Eine Analyse der neuesten Diem-Debatte

Über den Streit um einen der bedeutendsten deutschen Sportfunktionäre und die aus diesem resultierenden politischen Konsequenzen


Bachelorarbeit, 2013

40 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Diem-Debatten im 20. Jahrhundert
1. Die erste Diem-Debatte um die Bundestagssitzung vom 23. M ä rz 1950
2. Die zweite Diem-Debatte im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972
3. Die dritte Diem-Debatte - Mythos Carl Diem von 1987
4. Die vierte Diem-Debatte - Das Gutachten von Teichler 1996

III. Die neueste Diem-Debatte: Auslöser, Positionen, Gegenstände und Deutungen
1. Das Forschungsprojekt Leben und Werk Carl Diems
2. Sch ä fers Diem-Eintrag im Handbuch des Antisemitismus
3. Diskussionsgegenst ä nde
a. Antisemitismus
b. Nationalsozialismus
c. Militarismus
4. „ Kritische Historiker “ gegen "Diemologen"

IV. Geschichtspolitische Konsequenzen im Zuge der neuesten Diem-Debatte
1. Zum Verh ä ltnis von (Sport-)Geschichtswissenschaft und (Sport-)
Geschichtspolitik
2. Die Umbenennung der Carl-Diem-Plakette
3. Die Umbenennungen von Carl-Diem-Stra ß en, -Wegen, -Sportpl ä tzen
und -Hallen

V. Schlussbetrachtung

VI. Literatur- und Quellenverzeichnis
1. Literatur
2. Internetquellen

I. Einleitung

Über wohl kaum einen deutschen Sportfunktionär des 20. Jahrhunderts herrscht mehr Uneinigkeit innerhalb der Sportgeschichte als über Carl Diem (1882-1962). Diem bekleidete zahlreiche sportorganisatorische Ämter in vier Epochen Deutscher Geschichte: Bereits im Alter von 22 Jahren wurde er im Deutschen Kaiserreich Schriftführer der Deutschen Sportbehörde für Athletik, zwischen 1913 und 1933 war er Generalsekretär des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen, 1920 gründete er die Berliner Hochschule für Leibesübungen (DHfL) mit und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war er 1947 der Gründer der Deutsche Sporthochschule in Köln (DSHS) als Nachfolgeeinrichtung der DHfL.

Doch ein Abschnitt seines Lebens wurde hierbei nicht erwähnt. Eben dieser brachte ihm noch zu Lebzeiten und weit über diese hinaus scharfe Kritik. Als Generalsekretär des Organisationskomitees der XI. Olympischen Spiele 1936 in Berlin war er maßgeblich an der Planung der vom US-amerikanischen Kultur- und Politikhistoriker David Clay Large bezeichneten „Nazi games“1 beteiligt, die auch für viele andere Historiker eine pure Propagandainszenierung darstellten. Weiterhin wurde Diem 1939 zum Reichssportführer des Gaues Ausland ernannt und füllte damit eine offizielle Position innerhalb des NS-Regimes aus. Aber nicht nur seine sportorganisatorischen Ämter führten zur kritischen Hinterfragung. Vor allem seine Publikationen Sturmlauf durch Frankreich im Reichssportblatt von 1940 und Olympische Flamme von 1942 sowie seine Tagebucheinträge und Briefe, die im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschlossen werden konnten, brachten Politiker, Historiker und Sportwissenschaftler dazu, mit ihm härter ins Gericht zu gehen. Allerdings überwog lange Zeit für die Mehrzahl der Fachwissenschaftler und Politiker das Diem-Bild eines Mannes, der den deutschen Sport in die Moderne führte und seine Zeit im Nationalsozialismus damit verbrachte, eben diesen Sport vor der Beeinflussung der NSDAP fernzuhalten.

Es folgte ein sich über die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus erstreckender Streit darüber, wie Carl Diems Leben mit Berücksichtigung seines Denkens und Wirkens in der Zeit zwischen 1933 und 1945 zu deuten und schließlich mit dem Gedenken an ihn umgegangen werden sollte. So wurde schließlich der Münsteraner Historiker Frank Becker zwischen 2005 und 2007 damit beauftragt, eine, nicht nur für die Zeit des Nationalsozialistischen Deutschlands, sondern eine alle Lebzeiten Diems umfassende Biographie zu erarbeiten, die möglicherweise zu einer Konsensbildung führen konnte. Dass dieser Konsens allerdings nicht erreicht wurde, konnte der Presse entnommen werden.2

In dieser Arbeit soll die neueste Diem-Debatte, die von circa 2009 im Grunde bis heute anhält, analysiert werden. Dabei soll die Debatte innerhalb der deutschen Fachöffentlichkeit in den Blick genommen werden und sich folgenden Fragen unterziehen: Welche Entwicklungen führten zur neuesten Diem-Debatte beziehungsweise wodurch wurde diese ausgelöst? Welche Gegenstände wurden diskutiert und wie wurde von wem argumentiert? Im nächsten Schritt soll dann gefragt werden, welche politischen Konsequenzen die neueste Diem-Debatte nach sich zog und welchen Einfluss dabei die wissenschaftlichen Untersuchungen leisteten.

Im Kapitel II. wird zunächst ein kurzer Einblick in die vier Diem-Debatten des zurückliegenden Jahrhunderts gegeben, um mit diesem Vorwissen die neueste und deren Entstehen begreifen zu können. Diese wird im darauffolgenden Kapitel III. genauer untersucht und Auslöser, Diskussionsgegenstände sowie Positionen und Deutungen der Debattierenden aufgezeigt. Im Anschluss wird im Kapitel IV. dargestellt, welche politischen Konsequenzen der neuesten Diem-Debatte folgten. Gleichfalls wird danach gefragt, welchen Einfluss beziehungsweise welche Hilfe die neueste Diem-Debatte und aus ihr gewonnene Erkenntnisse der Sport- und (Sport-)Geschichtswissenschaft für die Politik hatte.

Eine umfassende Darstellung der Diem-Debatte mit einem parteilosen Blick auf diese liegt bisher nicht vor. Somit wurde für diese Arbeit eigentliche Sekundärliteratur, nämlich die sportwissenschaftlichen und geschichtswissenschaftlichen Darstellungen und Deutungen von Diems Denken und Handeln, für meine Fragestellungen zur Primärliteratur. Ich verfolge nicht das Ziel, Carl Diem zu bewerten und zu beurteilen. Vielmehr ist es die Aufgabe dieser Arbeit, von einem (möglichst) unabhängigen Blickwinkel die neueste Diem-Debatte zu durchleuchten und dementsprechend keine Geschichte von Carl Diem zu schreiben, sondern eher eine Geschichte der Carl-Diem-Geschichtsschreibung. Quellen, auf die ich mich beziehe, sind hierbei Fachzeitschriftenartikel, da diese Medium der Auseinandersetzungen zwischen den Sport- und (Sport-)Geschichtswissenschaftlern waren. Für das Kapitel II. werden somit die sportwissenschaftlichen Zeitschriften Leibeserziehung und die später gegründete Sozial- und Zeitgeschichte des Sports sowie die Darstellungen eines Aufsatzes von Hans Joachim Teichler im von Michael Krüger herausgegebenem Sammelband Erinnerungskultur im deutschen Sport zur Beantwortung der aufgeworfenen Fragen dienen. Im zweiten Kapitel wird dann im Speziellen eine Ausgabe der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft von Bedeutung sein, da diese im Mittelpunkt meiner Betrachtung steht. Ebenso wird für dieses Kapitel ein Aufsatz Krügers aus dessen bereits erwähntem Sammelband von 2012 berücksichtigt. Wichtig ist hierbei, eine kritische Distanz gegenüber den Argumentationen der einzelnen Protagonisten wahren, um sich nicht in die eine oder andere Richtung der Deutung Diems drängen zu lassen. Abschließend werden im Kapitel VI. die politischen Entscheidungen untersucht, die möglicherweise durch die neueste Diem-Debatte beeinflusst wurden. Dabei werden als Grundlage journalistische Darstellungen verwendet, um den Verlauf und die Umstände dieser politischen Konsequenzen zu schildern. Einzelne quellenkritische Überlegungen wurden stets in den Fließtext eingearbeitet, um die nötige Distanz einnehmen zu können.

II. Diem-Debatten im 20. Jahrhundert

Ob zu seinen Lebzeiten oder über diese hinaus - wohl keine andere Persönlichkeit der deutschen Sportgeschichte wurde so kontrovers diskutiert wie Carl Diem. Im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es immer wieder zu Diem-Debatten. Hans Joachim Teichler, der später noch einige Male zu Wort kommen wird, spricht davon, dass diese auf und ab in Wellen verliefen.3 Doch abschließend konnte keine Bewertung der Person Carl Diems gegeben werden, welche sich nachhaltig unumstritten etablierte. Im folgenden Kapitel soll aufgezeigt werden, welche Diskussionsgegenstände diese Wellen kennzeichneten, wer beziehungsweise welche Gegebenheiten die „Anti-Diem-Wellen“4 auslösten und welche neuen Erkenntnisse aus den jeweiligen Debatten resultierten. Dies kann natürlich nicht in gänzlicher Ausführlichkeit vorgenommen werden, da sich diese Arbeit auf die neueste Diem- Debatte des 21. Jahrhunderts fokussiert. Dennoch kommt eine solche nicht daran vorbei, die vorherigen Debatten zu besprechen, da sie schließlich zur neuesten Debatte führten und deren Diskussionsgegenstände schon damals in die Wege leiteten.

1. Die erste Diem-Debatte um die Bundestagssitzung vom 23. März 1950

Bereits knapp zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Deutsche Sporthochschule (DSHS) Köln als Nachfolgeeinrichtung der Deutschen Hochschule für Leibesübungen (DfHL), die in Berlin ansässig war, gegründet. Deren Gründungsrektor war Carl Diem, welcher bereits Leiter der DfHL und von 1936 bis 1945 Leiter des Internationalen Olympischen Instituts war. Dieser veröffentlichte während der NS-Zeit zahlreiche Schriften, darunter auch einige in nationalsozialistischen Zeitschriften. Als Carl Diem versuchte, sich in der Nachkriegszeit in den deutschen Sport zu reintegrieren, stieß er ob seines Schaffens im nationalsozialistischen Deutschland auf Widerstand. Dieser wurde ihm vornehmlich von ehemaligen Arbeitersportfunktionären entgegengebracht und hielt einige Jahre an.5

Bei der Frankfurter Sportkonferenz am 7. Juni 1947 forderte Heinrich Sorg, der aus dem Lager des Arbeitersports stammte und zu jener Zeit Sportreferent der SPD war, von Diem, auf die Wahl ins Nationale Olympische Komitee (NOK) zu verzichten. Veranlasst zu dieser Handlung sah sich Sorg vor allem durch Diems 1942 veröffentlichtes, insgesamt 1637 Seiten starkes und drei Bände umfassendes Werk Olympische Flamme. Im SPIEGEL vom 16. August 1947 wurde Sorgs Behauptung zitiert, dass Diem „während der Zeit der militärischen Erfolge dieses Krieges (des Zweiten Weltkrieges; Anm. des Autors) (...) ganz den Verstand (verlor) und den Krieg in einer Art und Weise (verherrlichte), die an Verbrechen grenzt“6. Mit diesen Worten bezog er sich auf Diems Olympische Flamme, die seine „eigene Anklageschrift“7 darstelle und von militaristischen Bemerkungen durchzogen zu sein schien. Diese Aufforderung blieb zwar wirkungslos, da Diem schließlich ins NOK gewählt wurde, kann jedoch als erste öffentlichkeitswirksame Diem-Kritik gesehen werden, die nie völlig ermattete.

Einen Höhepunkt dieser Zeit sieht Hans Joachim Teichler, der unter anderem im Jahre 1996 ein Gutachten für die mögliche Umbenennung des Carl-Diem-Weges in Köln veröffentlichte, in der 50. Bundestagssitzung am 23. März 1950. Auch hier wurde Diem erneut für den Inhalt seines Buches Olympische Flamme kritisiert und grundlegend darauf als Militarist betitelt. Aus den selben Gründen erhielt er über diesen Zeitpunkt hinaus Kritik aus der DDR, doch diese schadete ihm nicht, da jegliche Kommentare aus östlicher Richtung aufgrund der Spannungen des Kalten Krieges nicht als relevant gewertet und stets abgewehrt wurden.8

2. Die zweite Diem-Debatte im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972

Die zweite Diem-Debatte ließ knapp zwanzig Jahre auf sich warten. Im zeitlichen Vorfeld der XX. Olympischen Sommerspiele in München 1972 wurde im September 1971 im Münchener Stadtrat darüber entschieden, welche Namensträger für Straßen, Plätze und Brücken im Olympischen Dorf aufzunehmen seien. Im Laufe der Entscheidungsfindung wurde beschlossen, den Namen Carl Diem nicht zu berücksichtigen, um „politischen Komplikationen aus dem Wege zu gehen“9. Auf diesen Beschluss folgte am 4. Oktober des gleichen Jahres ein SPIEGEL-Artikel von Walter Goelde. Dieser befasste sich auf kritische Weise mit der Auseinandersetzung um die Sportvergangenheit der NS-Zeit und deren Funktionären. Einige dieser Funktionäre füllten über diese Zeit hinaus verantwortliche Positionen in der deutschen Sportorganisation aus - so auch Carl Diem. Im Artikel wurden die Diem-Zitate: „Die sportlichen Erfolge in Friedenszeiten haben sich in militärische Siege verwandelt“ sowie „Der Krieg ist der vornehmste, ursprünglichste Sport“ verwendet, wobei vor allem letzteres zu heftigem Streit führte.10

Die Witwe Carl Diems, Liselott Diem, reagierte mit einem Leserbrief an den SPIEGEL auf Goeldes Artikel und bezeichnete diesen als „systematischen Rufmord“11. Etwas später veröffentlichte der Mitarbeiter des Carl-Diem-Instituts der DSHS und Bearbeiter der 1974 herausgegebenen Autobiographie Carl Diems, Bernd Wirkus, einen Artikel in der sportwissenschaftlichen Zeitschrift Leibeserziehung, der gewissermaßen eine Richtigstellung des Diem-Zitats darzustellen versuchte12. Demnach zitiere Diem selbst nur den belgischen Schriftsteller und Dramatiker Maurice Maeterlinck aus dessen Buch Gedankenüber Sport und Krieg. Somit ist Diem, der den Satz „Der Krieg ist der vornehmste, ursprünglichste Sport“ bei einem Vortrag vor der Heeresschule für Leibesübungen in Wünsdorf im Jahre 1931 verwendete, nicht der Urheber dieses Zitates, sondern Maeterlinck - er habe dieses allerdings nicht als solches vermerkt. Weiterhin argumentiert Wirkus, dass Diem ebenso wie Maeterlinck versuche, keine positive Assoziation von Sport und Krieg herzustellen, denn Diem fuhr im nächsten Satz des Vortrags fort, dass Sport und Krieg Gegensätze seien: „Das eine ist Ernst, blutiger Ernst, das andere ist Spiel, heiteres Spiel.“ Mit dieser Argumentation intendierte Wirkus wohl eine Richtigstellung des Diem-Bildes, welches seiner Ansicht nach, durch Goeldes Artikel verfälscht wurde und unterstellte diesem die „Ignoranz der Herkunft des Diem-Ausspruches“13.

Wiederum als Reaktion auf Wirkus´ Artikel folgte ein Aufsatz in der gleichen Zeitschrift nur vier Hefte später. Die Bonner Studenten Ulrich Obieray und Werner Sonnenschein sowie der Kölner Student der DSHS Jens Hinrichsen bezeichneten in ihrem Artikel, der den gleichen Namen trägt wie der von Wirkus, nur mit der Beifügung (2.Teil) am Ende, Wirkus´ Artikel als „offiziösen Teil einer Aktion zur Vergangenheitsbewältigung (..., der) für die Situation der Zeitgeschichte im bundesdeutschen Sport bezeichnend ist“14 und holten zum Rundumschlag aus. Hierbei kritisieren sie nicht allein den Wirkus-Aufsatz. Auch anderen Autoren, die vornehmlich in ihren angehörigen Sportfachverbandszeitschriften publizierten und „am (Liselott-)Diem-Brief orientierte Schützenhilfe leiste(te)n“15, wurde eine fehlende kritische Haltung gegenüber Diems Arbeit im Dritten Reich vorgehalten. Ansatzpunkte der Kritik waren Fehlinterpretationen und Auslassungen von Zitaten, historischen Fakten und deren Zusammenhängen. Sie unterstellten zum Beispiel, dass Diem die von Wirkus ausgeführte positive Assoziation von Krieg und Sport eben nicht versuchte abzuwehren, da er „zeit seines Lebens die Auffassung (vertrat), daß der Sport zum Krieg gehört oder ihm dient“16.

Letztlich sah sich Bernd Wirkus daraufhin erneut veranlasst, eine Reaktion auf den Aufsatz des Verfasserkollektivs der drei Bonner und Kölner Studenten zu leisten. Diese wurde direkt im Anschluss an deren Artikel in der Leibeserziehung abgedruckt. Wirkus antwortete auf die Kritik des Weglassens historischer Zusammenhänge mit dem Verweis auf den wissenschaftlichen Anspruch des Carl-Diem-Instituts: Ziel sei eine „objektive Erforschung“ und nicht „die Erzeugung einer ‘Legende‘ um eine Person“17. Hinzu kamen weitere Erklärungen zu den jeweils gewählten Diem-Zitaten und deren Deutungen.

Was sich aus dieser zweiten Diem-Debatte schlussfolgern lässt, ist einerseits die Schwierigkeit, mittels Sprache und dem Belegen mit Zitaten, das Denken und Handeln von historischen Personen postum zu rekonstruieren. Schließlich kann die Person, um die es geht, ebenso wenig ein Veto einlegen wie Außenstehende ein objektives Urteil abgeben können. Zweitens ist festzustellen, dass erste Zweifel an der Arbeit des Carl-Diem-Instituts aufkamen - geschehen durch Hinrichsen et al. sowie Goelde. Schließlich gab das Carl-Diem-Institut vornehmlich Schriften aus Diems Nachlass heraus, welche ein positives Bild zu erzeugen suchten.18 Diese Zweifel wurden von der damaligen Prorektorin Liselott Diem (zwischen 1969-1971) und dem Diem-Instituts-Mitarbeiter Bernd Wirkus versucht, als falsch darzustellen. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Organisation des Sports im Dritten Reich wurden nur marginal durchgeführt, was an der sich erst entwickelnden Sportwissenschaft sowie an der mangelhaften Quellenlage lag. Lediglich Hajo Bernett unternahm einen ersten Versuch, eine umfassendere Darstellung der Sportpolitik im Dritten Reich19 durchzuführen, indem er Akten der Reichskanzlei sezierte. Der Name Carl Diem fand (zunächst) jedoch keine besondere Bedeutung. Dies sollte sich in der Folgezeit ändern.

3. Die dritte Diem-Debatte - Mythos Carl Diem von 1987

Eine dritte Diem-Debatte wurde durch eine sporthistorische Zeitschrift und zwei in dieser enthaltene Dokumente eröffnet. Im März 1987 gaben drei deutsche Sportwissenschaftler eine sporthistorische Zeitschrift namens Sozial- und Zeitgeschichte des Sports heraus. Zu diesen zählten der Hannoveraner Lorenz Peiffer, welcher sich bereits seit Mitte der 1970er Jahre in seinen Arbeiten mit Turnen und Sport im Dritten Reich beschäftigte, Giselher Spitzer, zu jener Zeit wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, sowie dem Bernett-und Ueberhorst-Schüler20 Hans Joachim Teichler. Ihrer Erstausgabe gaben sie den Titel Mythos Carl Diem. In jenem Titel steckt eine implizite Hypothese, nach der Carl Diem eine mythische Figur sei, die bis dato möglicherweise falsch dargestellt und interpretiert zu sein scheint. Eine Überprüfung und eventuelle Richtigstellung dessen schien den Herausgebern und Autoren wohl angebracht.

So spricht Lorenz Peiffer in seinem Aufsatz Carl Diem und der Sport in der Zeit des Nationalsozialismus, welcher in der oben genannten Startausgabe der Zeitschrift Sozial- und Zeitgeschichte des Sports erschien, davon, dass „Darstellungen von Betroffenen über eigene Erlebnisse und selbst miterlebte (...) Ereignisse und Entwicklungen (...) einer kritischen Betrachtung und Wertung“21 bedürfen. Schließlich weisen diese durch eine persönliche Involvierung einen subjektiven Charakter auf. Jene kritische Betrachtung scheint er in den drei Quellen, die er zu Rate zieh, welche alle samt aus Diems Feder stammen und nach dem Zweiten Weltkrieg verfasst wurden, nicht zu erkennen. Deshalb liegt es nun am Historiker, eine kritische Distanz zu diesen Darstellungen einzunehmen.

Dass nun etwa 15 Jahre nach der letzten Diem-Debatte eine weitere losbrach und eine kritische (Neu-)Betrachtung und (Neu-)Wertung der Person Carl Diems nötig war, musste einen Grund haben. Diesen lieferte Reinhard Appel, der zwischen 1963 und 1991 nahezu ununterbrochen als Moderator im deutschen Fernsehen, vor allem im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF), zu sehen war. Appel referierte am 28. April 1984 in der Berliner Führungs- und Verwaltungsakademie aus einem „sehr persönlichen Grund“ auf einer Diskussionsveranstaltung über die Olympische Idee. Dieser „sehr persönliche Grund“ war, dass Appel sich an ein persönliches Erlebnis in seinem Referat erinnerte, in dem Diem („ein großer Mann der Olympischen Idee“23 ) im März 1945 auf dem Berliner Reichssportfeld vor der Hitler-Division Großdeutschland, der Appel zu jener Zeit angehörte, in einer „flammenden Rede, in der viel von Sparta und Opferbereitschaft vorkam, zum siegreichen Endkampf gegen die deutschen Feinde aufforderte“24. Diese Erinnerung gab neue Hinweise darauf, ob Diems Rolle im Nationalsozialismus die eines, wenn nicht Parteimitglieds, zumindest die eines regimezuarbeitenden Mitläufers gewesen sei. Eine solche Deutung widersetzte sich exakt dem bisherigen, von Diem selbst und durch die Arbeit des Carl-Diem- Instituts erzeugten Diem-Bild eines Gegners und Verfolgten des Nationalsozialismus.25 Dass Diems politische Weste im Dritten Reich nicht blütenweiß sein konnte, erhärtete auch das zweite Dokument der benannten Erstausgabe der Sozial- und Zeitgeschichte des Sports. Dieses war die Verfügung des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen (NSRL) vom 22.9.1939, in der Diem zum kommissarischen Leiter des Gaues Ausland ernannt wurde.26 Jene Funktion Diems wurde von Liselott Diem lange Zeit bestritten.27 Doch mit diesem Dokument verdichtete sich, dass Diem Verantwortlichkeiten im NS-Regime hatte, auch wenn er kein Parteimitglied war.

Es zeigt sich, dass nun mehr Quellen aufgetaucht sind, die nicht nur eine Würdigung Diems für seine Leistungen für die Organisation und Etablierung des deutschen Sports während der Kaiserzeit, der Weimarer Republik und der Nachkriegszeit zuließen, sondern eine kritische Betrachtung für sein Wirken in der Zeit des Nationalsozialismus notwendig machten. Doch noch war der Prozess der nötigen Quellenerschließung für eine ganzheitliche Einordnung Diems nicht abgeschlossen. So hoffte Bernett 1987, dass nach einer personellen Neubesetzung im Carl-Diem-Institut eine Forschungsstelle entsteht, die „nicht durch bestimmte Interessen der Nachlaßverwaltung eingeengt“28 sei.

[...]


1 Large, D. C.: Nazi games. The olympics of 1936, New York et al. 2007.

2 Vgl. Leffers, J.: Denkmalsturz: Sporthochschule verliert im Namensstreit um Carl Diem, veröffentlicht am 22.08.07 unter :http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/denkmalsturz-sporthochschule-verliert-im- namensstreit-um-carl-diem-a-501387.html, letzter Zugriff: 31.05.13; 14:22 Uhr oder Billig, M.: Streit um Carl Diem. Vater des deutschen Sports als Vorbild ungeeignet, veröffentlicht am 27.12.2011 unter: http://www.zeit.de/sport/2011-12/interview-becker-diem-nazi, letzter Zugriff: 31.05.13; 12:32 Uhr und noch einige mehr.

3 Vgl. Teichler, H. J.: Erinnerungskultur im deutschen Sport und die Diem-Debatte, in: Krüger, H. (Hrsg.): Erinnerungskultur im Sport. Vom kritischen Umgang mit Carl Diem, Sepp Herberger und anderen Gr öß en des deutschen Sports, Berlin 2012, S. 129-131.

4 Teichler 2012, S. 129. Teichler spricht hier von einer Debatte in verschiedenen „Anti-Diem-Wellen“. Mir erscheint es jedoch sinnvoll, für ein besseres Verständnis, um die zeitlichen Differenzen zwischen den Auseinandersetzungen mit Diem zu beschreiben, von mehreren Debatten zu reden, auch wenn es sich bei den verschiedenen Debatten um die selbe diskutierte Person handelte. Dabei wird das Bild des wellenförmigen Verlaufs nicht verfälscht.

5 Vgl. Bernett, H.: Carl Diem und sein Werk als Gegenstand der sportgeschichtlichen Forschung, in: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports, 1. Jahrgang, Heft 1, Köln 1987, S. 12.

6 Ohne Autor: Sorg-Sorgen. Unser Embryo lebt, in: DER SPIEGEL: Nr. 33, 1947, S. 12.

7 Ebenda.

8 Vgl. Teichler 2012, S. 129.

9 Hinrichsen, J. & Obieray, U. & Sonnenschein, W.: „ Der Krieg ist der vornehmsten Sport... “ . Geschichte und Manipulation eines Zitats von Carl Diem (2. Teil), in: Leibeserziehung: Monatsschrift für Wissenschaft und Unterricht, 21. Jahrgang, Heft 4, Schorndorf 1972, S. 127.

10 Goelde, W.: Adolfs Rekruten, in: DER SPIEGEL, Nr. 41, 1971, S. 169.

11 Diem, L.: Schreiben an Rudolf Augstein vom 7.10.1971.

12 Vgl. Wirkus, B.: „ Der Krieg ist der vornehmste Sport... “ . Geschichte und Manipulation eines Zitats von Carl Diem, in: Leibeserziehung: Monatsschrift für Wissenschaft und Unterricht, 20. Jahrgang, Heft 12, Schorndorf 1971, S. 409-411.

13 Ebenda, S. 411.

14 Hinrichsen & Obieray & Sonnenschein 1972, S. 127. 8

15 Hinrichsen & Obieray & Sonnenschein 1972, S. 128.

16 Ebenda.

17 Wirkus, B.: In Sachen Carl Diem, In: Leibeserziehung: Monatsschrift für Wissenschaft und Unterricht, 21. Jahrgang, Heft 4, Schorndorf 1972, S. 131.

18 Vgl. Laude, A. & Bausch, W.: Der Sport-Führer. Die Legende um Carl Diem, Göttingen 2000, S. 204. Weiterhin: Vgl. Teichler, H. J.: Carl Diem und sein Werk als Gegenstand der sportgeschichtlichen Forschung, in: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports, 1. Jahrgang, Heft 1, Köln 1987, S. 16.

19 Bernett, H.: Sportpolitik im Dritten Reich. Aus den Akten der Reichskanzlei, Schorndorf 1971. 9

20 Hajo Bernett und Horst Ueberhorst zählen zu den bedeutendsten deutschen Sporthistorikern des 20. Jahrhundert. Bernett gilt gemeinhin als Begründer der Sportgeschichtsschreibung zur Sportpolitik im Dritten Reich. Der von Horst Ueberhorst herausgegebene Sammelband in sechs Bänden mit dem Titel Geschichte der Leibesübungen gilt als Standardwerk der deutschen Sportgeschichte.

21 Peiffer, L.: Carl Diem und der Sport in der Zeit des Nationalsozialismus - Anmerkungen zu den Schriften Carl Diemsüber ein von ihm pers ö nlich erlebtes und mitgestaltetes Kapitel der jüngsten deutschen Sportgeschichte, in: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports, 1. Jahrgang, Heft 1, Köln 1987, S. 92.

22 Appel, R.: Aus einem Referat von Reinhard Appel vom 28. April 1984 in der Führungs- und Verwaltungsakademie in Berlin, in: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports, 1. Jahrgang, Heft 1, Köln 1987, S. 105.

23 Ebenda.

24 Ebenda.

25 Vgl. Peiffer 1987, S. 92.

26 Eine ausführliche Darstellung, wie es zu dieser Ernennung kam gibt Teichler, H. J.: Der Weg Carl Diems vom DRA-Generalsekret ä r zum kommissarischen Führer des Gaues Ausland im NSRL, in: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports, 1. Jahrgang, Heft 1, Köln 1987a, S. 42-91.

27 Vgl. Teichler 2012, S. 130.

28 Bernett 1987, S. 16.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Eine Analyse der neuesten Diem-Debatte
Untertitel
Über den Streit um einen der bedeutendsten deutschen Sportfunktionäre und die aus diesem resultierenden politischen Konsequenzen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sportwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
40
Katalognummer
V231944
ISBN (eBook)
9783656521624
ISBN (Buch)
9783656533504
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der neuesten Debatte um die wohl meist diskutierte Person der deutschen Sportgeschichte: Carl Diem. Zunächst wird ein Blick auf die Wellen der Auseinandersetzung mit der Person Carl Diems im 20. Jahrhunderts geworfen. In einem weiteren Schritt wird die neueste Diem-Debatte im 21. Jahrhunderts analysiert, wobei Position, Gegenstände und Hintergründe beleuchtet werden. Schließlich erhalten die daraus resultierenden politischen Konsequenzen ihre Bedeutung.
Schlagworte
Carl Diem, Frank Becker, Sportgeschichte, Diem-Debatte, Diem
Arbeit zitieren
Eike Lohde (Autor), 2013, Eine Analyse der neuesten Diem-Debatte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231944

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Eine Analyse der neuesten Diem-Debatte



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden