte oder eine Beziehung zwischen Deutschen und Juden […] konnten Gründe für eine Haft […] sein.“37 Die Bedingungen in diesen Haftanstalten waren vor allem durch die Willkür des zuständigen Personals geprägt. Nach dem Ende der Haftstrafe wurden die meisten Frauen teilweise zur weiteren, unbefristeten Haft in KZ gebracht.38 Als erstes, zentrales Internierungslager für Frauen wurde bereits 1933 das sogenannte „Frauenschutzlager“ Moringen bei Göttingen eingerichtet.39 Dieses Lager unterstand nicht der Leitung der KZ und wurde vor allem zur Inhaftierung von politischen Gegnerinnen genutzt. Vorgesehen war das Lager für Frauen, die sich in den Augen der Nationalsozialisten dem Regime, oder der Besatzung widersetzten. Ein Unterschied zwischen tatsächlichem und vermeintlichem Widerstand wurde bei der Inhaftierung nicht gemacht. Oft erfuhren die Frauen nie den Grund ihrer Gefangenschaft.40

Von Moringen bis Ravensbrück

1938 wurde das Lager Moringen aufgelöst und von dem Konzentrationslager Lichtenburg abgelöst. Im Gegensatz zu Moringen unterstand Lichtenburg der KZ-Inspektion und unterschied sich in der Organisation nicht wesentlich von anderen KZ wie beispielsweise Dachau.41

„Die Lichtenburg war ein altes, vermodertes Schloss […] Als wir dort ankamen,hieß es, rechts die Kommunisten, links die Juden. Da gab es gleich Schläge mit der Peitsche, Zimmer hat die geheißen, von der wurden wir gleich durchgeprügelt.“42

Beide Lager können als Vorläufer von Ravensbrück angesehen werden, welches später zum eigentlichen Frauen-KZ der Nationalsozialisten wurde.

„Es war so trostlos, es gab nur Sand. Ich bin am Neckar aufgewachsen, und dann kommst du dahin an einem schönen Sommertag und hast nur Sand. Und der Ton dort! Man sagt ja, Moringen und Lichtenburg wären Kindergärten gewesen im Vergleich zu Ravensbrück.“43

Ravensbrück wurde von männlichen Häftlingen des Konzentrationslagers Sachsenhausen gebaut und im Mai 1939 wurden schließlich die ersten Frauen dort inhaftiert.44 Bis 1939 machten vor allem die so genannten „Politischen“ (Frauen aus dem offenen oder vermeintlichen Widerstand), „Asozialen“ (Prostituierte, Arbeitsscheue, aber auch willkürlich verhafte Frauen) und „Kriminelle“ (tatsächliche Kriminelle wie Mörderinnen und Diebinnen, aber auch Frauen, die sich der „Rassenschande“ schuldig gemacht haben sollten) den Großteil der Häftlinge aus.45 Das Lager in Dachau hatte sich in dieser Phase als Modell durchgesetzt und so wurden auch in Ravensbrück die dort herrschenden Strukturen weitgehend übernommen. Wie Dachau war auch Ravensbrück in fünf verschiedene Abteilungen gegliedert: Kommandantur, Abteilung der Gestapo, das eigentliche Lager, Verwaltung und die medizinische Abteilung.46 Für die innere Kontrolle des Lagers wurden in Ravensbrück SS-Aufseherinnen ausgebildet.47 Im Verlauf seines Bestehens unterlag das KZ Ravensbrück immer wieder größeren Ausbauarbeiten, die von den Häftlingen selbst durchgeführt werden mussten. Trotz des ständigen Ausbaus geriet das Lager 1942 an den Rand seiner Kapazität, so dass sich ab diesem Zeitpunkt zwei Frauen je ein Bett teilen mussten. Die zunehmende Überfüllung des Lagers erschwerte den Alltag für die Frauen zusätzlich. So erinnerte sich Elfriede Schneider:

„Jetzt waren wir auch schon zu zweit im Bett. Ich wollte mich zu keiner Frau ins Bett legen. Ich hab mich gesträubt. Trotzdem musste das so gemacht werden. Die Betten waren so eng beieinander […] Ich ging zur Blockältesten: 'Ich halt das nicht mehr aus.' Doch auch die sagte, ich soll mich nicht so anstellen.“48

Ab diesem Zeitpunkt wurden die Frauen außerdem verstärkt in der Rüstungsindustrie eingesetzt. So errichtete beispielsweise die Firma Siemens zu diesem Zweck einen Industriehof außerhalb des Lagers. 1944 wurden direkt neben dem Siemensgelände Wohnbaracken gebaut, um die Produktivität der Arbeiterinnen zu steigern und die Hin- und Rückwege aus Ravensbrück zu sparen.49

Da die Häftlingszahlen nach Kriegsbeginn stetig anstiegen, verschlechterten sich ab diesem Zeitpunkt auch die Bedingungen im Lager zunehmend. Die Deportation von Frauen aus dem Osten sowie die Evakuierung der östlichen Lager führte zu einem enormen Anstieg der Insassen, so dass mit dem Bau von weiteren Außenlagern begonnen wurde. Allerdings wurden auch diese bald nicht mehr der Anzahl an Häftlingen gerecht. Die Endphase des „Dritten Reiches“ hatte auch in Ravensbrück vor allem ein völliges Zusammenbrechen der vorhandenen Strukturen zur Folge, gefolgt von Nahrungsknappheit und katastrophalen hygienischen Bedingungen.50

„Als dann im September 1939 der Krieg ausbrach, sind wir […] uns bloß gegenseitig in die Arme gefallen und haben gesagt: 'So jetzt kommen wir nicht mehr raus.' Politischer Gefangener zu sein und Krieg, da kommen wir nie mehr raus. […] Es war der Abschied von der Jugend, vom Leben und überhaupt. Es hat doch keiner gedacht, dass wir da noch mal herauskommen. Und sofort wurde alles strenger: Das Essen wurde gekürzt, die Knute saß loser, es gab immer mehr Gründe uns zu quälen. […] Wir spürten, dass abgerechnet wird.“51

Im April 1945 verstarben noch viele Frauen bei den eingeleiteten „Todesmärschen“, einigen wurden durch das Internationale, Dänische und Schwedische Rote Kreuz befreit, bevor schließlich gut 3.500 zurückgelassene Frauen von der Roten Armee befreit wurden.52 Nach Ende des Krieges wurde das Gelände des KZ Ravensbrück zum Sperrgebiet erklärt. In den 40er und 50er Jahren trafen sich erstmals ehemalige Häftlinge auf dem Gelände wieder.53 Der Grundstein für eine umfangreiche Erinnerungsgeschichte wurde schließlich von den Überlebenden selbst gelegt indem sie über die Jahre „Erinnerungsstücke“ zusammen trugen. Darunter befanden sich unter anderem Dokumente, Briefe und Fotos, aber auch Kleidungsstücke, Winkel und Schnitzereien, die von Häftlingen im Lager angefertigt wurden.54

„Die erste Ausstellung der am 12. September 1959 eröffneten Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück zeigte diese Überbleibsel, die im Verlauf der folgenden Jahrzehnte zu musealen Kostbarkeiten avancierten.“55

Während den 70er und 80er Jahren wurden schließlich die Archive des Zweiten Weltkrieges zugänglich gemacht, so dass eine genaue Überprüfung des komplexen NS-Regimes und damit auch der Strukturen der KZ möglich wurde.56 Da das ehemalige KZ Ravensbrück in diesen Jahren als Stützpunkt für sowjetische Truppen diente, fiel auch die Aufarbeitung der Geschichte des Lagers zunächst hauptsächlich der ehemaligen DDR zu, was eine reduzierte Sicht auf die Geschichte zur Folge hatte.57

2.3 Weitere Frauenkonzentrationslager Auschwitz-Birkenau

Auschwitz bestand nicht nur aus dem, noch heute als Symbol für den Holocaust angesehenen, Vernichtungslager, sondern auch aus mehreren Konzentrationslagern. In diese wurden ausschließlich Häftlinge gebracht, die grundsätzlich arbeitsfähig waren. Bereits ein Jahr nach der Gründung des Lagers 1940 wurden mehrere tausend Häftlinge zum Bau eines zweiten Lagers, Auschwitz-Birkenau, gezwungen. Nach dessen Fertigstellung wurden 1942 einige tausend weibliche Häftlinge, die bereits im ersten Auschwitz registriert waren, in das neue Lager überstellt. Im Gegensatz zu den KZ auf Reichsgebiet war der Alltag der Frauen in Auschwitz-Birkenau durch die permanente Massenvernichtung geprägt. Die allgemeinen Zustände der Baracken, in denen die Frauen untergebracht wurden, waren katastrophal.58

Bergen-Belsen59

Bergen-Belsen war ursprünglich kein Konzentrationslager im eigentlichen Sinn. Die Nationalsozialisten bezeichneten das Lager offiziell als „Aufenthaltslager“ und bis 1943 wurde es fast ausschließlich als Lager für Kriegsgefangene genutzt. Erst nach 1943 wurde Bergen-Belsen teilweise der SS unterstellt, welche das Lager zu einem Sammellager für ausländische Juden umfunktionierten. Ab 1944 wurde Bergen-Belsen zudem zu einer Art Sammelstelle für arbeitsunfähige Häftlinge aus unterschiedlichen Lagern, was dem Lager schließlich die zynische Bezeichnung „Erholungslager“ einbrachte. Im Herbst 1944 wurden schließlich mehrere tausend weibliche Häftlinge aus Auschwitz-Birkenau nach Bergen- Belsen verlegt. Erst danach, im Winter desselben Jahres, wurde die Umstrukturierung des Lagers in ein KZ vollendet.

Durch die Evakuierung von Gefangenen aus anderen, der Front nahen, Konzentrationslagern stieg die Häftlingszahl in Bergen-Belsen deutlich an, womit sich gleichzeitig, durch die dramatische Überbelegung, auch die Sterblichkeit im Lager stark erhöhte. Aufgrund der vielen Häftlinge und den allgemein schlechten hygienischen Bedingungen konnten sich vermehrt Seuchen und Epidemien ausbreiteten, zudem war die Nahrung knapp bemessen. Die Sterblichkeit in Bergen-Belsen war zu dieser Zeit im Vergleich mit anderen Lagern ungewöhnlich hoch.

„Als die englische Armee es […] wagte, in das gigantische Massen- Todeslager einzudringen, stieß sie dort auf 33.000 verwesende Leichname, die einen unerträglichen Gestank verbreiteten, und mitten unter diesen fanden sie 10.000 todgeweihte Typhuskranke, die von entsetzlichem Durst gequält waren.“60

2.4 Frauen im „Dritten Reich“ - Ideologie und Wahrnehmung

In der Propaganda des Nationalsozialismus war häufig der Ausdruck „die deutsche Frau“ zu finden, mit welchem die Frauen als Kollektiv angesprochen werden sollten. Doch die ideologischen Aussagen ergaben kein homogenes Frauenbild. „Die Frau“ gab es im Nationalsozialismus nicht. Schließlich schloss die Volksgemeinschaftsideologie all jene aus, die als „fremdrassig“, „erbkrank“ oder „asozial“ galten. Denn auch die NS-Frauenpolitik war dem ideologischen Programm verpflichtet.61 Die Rolle, welche Frauen im „Dritten Reich“ einzunehmen hatten, war im Rahmen der nationalsozialistischen Ideologie definiert worden.62 An erster Stelle stand die Erfüllung der biologischen „Pflichten“, also die Vermehrung und der Erhalt der „Rasse“.63 Durch gezielte Propaganda versuchten die Nationalsozialisten ein Frauenbild der „arischen“ Frau als Mutter zu etablieren, das die Mutterschaft bzw. Mutterrolle als höchste Priorität im Leben einer Frau glorifizierte. Schwangerschaft, Geburt und die Erziehung der Kinder sollten außerdem Prozesse sein, die in einem gewissen Ausmaß vom Regime kontrolliert werden konnten. Auf der anderen Seite dieser, vermeintlich an erster Stelle familienorientierten, Politik stand aber das ideologische Ziel, auch Frauen und Mädchen langfristig als „Volks-“ und „Parteigenossinnen“ zu instrumentalisieren.64 Dies sollte vor allem durch die Organisation von Frauen in Vereinigungen geschehen. An erster Stelle der dafür vorgesehenen Organisationen ist sicherlich die, 1930 gegründete, Jugendorganisation „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) zu nennen. Nur ein Jahr später wurde diese Organisation durch die so genannte „NS-Frauenschaft“ ergänzt.65 Diese beiden, sowie alle anderen bis dahin bestehenden Organisationen, Vereine und Verbände für Frauen, wurden 1933 nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler in das so genannte „Deutsche Frauenwerk“ eingegliedert.66 Wie ihre männlichen Altersgenossen mussten von da an auch Mädchen im Alter von zehn Jahren der Parteijugend beitreten, mit 14 Jahren wechselten sie von den „Jungmädeln“ zum „Bund Deutscher Mädel“, mit 18 Jahren konnten sie dem 1938 gegründeten BDM-Werk „Glaube und Schönheit“ und mit 21 Jahren schließlich der NS-Frauenschaft beitreten. 1938 wurde als weibliches Gegenstück zum Wehrdienst der Männer des Weiteren ein „Pflichtjahr“ eingeführt.67 Das bedeutete ein Jahr Arbeit in der Land- oder Hauswirtschaft für alle Mädchen und junge Frauen vom 14. bis zum 25. Lebensjahr. Genau wie viele Jungen und Männer haben auch Mädchen und Frauen das Leben in den NS- Organisationen nicht unbedingt als bedrückenden Zwang empfunden. Für einen Teil der Mädchen und Frauen eröffneten die Organisationen schließlich Identifikationsmöglichkeiten jenseits der familiären Rollenmuster68. Vor allem im karitativen Bereich (Winterhilfswerk, NS- Volkswohlfahrt) schuf das NS-Regime weitere außer häusliche Betätigungsfelder für Frauen.69

Systematische Verdrängung und Wiederentdeckung für die Kriegsindustrie

Nach der Machtergreifung versuchten die Nationalsozialisten zunehmend Frauen aus dem Berufsleben zu verdrängen und zur möglichst frühzeitigen Eheschließung anzuregen um ihren Platz innerhalb von Heim und Familie einzunehmen. Diesem Ziel diente einmal das „Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit“, welches Frauen aus dem Arbeitsmarkt heraus nehmen sollte, damit schließlich deren Arbeitsplätze von bis dahin arbeitslosen Männern übernommen werden konnten.70 Zudem wurden so genannte „Ehestandsdarlehen“ eingeführt. Diese wurden an Ehemänner ausgezahlt, deren Frauen vor der Eheschließung berufstätig waren und ihren Beruf nach der Vermählung zugunsten ihrer häuslichen Pflichten aufgaben. Die Darlehen sollten Frauen auch dazu anregen ihrer biologischen „Pflicht“ nachzukommen, indem sie eine Art Prämienlohnsystem für Geburten darstellten. Für jede Geburt eines Kindes innerhalb der bestehenden Ehe verringerten sich die abzuzahlenden Raten des Darlehens.71 Allerdings wurden nicht nur solche „Anreize“ geschaffen um Frauen aus dem Berufsleben hinein ins häusliche Umfeld zu drängen. Durch Verbote und Beschränkungen wurden zudem die beruflichen Perspektiven für Frauen weniger attraktiv. So wurden vor allem Frauen in hoch qualifizierten und akademischen Arbeitsfeldern systematisch aus ihren Beschäftigungsfeldern verdrängt.72 Außerdem wurde es 1934 z.B. Ärztinnen untersagt, eine Praxis zu eröffnen73 und im Staatsdienst beschäftigte Frauen wurden generell schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen.74 Einige dieser Maßnahmen wurden allerdings vor dem Hintergrund der notwendigen Aufrüstung während der Kriegsvorbereitungen wieder aufgehoben.75

Es lassen sich also drei Phasen erkennen: Für die ersten Jahre bis etwa 1936 galt, wie schon erwähnt, die Beschränkung der Frauen auf den privaten Bereich. So sollten Frauen hauptsächlich Mütter sein und sich nebenbei in nationalen Organisationen engagieren, für die sie in der Regel im Bereich der ehrenamtlichen Arbeit tätig waren.76 Die zweite Phase trat während der Kriegsvorbereitungen, also während den Jahren 1936 bis 1939 ein. In dieser Zeit wurden die Frauen wieder schrittweise in das Berufsleben zurückgeführt.77 Durch die Frauenorganisationen wie z.B. die NS-Frauenschaft sollten sie ideologisch überwacht werden und durch die Einführung des „Pflichtjahres“ konnte ihre Arbeitskraft ausgenutzt werden. Ab 1939 mussten Frauen dann wieder verstärkt in die Arbeitswelt zurückkehren. In der Kriegswirtschaft mangelte es an Kräften, da die Männer in der Regel in den Krieg gezogen waren. Die ehemals aus dem Berufsleben verdrängten Frauen mussten schließlich die Posten der fehlenden Männer ausfüllen.78

Die Rolle der Frau unter den Nationalsozialisten war sowohl in der Forschung, als auch in der öffentlichen Wahrnehmung lange Zeit hauptsächlich von der Vorstellung der „arischen“ Mutter und Ehefrau geprägt. Es ist sicherlich richtig, dass die Beschränkung auf eben diese „Funktion“ einen besonderen Stellenwert im „Dritten Reich“ hatte, wurde doch um den Frauen die Identifikation mit dieser Rolle zu erleichtern, ein regelrechter „Mutterkult“ betrieben.79 Allerdings unterlag die vorgesehene Rolle der Frau im Laufe der Zeit auch einem Wandel. Wie bereits erwähnt musste sich die Rolle mit dem Kriegsbeginn ändern und Frauen wurde eine wesentliche aktivere Beteiligung an der Ausgestaltung des NS-Regimes zugestanden. Frauen nahmen die Positionen der abwesenden Männer ein und kombinierten diese Funktion mit der bisherigen, „klassischen“ Rolle.80 Die Rolle der Frau unter den Nationalsozialisten war lange hauptsächlich von dem „Mutterkult“ geprägt, zudem wurden Frauen eher in einer passiven Funktion und als „Opfer“ der männlich geprägten Herrschaft gesehen. Dieses Bild weicht aber heute einer differenzierteren Betrachtung und lässt macht Frauen im „Dritten Reich“ auch als aktive „Mitmacher“ erkennbar was im nun folgenden Kapitel näher erläutert werden soll.

2.5 Frauen als Täterinnen

Wenn in der Forschung, den Medien oder auch der Öffentlichkeit die Rede von nationalsozialistischen Tätern oder „Nazi Verbrechern“ ist, stehen Frauen selten im Vordergrund. Dies ist zunächst nicht weiter verwunderlich, zählen doch mit Hitler, Goebbels, Himmler, Göring oder Mengele hauptsächlich Männer zu den „prominentesten“ Tätern.81

Obwohl sich diese Hausarbeit hauptsächlich mit verschiedenen Schicksalen weiblicher Opfer der Konzentrationslager beschäftigt, erscheint es an dieser Stelle sinnvoll einen kurzen Exkurs vorzunehmen und die „Täterinnen“ zur Zeit des Nationalsozialismus näher zu betrachten. Aus der zuvor dargestellten gesellschaftlichen Realität im „Dritten Reich“ ergibt sich, dass Frauen nicht unter den großen Kriegsverbrechern und Verbrechern gegen die Menschlichkeit zu finden sind, da ihnen höhere Positionen mit eindeutiger Entscheidungsmacht verwehrt blieben.82 Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass Frauen nicht auch in aktiven Positionen tätig und somit Täterinnen im Nationalsozialismus waren. Die Feststellung, dass sich auch Frauen während der Zeit des Nationalsozialismus schuldig gemacht und aktiv an der Ausübung von Verbrechen beteiligt waren, mag unumstritten oder gar banal erscheinen. Jedoch lässt sich die tatsächliche Form der Täterschaft von Frauen weniger eindeutig feststellen, als die von männlichen Ausführenden. Anette Kreuzer schreibt in diesem Zusammenhang von „Marginalisierung und Skandalisierung“, die sich beim Beurteilen von Täterinnen gegenüber zu stehen scheinen.83 Dabei gilt es nun zunächst jedoch den Begriff „Täter“ bzw. „Täterin“ genauer zu definieren. In der Forschung begann erst spät eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Täterschaft von Frauen. Bis in die Mitte der 70er Jahre existierten Frauen im Nationalsozialismus nur als Opfer bzw. Mitläufer einer vornehmlich männlich geprägten Herrschaft.84 Erst seit Ende der 80er Jahren wird die Rolle der Frau als Täterin überhaupt in Betracht gezogen und nach der „Mittäterinnenschaft“85 von Frauen gefragt.86 Es ist sicherlich richtig, dass nur wenige Frauen im Nationalsozialismus leitenden, höhere Postionen besetzten und dass nur eine geringe Anzahl an Frauen eindeutig und bewusst an der gezielten Verfolgung und Vernichtung beteiligt war. Dennoch gab es auch Bereiche in denen Frauen eine aktive Rolle z.B. bei der Denunziation spielten.87 Eine Einordnung der Frauen in ein bestimmtes Schema wird allerdings durch die sehr unterschiedlichen Handlungsweisen erschwert. Silke Schäfer unterscheidet in ihrer Arbeit zum Selbstverständnis von Frauen im KZ zwischen vier unterschiedlichen Kategorien von Frauen.88 Diese Gruppen lassen sich zwar alle differenzieren, überschneiden sich aber auch teilweise. Die erste Gruppe besteht laut Schäfer aus den misshandelten, gequälten und ermordeten Frauen, den tatsächlichen Opfern. Die zweite Gruppe bilden Frauen, die bewusst und aktiv gegen das NS-Regime Widerstand geleistet haben und politisch aktiv waren. Als dritte Gruppe beschreibt Schäfer die so genannten Mitläufer bzw. „Mittäterinnen“, also Frauen, die zwar innerhalb eines gewissen Handlungsspielraum aktiv waren, jedoch nichts von der Tragweite ihrer Handlungen wussten bzw. wissen wollten. Die vierte Gruppe bilden schließlich die Täterinnen. Darunter sieht Schäfer jene Frauen, die sich aktiv und bewusst an Handlungen im „Dritten Reich“ beteiligt haben, die sich über die Tragweite bzw. das Unrecht ihrer Handlungen bewusst waren und ihren eigenen Handlungsspielraum ausgenutzt haben.89 Rund zwei Jahre nachdem das Lager Ravensbrück durch sowjetische Truppen befreit wurde, mussten sich ab dem fünften Dezember 1946 Teile des ehemaligen, ausführenden KZ-Personals beim ersten Ravensbrück-Prozess vor einem britischen Militärgericht verantworten.90 Während Befehle, Anordnungen und Erlasse zu unmenschlichen und unrechten Handlungen zwar fast ohne Ausnahme von der, männlich dominierten, oberen Ebene der Hierarchie stammten, gab es vor allem auf der der schlussendlich ausführenden Ebene viele Frauen, die zum Beispiel als Aufseherinnen im KZ tätig waren.

[...]


1 Antonia Bruha: Ich war keine Heldin. Wien 1984, Seite 89.

2 Vgl. Monika Herzog, Bernhard Strebel: Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, (= Frauen in Konzentrationslagern. Ravensbrück und Bergen-Belsen), hrsg. v. Claus FüllbergStolberg, Bremen 1994.

3 Vgl. Claus Füllberg-Stolberg: Frauen in Konzentrationslagern: Bergen-Belsen; Ravensbrück. Bremen 1994.

4 Vgl. Loretta Walz: „Und dann kommst du dahin an einem schönen Sommertag“. Die Frauen von Ravensbrück. München 2005.

5 Anette Kreuzer: NS-Täterschaft und Geschlecht. Der erste britische Ravensbrück-Prozess 1946/47 in Hamburg. Berlin 2009, Seite 7.

6 Vgl. Claus Füllberg-Stolberg (1994).

7 Loretta Walz (2005), Seite 17.

8 Ebd.

9 Vgl. Anette Kreuzer (2009).

10 Vgl. Monika Herzog, Bernhard Strebel in Füllberg-Stolberg (1994).

11 Ebd.

12 Vgl. Loretta Walz (2005).

13 Ebd.

14 Loretta Walz (2005), Seite 12.

15 Vgl. Silke Schäfer: Zum Selbstverständnis von Frauen im Konzentrationslager. Das Lager Ravensbrück. Berlin 2002.

16 Vgl. Gudrun Schwarz: Die nationalsozialistischen Lager. Frankfurt 1991.

17 Ebd.

18 Vgl. Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Frankfurt 1955.

19 Vgl. Loretta Walz (2005).

20 Vgl. Gudrun Schwarz (1991).

21 Vgl. Loretta Walz (2005).

22 Vgl. Andrzej Kaminski: Konzentrationslager 1896 bis heute. Stuttgart 1982.

23 Vgl. Loretta Walz (2005).

24 Vgl. Ingo Arndt: Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. (= Studien zur Geschichte der Konzentrationslager), Herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte, Stuttgart 1970, S.93-120.

25 Vgl. Monika Herzog, Bernhard Strebel in Füllberg-Stolberg (1994).

26 Vgl. Andrzej Kaminski (1982).

27 Ebd. Seite 137.

28 Germaine Tillion: Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, aus dem Französischem von Barbara Glassmann, Paris 1998, Seite 162.

29 Vgl. Germaine Tillion (1998).

30 Vgl. Loretta Walz (2005).

31 Vgl. Linde Appel: Jüdische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück 1939 - 1945. Berlin 2003.

32 Ebd.

33 Vgl. Falk Pingel: Häftlinge unter SS-Herrschaft. Widerstand, Selbstbehauptung und Vernichtung im Konzentrationslager. Hamburg 1978.

34 Vgl. Klaus Drobisch: System der NS-Konzentrationslager 1933-39. Berlin 1993.

35 Vgl. Loretta Walz (2005).

36 Monika Herzog, Bernhard Strebel in Füllberg-Stolberg (1994), Seite 13.

37 Loretta Walz (2005), Seite 16.

38 Vgl. Gudrun Schwarz (1991).

39 Vgl. Monika Herzog, Bernhard Strebel in Füllberg-Stolberg (1994).

40 Vgl. Loretta Walz (2005).

41 Vgl. Klaus Drobisch (1993).

42 Loretta Walz (2005), Seite 33.

43 Loretta Walz (2005), Seite 37.

44 Vgl. Monika Herzog, Bernhard Strebel in Füllberg-Stolberg (1994).

45 Vgl. Sybil Milton: Deutsche und Deutsch-jüdische Frauen. (= Dachauer Hefte 3), München 1993, Seite 5.

46 Vgl. Falk Pingel (1978).

47 Vgl. Monika Herzog, Bernhard Strebel in Füllberg-Stolberg (1994).

48 Loretta Walz (2005), Seite 65.

49 Vgl. Ino Arndt: Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. (= Dachauer Hefte 3). 1983.

50 Ebd.

51 Maria Zeh nach Loretta Walz (2005), Seite 38.

52 Vgl. Anette Kreuzer (2009).

53 Vgl. Monika Herzog, Bernhard Strebel in Füllberg-Stolberg (1994).

54 Vgl. Loretta Walz (2005).

55 Loretta Walz (2005), Seite 7.

56 Vgl. Germaine Tillion (1998).

57 Vgl. Loretta Walz (2005).

58 Vgl. für den folgenden Abschnitt Andreas Baumgartner: Die vergessenen Frauen von Mauthausen. Wien 1997.

59 Vgl. für den folgenden Abschnitt Eberhard Kolb: Bergen-Belsen 1943-45. Göttingen 1985. 15

60 Germaine Tillion (1998), Seite 254.

61 Vgl. Renate Wiggershaus: Frauen unterm Nationalsozialismus, Wuppertal 1984.

62 Vgl. Silke Schäfer: Zum Selbstverständnis von Frauen im Konzentrationslager. Das Lager Ravensbrück. Berlin 2002.

63 Vgl. Renate Wiggershaus (1984).

64 Vgl. Silke Schäfer (2002).

65 Ebd.

66 Vgl. Renate Wiggershaus (1984).

67 Vgl. Hans-Jürgen Arendt: Zur Rolle der Frau in der Geschichte des deutschen Volkes 1830 bis 1945. Eine Chronik. Frankfurt a.M. 1984.

68 Vgl. Renate Wiggershaus (1984).

69 Vgl. Silke Schäfer (2002).

70 Ebd.

71 Vgl. Hans-Jürgen Arendt (1984).

72 Vgl. Silke Schäfer (2002).

73 Vgl. Renate Wiggershaus (1984).

74 Vgl. Hans-Jürgen Arendt (1984).

75 Vgl. Silke Schäfer (2002).

76 Vgl. Hans-Jürgen Arendt (1984).

77 Vgl. Silke Schäfer (2002).

78 Ebd.

79 Vgl. Renate Wiggershaus (1984).

80 Ebd.

81 Vgl. Joe J. Heydecker, Johannes Leeb: Der Nürnberger Prozess. Überarbeitete Neuausgabe mit einem Vorwort von Eugen Kogon und Robert M. W. Kempner. (2. Auflage), Köln 2006.

82 Siehe Kapitel 2.4 (Frauen im „Dritten Reich“ - Ideologie und Wahrnehmung) dieser Arbeit.

83 Vgl. Anette Kreuzer (2009).

84 Vgl. Silke Schäfer (2002).

85 Claudia Taake: Angeklagt: SS-Frauen vor Gericht, Universität Oldenburg 1998, Seite 54.

86 Vgl. Renate Wiggershaus (1984).

87 Vgl. Anette Kreuzer (2009).

88 Vgl. Silke Schäfer (2002).

89 Ebd.

90 Vgl. Anette Kreuzer (2009).

Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Erfahrungen von Frauen in Konzentrationslagern anhand ausgesuchter Autobiografien.
Untertitel
Alltag, Überlebensstrategien und geschlechtsspezifische Besonderheiten weiblicher Lagerinsassen.
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fachbereich Geisteswissenschaften/Historisches Institut)
Note
1,6
Autor
Jahr
2013
Seiten
100
Katalognummer
V231752
ISBN (eBook)
9783656475965
ISBN (Buch)
9783656476894
Dateigröße
776 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konzentrationslager, Nationalsozialismus, Ravensbrück, Frauen, Genderforschung, Arbeitslager, Gulag, KZ, SS, Biografien, Überlebende, Erinnerung
Arbeit zitieren
Florian Rübener (Autor), 2013, Erfahrungen von Frauen in Konzentrationslagern anhand ausgesuchter Autobiografien., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231752

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