Der verspätete Ödipuskomplex. Eine Analyse des Romans "Die Klavierspielerin" von Elfriede Jelinek.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Analyse des Romans und Vorgehensweise

2. Psychoanalyse
2.1 Die Theorie der Psychoanalyse
2.2 Die Psyche
2.3 Die Triebe
2.4 Strukturhypothese
2.5 Ausbildung und Differenzierung des Ich
2.6 Beherrschung der Umwelt des Ich
2.7 Objektbeziehung und Narzissmus
2.8 Der Ödipuskomples
2.9 Genitale Masturbation
2.10 Das Über-Ich

3. „Die Klavierspielerin“
3.1 Erikas Entwicklung
3.1.1 Die Strukturierung des seelischen Apparates
3.1.2 Die Manifestation der Triebe
3.2 Erikas Leben
3.2.1 Schmuck und Kleider
3.2.2 Rasierklingen
3.2.3 Klavier/Kunst/Musik
3.2.4 Walter und die Klavierschüler

4. Zusammenfassung

5. Verzeichnis der verwendeten Literatur

1. Analyse des Romans und Vorgehensweise

Mit dieser Arbeit möchte ich eine Analyse von Elfriede Jelineks 1983 veröffentlichtem Roman „Die Klavierspielerin“ vornehmen.

Ich möchte hierbei zeigen, dass sich der Roman für seine inhaltliche Gestaltung in hohem Masse bei Theorien der Psychoanalyse bedient.

Beginnen möchte ich mit einer Einführung in Psychoanalyse, im zweiten Teil folgt eine Untersuchung des Textes auf Grundlage der Erkenntnisse des ersten Teils. Dabei stimme ich mit Marlies Janz überein, die meint, dass entsprechende Textstellen im Roman schon immer ihre Interpretation bezüglich der Psychoanalyse mitliefern und damit meist für sich selbst sprechen. Meine Analysearbeit wird demnach im Normalfall mit der Suche nach Textstellen beginnen und manchmal auch mit ihnen abschließen, ohne, dass mehr dazu gesagt werde muss.

Außerdem möchte ich im zweiten Teil versuchen, einige Fragen, die mir bei der Lektüre der Sekundärliteratur und des Romans gekommen sind, zu diskutieren:

Hat Erika ein „Selbst“, eine eigene Identität ausgebildet?

Steckt sie in der präödipalen Phase fest?

Unternimmt Erika Ausbruchsversuche aus dem Verhältnis zu ihrer Mutter?

Besitzt sie etwas, das man „Sexualität“ nennen kann?

Ist sie sado-masochistisch veranlagt?

Gibt es Parallelen zwischen Walter und Erikas Mutter oder eine Verbindung zwischen Erikas Vater und Walter?

Diese Fragen habe ich ausgewählt, weil sie mir einmal interessant erschienen, aber auch, weil mir ihre Beantwortung in der Sekundärliteratur nicht immer behagte und ich herausfinden will, ob man sie auch anders beantworten könnte.

2. Psychoanalyse

2.1 Die Theorie der Psychoanalyse

Die Psychoanalyse wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Siegmund Freud begründet. Ihr Begriff umfasst folgende Bedeutungen[1]:

1. Die Psychoanalyse ist eine psychologische Methode. Mit ihr werden psychische Vorgänge wie Träume, Handlungen und Reden analysiert.
2. Sie ist eine Methode zur Behandlung psychischer Störungen, die von der psychologischen Untersuchung ausgeht.
3. Sie umfasst schließlich das gesamte System der psychologischen und psychopathologischen Theorien Freuds, auf der sowohl die psychologischen Untersuchungsmethoden als auch die Behandlungsmethoden basieren.

Auf den letzten Punkt werde ich im folgenden genauer eingehen und mir Aspekte der Freudschen Erkenntnisse herausgreifen, die für die Analyse der „Klavierspielerin“ von Bedeutung sein werden.

2.2 Die Psyche

In der Psyche jedes Menschen konkurrieren bewusste und unbewusste Vorgänge. Vorgänge meint hier Inhalte und Operationen, die in der Psyche ablaufen, z.B. Gedanken, Erinnerungen und Träume. Die unbewussten Phänomene werden in zwei Gruppen aufgeteilt, in vorbewusste und unbewusste. Vorbewusst sind Gedanken und Erinnerungen, die ohne große Schwierigkeiten bewusst gemacht werden können, unbewusste psychische Elemente dagegen können nur durch erhebliche Bemühungen bewusst gemacht werden.[2]

Diese Erkenntnis Freuds war für die Entwicklung der Psychoanalyse von enormer Bedeutung, weil die Probleme der neurotischen und psychotischen Patienten darin lagen und liegen, dass unangenehme und gefährliche Gedanken und Erinnerungen im Unterbewusstsein leben und versuchen, ins Bewusstsein vorzudringen, was aber aufgrund des Charakters dieser Gedanken gleichzeitig wieder verhindert werden soll. Für eine Heilung ist es aber notwendig, sie dennoch in der Psyche der Patienten bewusst werden zu lassen. „[V]iele [...] normale und pathologische Aspekte des Verhaltens und Denkens [sind] Ergebnis dessen [...], was unbewusst in der Psyche der Person [vorgeht], die diese [aufweist].“[3]

Bei einer Therapie darf im Gespräch mit dem Arzt keine Kontrolle der bewussten psychischen Vorgänge erfolgen, weil unkontrollierte Aussagen von unbewussten Gedanken und Motiven bestimmt sind und die damit den Blick auf das Unterbewusstsein frei geben.

2.3 Die Triebe

Die Funktionen der Psyche werden von den Trieben bestimmt, die sie mit Energie versorgen und zum tätig werden antreiben. Der Trieb an sich bezeichnet einen Zustand zentraler Erregung, der als Reaktion auf eine Reizwirkung eintritt. Er kann sowohl motorische Tätigkeiten hervorrufen als auch psychische, wie z.B. Spannung und Erregung. Ziel ist es, die Spannung aufzulösen und zu einem Zustand der Befriedigung zu gelangen.

Jeder Mensch besitzt „Objekte“, die er mit psychischer Energie besetzt. Das geschieht dann, wenn sich das Individuum von ihnen die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse verspricht. Objekte können Gegenstände sein, meist bezieht sich der Begriff jedoch auf Menschen. Im Fall eines kleinen Kindes ist das z.B. seine Mutter, die mit einem hohen Maß an psychischer Energie besetzt ist, weil sie seine Bedürfnisse erfüllt (füttern, halten, streicheln etc.).

Nach Freud existieren nur zwei Triebe, die das menschliche Leben bestimmten, der Sexual- und der Aggressionstrieb. Die mit ihnen verbundenen Energien nennt man Libido und Aggressionsenergie.

Beide Triebe manifestieren sich im Menschen von frühester Kindheit an.

Beide Triebe laufen in 4 Phasen ab[4]:

1. orale Phase: In den ersten ungefähr eineinhalb Lebensjahren des Kindes sind seine Bedürfnisse, Wünsche und deren Befriedigung vorwiegend oraler Art, die hauptsächlichen Sexual- und Aggressionsorgane sind Mund, Lippen und Zunge. Beisen, In-den-Mund-nehmen und Saugen sind die Lustquellen des Kindes
2. anale Phase: Bis zum dritten Lebensjahr „[...] wird das andere Ende des Ernährungstraktes, d.h. der Anus, zur wichtigsten Stelle sexueller [und aggressiver] Spannungen und Befriedigungen.“[5] Lustquellen sind das Ausscheiden und Zurückhalten des Kots, die Ausscheidungen selbst und die Fäkalgerüche.
3. phallische Phase: Mit dem Ende des dritten Lebensjahres übernehmen die Genitalien (Klitoris und Penis) die führende sexuelle und aggressive Rolle. Normalerweise behalten sie diese von da an. Für beide Geschlechter ist der Penis das Hauptobjekt des Interesses, die Lustquelle des Mädchens ist zwar die Klitoris, diese ist jedoch embryologisch das weibliche Pendant zum männlichen Penis. In der weiblichen Entwicklung wird im Normalfall später die Vagina an die Stelle der Klitoris treten. Auf weitere wichtige in der phallischen Phase auftretende Vorgänge, wie z.B. den Ödipuskomplex, werde ich an späterer Stelle noch eingehen.
4. genitale Phase: Die letzte Stufe bezeichnet schließlich das Stadium des Erwachsenseins. Sie tritt ein in der Pubertät, in der u.a. die Fähigkeit zum Orgasmus erworben wird.

Außer den oralen, analen und phallischen Hauptmodalitäten der kindlichen Entwicklung des Sexual- und des Aggressionstriebes existieren noch zwei weitere Triebmanifestationen, das Sehenwollen und das Zeigenwollen, wobei ersteres in der phallischen Phase am stärksten ausgeprägt ist. Ein Kind möchte vor allem die Genitalien eines anderen sehen, aber auch seine eigenen zeigen.

Tritt ein Kind von einer Phase in die nächste über, was nicht abrupt sondern allmählich geschieht, dann nimmt die Besetzung eines Objektes mit Libido oder Aggressionsenergie aus der früheren Phase zugunsten der Besetzung eines Objektes aus der nächsten Phase ab. Allerdings wird keine starke, insbesondere libidinöse Besetzung je völlig aufgegeben. Die Fixierung der Libido auf ein Objekt geschieht ganz oder teilweise unbewusst.

Außer dem Weiterbestehen der Libido kann auch eine Rückkehr der Libido auf ein Objekt einer früheren Phase eintreten. Diesen Vorgang bezeichnet man als Regression.

Viele der geschilderten oder noch zu schildernden Phänomene sind bei jedem Menschen ganz normal, so kann Regression z.B. in manchen Spielen auftreten, unter ungünstigen Umständen können sie jedoch pathologisch werden.

Schließlich möchte ich noch den Autoerotismus erwähnen. Dieser Begriff zielt auf die Beziehung eines Kindes zu seinen sexuellen Objekten. Ist dieses Objekt, das dem Kind zur Befriedigung seiner Triebe dient, nicht immer vorhanden beziehungsweise greifbar, dann entwickelt es die „[...] Fähigkeit, die eigenen sexuellen Bedürfnisse allein zu befriedigen [...]“[6] Dadurch gewinnt es auch eine gewissen Unabhängigkeit von der Umwelt.

2.4 Strukturhypothese

Nun möchte ich noch einmal auf die bewussten und unbewussten Vorgänge der menschlichen Psyche zu sprechen kommen. Nach Freud besteht die Psyche aus drei funktional zusammenhängenden Gruppen psychischer Prozesse und Inhalte, die untereinander verbunden sind.

Diese Gruppen sind das Es, das Ich und das Über-Ich. Das Es umfasst die psychischen Repräsentanten der Triebe, zum Ich gehören jene Funktionen, die mit der Beziehung des Individuums zu seiner Umwelt zu tun haben, schließlich umfasst das Über-Ich die moralischen Vorschriften der Psyche und ideale Strebungen.

Die Triebe sind von Geburt an vorhanden, das Interesse und die Kontrolle der Umwelt und die Moral nicht. Es wird angenommen, dass Ich und Über-Ich ursprünglich ein Teil des Es waren, sich dann aber davon differenzieren und eigene Funktionen wahrnehmen. Die Abspaltung des Ich erfolgt mit etwa sechs bis acht Lebensmonaten und ist mit zwei bis drei Jahren nachweisbar, die Differenzierung des Über-Ich setzt mit fünf bis sechs Jahren ein und ist im Alter von 10 bis 11 abgeschlossen.

2.5 Ausbildung und Differenzierung des Ich

Ein kleines Kind hat noch keine Interessen an seiner Umwelt entwickelt. Sie ist jedoch existentiell wichtig als Quelle der Befriedigung, der Entladung von Wünschen, Impulsen, psychischen Spannungen, die aus den Trieben hervorgehen und das Es bilden, aber auch als Ursprung von möglichem Unbehagen und Schmerz, die das Kind zu vermeiden sucht. Die Rolle des Ich liegt in der Vollstreckung der Bedürfnisse des Es, es versucht mit Hilfe der Umwelt ein Maximum an Befriedigung zu erreichen. Dabei kann es unter Umständen auch zu Konflikten zwischen Es und Ich kommen, die dann häufig zur Ursache von Neurosen werden.

Es gibt nun vor allem zwei Faktoren, die für die Differenzierung des Ich vom Es und seine Entwicklung verantwortlich sind, das physische Wachstum und die Erfahrungen, die das kleine Kind im Laufe seines Lebens macht. Die Erfahrungen umfassen insbesondere drei Vorgänge:

1. Die Beziehung zum eigenen Körper: Das Kind lernt hierbei, dass sich die eigenen Körperteile von den Objekten der Umwelt unterscheiden, im Gegensatz zu diesen kann nämlich der eigene Körper gefühlt werden, aber er fühlt auch selbst. Wie bereits erwähnt, ist der eigene Körper ein ständig zur Verfügung stehendes Mittel zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, d.h. des Es. Somit bezeichnet der Begriff des Ich im Leben des Kindes zuerst ein körperliches Ich.
2. Identifizierung: Die Funktion der Identifizierung mit Objekten der kindlichen Umwelt liegt in der Aneignung von Denk- und Verhaltensweisen anderer. So lernt das Kind von anderen Lächeln, Sprechen, aber auch psychische Gewohnheiten wie z.B. aggressives Verhalten oder geistige Interessen und Liebhabereien. Die Identifikation kann sowohl bei Objekten vorkommen, die mit einen hohen Maß an Libido, als auch an Aggressionsenergie besetzt sind.
3. Objektverlust: Bei dem Prozess der Identifikation spielt noch eine weiterer Faktor eine bedeutende Rolle, der Objektverlust. Dieser meint sowohl den tatsächlichen Tod eines Objektes oder die tatsächliche Trennung von demselben, als auch den imaginierten Tod oder die imaginierte Trennung. Im Kind entsteht daraufhin die Tendenz, sich mit dem verlorenen Objekt zu identifizieren

[...]


[1] nach: Fisseni (1998): S.31

[2] Im folgenden halte ich mich an die Ausführungen von: Brenner (2000)

[3] Brenner (2000): S. 20

[4] nach Brenner (2000): S. 33-38

[5] Brenner (2000): S. 34

[6] Brenner (2000): S. 37

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der verspätete Ödipuskomplex. Eine Analyse des Romans "Die Klavierspielerin" von Elfriede Jelinek.
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Seminar: Mutterbilder und Mütterlichkeit im Wandel
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
23
Katalognummer
V23188
ISBN (eBook)
9783638263580
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Roman von Standpunkt der Freudschen Psychoanalyse her. Persönliche Entwicklung und Leben der Hauptfigur Erika Kohut werden anhand der psychoanalytischen Theorien betrachtet. Im ersten Teil der Arbeit werden Freuds Theorien erklärt und im zweiten Teil auf den Roman angewendet.
Schlagworte
Eine, Analyse, Romans, Klavierspielerin, Elfriede, Jelinek, Seminar, Mutterbilder, Mütterlichkeit, Wandel
Arbeit zitieren
Nadine Kulbe (Autor), 2001, Der verspätete Ödipuskomplex. Eine Analyse des Romans "Die Klavierspielerin" von Elfriede Jelinek., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23188

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