Warum lässt Gott Leid zu?

Eine Aufbereitung der Theodizeefrage am Beispiel von Wolfgang Borchert´s Drama "Draußen vor der Tür"


Seminararbeit, 2011

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Inhalt der Theodizee-Frage

3. Eine Position zur Theodizee aus der Literatur -
Wolfgang Borchert „Draußen vor der Tür
3.1 Borchert's Lebenslauf
3.2 Inhalt des Dramas
3.3 Bedeutung des Werkes
3.4 Die Figur Beckmann und sein Verhältnis zu Gott
3.5 Der alte Mann, der verstanden werden will – Borchert's Antwort auf die Theodizee

4. Die Schwierigkeit der Theodizee – Analyse von und Fragen an Borchert's Lösungsansatz

5. Vergleich mit Hempelmann's Antwort auf die Theodizee

6. Eigene Stellungnahme

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die Frage „Warum lässt ein guter Gott so viel Leid auf der Welt zu?“ beschäftigt die Menschen nicht erst in unserer Zeit. Immer wieder wurde und wird diese Frage gestellt und wirft teilweise Menschen aus ihrer Bahn. Gerade in den letzten Tagen wurde wieder häufiger an die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 gedacht. Knapp 3000 Personen ließen an diesem Tag ihr Leben, ohne an diesen Anschlägen Schuld zu tragen. Oder man denke an die Weltkriege in denen Millionen von Menschen umkamen durch das Machtbestreben einzelner. Und was ist mit meterhohen Tsunamiwellen, die unangekündigt viele ahnungslose Menschen mit in den Tod rissen? In einem Teil der Welt hungern sich die Menschen zu Tode, am anderen Ende wissen die Menschen mit ihrem überdimensonalen Reichtum nicht wohin – Ungerechtigkeit überall auf dieser Welt, die man vermeiden könnte.

Es müssen noch nicht einmal große Opferzahlen von Leid und Ungerechtigkeit sein, die diese Frage hervorrufen. Oft treiben die Menschen auch Einzelschicksale zu der Frage, wie ein guter, liebender Gott so viel Not und Leiden auf der Welt zulassen kann. Auch ich persönlich habe mich in manchen Krankheitssituationen gefragt, warum Gott mich oder andere Menschen leiden lässt, warum er nicht eingreift. Krankheit, plötzlicher Tod eines geliebten Menschen, Ehen, die in die Brüche gehen und verunsicherte Kinder zurücklassen, Abtreibungen – all diese Dinge bringen Christen oder auch Nichtchristen immer wieder zu dieser Frage zurück: Wie passt ein guter, allmächtiger Gott mit der Realität dieser leidenden Welt zusammen? Gerade für Christen kann diese Frage zu einer großen Anfechtung werden, bei der ihr Glaube existenziell auf die Probe gestellt wird.

Um mit dieser Frage „Warum lässt ein guter Gott so viel Leid auf der Welt zu?“ etwas besser umgehen zu können und vielleicht auch eine Antwort auf sie zu finden, soll sich diese Arbeit vor allem mit einer Position aus der Literatur auseinandersetzen, welche dann analysiert und mit einer wissenschaftlich theologischen Postitionen verglichen werden soll.

2. Inhalt der Theodizee-Frage

Ausgangspunkt dieser Frage ist immer die Vorstellung von einem guten, liebenden und allmächtigen Gott, der die Menschen und seine Schöpfung liebt und erhalten will und – seiner Allmacht nach – auch kann. Dieser Ausgangspunkt wird jedoch in Frage gestellt, wenn die Realität in der Welt ein ganz anderes Bild bezeugt, in dem der Mensch und die Schöpfung zerfällt, in der keine Liebe, sondern Hass, Ungerechtigkeit und Leid herrscht. Die Realität und die Vorstellung von Gott, wie eben beschrieben, werden dahingehend inkongruent – sie bilden einen Gegensatz.

Damit verneint die Realität immer mindestens eine der beiden Eigenschaften Gottes: Entweder ist Gott nicht gut und ihm ist das Leid der Menschen egal, weil er es nicht verhindert, oder Gott ist nicht allmächtig und er kann die Realität gar nicht ändern – oder beide Eigenschaften sind falsch und es gibt keinen Gott.

Doch wohlgemerkt, wird die Theodizee erst aufgeworfen, wenn der Mensch in irgendeiner Weise Leid erfährt, sei es am eigenen Leib oder aus Mitleid. Solang es ihm gut geht, solang er alles hat, was er braucht, leidende Mitmenschen ausblendet und zufrieden ist, stellt er auch das Gottesbild von einem Gott der Liebe, Güte und Allmacht nicht in Frage. Aber sobald Leid in sein Leben tritt, landet Gott mit dieser Frage sofort auf der Anklagebank. Das Gottesbild gerät ins wanken, wird hinterfragt und auf die Probe gestellt.

3. Eine Position zur Theodizee aus der Literatur - Wolfgang Borchert „Draußen vor der Tür

3.1 Borchert's Lebenslauf

Wolfgang Borchert wurde am 20. Mai 1921 in Hamburg geboren und starb im Alter von 26 Jahren am 21. November 1947 in Basel.[1] Die Mutter des Einzelkindes war niederdeutsche Erzählerin und hatte somit literarische Neigungen, wohingegen sein Vater als Lehrer eher in die philosophische Richtung ging. Von seiner Mutter literarisch geprägt begann Bochter nach der Schule eine Ausbildung zum Buchhändler, die er jedoch bald wieder abbrach, um die Schauspielkunst zu erlernen.[2] Schon damals in seiner Schul- und Ausbildungszeit schrieb er einige Gedichte. Insgesamt kann man von einer sehr großen Spannweite seiner Werke reden – von Dramaik über Lyrik bis hin zum Humorvollen.

Schon sehr früh wurde Borchert dann gegen seinen Willen zum Kriegsdienst eingezogen. Der junge Mann sah die Notwendigkeit des Kriges nicht ein, da es nicht nur darum ging, das eigene Heimatland zu verteidigen, sondern es ging auch um äußere Konflikte. Er sprach sich sogar mehrmals öffentlich gegen den Krieg aus und wurde dafür zweimal verhaftet.[3] Bei der ersten Verhaftung wollte der Ankläger sogar das Todesurteil für Borchert bewirken, doch wegen seiner Jugend musste Wolfgang „nur“ ein reichliches halbes Jahr im Gefängnis verbringen. Schon in dieser Zeit hatte er gesundheitlich immer wieder hart zu kämpfen, was ihm den Gefängnisaufenthalt extrem erschwerte. Nachdem er die Monate im Gefängnis abgeleistet hatte, schickte man ihn auf Bewährung wieder zurück an die Russlandfront.[4] All seine seelischen und vor allem körperlichen Leiden hielt Borchert standhaft aus und sagte dazu nur: „Was ist denn so groß angesichts der Sterne, das uns aus der Bahn werfen könnte?“[5] Wegen seinen körperlichen Leiden verbachte er lange Zeit im Lazarett an der Front. Deshalb beschlossen die Ärtze, Borchert als untauglich nach Hause zu schicken. Einen Tag bevor er aus dem Lazarett entlassen wurde, wurde jedoch ein Abschiedsfest gefeiert, bei dem Borchert als gelernter Schauspieler einen der obersten Führer des Reiches karikierte. Dies empfand man als so beleidigend, dass man Borchert trotz seiner Krankheit zum zweiten Male verhaften lies. Er verbrachte in Berlin daraufhin neun schlimme Monate in Haft. Die zeitweise Dunkelhaft und sein körperlicher wie seelischer Tiefstand bereiteten ihm große Qualen.[6] Bei der amerikanischen Übernahme 1945 gelang es Borchert zu fliehen und sich zu Fuß nach Hamburg durchzuschlagen. Als er in Hamburg ankam, war er körperlich am Ende.[7] Auf seinem Weg dahin nahm er viel von der furchtbaren Zerstörung und den seelischen Nöten von einzelnen Menschen wahr und in sich auf.[8] Doch sein Mut blieb ungebrochen. Zu Hause in Hamburg wollte er gern alles nachholen, was er in den Kriegsjahren verpasst hatte. Trotz seiner Krankheit konnte man ihn wieder auf der Bühne sehen – jedoch nicht lang. Die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen und so lag er zwei Jahre krank in seinem Elternhaus. In dieser Zeit nahm er viele Eindrücke der Nachkriegszeit in sich auf. Er erkannte die Verelendung und die Hoffnungslosigkeit der Menschen, obwohl der Krieg an sich schon vorbei war.[9] Borchert war aber kein Nihilist, wie man vermuten könnte. Er liebte das Leben und nahm alles, was er sah und hörte sehr tief wahr.[10] Er verlohr trotz allem auch auf dem Krankenbett seine Heiterkeit nicht. Es heißt über ihn: „Je mehr der Körper litt, je mehr er zunehmend dem Verfall anheimfiel, desto leuchtender wurde sein Geist und rastloser sein Schaffen in den schlaflosen Nächten.“[11] Er wollte alle seine Eindrücke und Erlebnisse schriftlich festhalten, um den Menschen ein Spiegelbild seiner Zeit vorhalten zu können und sie aus der Gleichgültigkeit zu reißen.[12] Darin sah er seine Aufgabe. Mit diesem Ziel schrieb er viele Gedichte, Kurzgeschichten und das einzige Drama „Draußen vor der Tür“ mit dem Untertitel „Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Puplikum sehen will!“. Er schrieb es innerhalb von nur acht Tagen, weil er durch seine Krankheit und seinen sich verschlechternden Zustand zur Eile gedrungen wurde.[13] Das Drama wurde am 13. Februar 1947 das erste Mal als Hörspiel im Rundfunk gesendet. Dieser Entschluss des Hamburger Senders kam für Borchert völlig unerwartet, löste aber vielen Menschen die Zungen, sodass einige verschiede Reaktionen daraufhin wahrzunehmen waren.[14]

Im September 1947 gestattete man Borchert endlich für seine Genesung eine Reise in die Schweiz, die er jedoch allein antreten musste, weil seine Mutter keine Ausreisegenehmigung erhielt, um ihn zu begleiten.[15] Dort blieb er bis November 1947 wo er seiner extrem vergrößerten Leber erlag und starb. Einen Tag nach seinem Tod wurde in Deutschland sein Drama „Draußen vor der Tür“ im Theater uraufgeführt.[16]

Über Borchert heißt es, seine Aufgabe war der Weckruf. Sein letztes Vermächtnis auf dem Totenbett war wohl folgender Aufruf: „Sagt nein zum Krieg!“[17] Für ihn war es wichtig, dass die Menschen solche Fehler wie unnötige Kriege nicht nocheinmal begehen. Er wollte ihnen die Augen öffnen für das, was Krieg letztendlich mit sich bringt – nämlich kaputte Städte und kaputte Menschen.

In seinem Leben aber auch an seinen Werken kann man erkennen, dass Borchert den „Lieben Gott“ seiner Kindheit verloren hat, aber die Gottesidee gerade in den qualvollen Erlebnissen und seiner Not wiedergefunden und in das Höhergeistige gesteigert hat.[18] In einem seiner letzten Gedichte kurz vor seinem Tod schreibt er sehr trostbringend von Gottes weitem Herzen. Er schreibt von einem Heimkehrer, der nun endlich zum Vater allen Seins kommt und somit sein Ziel erreicht.[19]

[...]


[1] Darboven, Wolfgang Borchert, 5.

[2] A.a.O., 7.

[3] Darboven, Wolfgang Borchert, 8.

[4] A.a.O., 9.

[5] Ebd.

[6] A.a.O., 10.

[7] A.a.O., 11.

[8] A.a.O., 12.

[9] Darboven, Wolfgang Borchert, 13.

[10] Meyer-Marwitz, Das Gesamtwerk, 345.

[11] Darboven, Wolfgang Borchert, 21.

[12] A.a.O., 14.

[13] Meyer-Marwitz, Das Gesamtwerk, 340.

[14] A.a.O., 341f.

[15] Darboven, Wolfgang Borchert, 22.

[16] A.a.O., 5.

[17] A.a.O., 27.

[18] Darboven, Wolfgang Borchert, 27.

[19] A.a.O., 23.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Warum lässt Gott Leid zu?
Untertitel
Eine Aufbereitung der Theodizeefrage am Beispiel von Wolfgang Borchert´s Drama "Draußen vor der Tür"
Hochschule
Evangelische Hochschule TABOR, Marburg
Veranstaltung
Christlicher Glaube in einer säkularen Welt - TB 999
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V231753
ISBN (eBook)
9783656485063
ISBN (Buch)
9783656486190
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leid, Theodizee
Arbeit zitieren
Lydia Fischer (Autor), 2011, Warum lässt Gott Leid zu?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231753

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