Am 11. Februar 1963, gegen sechs Uhr morgens, öffnete Sylvia Plath das Fenster im
Schlafzimmer ihrer Kinder, bevor sie hinunter in die Küche ihrer Wohnung lief, deren
Tür und die Fenster verschloss und mit Handtüchern abdichtete, um anschließend Suizid
durch Vergasung zu begehen. Auf ihrem Arbeitstisch befanden sich einundvierzig
sorgfältig in einer schwarzen Mappe abgeheftete Gedichte, die Plath in den letzten drei
Monaten ihres Lebens geschrieben hatte, und welche unter dem Namen ‚Ariel‘ als Gedichtband
posthum veröffentlicht wurden. Eines dieser Gedichte war ‚Lady Lazarus‘.
Der Freitod Plaths löste, nicht zuletzt dadurch, dass Plath neben Anne Sexton und anderen
erfolgreichen Kolleginnen zu Lebzeiten Mitglied und Teil einer Bewegung wurde,
begründet durch Robert Lowells ‚Life Studies‘ und später bekannt als ‘confessional
mode of poetry‘, eine schier endlose Kontroverse aus. Einer der wohl geachtetsten Lyrikkritiker
des 20. Jahrhunderts, M. L. Rosenthal, dessen damalige Abhandlung über die
„neue Lyrik“ zu der am meisten beachteten wurde, definierte die ‘Confessional Poetry’
als die Dichtung, in der das private Leben des Dichters selbst zum Thema wird, und
zwar gerade dann, wenn er sich der Hürde einer psychischen Krise ausgesetzt sieht.
Plath erreichte in den letzten Monaten ihres Lebens den Höhepunkt ihres literarischen
Könnens. In dem Vorwort für ‚The Journals of Sylvia Plath‘, einem Auszug von Tagebucheinträgen
der Jahre 1950 bis 1962, schrieb Hughes über Plaths “real self”, das
letztendlich unter ihren “false selves“ zum Vorschein getreten war und einen triumphierenden
Ausdruck in den Gedichten der ‚Ariel‘, die Gedichte, die sie in dem letzten halben
Jahr ihres Lebens geschrieben hatte und welche den einzigen Grund für ihre Anerkennung
als Lyrikerin darstellten, fand.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.1 Das lyrische ‚I‘ in ‚Lady Lazarus‘
2.2 Abgrenzung zu der „Confessional Poetry“ am Beispiel der Holocaust-Motive
3. Die Lyrik als Medium
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Botschaft in Sylvia Plaths Gedicht „Lady Lazarus“ unter besonderer Berücksichtigung der Verbindung zwischen ihrem literarischen Schaffen und ihrer persönlichen Biografie. Dabei wird analysiert, inwieweit Plath ihr Gedicht als gezieltes Kommunikationsmittel gegenüber ihrem Ehemann Ted Hughes einsetzte und wie sie sich inhaltlich von der damaligen „Confessional Poetry“ abgrenzte.
- Analyse des lyrischen Ichs und der Symbolik in „Lady Lazarus“
- Untersuchung der Rolle der Bekenntnislyrik im Kontext von Holocaust-Motiven
- Betrachtung von Plaths Lyrik als Medium der persönlichen Botschaft
- Hinterfragung des Mythos um die suizidale Lyrikerin im Verhältnis zum Werk
Auszug aus dem Buch
2.1 Das lyrische ‚I‘ in ‚Lady Lazarus‘
‚Lady Lazarus‘ besteht aus 28 Terzetten und beschreibt das Ritual der Wiedergeburt einer Frau. Die 28 Terzette symbolisieren die 28 Tage des Menstruationszyklus, der wie die Wiedergeburt die natürliche Reinigung und Restitution des weiblichen Körpers darstellt. Auch inhaltlich findet sich der Zyklus wieder. Das Gedicht ist ein Kreislauf, in dem das lyrische ‚Ich‘ im letzten Terzett aus der Asche empor steigt: „Out of the ash / I rise with my red hair“ und es in dem ersten Vers des ersten Terzetts bereits getan hat: „I have done it again.“ Auch die Terzette haben eine symbolische Funktion. Innerhalb eines Terzetts stellt jeder Vers eine Dekade dar. So endet jede Strophe mit dem dritten Vers und damit im dritten Jahrzehnt. Besonders auffällig ist hierbei das 15. Terzett, dessen erster Vers aus einem einzigen Wort besteht: „Dying“.
‚Lady Lazarus‘ entstand zwischen dem 23. und 29. Oktober 1962. Plath wurde am 27. Oktober 1932 geboren. Das Gedicht entstand somit in der Woche ihres dreißigsten Geburtstages und wurde innerhalb dieser an sechs Tagen überarbeitet. Die Vollendung des dreißigsten Lebensjahres spielt eine zentrale Rolle. Im zweiten und dritten Vers des ersten Terzetts heißt es: „One year in every ten / I manage it –“. Alle zehn Jahre geschieht es erneut. Im zweiten Vers des zwölften Terzetts heißt es: „The first time it happened I was ten.“ In ‚Daddy‘, Plath schrieb es am 12. Oktober, und damit nur zwei Wochen vor ‚Lady Lazarus‘, heißt es in der zwölften Strophe: „I was ten when they buried you. / At twenty I tried to die“. Tatsächlich war Plath erst acht Jahre, als ihr Vater starb. Doch bei ihrem ersten Suizidversuch war sie zwanzig. Interessant hierbei ist, dass Plath damals als hochgradig suizidgefährdet und der Selbstmordversuch als ernsthaft eingestuft wurde. Sie hatte sich im Keller des Wohnhauses versteckt und fünfzig Schlaftabletten geschluckt. Nur durch einen Zufall konnte sie entdeckt und gerettet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die biographischen Hintergründe von Sylvia Plaths Tod und stellt die wissenschaftliche Debatte um ihre Rolle als Bekenntnislyrikerin vor.
2.1 Das lyrische ‚I‘ in ‚Lady Lazarus‘: Dieses Kapitel analysiert die formale Struktur und die zyklische Symbolik des Gedichts in Bezug auf Plaths eigene Todeserfahrungen.
2.2 Abgrenzung zu der „Confessional Poetry“ am Beispiel der Holocaust-Motive: Hier wird untersucht, wie Plath Holocaust-Motive als Allegorie nutzt und sich von den persönlichen, teilweise narzisstischen Tendenzen der Confessional Poetry abhebt.
3. Die Lyrik als Medium: Dieses Kapitel interpretiert „Lady Lazarus“ als bewusste, einseitige Kommunikation und Drohung gegenüber Ted Hughes.
4. Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass Plath ihre Lyrik erfolgreich zur Emanzipation von der Abhängigkeit nutzte und ihr Werk als unsterbliches Erbe etablierte.
Schlüsselwörter
Sylvia Plath, Lady Lazarus, Confessional Poetry, Ariel, Ted Hughes, Holocaust-Motive, Todesobsession, Bekenntnislyrik, Lyrik, Suizid, Wiedergeburt, literarisches Schaffen, moderne Lyrik, Identifikation, lyrisches Ich
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die tiefere Bedeutung und Funktion des Gedichts „Lady Lazarus“ von Sylvia Plath unter Berücksichtigung ihrer letzten Lebensmonate.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die literarische Auseinandersetzung mit dem Tod, die Beziehung zwischen Autorin und Ehemann sowie die Einordnung Plaths in die Bekenntnislyrik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass „Lady Lazarus“ als gezielte Botschaft und Drohung an Ted Hughes fungierte und keine bloße autobiografische Selbstoffenbarung darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl den Primärtext („Lady Lazarus“) als auch biographische Dokumente (Tagebücher, Briefe) und zeitgenössische Kritiken einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die formale Analyse des lyrischen Ichs, die Abgrenzung der Autorin zur Confessional Poetry mittels Holocaust-Metaphorik und die Interpretation der Lyrik als Kommunikationsmedium.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Sylvia Plath, Lady Lazarus, Bekenntnislyrik, Tod, Kommunikation, Ted Hughes und Holocaust-Motive sind die prägenden Begriffe.
Warum wählte Plath Holocaust-Motive für ihr Gedicht?
Plath nutzte das Nazideutschland und das Leid der Opfer als Allegorie, um ihre eigene psychische „Hölle“ und das erlebte Trauma nach dem Scheitern ihrer Ehe auszudrücken.
Wie interpretierte Ted Hughes die Rolle der Tagebücher?
Hughes sah in den veröffentlichten Tagebuchauszügen den Versuch, Plaths „wahres Selbst“ gegenüber ihren künstlichen Identitäten darzustellen, wobei er versuchte, die Verantwortung für ihren Suizid zu entkräften.
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- Olga Suchow (Author), 2011, Analyse von Sylvia Plaths Todeslyrik am Beispiel des Gedichts 'Lady Lazarus', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231796