Die lyrische Ekphrasis


Hausarbeit, 2012

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 DieEkphrasis
2.1 Begriffsentwicklung
2.2 Probleme der Ekphrasis
2.2.1 Das Spannungsverhältnis von Bild und Text
2.2.2 Das richtige Ausmaß an Anschaulichkeit
2.2.3 Fiktionale und tatsächliche Kunstwerke
2.2.4 Beschreibung eines künstlerischen Arrangements

3 DasBildgedicht
3.1 PotenzialedesBildgedichtes
3.2 Hintergründe zu Vincent van Goghs Gemälde ,Kornfeld mit Raben'
3.3 Analyse von Paul Celans Bildgedicht ,Unter ein Bild'

4 Ausblick

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Ekphrasis, deren Feld in der Antike die Beschreibung einer Sache war, erfuhr im Verlauf ihrer Geschichte eine Bedeutungsverengung. Im ersten Teil dieser wissenschaftlichen Arbeit widme ich mich der Schilderung dieses Sachverhalts und gebe gleichzeitig einen knappen historischen Einblick in den Werdegang der Ekphrasis.

Bei meinen Recherchen ließ sich immer wieder feststellen, dass der Begriff Ekphrasis diverse Problematiken mit sich zieht. Im darauffolgenden Abschnitt schildere ich einige dieser Streitfragen, wie etwa dem Verhältnis von Text und Bild und dem Kampf um deren Vorherrschaft. In diesem Zusammenhang begegnet man auch der Fragestellung, was eine gelungene Ekphrasis auszeichnet. Darauf eingehend, lege ich einige Thesen populärer Schriftsteller dar. Es folgt eine Aufklärung über die von John Hollander festgelegten Begriffe der notional ekphrasis und actual ekphrasis. Nicht zuletzt thematisiere ich die Grenzgänger der Kunst, wie etwa eine ästhetische Schaufensterauslage. Hier stellt sich die Frage, ob es sich bei einer Beschreibung dieser tatsächlich um eine Ekphrastische handelt.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Bildgedicht. Ich gebe hier einen Einblick über Leistungen zu denen das Bildgedicht im Gegensatz zur prosaischen Beschreibung in der Lage ist. Anschließend beschäftige ich mich mit Paul Celans ,Unter ein Bild', welches eine ekphrastische Dichtung auf Vincent van Goghs Gemälde ,Kornfeld mit Raben' darstellt. Dieses, auf den ersten Blick, mit seinen vier Versen, recht kurz und überschaubar anmutende Werk, bietet bei genauerer Betrachtung und Analyse einen tiefen Einblick in van Goghs Seelenwelt. Handelt es sich also um eine gelungene Ekphrasis und welche weiteren Elemente des Gemäldes beschreibt sie? Diesen und weiteren Fragen gehe ich in einer ausführlichen Analyse auf den Grund. Es folgt ein Ausblick.

Da es sich bei der Ekphrasis um ein weitreichendes Themengebiet handelt und um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu überschreiten, wurden die Argumentationen, auf die am wichtigsten Erachteten eingeschränkt und die Begriffsklärungen kurz gehalten.

2 Dìe Ekphrasis

Dieses Kapitel soll eine kurze Einführung in den Begriff der Ekphrasis geben und die wichtigsten historischen Stationen darlegen, die zu einer veränderten Wahrnehmung des Begriffs beigetragen haben. Es folgt eine Darstellung möglicher Probleme, die der Ekphrasis anhaften, sowie den zugehörigen Debatten.

2.1 Begriffsentwicklung

Der Begriff Ekphrasis, der sich aus dem Griechischen ek (aus), und phrazein (zeigen, bekannt, deutlich machen) zusammensetzt, hat seinen Ursprung in der Antike und lässt sich gewissermaßen mit restlos deutlich machen beziehungsweise zeigen übersetzen (vgl. Rippl 2005: 58 sowie 2005: 62). Zu dieser Zeit war die Bedeutung des Begriffs, der also auf Beschreibung abzielt, noch weitgreifender. Folglich wurden vielfältige Beschreibungen, die eine Wirkung auf den Zuhörer ausübten, als Ekphrasis bezeichnet (Rippl 2005: 61). Eine erste Definition des Rhetors Aelius Theon von Smyrna aus dem 1. Jahrhundert nach Christus belegt dies. So beschrieb er die Ekphrasis in seiner Progymnasmata, einer Vorübung im Rhetorikunterricht, als ,,ein[en] beschreibende^] Text, der das Mitgeteilte anschaulich vor Augen führt" (Graf 1995: 144). Im 4. Jahrhundert nach Christus wurde diese Definition konkretisiert durch Nikolaos von Myra: „Man setzt Anschaulichkeit als besonderes Merkmal der Ekphrasis an, weil sie sich vor allem dadurch vom Bericht unterscheidet - dieser enthält nämlich eine bloße Darstellung des Objekts, jene versucht die Hörer zu Zuschauern zu machen" (Graf 1995: 145). Der Ekphrasis wird also die Fähigkeit zugesprochen, abwesende Objekte mit Worten vor dem geistigen Auge des Zuhörers erscheinen zu lassen und ihn somit gewissermaßen zum Zuschauer zu machen. Als Schlüssel der Ekphrasis wird hier enargeia genannt, die etwa Klarheit, Deutlichkeit oder Anschaulichkeit bedeutet und dem abzubildenden Gegenstand Leben einhauchen soll. Erst im Zusammenhang mit enargeia sei eine Beschreibung in der Lage aus Wörtern eine visuelle Vorstellung zu ermöglichen (vgl. Rippl 2005: 65 sowie 2005: 68ff). Das richtige und regelgerechte Beschreiben im antiken Griechenland wurde in den bereits erwähnten Progymnasmata-Übungen erlernt und anschließend in Textzusammenhängen, wie etwa bei Lobreden, angewandt. Im 2. und 3. Jahrhundert nach Christus erlangte die Ekphrasis Selbstständigkeit und war nicht mehr nur Teil der antiken Rhetorik. Des Weiteren wurde ihr nun im Speziellen das Beschreiben von Kunstwerken zugeordnet. Dieser Absonderungsprozess lässt sich bei den Eikones eines Philostratos erkennen, der hier eine Gruppe lehrt, wie eine systematische Bildbeschreibung durchzuführen ist (vgl. Rippl 2005: 63f). Das Ziel einer gelungenen Ekphrasis ist nicht einfach das Kunstwerke in Worten so detailgetreu wie möglich wiederzugeben, ihre Aufgabe ist es vielmehr die Gefühle des Zuhörers anzusprechen, ihm Mitgefühl zu entlocken und zum intensiven Nachdenken zu bewegen (vgl. Graf 1995: 149 sowie Brosch 2004: 75). In diesem Zusammenhang gilt es auch festzuhalten, dass die Ekphrasis als „verbale Repräsentation von visuellen Repräsentationen"1 ein gleichwertiges Äquivalent zum entsprechenden Kunstgegenstand darstellen kann, indem sie die Gesamtheit des Werks einfängt und durch Veränderung und Abwandlung etwas Eigenständiges erschafft. Weniger schmeichelhaft definiert Murray Krieger die Ekphrasis aber auch als verbale Kopie, die sich durch Sekundarität auszeichnet und in einer Knechtschaft zur Malerei und Bildhauerei steht. (vgl. Krieger 1995: 42f sowie Gross 2000:108).

In den 1980er Jahren zählte man nun nicht mehr allein die Lyrik, sondern auch bestimmte Kunstkritiken zur Ekphrasis (vgl. Brosch: 63f). Heutzutage kann man die Ekphrasis in die Unterkategorie der Beschreibung einordnen, die sich dadurch unterscheidet, welchen Gegenstand es zu beschreiben gilt. Des Weiteren wird der Begriff als umbrella term aufgefasst, der Kunstwerke auf verschiedenartigste Weise versprachlicht: Ekphrastische Auszüge aus längeren rhetorischen Reden, Erzähltexte und Gedichte, aber auch ekphrastische Textgattungen, wie dem Bildgedicht (vgl. Rippl 2005: 61f). Wie man feststellt, ist dieser Begriff aus der Antike immer noch bedeutungsvoll, was sich unter anderem mit dessen Doppelnatur begründen lässt. Die Ekphrasis ist in der Lage ein Bild oder eine Skulptur, also ein Produkt aus einem anderen Zeichensystem, zu repräsentieren und dieses darzulegen, aber auch zu problematisieren, wodurch sie eine doppelte Vermittlung ermöglicht (vgl. Brosch 2004: 64).

2.2 Probleme der Ekphrasis

2.2.1 Das Spannungsverhältnis von Bild und Text

Studiert man die einschlägige Literatur zur Ekphrasis, dauert es nicht lange bis man auf den Begriff Paragone trifft, den Wettstreit der Künste, der unter anderem in der Ekphrasis ausgefochten wird. Diesen Machtkampf zwischen Malerei und Wortkunst, wer besser geeignet ist Bilder zu schaffen, möglichst detailliert wiederzugeben, würde wohl über den Rahmen dieser Hausarbeit hinausgehen. Ich werde deshalb im Folgenden meinen Fokus auf einige zentrale Thesen dieser Wort-Bild Diskussion legen.

Da intermediale Beziehungen immer ein Feld der Ekphrasis darlegen, behandelt sie die Dialektik zwischen Verschriftlichtem und Optischem. Wort und Bild bilden ein Spannungsverhältnis, in dem sie wie zwei gegensätzliche Pole einen harten Gegensatz zueinander darstellen (vgl. Brosch 2004: 73). Als vielmals wichtigstes Symbol ihres jeweiligen Repräsentationssystems wahrgenommen, gab es im Laufe der Zeit unterschiedlichste Deutungen und Interpretationen des Visuellen und Verbalen (vgl. Brosch 2004: 64). James A. W. Heffernan sieht in der Ekphrasis die Dominanz des Textes, der das Bild immer beiseite schiebt. Renate Brosch fasst zusammen: „[...] Die Macht des schweigenden Bildes [wird] beschworen, nur um sie der rivalisierenden Autorität der Sprachmacht zu unterwerfen" (2004: 71). Heffernan unterstellt der Bildkunst Begrenztheit in ihrer Darstellungsfähigkeit. Die Ekphrasis lege dies offen, indem sie sich, wie bereits erwähnt, nicht nur auf die reine Wiedergabe des Kunstwerks beschränkt, sondern auch den Geist des Zuhörers anspricht und es ihm ermöglicht eigene Bilder in seiner Vorstellung hervorzubringen (vgl. Brosch 2004: 71). Krieger befürwortet dies und sieht das Problem der Ekphrasis ebenfalls in der „[...] bildschöpferischen Fähigkeitvon Wörtern in Gedichten [...]" (1995: 41).

Eine weitere Tür öffnet Gotthold Ephraim Lessing, der die beiden sogenannten Schwesterkünste für unvergleichbar hielt. So unterschied er Dichtung und Malerei in zeitliche und räumliche Kunst (vgl. Brosch 2004: 67). Diese These beinhaltete aber bereits wieder eine Hierarchisierung, da Lessing der Bewegung beziehungsweise Handlung, also der zeitlichen Dimension, die in Texten anzufinden ist, eine größere Bedeutung beimaß. Eine gelungene Ekphrasis sei demnach eine solche, welche die Momentaufnahme eines Gemäldes mit Handlung und einem Ablauf ergänze und somit die Grenzen der statischen visuellen Kunst durchbreche (vgl. Gross 2000: 109). Krieger hält hier dagegen und erklärt „[...] die Herstellung einer bildhaften Stasis im Text zum Qualitätsmerkmal" (Brosch 2004: 69). Dieser Stillstand in der Bewegung eines Fließtextes, der in der Ekphrasis zu beobachten sei, stelle das Höchstmaß der Dichtung dar. Das Gedicht bemühe sich gegen die sukzessiv-temporäre Sprache anzukämpfen, um den zu repräsentierenden Gegenstand schlussendlich zu ersetzen und etwas Selbstständiges abzugeben (vgl. Brosch 2004: 69 sowie Krieger 1995: 51).

[...]


1 Zitiert nach Rippl 2005, S.61. Ursprüngliche Definition von James A.W. Heffernan

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die lyrische Ekphrasis
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V231940
ISBN (eBook)
9783656486756
ISBN (Buch)
9783656490722
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ekphrasis, lyrik, poetik, ekphrastische, gedichte, paul celan, van gogh, bildgedicht, intermedialität
Arbeit zitieren
Phil Gerhardt (Autor), 2012, Die lyrische Ekphrasis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231940

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