Die Geschichte der deutschen Siedler, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Aufrufen der Zarin Katharina II. gefolgt und Kolonien an der Wolga, im Schwarzmeerraum und anderen Teilen des russischen Reiches gegründet hatten, ist in den letzten Jahren wieder von zahlreichen Forschungen zum Gegenstand erhoben worden. Ausgelöst durch den vermehrten Rückstrom der Nachkommen dieser Kolonisten, der so genannten Aussiedler, in die Heimat ihrer Ahnen, hat diese Neubelebung eines alten Themas der deutschen
Geschichtsschreibung viele traditionelle Wahrheiten relativiert beziehungsweise widerlegt. Dies hat insgesamt zu einer neutraleren Sicht auf die deutsche Kolonisation beigetragen, deren Kulturleistung anerkannt wird, ohne die Probleme zu vernachlässigen, deren Schwierigkeiten geschildert werden, ohne die Erfolge unerwähnt zu lassen.
Die vorliegende Arbeit versucht auf dieser Grundlage, einen Einblick in die Geschichte der deutschen Kolonisation auf russischem Boden zu liefern, wobei sie sich auf ihre Gründerjahre zur Regierungszeit Katharinas II. (1762-1796) beschränkt. Dieser zeitliche Rahmen spiegelt auch die Hauptintention wider: Nicht das Gemeindeleben und die Kultur der ersten deutschen Siedler in Russland -Aspekte, die an anderer Stelle umfassend behandelt wurden - bilden hier den Angelpunkt, sondern vielmehr die Gründe, Schwierigkeiten und Erfolge der Kolonisation aus der Sicht des russischen Staates. Dabei werden jedoch wiederholt Perspektivwechsel auf die Auswirkungen der russischen Siedlungspolitik auf die angeworbenen Bauern und Handwerker möglich und zu einem tieferen Verständnis auch notwendig sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Problemlage, Fragestellung und Arbeitsmethode
2. Die Geschichte der deutschen Präsenz im Zarenreich
2.1. Von der Kiewer Rus’ bis zum Herrschaftsantritt der Romanows
2.2. Zar Peter I. und die Errichtung der deutschen Sonderstellung
2.3. Von der Fremdenherrschaft Anna Ioannownas bis zur Ermordung Peters III.
3. Anwerbung und Kolonisation: Massiver Zuzug deutscher Kräfte ins Russische Reich unter Katharina II.
3.1. Vorbemerkungen: Die Eckpfeiler der Kolonisationspolitik Katharinas II.
3.2. Einschub: Deutsche in Kultur, Wissenschaft und Forschung
3.3. Die Berufungsmanifeste: Beginn einer planmäßigen Anwerbung
3.4. Maßnahmen gegen die Kolonistenwerbung. Die russischen Kommissäre.
3.5. Der Kolonialkodex als legislative Grundlage der Kolonisation
3.6. Die Entwicklung der staatlichen Kolonienverwaltung
3.7. Herkunft, Beweggründe, Berufs- und Sozialstruktur der deutschen Einwanderer
3.8. Eine erste Bilanz der deutschen Kolonisation und die Zäsur des Pugatschow-Aufstands
3.9. Die zweite Phase der Kolonisation: Deutsche im Schwarzmeerraum
4. Plan und Wirklichkeit: Ein Teilbilanz der russischen Kolonisationspolitik unter Katharina II.
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Geschichte der deutschen Kolonisation im Russischen Reich während der Regierungszeit Katharinas II. (1762-1796). Das primäre Ziel ist es, die Gründe, Schwierigkeiten und Erfolge dieser staatlich forcierten Ansiedlungspolitik aus der Perspektive des russischen Staates zu beleuchten, wobei die Auswirkungen auf die angeworbenen Bauern und Handwerker ebenfalls kritisch betrachtet werden.
- Historische Vorgeschichte der deutschen Präsenz in Russland vor Katharina II.
- Die Kolonisationspolitik Katharinas II. und ihre merkantilistischen Ziele
- Strukturen der Anwerbung, Berufungsmanifeste und die Rolle der Kommissäre
- Legislative Grundlagen durch den Kolonialkodex und die staatliche Kolonienverwaltung
- Sozioökonomische Bilanz der Siedlungsprozesse an der Wolga und im Schwarzmeerraum
Auszug aus dem Buch
3.1. Vorbemerkungen: Die Eckpfeiler der Kolonisationspolitik Katharinas II.
In der europäischen Aufklärung verwurzelt, regierte Katharina II. (1762-1796) das Russische Reich in der Überzeugung, dass der Ruhm des Herrschers von Wohlstand und Zahl seiner Untertanen untrennbar sei, sich also gemeinhin dem Reichtum seines Landes verdanke. Dabei ließ sie sich von denselben merkantilistischen, auf die Steigerung des wirtschaftlichen Wohlstands des Landes zielenden Vorstellungen leiten, die in dieser Zeit auch in Preußen, Österreich-Ungarn und anderen Staaten das politische Denken bestimmtem. Als wichtigstes Mittel zur Stärkung von Wirtschafts-, Handels- und Finanzkraft des Staates galt dabei neben der Förderung der großgewerblichen Produktion und des Außenhandels vor allem auch eine aktive Besiedlungs- oder Peuplierungspolitik.
Versuche, unkultiviertes Land und unerschlossene Ressourcen durch Anwerbung fremder Untertanen nutzbar zu machen, gab es schon Mitte des 17. Jahrhunderts, als man sich bewusst zu werden begann, dass der Untertan nicht nur als Soldat und Steuerzahler, sondern auch als Arbeitskraft und Konsument von Bedeutung war. Langfristig konnte der Staat von der Kolonisation nur profitieren: »Die Armee hatte (nach Ablauf der verbrieften Freijahre) mehr Rekruten zu erwarten, die Steuereinnahmen wuchsen, zumal durch die Vergrößerung der Einwohnerzahl auch allgemein Handel und Wandel zunahmen.«
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problemlage, Fragestellung und Arbeitsmethode: Die Einleitung skizziert den Forschungsgegenstand der deutschen Kolonisation unter Katharina II. und erläutert die methodische Konzentration auf die staatlichen Motive und Rahmenbedingungen.
2. Die Geschichte der deutschen Präsenz im Zarenreich: Dieses Kapitel arbeitet die historische Vorprägung der deutsch-russischen Beziehungen von der Kiewer Rus’ bis zu Peter III. auf, um den Kontext für die spätere Ansiedlungspolitik zu setzen.
3. Anwerbung und Kolonisation: Massiver Zuzug deutscher Kräfte ins Russische Reich unter Katharina II.: Der Hauptteil analysiert detailliert die Anwerbungsmechanismen, die Ansiedlung von Siedlern und die verschiedenen administrativen sowie sozialen Entwicklungen der Kolonien.
4. Plan und Wirklichkeit: Ein Teilbilanz der russischen Kolonisationspolitik unter Katharina II.: Das Kapitel reflektiert die ökonomischen und sozialen Ergebnisse der Kolonisation und setzt die ursprünglichen staatlichen Planungen in Bezug zu den tatsächlichen Erfahrungen der Siedler.
Schlüsselwörter
Katharina II., Russland, deutsche Kolonisation, Peuplierungspolitik, Wolgakolonien, Siedler, Kolonialkodex, Vormundschaftskanzlei, Berufungsmanifeste, Migration, Agrargeschichte, Deutsch-russische Geschichte, Schwarzmeerraum, Mennoniten, Agrarpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die systematische staatliche Anwerbung und Ansiedlung von deutschen Einwanderern im Russischen Reich unter der Zarin Katharina II. im späten 18. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die merkantilistische Bevölkerungspolitik des russischen Staates, die rechtliche und administrative Gestaltung der Kolonien sowie die soziale und wirtschaftliche Situation der Siedler.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Beweggründe des russischen Staates sowie die Schwierigkeiten und Erfolge der Kolonisation zu analysieren, wobei der Fokus auf dem staatlichen Interesse an wirtschaftlicher Entwicklung liegt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine historische Arbeit, die auf der Analyse zeitgenössischer Dokumente, zeitgenössischer Berichte (wie denen von C. G. Züge) und moderner Forschungsliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Hintergründe der Kolonisation, die Instrumente der Anwerbung (Manifeste), die Probleme bei der Durchführung durch Kommissäre und die administrative Struktur der Kolonien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Katharina II., Kolonisation, Peuplierungspolitik, Wolgakolonien, Einwanderung und staatliche Verwaltungsstrukturen.
Welchen Einfluss hatten die „Berufungsmanifeste“ auf die Siedler?
Die Manifeste boten Anreize wie Religionsfreiheit, Steuerbefreiung und Landbesitz, um deutsche Bauern und Handwerker trotz der mit der Auswanderung verbundenen Risiken für die Ansiedlung im Russischen Reich zu gewinnen.
Wie wirkte sich der Pugatschow-Aufstand auf die deutschen Kolonien aus?
Der Aufstand führte zu einer massiven Zerstörungswelle, bei der Siedlungen geplündert und zerstört wurden, was die bereits instabile ökonomische Situation vieler Kolonisten weiter verschärfte.
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- Eduard Luft (Author), 2004, Staatsausbau durch Kolonisation: Die planmäßige Anwerbung von Deutschen und ihre Ansiedlung im Russischen Reich unter Katharina II., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23175