Die Erosion des Beschäftigungssystems

Atypische Beschäftigung auf dem Weg zu einer Neuen Erwerbsgesellschaft


Forschungsarbeit, 2013
51 Seiten

Leseprobe

Summary

The proportion of employees in normal employment conditions declined of approximately 80% in 1986 (in West Germany) to approx. 60% in 2011. From 1995 to 2004, we observe a clear and continuous increase in atypical employment. From 2005 to 2011 the increase has slowed. Atypical employment impacts the stability of employment, the employment status and the chances on the labour market. The erosion of standard employment relationship manifests itself in a quality loss of employment. The quality has improved in recent years. The decreasing dynamics of atypical employment and improving quality give reason to believe that the employment system will convert towards a New Culture of Employment. It will be a result of demographic processes in future. The new system of employment is characterized by high labour market participation, diversified forms of employment, and a higher quality of employment. The problem of precarity will be not solved alone by higher labour market participation. Atypical employment as well as quality loss and especially the evolving needs of households play a role.

Zusammenfassung

Der Anteil der in einem Normalarbeitsverhältnis Beschäftigten sank von ca. 80% im Jahr 1986 (in Westdeutschland) auf ca. 60% im Jahr 2011. Von 1995 bis 2004 beobachten wir eine deutliche und anhaltende Zunahme atypischer Beschäftigung. Von 2005 bis 2011 hat sich die Zunahme verlangsamt. Atypische Beschäftigung wirkt selegierend auf den Beschäftigungsstatus, die Arbeitsmarktchancen und die Stabilität der Beschäftigung. Die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses äußert sich in einem Güteverlust der Beschäftigung. Die Güte hat sich allerdings in den letzten Jahren verbessert. Die nachlassende Dynamik der Atypisierung von Beschäftigung und die sich verbessernde Güte geben Grund zu der Annahme, dass sich das Beschäftigungssystem infolge demografischer Prozesse in Zukunft wiederum wandeln wird in Richtung einer Neuen Erwerbsgesellschaft, die durch hohe Erwerbsbeteiligung, diversifizierte Beschäftigungsformen und eine höhere Beschäftigungsgüte gekennzeichnet ist. Damit ist das Problem der Prekarität noch nicht gelöst, da hierbei neben Atypisierung und Güteverlust vor allem die sich verändernden Bedürfnisse der Haushalte eine Rolle spielen.

Einleitung und Fragestellung

Ohne Zweifel erleben wir seit Mitte der 1980er eine Erosion des Beschäftigungssystems. Diese äußert sich im Bedeutungsverlust des Normalarbeitsverhältnisses (NAV) und in einer Diversifizierung der Beschäftigungsformen (BF) sowie in einem damit in Zusammenhang stehenden Güteverlust der Beschäftigung (European Foundation 2001, 2011, Statistisches Bundesamt 2008, 2011, Mückenberger 2007, 2010, Horstmeier 2009, Koch et al. 2011, Koch 2012). Wir wollen Art und Umfang der BF im Zeitverlauf vergleichend beschreiben und deren Auswirkungen auf die Güte der Beschäftigung untersuchen. Unter atypischer Beschäftigung (ATB) verstehen wir jede Form der Erwerbstätigkeit, die vom NAV abweicht.[1] Ein NAV ist eine unbefristete, abhängige Beschäftigung in Vollzeit und außerhalb der Leiharbeit (LA). ATB ist in diesem Sinne:

1. Beschäftigung in Teilzeit, unabhängig davon, ob eine Sozialversicherungspflicht besteht oder nicht. Wir beziehen die geringfügige Beschäftigung bzw. die Beschäftigung in einer Gleitzone zwischen Geringfügigkeit und Teilzeit an dieser Stelle mit ein.
2. Befristete Beschäftigung auf der Grundlage einer Zweck- oder einer Zeitbefristung des Arbeitsverhältnisses (außerhalb der LA). Hierbei sei es gleichgültig, ob diese in Vollzeit, Teilzeit oder Geringfügigkeit erfolgt.
3. Abhängige Beschäftigung in einem Leiharbeitsverhältnis, befristet oder unbefristet, in Vollzeit oder Teilzeit bzw. Geringfügigkeit (CIETT 2011). Im Falle der LA ist der Vertragsarbeitgeber nicht identisch mit dem Einsatzbetrieb, und die Betroffenen sind in die Organisation des Einsatzbetriebes eingegliedert.
4. Abhängige Beschäftigung als Werkvertragsarbeitskraft, bei der – im Gegensatz zur LA – keine Eingliederung in den Einsatzbetrieb erfolgt. Diese ist mit den Instrumentarien einer personenbezogenen Erhebung wie im Falle des von uns verwendeten Sozioökonomischen Panels (SOEP) nicht zu erfassen.
5. Selbständige Erwerbstätigkeit, bei der keine abhängige Beschäftigung vorliegt, jedoch eine ökonomische Abhängigkeit von Auftraggeber vorliegen kann. Die Leistung wird vom Erwerbstätigen selbst erbracht (also ohne eigene Beschäftigte).

NAV und ATB bilden Schichten von Belegschaften, die sich in unterschiedlicher Nähe zur Kernbelegschaft befinden (vgl. Nienhüser/Baumus 2002, Nienhüser 2007). Die Literatur zu ATB ist seit ihrer „Entdeckung“ Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts (Mückenberger 1985a, 1985b) reichhaltig. Keller & Seifert (2011) fassen den Stand der Diskussion über Atypizität und Prekarität zusammen und geben Empfehlungen für eine Verbesserung der Wohlfahrt im Falle ATB. Die Autoren weisen auf eine nachlassende Dynamik in der Atypisierung der Beschäftigung hin (S. 15). Sie betonen, dass mit einem weiteren Fortschreiten der Diversifikation der BF zu rechnen ist. Wir möchten herausstellen, dass sich nicht nur die Dynamik der Atypisierung verlangsamt und die Güte der betroffenen Beschäftigungsverhältnisse in den letzten Jahren verbessert hat. Wir vermuten, dass sich mit dem demografischen Wandel die Randbedingungen für die BF verändern werden. Zwar wird es auch in Zukunft eine Diversifikation von BF geben (und Atypizität damit zum Normalfall werden), gleichzeitig werden die BF aber einen Gütewandel erfahren müssen.

Quellen und Methode

Wir analysieren Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP), einer im Auftrag des DIW von Infrastest durchgeführten repräsentativen Erhebung (Wagner et al. 2007, 2008). Wir nutzen das so genannte „Long-file“ für die Jahre 1985 bis 2011. Dieses gestattet vergleichende Querschnitte und Längsschnitte, sowie die Analyse von „gepoolten“ Daten. Für die einzelnen Jahre stehen uns zwischen 5.929 und 15.451 Fälle zur Verfügung, insgesamt 283.983 Fälle (Tabelle 1). Für den deskriptiven Teil der Untersuchung verwenden wir hochgerechnete Fallzahlen. Das gilt auch für die Kreuztabellen, die wir zur Darstellung der Übergangswahrscheinlichkeiten zwischen den BF im Zeitverlauf (2001 bis 2011) nutzen. Für die statistischen Modelle werden die Fälle ohne Hochrechenfaktoren herangezogen.

Neben deskriptiven Methoden nutzen wir Faktor- und Varianzanalysen, um statistische Zusammenhänge darzustellen. Für die Güte der Beschäftigung wird zudem eine Strukturgleichungsmodellierung mit AMOS durchgeführt (Weiber/Mühlhaus 2010). Faktoranalysen nutzen wir, um Informationen über ein Set von Variablen auf wenige Dimensionen zu reduzieren (z.B. berufliche Erwartungen und Belastungen). Die extrahierten Regressionskoeffizienten repräsentieren die durch die Dimensionsreduzierung identifizierten Faktoren. Für Varianzanalysen verwenden wir das Verfahren nach Fisher (ANOVA, Bühl 2010, S. 493) und verallgemeinerte Schätzungsgleichungen (GENLIN).

BF im Zeitverlauf

Die Erwerbsbeteiligung hat seit Mitte der 1980er Jahr zugenommen. Im Jahr 1985 betrug der Anteil der Erwerbstätigen an den Erwerbsfähigen (im Alter von 15 bis 67 Jahren) 62%. Dieser Anteil stieg mit dem Beitritt der Neuen Länder (1990) auf 68%, um bis 1997 auf 61% zu fallen und danach bis 2011 wieder auf 69% zu steigen. Da die Zunahme der Zahl der Erwerbstätigen stärker ausfiel als die Zunahme des Arbeitszeitvolumens hat sich der Umfang der Beschäftigung je Erwerbstätigen verringert. Betrug die mittlere Arbeitszeit pro Woche im Jahr 1990 41 Stunden, was mehr war als 1985 (38 Stunden), so waren es im Jahr 2011 wieder 38 Stunden.

Die Bedeutung von ATB variiert mit der Anzahl der Betroffenen, dem Anteil der Betroffenen (Abbildung 1), dem Arbeitszeitvolumen und dem Einkommen nach BF. Die Darstellung der Arbeitszeitvolumina zeigt, dass das Arbeitszeitvolumen seit dem Beitritt der Neuen Länder relativ konstant ist, und sich die Verteilung der Volumina zwischen den NAV und den atypischen Beschäftigungsverhältnissen im Zeitverlauf verschoben hat und zwar zu Lasten der NAV (Abbildung 3).

Der Anteil der in einem NAV Tätigen an den Beschäftigten sank von 78% im Jahr 1986 (in Westdeutschland) auf 58% im Jahr 2011. Die Anzahl der in einem NAV Beschäftigten war in 2011 mit 22,3 Mio. Beschäftigten höher als 1987 in Westdeutschland mit 20,2 Mio. und niedriger als nach dem Beitritt der Neuen Länder mit 28,8 Mio. im Jahr 1990. 42% der Beschäftigten waren 2011 von ATB betroffen, 33% des Arbeitszeitvolumens wurde durch ATB erbracht, 25% der Bruttomonatseinkommen durch ATB realisiert.

Der Anteil der unbefristeten Teilzeitkräfte (TZK) ist von 16% (1986) auf 22% (2011) gestiegen. Das sind 8,5 Mio. Beschäftigte. Der Anteil der befristet Beschäftigten (Vollzeit- oder Teilzeit, ab 2001 ohne LA) ist von 4% (1986) auf 12% (2011) gestiegen. Das sind 4,8 Mio. Beschäftigte. Hinzu kommen die (im SOEP seit 2001 erfassten) Leiharbeitskräfte (LAK), egal ob Vollzeit oder Teilzeit, befristet oder unbefristet, deren Anteil zwischen 2% und 3% beträgt. In 2011 sind das immerhin 1,2 Mio. Beschäftigte. Die Zahl der Selbständigen ohne Beschäftigte hat sich im Zeitverlauf deutlich erhöht von 720 Tausend (1985) auf 1,9 Mio. (2011). Damit betrug der Anteil der Solo-Selbständigen zum Schluss 5%.

Die Differenzen der Arbeitszeitvolumina zwischen zwei Jahren (seit 1990) zeigen für NAV und ATB Phasen, in denen beide BF gleichsinnig schwanken (was der konjunkturellen Entwicklung geschuldet ist), und Phasen, in denen sich beide gegenläufig entwickeln. Das kann als Indiz dafür gewertet werden, dass sich eine BF zu Lasten der anderen entwickelt. Im betrachteten Zeitraum weist dabei die ATB einen positiven Saldo auf, und die NAV weisen einen negativen Saldo auf – gemessen am Arbeitszeitvolumen. Der Gesamtsaldo ist nach 1990 negativ (Tabelle 1). Das führt uns zu dem Schluss, dass ATB keine zusätzliche Arbeit schafft, sondern einen Teil der NAV ersetzt. Wenn man sich die Entwicklung der Anteile ATB im Zeitverlauf ansieht, dann fallen drei abgrenzbare Phasen auf (Abbildung 1): Von 1985 bis 1994 verlief die Zunahme ATB moderat. Von 1995 bis 2004 beobachten wir eine deutliche und anhaltende Zunahme ATB. Von 2005 bis 2011 hat sich die Zunahme verlangsamt.

Übergänge zwischen den BF

Die Wahrscheinlichkeiten bei zwei aufeinanderfolgenden Jahren (im Zeitraum 2001 bis 2011) die BF zu wechseln, arbeitslos zu werden bzw. eine Arbeit zu finden, sind relativ konstant.

- Im Falle der Vollzeit verbleiben zwischen 90% und 93% zwischen zwei Jahren in diesem Status. Im Mittel sind es 92%.
- Bei den TZK verbleiben zwischen 81% und 84% der Beschäftigten in diesem Status. Im Mittel sind es 83%.
- Im Falle der Befristung schwankt die Verbleibe-Wahrscheinlichkeit für zwei Jahre zwischen 50% und 62%. Im Mittel sind es 55%. 23% der Beschäftigten wechseln in die Vollzeit, 7% in die Befristung, 4% in die LA, unter 1% in die Selbständigkeit und 11% in die Arbeitslosigkeit.
- Bei LAK liegt die Verbleibe-Wahrscheinlichkeit zwischen 23% und 36%. Im Mittel sind es 30%. D.h. 70% der Betroffenen verlassen die LA innerhalb von zwei Jahren wieder. 25% der Beschäftigten wechseln in die Vollzeit, 14% in die Teilzeit, 18% in die Befristung, 2% in die Selbständigkeit und 12% in die Arbeitslosigkeit. Immerhin finden demnach (ohne Berücksichtigung sonstiger Zu- und Abgänge) 57% der LAK innerhalb von zwei aufeinander folgenden Jahren aus der LA in eine Beschäftigung außerhalb der LA.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2

Für einen dreijährigen Zeitraum im Vergleich zum zweijährigen (Tabelle 2) ergibt sich im Falle der Vollzeit, dass die mittlere Verbleibe-Wahrscheinlichkeit von 92% auf 94% steigt; bei der Teilzeit von 83% auf 88%, im Falle der Befristung bleibt sie mit 55% konstant, bei der LA steigt sie von 30% auf 49%, bei der Selbständigkeit von 64% auf 70%, bei den arbeitslos Gemeldeten von 70% auf 80%. Der Verbleib in der LA, Selbständigkeit, Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigung wirkt sich demnach verlängernd auf den zukünftigen Status aus.

Befristet Beschäftigte, die im Vorjahr in Vollzeit beschäftigt waren, fanden zu 55% im Folgejahr wieder in eine unbefristete Beschäftigung in Voll- oder Teilzeit. Waren sie im Vorjahr in Teilzeit beschäftigt, so beträgt die Wahrscheinlichkeit 39%, bei einer vorjährigen Befristung 31%. Vollzeitkräfte (VZK), die im Vorjahr in LA beschäftigt waren, verbleiben zu 81% in Vollzeit, im Falle der vorjährigen Befristung zu 83%, im Falle der vorjährigen Teilzeit zu 61%. VZK, die im Vorjahr arbeitslos waren, sind im Folgejahr zu 21% wieder arbeitslos gemeldet, bei TZK sind es 34%, bei befristet Beschäftigten 26%, bei LAK 36%.

Auch nach dem Übergang von der LA in eine Beschäftigung außerhalb der LA ist die Wahrscheinlichkeit der atypischen Beschäftigung (z.B. Befristung mit 18%) höher als bei den Übrigen (im Mittel 8%). Das gilt ebenso für die Wahrscheinlichkeit arbeitslos zu werden (12%), die bei den LAK ähnlich hoch ist wie bei den befristet Beschäftigten (11%). Die LA erweist sich als transitorische BF, wenn vormals arbeitslos Gemeldete über die LA in eine befristete oder unbefristet Beschäftigung finden (De-Graaf et al. 2006, Giesecke /Groß 2003, Jahn/Rosholm 2010).

Hinsichtlich der Vermittlung von dauerhafter Beschäftigung unterscheiden sich die BF deutlich:

- 3% der Arbeitslosen (1. Betrachtungsjahr) finden in die LA (2. Betrachtungsjahr) und von dort zu 16% in eine unbefristete Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigung außerhalb der LA (3. Betrachtungsjahr). Insgesamt sind das im Mittel der Jahre 2001 bis 2011 0,5% der arbeitslos Gemeldeten.
- 10% der Arbeitslosen finden in eine befristete Beschäftigung und von dort zu 23% in eine unbefristete Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigung. Insgesamt sind das 2,3% der arbeitslos Gemeldeten.
- 6% der Arbeitslosen finden in eine unbefristete Teilzeitbeschäftigung und von dort zu 67% in eine unbefristete Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigung. Insgesamt sind das 4,0% der arbeitslos Gemeldeten.
- 10% der Arbeitslosen finden in eine unbefristete Vollzeitbeschäftigung und verbleiben zu 67% in der Vollzeitbeschäftigung. Insgesamt sind das 6,8% der arbeitslos Gemeldeten.

Die BF sind hinsichtlich ihrer Leistung, Menschen dauerhaft in das Beschäftigungssystem zu integrieren, unterschiedlich effektiv, was nicht nur ihrem Anteil an den BF geschuldet ist, sondern auch ihrer Wirkung auf die Stabilität der Beschäftigung (Lehmer/Ziegler 2010).

So wirkt ATB selegierend auf den Beschäftigungsstatus, die Arbeitsmarktchancen und die Stabilität der Beschäftigung. Insbesondere bei LA, aber auch bei Befristung sind die Instabilitäten zu betonen, die eine Chance darstellen von einem schlechteren Status (z.B. LA oder Befristung) in einen besseren Status (z.B. Beschäftigung außerhalb der LA oder unbefristete Beschäftigung) zu wechseln.

Merkmale der BF

Betriebsgröße

Die Betroffenheit von einer BF variiert mit der Betriebsgröße. Im Jahr 1985 arbeiteten 48% der unbefristeten VZK in einem Betrieb mit unter 200 Beschäftigten, bei den unbefristeten TZK waren es 68%, bei den befristet Beschäftigten 59%. Im Jahr 2001 arbeiteten 65% der LAK in einem Betrieb mit unter 200 Beschäftigten, im Jahr 2011 waren es 52% der VZK, 67% der TZK, 56% der befristet Beschäftigten und 52% der LAK (2010 waren es noch 60%). ATB, insbesondere Teilzeit und bis 2010 auch LA findet sich also stärker in kleineren Unternehmen. Die Unterschiede scheinen jedoch (mit Ausnahmen der Teilzeit) kleiner zu werden.

Öffentlicher Dienst

Der öffentliche Dienst beschäftigte 2011 25% der VZK, 24% der TZK, 28% der befristet Beschäftigten, 22% der LAK und 3% Selbständige. Im Jahr 1985 gaben 26% der VZK, 26% der TZK und 29% der befristet Beschäftigten sowie 3% der Selbständigen an, im öffentlichen Dienst zu arbeiten. Bei LAK waren es 2001 15%. Mit Ausnahme der Befristungen ist der öffentliche Dienst hinsichtlich ATB nicht auffällig.

Befristungen

Hinsichtlich der Befristung (außerhalb der LA) zeigt sich ein Wandel. Zwar lag der Anteil un- und angelernter Tätigkeit bei den Befristeten mit 28% (2011) deutlich höher als bei den VZK (16%), jedoch niedriger als bei unbefristeten TZK (38%). Dafür ist der Anteil der Beschäftigten mit einer erforderlichen Berufsausbildung von 37% (1985) auf 54% (2011) gestiegen. Damit ist auch die Anzahl der Betroffenen von 1,1 Mio. Beschäftigten (1985) auf 2,6 Mio. (2011) gestiegen, wohlgemerkt ohne LA, mit erforderlicher Berufsausbildung und unabhängig vom Beschäftigungsumfang. Die mittlere Beschäftigungsdauer von 2,5 Jahren (2011) und die hohe Wahrscheinlichkeit, eine unbefristete Beschäftigung nach einem Jahr zu finden (26% Voll- und 8% Teilzeit in 2011), lassen den Schluss zu, dass es sich bei der Befristung um eine Übergangsform in eine reguläre, unbefristete Beschäftigung handelt.

Branchen und Sektoren

Ordnet man Branchen vier Sektoren zu[2], dann zeigt sich eine unterschiedliche Verteilung der Beschäftigten auf die Sektoren in Abhängigkeit von der BF. Teilzeit, Befristung und Selbständigkeit konzentrieren sich auf den dritten und vierten Sektor. Für die LA gilt das nicht in gleichem Maße. Ein differenziertes Bild ergibt die Betrachtung einzelner Branchen. Hierbei ist eine Verschiebung der Anteile der Beschäftigten nach Branchen zu konstatieren (Abbildung 2). Insbesondere betrifft das die sonstigen Dienste, die zum vierten Sektor gehören (Gießelmann 2009, S. 235). Dieser Verschiebung entspricht eine Zunahme der Beschäftigtenzahlen in den Branchen, deren relative Bedeutung zunimmt, und eine Zunahme der Volumina der Wochenarbeitszeiten. Einem hohen Anteil der Frauen an den Beschäftigten entspricht ein hoher Anteil ATB. Das wird z.B. deutlich für die Branchen sonstige Dienste, Handel/Reparatur und Nonprofit/Verwaltung.

Regionen

Hinsichtlich der Region (West- bzw. Ostdeutschland) ist festzustellen, dass im Jahr 1990 25% der VZK, 18% der TZK, 36% der befristet Beschäftigten und 9% der Selbständigen in Ostdeutschland bzw. in den neuen Bundesländern tätig waren. Im Jahr 2011 waren es 18% der VZK, 14% der TZK, 22% der befristet Beschäftigten, 17% der LAK und 23% der Selbständigen. Hierbei ist die Beschäftigung in Ostdeutschland zurückgegangen. Allerdings hat die Bedeutung ATB in den Neuen Bundesländern zeitweilig stärker zugenommen als in den alten Bundesländern, nachdem sie zunächst von geringerer Bedeutung war. In jüngster Zeit deutet sich eine Annäherung an.

Betriebs- und Personalrat

Im Jahr 2001 wurden 58% der VZK, 40% der TZK, 51% der befristet Beschäftigten und 41% der in LA Beschäftigten durch einen Betriebs- oder Personalrat vertreten. Im Jahre 2011 waren es 60% der VZK, 43% der TZK, 54% der befristet Beschäftigten und 61% der in LA Beschäftigten, wobei in letzterem Falle nicht klar ist, ob die Vertretung beim Vertragsarbeitgeber oder beim Einsatzbetrieb gemeint ist (Wassermann/Rudolph 2007, Alewell/Bähring/Thommes 2005).

[...]


[1] Wir unterscheiden zur Beschreibung dieses Wandels: (1) Atypizität der Beschäftigung, hiermit ist gemeint, dass eine Beschäftigungsform (BF) nicht dem Muster des NAV entspricht. Zudem bringt die Atypizität den betrieblichen „Abstand“ der Beschäftigten von der Kernbelegschaft zum Ausdruck. (2) Güte der Beschäftigung, diese bringt zum Ausdruck, inwiefern sich eine BF auf das Einkommen, die beruflichen Erwartungen bzw. Sorgen der Beschäftigten und ihre Zufriedenheiten sowie auf das sonstige Befinden bis hin zur Gesundheit auswirkt. (3) Prekarität, eine Beschäftigung ist prekär, wenn sie die Betroffenen und ihre Angehörigen, nicht mit den Gütern versorgen kann, die sie benötigen. Hierzu gehören ein die materielle Existenz sicherndes Einkommen, die Integration in soziale Sicherungssysteme, Beschäftigungsstabilität, welche die berufliche Entwicklung kalkulierbar macht (Struck 2009), und der Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit, die sowohl Kompetenzentwicklung und Motivation als auch psychische und physische Gesundheit umfasst (Keller/Seifert 2011, S. 11f).

[2] Dem ersten Sektor ordnen wir die Branchen Land- und Forstwirtschaft, Bergbau und Energie sowie Grundstoffverarbeitung, dem zweiten Sektor die Herstellung von Investitions- und Verbrauchgütern sowie das Baugewerbe zu, dem dritten Sektor Handel und Reparaturen, Verkehr und Nachrichten, Kredit und Versicherungen sowie Dienste für Unternehmen. Dem vierten Sektor ordnen wir sonstige Dienste, Nonprofit-Organisationen und öffentliche Verwaltung zu.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Die Erosion des Beschäftigungssystems
Untertitel
Atypische Beschäftigung auf dem Weg zu einer Neuen Erwerbsgesellschaft
Hochschule
AMD Akademie Mode & Design GmbH
Autor
Jahr
2013
Seiten
51
Katalognummer
V231785
ISBN (eBook)
9783656482819
ISBN (Buch)
9783656482826
Dateigröße
1026 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erosion, beschäftigungssystems, atypische, beschäftigung, neuen, erwerbsgesellschaft
Arbeit zitieren
Dr. Michael Schlese (Autor), 2013, Die Erosion des Beschäftigungssystems, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231785

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