Algeriens Gesellschaft ist multikulturell und mehrsprachig. Das algerische Arabisch vertritt in all seinen Variationen die Muttersprache der Gesamtheit der Einwohner, die
sich gegenwärtig auf eine Zahl von 33 Millionen beläuft. Berberisch, die Sprache der indigenen Bevölkerung, wird von etwa 8 Millionen Muttersprachlern verwendet. Die dialektale Variante des „Tamazight“ wurde in den letzten Jahren als berberische Hauptvariante offizielle anerkannt. Hauptkommunikationsmittel stellt dessen ungeachtet das moderne Hocharabisch dar, das in geschriebener und gesprochener Form Schulwesen, Wissenschaft, Forschung, Verwaltung und Massenmedien dominiert und zudem die offizielle National- und Staatssprache repräsentiert. Das Französische hielt während der französischen Kolonialzeit in nahezu allen Lebensbereichen Einzug und bedingte zugleich den diffizilen Stand des Hocharabischen in der Gesellschaft. Heute ist Französisch die Zweitsprache der meisten Algerier. Obwohl Algerien das zweitgrößte frankophone Land nach
Frankreich ist, nimmt das Französische eher die Position einer ersten Fremdsprache ein. Wesentliches Hauptmerkmal der momentanen sprachlichen Situation Algeriens stellt die Diglossie zwischen dem algerischen Dialekt und dem Hocharabischen dar.
Der Bilinguismus zwischen dem Arabischen und dem Französischen, der tatsächlich
bereits als Trilinguismus zwischen Berberisch, Arabisch und Französisch bezeichnet werden kann, fungiert als weiteres zentrales Charakteristikum.2 Bereits hier offenbart sich die Komplexität des algerischen Sprachraums, die in der vorliegenden Arbeit teilweise freigelegt und untersucht werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Überblick
2.1. Die vorkoloniale Zeit
2.2. Die Phase der Kolonialherrschaft
2.3. Die postkoloniale Entwicklung
3. Sprachliche Situation in Algerien
3.1. Algerien als Bestandteil der arabischen Sprachgemeinschaft
3.1.1. Das Hocharabische
3.1.2. Das Dialektarabische
3.1.3. Das Berberische
3.2. Algerien als Bestandteil der französischen Sprachgemeinschaft
3.2.1. Das Französische
3.2.2. Die Bedeutung des Frarabe
4. Sprachpolitik in Algerien
4.1. Sprachentwicklung während der Kolonialzeit (1830-1962)
4.2. Sprach-und Arabisierungspolitik in Algerien seit der Unabhängigkeit
4.3. Bildungspolitik
4.4. Algerische Medien
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die komplexe sprachliche Situation Algeriens vor dem Hintergrund historischer Entwicklungen und der algerisch-französischen Sprachpolitik. Ziel ist es, die Auswirkungen der Arabisierung, das Spannungsfeld zwischen der französischen Sprache und den arabischen sowie berberischen Dialekten sowie die Rolle der Medien und Bildungseinrichtungen in der nationalen Identitätsbildung aufzuzeigen.
- Historische Wurzeln der Sprachenlandschaft Algeriens
- Diglossie und Mehrsprachigkeit: Hocharabisch, Dialektarabisch und Berberisch
- Die Sonderrolle des Französischen als aktive Zweitsprache
- Sprachpolitik, Arabisierung und der Einfluss auf das Bildungssystem
- Soziolinguistische Analyse der algerischen Medienlandschaft
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Die Bedeutung des Frarabe
Das Frarabe stellt eine spezielle Form des Bilinguismus zwischen Arabisch und Französisch dar, dessen Sprachkontakt vor allem Algerien betreffend als wenig erforscht gilt. Die arabische Entsprechung „c aransīya“, zusammengesetzt aus den Begriffen c arabīya (Arabisch) und firansīya (Französisch), ist relativ neu in der arabischen und europäischen Linguistik.
Der Ursprung dieser Mischform kann auf zwei verschiedene Auffassungen zurückgeführt werden, die zum einen den kreativen Prozess der Sprachbildung zum anderen die Notwendigkeit des Mischens durch die Inkompetenz der sogenannten „analphabètes bilingues“ in beiden Sprachen umfassen.
Zudem repräsentiert diese arabisch-französische Mischsprache ein sprachsoziologisches Verhaltensmuster, das sich dennoch nicht im Sprachbewusstsein der Masse der Bevölkerung befindet. Der situations- und domänenspezifischen Verwendung des Hoch- und Dialektarabischen ähnlich, wird das Frarabe von Gesprächsthema und Gesprächspartner bedingt.
Diesbezüglich können drei ineinandergreifender Formen differenziert werden. Neben der alternierenden Rede (discours alternatif), der abwechselnden Benutzung von Französisch und Dialekt, existieren die Satzmischung durch eine abwechselnde Benutzung von Dialekt, Hocharabisch und Französisch innerhalb eines Satzes und die Wortmischung, wobei eine phonetische und lexikalische Arabisierung von französischen Wörtern und Wortverbindungen stattfindet. In 80% aller Konversationssituationen werden das Dialektarabische und das Französische miteinander vermischt, sodass geschätzte 20% der Fälle auf eine Sprachmischung des Hocharabischen und des Französischen fallen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die multikulturelle und mehrsprachige Gesellschaft Algeriens ein und definiert den methodischen Rahmen sowie das zeitliche Untersuchungsschema.
2. Historischer Überblick: Das Kapitel beleuchtet die sprachliche Evolution Algeriens von der vorkolonialen Zeit über die koloniale Herrschaft bis zur postkolonialen Entwicklung.
3. Sprachliche Situation in Algerien: Hier werden die verschiedenen Sprachen wie Hocharabisch, Dialektarabisch, Berberisch und Französisch sowie das Phänomen des "Frarabe" detailliert analysiert.
4. Sprachpolitik in Algerien: Dieses Kapitel untersucht die sprachpolitischen Maßnahmen und Strategien, das Bildungswesen sowie die Rolle der algerischen Medien nach der Unabhängigkeit.
5. Schlussbetrachtung: Das abschließende Kapitel fasst die Identitätsfrage und die Herausforderungen eines friedlichen Zusammenlebens verschiedener Sprachgruppen in Algerien zusammen.
Schlüsselwörter
Algerien, Sprachpolitik, Arabisierung, Französisch, Hocharabisch, Berberisch, Tamazight, Diglossie, Bilinguismus, Frarabe, Identität, Bildungspolitik, Medienlandschaft, Sprachkontakt, Code-switching
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Sprachenlandschaft Algeriens und untersucht, wie verschiedene historische Phasen und politische Entscheidungen das sprachliche Gefüge des Landes geformt haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Sprachpolitik, die soziale Stellung von Hocharabisch, Berberisch und Französisch sowie die Rolle von Bildung und Medien bei der nationalen Identitätsbildung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Komplexität des algerischen Sprachraums freizulegen und zu zeigen, wie die Arabisierungspolitik auf die sprachliche Realität und den Widerstand verschiedener Bevölkerungsgruppen trifft.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es wird eine thematische Strukturierung und zeitliche Differenzierung in drei Phasen (vorkolonial, kolonial, postkolonial) vorgenommen, um die soziolinguistischen Entwicklungen fundiert darzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der detaillierten Beschreibung der Sprachsituation, den spezifischen Arabisierungsbestrebungen, der Reform des Bildungswesens und der Analyse der Medien als Werkzeug staatlicher Ideologie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sprachpolitik, Arabisierung, Diglossie, Bilinguismus, Frarabe und kulturelle Identität charakterisiert.
Welche Rolle spielt das "Frarabe" im algerischen Alltag?
Das Frarabe ist eine hybride Mischsprache aus Arabisch und Französisch, die vor allem in informellen Konversationssituationen auftritt und die Sprachmischung als soziolinguistisches Verhaltensmuster widerspiegelt.
Wie hat sich die Haltung zum Berberischen im Laufe der Zeit verändert?
Von der anfänglichen Missachtung und Unterdrückung hat sich durch den langjährigen Widerstand der Berberbewegung eine schrittweise Anerkennung entwickelt, die 2002 zur Aufnahme des Tamazight als Nationalsprache in der Verfassung führte.
- Arbeit zitieren
- Conny Haase (Autor:in), 2013, Die Sprachenlandschaft Algeriens , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231850